Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

And all I got’s a pocketful of flowers on my grave

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Update zu The Raven und der Rabe,
was übrig blieb von grünem leben und
Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt:

EJN jglichs hat seine zeit / Vnd alles fürnemen vnter dem Himel hat seine stund. Geborn werden / Sterben / Pflantzen / Ausrotten das gepflantzt ist / Würgen / Heilen / Brechen / Bawen Weinen / Lachen / Klagen / Tantzen Stein zestrewen / Stein samlen / Hertzen / Fernen von hertzen Suchen / Verlieren / Behalten /Wegwerffen / Zureissen / Zuneen / Schweigen / Reden / Lieben / Hassen / Streit / Fried / hat seine zeit. MAN erbeit wie man wil / So kan man nicht mehr ausrichten / Wenn das stündlin nicht da ist / so richt man nichts aus / man thu wie man wil / Wens nicht sein sol / so wird nichts draus.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993, VerlagswerbungDu bist ein Schatten am Tage,
Und in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Wo ich mein Zelt aufschlage,
Da wohnst du bei mir dicht;
Du bist mein Schatten am Tage,
Und in der Nacht mein Licht.

Wo ich auch nach dir frage,
Find‘ ich von dir Bericht,
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Du bist ein Schatten am Tage,
Doch in der Nacht ein Licht;
Du lebst in meiner Klage,
Und stirbst im Herzen nicht.

Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
stand irgend jemand, dessen Angesicht
nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
die schon zurückging dieses selben Weges,
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

Annemarie „Barfuß“ Srb, * 20. April 1962, † 8. Oktober 1993,
am Samstag, 14. oder 21. August 1993, im Erlanger Schlossgarten.

Annemarie hat mir viel gezeigt. Das fängt mit ihrer unsäglich verkrakelten Handschrift an und hört mit der Demo-Kassette von Fiddler’s Green 1991 noch lange nicht auf.

Fiddler’s Green leben noch und sind aus Erlangen, wo Annemarie in der mittlerweile erloschenen Buchhandlung Theodor Krische Wissenschaftliche Buchhändlerin war und ich studiert hab. Nebenbei hat sich Annemarie als Photomodell für die Kurse an der Erlanger Volkshochschule verdingt. Ein Model war mal Fan von mir, eigentlich kann ich beruhigt sterben. In dem Tag, an dem wir uns 30 Stunden Zeit füreinander nahmen, wollten wir alles unterbringen, was wir wollten. Ich wollte ihr das Buch überreichen, das ich ihr geschrieben hatte, sie als Lesende portraitieren und hinterher feste einen heben. Etwas wesentlich anderes wollte sie auch nicht.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993Zur Lesenden hab ich ihr nicht das Buch von mir, sondern meine einbändige englische Poe-Ausgabe in die Hand gedrückt. Erst war sie nach vielen Jahren wieder hin und weg, wie gut The Raven überhaupt ist, dann fiel uns ein, dass unlängst Fiddler’s Green auf ihrer ersten CD — 1993 einem noch recht frischen Medium — das letzte Gedicht von Poe, die Annabel Lee vertont hatten. Mit verhunztem Text, damit er auf die Melodie passt, aber wer auf seinem ersten Auftritt am Heiligabend von null auf hundert den Nürnberger Kunstverein dermaßen rocken kann, hat sogar Poe gegenüber ein paar Freiheiten gut.

Die Demo-Kassette der Fiddlers war uns in exklusiver Weise frühzeitig bekannt geworden, weil die damalige Musikszene der Metropolregion Nürnberg praktisch geschlossen in Erlangen studierte und bei Annemarie Stammkundschaft war (wie ich ja behaupte, dass J.B.O. ihr „Nilschwein„, verwendet seit 1996 auf Explizite Lyrik, nach dem Holzspielzeug-Viech auf Annemariens Dienstschreibtisch benannt haben). Eine vorläufige Unplugged-Version von ihrer Annabel Lee war da schon drauf. Und: Ja: Es war mir aufgefallen, dass „Annabel Lee“ ohne metrischen oder inhaltlichen Verlust durch „Annemarie“ substituierbar ist.

Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, eine autorisierte Version freizugeben, hat Poe von seinem letzten großen Gedicht Annabel Lee Manuskripte in verschiedenen Versionen in Umlauf gebracht, was die Veröffentlichungsgeschichte nicht gerade vereinfacht. So wichtig war ihm sein ahnungsvolles letztes Gedicht. Ich bringe eine der Versionen, die das Komma in „For the moon never beams without bringing me dreams“, das ich für ein Unding halte, weglässt und mit „In her tomb by the side of the sea“ statt „In her tomb by the sounding sea“ endet, weil Hans Wollschläger in seiner einzig wahren Übersetzung das erstere verwendet. Als Internet-Premiere folgt der zuverlässige Text, nach der Gesamtausgabe korrigiert — wie im Fall von The Raven sinnvollerweise verkleinert, damit der Direktvergleich in die Weblog-Spalte passt.

