Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Drum dein Stimmlein lass erschallen

leave a comment »

Update zu Trost der Welt, du stille Nacht,
Umfing ihn sein feins Liebchen: Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!
und Doktor Faust thu dich bekehren:

Wird, gesungen, herzerfreulich seyn.

Goethe, 21. Januar 1806.

Da sieht man, woher die Herren von Arnim und Brentano ihre Volkslied-Raritäten für Des Knaben Wunderhorn aufgesammelt haben: Ab und zu wurde da wirklich ein Schatz in Form eines vorbarocken Flugblatts gehoben — und dann bedienen sie sich wieder aus dem alles andere als verschollenen Abentheuerlichen Simplicissimus von Grimmelshausen — immerhin barock, von 1669.

Giuseppe Calì, Woman in the Moon, 1912Das war ein Lieblingsbuch der beiden Sammler, vor allem Brentanos, weshalb wohl er es ins Wunderhorn hineingetragen und wortgetreu dafür bearbeitet haben wird. Wenn schon nicht redaktionell, versteht man ihn immerhin menschlich: Was Barocklyrik angeht, ist das ein unverwüstlich schönes, auf natürliche Weise inniges Juwel.

Eichendorff verwendete die Wunderhorn-Fassung, welcher Bestseller ihm bis dahin bekannt sein konnte und sogar 1810 von Brentano selbst überreicht wurde, für sein Gedicht Der Einsiedler — nach allen Fundstellen „um 1837“ entstanden, aber schon „um 1836“ in Eine Meerfahrt eingebaut. Wieder unter Brentanos Händen entstand 1846 doch noch die Rarität im Märchen von dem Schulmeister Klopfstock und seinen fünf Söhnen — das von Brentano vermutlich nicht ausdrücklich als verstecktes Nebenwerk beabsichtigt war, wo aber der Klausner eine Version in wesentlich nachbarockem Deutsch und vor allem in einem erfreulich grotesken Kontext singt.

In den folgenden Versionen erhellt, dass bei Grimmelshausen noch die Überschrift fehlt. Von Brentano wurde sie wohl nach einem Vers aus einem der Lieder nach Ossian aus der Volksliedsammlung von Herder 1779 gestaltet: „Der weckt den Schall der Nacht“, dort Buch 2, Nr. 15 — übrigens in der Reihe die Version, die als schroffer, schwer verständlicher Fremdkörper heraussticht.

Im gesamten Material liegt genügend Schönheit, um es versammelt sehen zu wollen. — Chronologisch:

L. Friday Comerre, 2017

——— Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen:

Das siebente Kapitel.

Simplex wird in einer Herberg tractiret /
ob gleich wird sehr grosser Mangel gespühret.

aus: Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch, I. Buch, 7. Capitul, 1669, ungekürzt:

WAs gestalten mir wieder zu mir selbst geholffen worden / weiß ich nicht / aber dieses wol / daß der Alte meinen Kopff in seinem Schos / und vornen meine Juppen geöffnet gehabt / als ich mich wieder erholete / da ich den Einsidler so nahe bey mir sahe / fieng ich ein solch grausam Geschrey an/ als ob er mir im selben Augenblick das Hertz auß dem Leib hätte reissen wollen: Er aber sagte / mein Sohn / schweig / ich thue dir nichts / sey zu frieden / etc. je mehr er mich aber tröstete / und mir liebkoste: Je mehr ich schrye / O du frisst mich! O du frisst mich! du bist der Wolf / und wilst mich fressen: Ey ja wol nein / mein Sohn / sagte er / sey zu frieden / ich friß dich nicht. Diß Gefecht währete lang / biß ich mich endlich so weit liesse weisen / mit ihm in seine Hütten zu gehen / darin war die Armut selbst Hofmeisterin / der Hunger Koch / und der Mangel Küchenmeister / da wurde mein Magen mit einem Gemüß und Trunck Wassers gelabt / und mein Gemüt / so gantz verwirret war / durch deß Alten tröstliche Freundligkeit wieder auffgericht und zu recht> gebracht: Derowegen ließ ich mich durch die Anreitzung deß süssen Schlaffes leicht bethören / der Natur solche Schuldigkeit abzulegen. Der Einsidel merckte meine Notdurfft / darumb liesse er mir den Platz allein in seiner Hütten / weil nur einer darin ligen konte; ohngefähr umb Mitternacht erwachte ich wieder / und hörete ihn folgendes Lied singen / welches ich hernach auch gelernet:

