Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Ich bin’s, bin Yung, bin deinesgleichen! (Mein Busen fängt mir an zu brennen. Ich bin handlungsfähig)

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Update zu So schreitet in dem engen Bretterhaus den ganzen Kreis der Schöpfung aus,
Der Goethe wor fei aa do. It’s a nice-a place,
Hunderttausende erlebten Goethe, Schiller und Herrndorf! Schon beim Saisonauftakt waren alle tot. Dass Schiller nicht Wolfgang hieß, verblüffte alle
und Der erste Greis, den ich vernünftig fand:

SO frewe dich Jüngling in deiner Jugent / vnd las dein Hertz guter ding sein in deiner Jugent. Thu was dein Hertz lüstet / vnd deinen Augen gefelt / Vnd wisse / das dich Gott vmb dis alles wird fur Gericht füren.

Prediger Salomo 11,9.

Da kann ich den Faust zum Lebensthema haben, soviel ich will, aber ich bin nicht so der Theatertyp. Gut, dass es die Münchner Theater gibt, da fällt mir wenigstens immer wieder ein, warum das so ist.

YUNG FAUST NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Inszenierung Leonie Böhm, Münchner Kammerspiele

Okay, das war jetzt unfair. Andernorts ist es wahrscheinlich sogar viel schlimmer. Immerhin hat München 2018 in Gestalt der Kunsthalle und des Gasteigs samt über 200 „Partnern“ vom 23. Februar bis 29. Juli ganz München mit einem Faust-Festival namens Du bist Faust. Goethes Drama in der Kunst überzogen, obwohl es nicht hätte sein müssen. Geplant waren Küchenhandtuchstickereien wie:

„Faust“ ist aktuell, Faust ist der prototypische moderne Mensch – rastlos auf der Suche, jedoch nie am Ziel. Das Drama hinterfragt den Menschen noch immer in seiner Verführbarkeit, Moral und Gesellschaftsstruktur. Seine Fragen sind auch unsere großen Fragen heute.

Wo wollen wir hin in unserem Streben? Was ist unser Preis? Wie weit dürfen wir gehen? Was ist Glück? Die Reise beginnt …

Zu deutsch: Keiner weiß warum. Man verstehe mich recht: Das war ja dann auch ein feiner Zug von der Kunsthalle und dem Gasteig und den 200 Werbekunden. Wahrscheinlich musste es 2018 sein wegen des 210-jährigen Jubiläums der Erstveröffentlichung, wenn man das Faust-Fragment von 1790 nicht mitrechnet; der „Urfaust“ von ungefähr 1775 war schon immer ein Konstrukt, und spätestens seit der revolutionären Ausgabe von Albrecht Schöne 1994 ein überholtes dazu.

YUNG FAUST NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Inszenierung Leonie Böhm, Münchner KammerspieleIn München musste es wahrscheinlich sein wegen Goethes beherzter Flucht aus der Stadt nach seiner ersten, letzten und einzigen Nacht in einem Wirtshaus, das heute ein Hutgeschäft ist, und in dem er sich noch nicht mal besaufen mochte.

Das Maskottchen der Unternehmung war ein gezeichneter Pudel: der mit dem Kern, also Mephisto persönlich. Und er war ein Mädchen — wahrscheinlich wegen Bibiana Beglau, die seit 2014 den Mephisto am Residenztheater mit ganz unerhörter Brillanz spielen soll. Und sie hieß Luzi — die Pudeline, nicht die Beglau — welches Naming crowdgesourced war. Das kommt von Luzifer und soll wohl die Abkürzung von Mephistopheles sein. Vielleicht auch eine Reverenz an die Schauspielerin Lucie Lechner, die sich ihren Namen nicht ausgesucht hat, und wenn doch, dann nicht nach einer diabolisch missverstandenen Variation über die römische Venus, und die einmal als Sponsorin auftrat und immerhin dreimal als — nein, nicht als Mephistopheline, sondern als Fäustin. Bei Christopher Marlowe um 1588 war Mephisto noch eine Art Laufbursche von Luzifer, bei Goethe, auf den die Münchner Event-Ballung sich bezog, fragt er: „Ihr schönen Kinder laßt mich wissen: Seyd ihr nicht auch von Lucifers Geschlecht?“ — wenn auch erst im zweiten Teil, den bestimmt kein Mensch in München jemals bis zum Schluss durchgehalten hat — und das wiederum wahrscheinlich, weil zu arg des Geheimrats Rotweinlieferungen aus ihm sprechen und zu wenig gemütliche Bierseligkeit. Aber lass recht sein, „Luzi“ klingt ja schon besser als „Mephi“.

München halt: Hauptsache, man kann eine Sekt- und Biertränke daneben hinstellen. Sehen wir’s mal optimistisch: Angedroht und sicher auch durchgezogen waren über 500 Veranstaltungen. Die konnten ja schon rein statistisch nicht alle scheiße sein.

Wie gesagt, ist das alles 1. andernorts sogar noch schlimmer, 2. unfair, 3. der Stand von 2018 — und deshalb 4. inzwischen seinerseits Geschichte. Aktueller Stand 2019 ist, dass nicht nur Bibiana Beglau und alle anderen seit 2014 immer noch den Faust am Residenztheater in unregelmäßiger werdenden Abständen durchziehen, sondern daselbst auch noch FaustIn and Out von Elfriede „Nobelpreis“ Jelinek gegeben wird — weit regelmäßiger, zusätzlich bis gleichzeitig.