Nach unseren 30 Sonnenstunden hatte Annemarie keine zwei Monate mehr zu leben.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

——— Edgar Allan Poe:

Annabel Lee

in: New York Daily Tribune, 9. Oktober 1849:

It was many and many a year ago,
     In a kingdom by the sea,
That a maiden there lived whom you may know
     By the name of Annabel Lee;
And this maiden she lived with no other thought
     Than to love and be loved by me.

I was a child and she was a child,
     In this kingdom by the sea,
But we loved with a love that was more than love—
     I and my Annabel Lee—
With a love that the wingèd seraphs of Heaven
     Coveted her and me.

And this was the reason that, long ago,
     In this kingdom by the sea,
A wind blew out of a cloud, chilling
     My beautiful Annabel Lee;
So that her highborn kinsmen came
     And bore her away from me,
To shut her up in a sepulchre
     In this kingdom by the sea.

The angels, not half so happy in Heaven,
     Went envying her and me—
Yes!—that was the reason (as all men know,
     In this kingdom by the sea)
That the wind came out of the cloud by night,
     Chilling and killing my Annabel Lee.

But our love it was stronger by far than the love
     Of those who were older than we—
     Of many far wiser than we—
And neither the angels in Heaven above
     Nor the demons down under the sea
Can ever dissever my soul from the soul
     Of the beautiful Annabel Lee;

For the moon never beams without bringing me dreams
     Of the beautiful Annabel Lee;
And the stars never rise, but I feel the bright eyes
     Of the beautiful Annabel Lee;
And so, all the night-tide, I lie down by the side
     Of my darling—my darling—my life and my bride,
     In her sepulchre there by the sea—
     In her tomb by the side of the sea.

——— Edgar Allan Poe:

Annabel Lee

deutsch von Hans Wollschläger in: Werke IV, Walter Verlag 1973:

Es war vor so manchem und manchem Jahr
     in dem Seereich, nicht weit von hie,
daß ein Mädchen dort lebte, wunderbar,
     mit Namen Annabel Lee: –
und dies Mädchen, es lebte dem einzigen Sinn,
     mich zu lieben, wie ich liebte sie.

Sie war ein Kind und ich war ein Kind
     in dem Seereich, nicht weit von hie,
doch uns einte, was mehr noch als Liebe war, –
     mich und lieb Annabel Lee –
und so blickten am Ende die Seraphim selber
     begehrlich auf mich und sie.

Und dies war der Grund, daß vor langer Zeit
     in dem Seereich, nicht weit von hie,
ein Windschauer gellte aus Wolken bei Nacht
     und traf meine Annabel Lee;
so daß die erlauchte Verwandtschaft kam
     und trug hinweg mir sie,
zu schließen sie tief in ein Grabgemach
     in dem Seereich, nicht weit von hie.

Die Engel, nicht halb so glücklich im Himmel,
     warn neidisch auf mich und sie: –
Ja! das war der Grund (wie ein jeder weiß
     in dem Seereich, nicht weit von hie),
daß bei Nacht aus den Wolken der Windschauer gellend
     entseelt‘ meine Annabel Lee.

Unsre Liebe aber war stärker noch
     als die Liebe der Älteren, die
     viel weiser immer denn ich und sie, –
und nimmer solln Engel im Himmel hoch
     noch Dämonen darunten hie
abtrennen können mein Seel‘ von der Seel‘
     meiner lieblichen Annabel Lee.

Denn der Mond mir nicht blinkt, ohn‘ dass Träume er bringt
     von der lieblichen Annabel Lee;
in den Sternen gewahr ich die Augen klar
     meiner lieblichen Annabel Lee;
und so lieg alle Nachtzeit ich wachend zur Seit‘
meiner Lieb‘, der ich lebte, die einst ich gefreit,
     in dem Grabe, nicht weit von hie –
     in der Gruft, nicht weit von hie.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

Vertonung mit angeglichenem Text: Fiddler’s Green auf: Fiddler’s Green, 1992:

Bonus Track: Hubert von Goisern und die Original Alpinkatzen: Weit, weit weg, aus: Aufgeigen stått niederschiassen, 1992, damals noch featuring die unschlagbare Alpine Sabine und Reinhard Stranzinger mit einem der Gitarrensoli des 20. Jahrhunderts, die überleben werden, live in der Kaltenberg-Arena 1994:

Übrigens waren wir gar nicht bei den Fiddlers am Heiligabend im Kunstverein. Annemarie hat mir viel gezeigt, für noch mehr war keine Zeit; seitdem unterteile ich die Zeitrechnung in vor und nach dem 8. Oktober 1993. Bei Hubert von Goisern in Kaltenberg war sie schon tot.

Annemarie, Schlossgarten Erlangen, August 1993

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Written by Wolf

7. Oktober 2016 um 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Vier letzte Dinge: Tod

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