Carl Schweninger, Der Morgenstern und der MondKOmm Trost der Nacht / O Nachtigal /
Laß deine Stimm mit Freudenschall /
Auffs lieblichste erklingen :/:
Komm / komm / und lob den Schöpffer dein /
Weil andre Vöglein schlaffen seyn /
Und nicht mehr mögen singen:
     Laß dein / Stimmlein /
          Laut erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Ob schon ist hin der Sonnenschein /
Und wir im Finstern müssen seyn /
So können wir doch singen :/:
Von Gottes Güt und seiner Macht /
Weil uns kan hindern keine Nacht /
Sein Lob zu vollenbringen.
     Drumb dein / Stimmlein /
          Laß erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
Gott im Himmel hoch dort oben.

Echo, der wilde Widerhall /
Will seyn bey diesem Freudenschall /
Und lässet sich auch hören :/:
Verweist uns alle Müdigkeit /
Der wir ergeben allezeit /
Lehrt uns den Schlaff bethören.
     Drumb dein / Stimmlein /
          Laß erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
Gott im Himmel hoch dort oben.

Die Sterne / so am Himmel stehn /
Lassen sich zum Lob Gottes sehn /
Und thun ihm Ehr beweisen :/:
Auch die Eul die nicht singen kan /
Zeigt doch mit ihrem heulen an /
Daß sie Gott auch thu preisen.
     Drumb dein / Stimmlein /
          Laß erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
Gott im Himmel hoch dort oben.

Nur her mein liebstes Vögelein /
Wir wollen nicht die fäulste seyn /
Und schlaffend ligen bleiben :/:
Sondern biß daß die Morgenröt /
Erfreuet diese Wälder öd /
Im Lob Gottes vertreiben.
     Laß dein / Stimmlein /
          Laut erschallen / dann vor allen
               Kanstu loben /
GOtt im Himmel hoch dort oben.