Und weil das nicht reicht, geben die Münchner Kammerspiele in fußläufiger Nachbarschaft YUNG FAUST, raten Sie mal, nach welchem klassischen Drama. — Seit 23. Januar 2019 in Kammer 2 der Münchner Kammerspiele:

Gabriela Neeb, Kammer 2, für Münchner Kammerspiele in München Online, ca. März 2019

YUNG FAUST
NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE
Inszenierung: Leonie Böhm
Schauspiel

PR-Text, 2019:

„Erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält,“ will Faust und begibt sich auf die Suche: Rausch, Verjüngung, Sex und Zauberei. „Ich will in dieser Stunde mehr gewinnen als in des Jahres Einerlei.“ Faust lässt alle Vernunft fahren (oder versucht es zumindest), gibt Kontrolle ab und hofft im intensiven Leben die Welt endlich zu begreifen. Die Regisseurin Leonie Böhm sagt: „Ich bin Faust“ und legt zusammen mit den Schauspieler*innen Annette Paulmann, Julia Riedler und Benjamin Radjaipour die echten Gefühle im alten Faust-Text frei. So wie die Cloudrapper*innen der Gegenwart ihrem Künstlernamen ein „Yung“ hinzufügen und damit nicht nur buchstäbliche Jugend anzeigen, sondern auch ihren frischen Zugriff auf die Welt und die Beziehungen in ihr, will „Yung Faust“ den allzu viel gesprochenen Sätzen des mächtigen alten weißen Mannes (Goethe) eine verletzliche Unmittelbarkeit abgewinnen. Echte Zitate, echte Begegnungen: „Mein Busen fängt mir an zu brennen!“

Das offizielle Interview mit der Regisseurin Leonie Böhm verschweigt den Interviewer, geht aber noch weiter. Bis zum anschließenden Publikumsgespräch:

——— Münchner Kammerspiele:

Yung Faust

nach J. W. von Goethe,
in: Programmheft März 2019, nicht paginiert,
cit. München Online:

Warum inszenierst du Faust und wie? Haben die Kammerspiele Regisseurin Leonie Böhm gefragt. Ihre Antwort kam in der ihr liebsten Kommunikationsform, der Sprachnachricht.

Ich selbst bin Faust, denn ich komme in allen Theatertexten vor, die ich lese. Genauso wie ich mein Weltbild in die Gesellschaft hineinprojiziere. Deshalb ist es das Gleiche, ob ich über mich oder die Gesellschaft, über mich oder über Faust spreche. In meiner Rolle als Regisseurin, Künstlerin und Gestalterin bin ich eine ebenso wütige Person wie Faust. Ich bin verkopft, sinnsuchend, studiert und habe Sehnsucht mich selbst zu spüren. Lust zu gewinnen. Präsent zu sein und zum Augenblick zu sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Es geht mir darum, Gedanken und Gefühle zu einem Augenblick des Glücks zu verdichten, den ich unbedingt festhalten möchte. Allein fällt uns das schwer. Wir brauchen die Anderen, damit sie uns aus unseren festgefahrenen Denkstrukturen befreien.

Diesen Zustand versucht Faust mit allen Mitteln zu erreichen. Er will Liebe, Glück. Er will noch einmal ganz im Moment leben, im Hier und Jetzt, und dafür ist das Theater genau der richtige Ort. Faust sucht den Rausch, er will sich verjüngen, sich in der Ekstase verlieren, und das findet zum Beispiel im Cloud Rap statt. Viele Cloud Rap-Künstler provozieren mentalen Kontrollverlust und kreieren daraus einen Sound, der fragil und nah ist. Ihre Musik entspricht meiner Sehnsucht nach Intimität, deshalb gehört sie zu meiner Inszenierung. Zusammen mit einer Gruppe junger Menschen will ich zeigen, dass die Faust’sche Sehnsucht jetzt nicht mehr an Alter oder Geschlecht gebunden ist. Ich und viele andere sind Faust, weil wir eine bestimmte Macht haben, gebildet sind und uns in einer elitären Gesellschaft bewegen. Wir sind es gewohnt, uns ständig zu kontrollieren, zurückzuhalten und wünschen uns (selbst) zu lieben, auszubrechen, offener miteinander umzugehen. Ich wünsche mir, dass wir aus dem Abend rausgehen und denken: Ich bin handlungsfähig.


Inszenierung: Leonie Böhm
Bühne: Sören Gerhard
Kostüme: Mascha Mihoa Bischoff
Dramaturgie: Tarun Kade

Anschl. Publikumsgespräch

München, Weltstadt der Herzen oder wie das heißt. Die gute Nachricht ist: Die Münchner Stadtbibliotheken haben ebenfalls seit Januar auch samstags geöffnet. Dafür montags geschlossen.

YUNG FAUST NACH JOHANN WOLFGANG VON GOETHE Inszenierung Leonie Böhm, Münchner Kammerspiele

Bilder: Münchner Kammerspiele, Januar 2019;
Gabriela Neeb: Kammer 2, für Münchner Kammerspiele in: München Online, ca. März 2019.

Soundtrack: Lena Meyer-Landrut: Wild & Free, aus: Only Love, L, 2015, für: Fack ju Göhte 2, 2015:

Written by Wolf

14. Juni 2019 um 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

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