Unter währendem diesem Gesang bedunckte mich warhafftig / als wann die Nachtigal so wol / als die Eul und Echo, mit eingestimmt hätten / und wann ich den Morgenstern jemals gehört / oder dessen Melodey auff meiner Sackpfeiffen aufzumachen vermöcht / so wäre ich auß der Hütten gewischt / meine Karten mit einzuwerffen / weil mich diese Harmonia so lieblich zu seyn bedunckte / aber ich entschlieff / und erwachte nicht wieder / biß wol in den Tag hinein / da der Einsidel vor mir stunde / und sagte: Uff Kleiner / ich will dir Essen geben / und alsdann den Weg durch den Wald weisen / damit du wieder zu den Leuten / und noch vor Nacht in das nächste Dorff kommest; Jch fragte ihn / was sind das für Dinger / Leuten und Dorff? Er sagte / bist du dann niemalen in keinem Dorff gewest / und weist auch nicht / was Leut oder Menschen seynd? Nein / sagte ich / nirgends als hier bin ich gewest / aber sag mir doch / was seynd Leut / Menschen und Dorff? Behüt GOtt / antwortet der Einsidel / bist du närrisch oder gescheid? Nein / sagte ich / meiner Meüder und meines Knans Bub bin ich / und nicht der närrisch oder der gescheid: Der Einsidel verwundert sich mit Seufftzen und Becreutzigung / und sagte: Wol liebes Kind / ich bin gehalten / dich umb GOttes willen besser zu unterrichten: Darauff fielen unsere Reden und Gegen-Reden / wie folgend Capitel außweiset.

~~~\~~~~~~~/~~~

Jules Joseph Lefebvre, Le rêve

——— Johann Gottfried Herder:

15. Fillans Erscheinung und Fingals Schildklang

Aus Ossian

aus: „Stimmen der Völker in Liedern“. Volkslieder, Zweiter Theil, Zweites Buch, Nummer 15, 1778:

Luis Ricardo Falero: Moon Nymph, detail, 1883Kein Schlaf in deinem Dunkel ist auf dir,
Blauaugigte Tochter Konmors, des Hügels.
Es hört Sulmalla den Schlag,
Auf stand sie in Mitte der Nacht,
Ihr Schritt zum Könige Atha’s des Schwerts,
„Kann ihm erschrecken die starke Seele?“
Sie stand in Zweifel, das Auge gebeugt.
Der Himmel im Brande der Sterne. – –

Sie hört den tönenden Schild,
Sie geht, sie steht, sie stutzet, ein Lamm,
Erhebt die Stimme; die sinkt hinunter – –
Sie sah ihn im glänzenden Stahl,
Der schimmert zum Brande der Sterne – –
Sie sah ihn in dunkler Locke,
Die stieg im Hauche des Himmels – –
Sie wandte den Schritt in Furcht:
„Erwachte der König Erins der Wellen!
Du bist ihm nicht im Traume des Schlafs,
Du Mädchen Inisvina des Schwerts.“

Noch härter tönte der Schall;
Sie starrt; ihr sinket der Helm.
Es schallet der Felsen des Stroms,
Nachhallets im Traume der Nacht;
Kathmor hörets unter dem Baum,
Er sieht das Mädchen der Liebe,
Auf Lubhars Felsen des Bergs,
Rothes Sternlicht schimmert hindurch
Dazwischen der Schreitenden fliegendem Haar.

Wer kommt zu Kathmor durch die Nacht?
In dunkler Zeit der Träume zu ihm?
Ein Bote vom Krieg im schimmernden Stal?
Wer bist du, Sohn der Nacht?
Stehst da vor mir, ein erscheinender König? –
Ruffen der Todten, der Helden der Vorzeit? –
Stimme der Wolke des Schauers? –
Die warnend tönt vor Erins Fall.

„Kein Mann, kein Wandrer der Nachtzeit bin ich,
Nicht Stimme von Wolken der Tiefe,
Aber Warnung bin ich vor Erins Fall.
Hörst du das Schallen des Schildes?
Kein Todter ists, o König von Atha der Wellen,
Der weckt den Schall der Nacht!“

„Mag wecken der Krieger den Schall!
Harfengetön ist Kathmor die Stimme!
Mein Leben ists, o Sohn des dunkeln Himmels,
Ist Brand auf meine Seele, nicht Trauer mir.
Musik den Männern im Stale des Schimmers
Zu Nachts auf Hügeln fern.
Sie brennen an denn ihre Seelen des Strals,
Das Geschlecht der Härte des Willens.
Die Feigen wohnen in Furcht,
Im Thal des Lüftchens der Lust,
Wo Nebelsäume des Berges sich heben
Vom blauhinrollenden Strom u.f.“

~~~\~~~~~~~/~~~

Wytch Photos, Spirit of the New Moon, 9. September 2016

——— Clemens Brentano & Achim von Arnim:

Schall der Nacht.

Simplicissimi Lebenswandel. Nürnberg 1713. I. B. S. 28.

aus: Des Knaben Wunderhorn, Band 1, 1806:

William-Adolphe Bouguereau, L'Étoile Perdue, 1884Komm Trost der Nacht, o Nachtigall!
Laß deine Stimm mit Freuden-Schall
Aufs lieblichste erklingen,
Komm, komm, und lob den Schöpfer dein,
Weil andre Vögel schlafen seyn,
Und nicht mehr mögen singen;
Laß dein Stimmlein
Laut erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Obschon ist hin der Sonnenschein,
Und wir im Finstern müssen seyn,
So können wir doch singen
Von Gottes Güt und seiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Loben zu vollbringen.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Echo, der wilde Wiederhall,
Will seyn bei diesem Freudenschall,
Und läßet sich auch hören;
Verweist uns alle Müdigkeit,
Der wir ergeben allezeit,
Lehrt uns den Schlaf bethören.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Die Sterne, so am Himmel stehn,
Sich lassen Gott zum Lobe sehn,
Und Ehre ihm beweisen;
Die Eul‘ auch, die nicht singen kann,
Zeigt doch mit ihrem Heulen an,
Daß sie auch Gott thu preisen.
Drum dein Stimmlein
Laß erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

Nur her, mein liebstes Vögelein!
Wir wollen nicht die faulsten seyn,
Und schlafen liegen bleiben,
Vielmehr bis daß die Morgenröth
Erfreuet diese Wälder-Oed,
In Gottes Lob vertreiben;
Laß dein Stimmlein
Laut erschallen, denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel, hoch dort oben.

~~~\~~~~~~~/~~~

Jan Saudek

——— Joseph von Eichendorff:

Der Einsiedler

aus: Deutscher Musenalmanach, 1837; gesammelt in: Gedichte 1831–1836, 6. Geistliche Gedichte:

Albert Aublet, Sélène, 1880Komm, Trost der Welt, du stille Nacht!
Wie steigst du von den Bergen sacht,
Die Lüfte alle schlafen,
Ein Schiffer nur noch, wandermüd‘,
Singt übers Meer sein Abendlied
Zu Gottes Lob im Hafen.

Die Jahre wie die Wolken gehn
Und lassen mich hier einsam stehn,
Die Welt hat mich vergessen,
Da tratst du wunderbar zu mir,
Wenn ich beim Waldesrauschen hier
Gedankenvoll gesessen.

O Trost der Welt, du stille Nacht!
Der Tag hat mich so müd gemacht,
Das weite Meer schon dunkelt,
Laß ausruhn mich von Lust und Not,
Bis daß das ew’ge Morgenrot
Den stillen Wald durchfunkelt.

~~~\~~~~~~~/~~~

Pompeo Batoni: Truth and Mercy, ca. 1745

——— Clemens Brentano:

Komm, Trost der Nacht

aus: Das Märchen von dem Schulmeister Klopfstock und seinen fünf Söhnen, 1846:

„[…] Ich rührte mich nicht und hörte nach einer Weile ein ganz entsetzliches Schnarchen, als wenn man Holz säge. Ach, dachte ich, was muß das Tier für ein abscheulich großes Maul haben, das so gewaltig schnarchen kann! Nun ging der Mond über dem Walde auf und goß seinen wunderbaren Glanz durch die Bäume; da blickte ich mit Angst in das Gelaube des Baumes hinein, von dem ich gefallen war, um etwas zu erkennen, wie das Tier aussähe, weil ich in meinem Leben nichts von einem Tiere gehört hatte, das einem Wildschweine eine Ohrfeige gäbe und dann wie ein Hund bellend in den Bäumen herumlaufe. Bald sah ich seinen schwarzen Schatten in einem Astwinkel liegen, wo es schnarchte; aber es wehten so lange Haare herum, daß ich es nicht erkennen konnte. Indem ich so hinaufsah, hatte ich einen neuen Schrecken: das Tier streckte sich und gähnte ganz entsetzlich uah, uah, und nieste so heftig, daß die Eicheln wie ein Hagelwetter mir auf die Nase rasselten. Aber ich wagte nicht, mich zu rühren, und wie groß war mein Erstaunen, als ich das Tier auf einmal mit lauter heller Stimme folgendes schöne Lied singen hörte:

Artemisia Gentileschi: Allegoria dell'inclinazioneKomm, Trost der Nacht, o Nachtigall!
Laß deine Stimm mit Freudenschall
Aufs lieblichste erklingen;
Komm, komm und lob den Schöpfer dein,
Weil andre Vöglein schlafen sein
Und nicht mehr mögen singen:
Laß dein Stimmlein laut erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Obschon ist hin der Sonnenschein
Und wir im Finstern müssen sein,
So können wir doch singen
Von Gottes Güt und seiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Lobe zu vollbringen:
Drum dein Stimmlein laß erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Echo, der wilde Wiederhall,
Will sein bei diesem Freudenschall
Und lässet sich auch hören;
Verweist uns alle Müdigkeit,
Der wir ergeben alle Zeit,
Lehrt uns den Schlaf betören;
Drum dein Stimmlein laß erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Die Sterne, die am Himmel stehn,
Sich lassen zum Lobe Gottes sehn
Und Ehre ihm beweisen;
Die Eul auch, die nicht singen kann,
Zeigt doch mit ihrem Heulen an,
Daß sie Gott auch tu preisen;
Drum dein Stimmlein laß erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.

Nur her, mein liebstes Vögelein!
Wir wollen nicht die Faulsten sein
Und schlafend liegen bleiben;
Vielmehr, bis daß die Morgenröt
Erfreuet diese Wälder öd,
In Gottes Lob vertreiben;
Laß dein Stimmlein laut erschallen,
Denn vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.“

„Ei, das war sein Lebtag kein wildes Tier, welches dieses Lied sang!“ rief da der Schulmeister Klopfstock aus, und Trilltrall sagte: „Ihr habt gut reden, lieber Vater! Ihr habt es nicht gesehen auf allen Vieren ans Wasser kriechen, dem Wildschwein die Ohrfeige geben und dann auf dem Baum herumbellen; freilich, als es das schöne fromme Lied so recht aus Herzensgrund durch den Baum sang, in welchen der Mond hineinschien wie in eine schöne Kirche, und als Echo, der wilde Wiederhall, und die liebe Frau Nachtigall auch sangen zu diesem Freudenschall, und der Quell lieblicher rauschte und der Wald andächtiger lauschte, da zogen die Wölkchen am Himmel nicht mehr so schnell, und der Mond ward noch einmal so hell, und alle meine Angst besänftigte sich; meine Seele, welche gewesen war wie ein Meer, in welches ein großer Felsen hineinstürzte, verwirrt und trüb voll niederschlagender Wellen, wurde nach dem ersten Verse schon wie ein See, in den ein Fisch, den ein Geier herausgeraubt, frisch und gesund wieder hineinfällt; und nach dem zweiten Vers wie ein See, auf welchen ein singender Schwan niederfliegt und schimmernde Gleise zieht; und nach dem dritten Vers wie ein See, in welchen eine vorüberreisende Taube ein Zweiglein von dem friedlichen Ölbaum fallen läßt; und nach dem vierten Vers wie ein See, in den ein vorüberziehendes Lüftlein ein Rosenblatt weht; und nach dem fünften Vers war es mir, als sei ich wie ein müdes Bienlein, das über den See fliegen wollte und gar nicht weiter konnte und in großer Angst war, da es zum Wasser herabfiel, auf dieses Rosenblatt gefallen, und als schiffe ich sicher und ruhig auf dem Rosenblättlein hinüber und lande jenseits in einem blumenvollen Garten, aus dem mir die Nachtigallen entgegenschmetterten; mein Herz war so ruhig wie ein Spiegel, in dem sich der Mond anschaut und vor dem der Friede sang:

Ach, hört das süße Lallen
Der kleinen Nachtigallen!“

Auguste Raynaud: La nuit, 1887

Bilder:

  1. Gustave Moreau, Nyx, Göttin der Nacht, 1880Giuseppe Calì: Woman in the Moon, 1912, via Silence for My Soul;
  2. L. Friday Comerre, 2017, via Eudaimonia;
  3. Carl Schweninger (1854-1903): Der Morgenstern und der Mond, via Silence for My Soul;
  4. Jules Joseph Lefebvre: Le rêve;
  5. Luis Ricardo Falero: Moon Nymph (detail), 1883, via Mademoiselle la Piquante;
  6. Wytch Photos: Spirit of the New Moon, 9. September 2016;
  7. William-Adolphe Bouguereau: L’Étoile Perdue, 1884, via Wikiquote;
  8. Jan Saudek, via Jan Saudek Moodboard;
  9. Albert Aublet: Sélène, 1880, via Paintings Daily, 23. Mai 2017;
  10. Pompeo Batoni: Truth and Mercy, ca. 1745, via Centuries Past;
  11. Artemisia Gentileschi: Allegoria dell’inclinazione, via Art;
  12. Auguste Raynaud: La nuit, 1887, via Notes From A Superfluous Man, 11. Februar 2017;
  13. Gustave Moreau: Nyx, Göttin der Nacht, 1880, via Wikimedia Commons.

Vertonungen: Robert Schumann: Der Einsiedler, opus 83 Nr. 3;
Max Reger: Der Einsiedler, opus 144a, 1915:


Soundtrack: Freakwater: Lullaby, aus: Feels Like the Third Time, 1994:

Werbeanzeigen

Written by Wolf

29. Juni 2018 um 00:01

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.