Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Sonntag 4 von 7: Das wir getrost vnd al ynn eyn / mit lust vnd liebe syngen

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Update zu Weihnachten Fibels und
Weil er bei den Mahlzeiten so entsetzlich isset:

Um unsere eigene Leitkultur auszukosten, feiern wir einmal alle sieben Sonntage der Osterzeit durch. Am sinnvollsten geschieht das anhand siebenzeiliger Strophen.

4. Sonntag nach Ostern: Kantate

Cantate Domino canticum novum.

SJnget dem HERRN ein newes Lied / Denn er thut Wunder.
ER sieget mit seiner Rechten / vnd mit seinem heiligen Arm.

Psalm 98,1.

Ego sum Papa, Holzschnitt um 1500Über dem Sammeln siebenzeiliger Strophen aller Variationen verliert sich irgendwann die grundlegende Erkenntnis, dass dieses Quantum — denn auf nichts anderes als die absichtsvoll verwendete Quantität der Verse richtet sich mein Sammelehrgeiz — zuallererst auf die Form der Lutherstrophe festgelegt ist.

Martin Luther hielt auf eigenen Wunsch seine Primiz – das ist: seine erste Messe – 23-jährig am Sonntag Kantate 1507, der auf den 2. Mai fiel. Der Konvent des Augustinerklosters Erfurt stimmte dem Termin zu, nachdem Luther brieflich Wert auf die Anwesenheit seines Vaters Hans Luther gelegt hatte, und erst nachdem feststand, dass derselbe aus Mansfeld nach Erfurt anreisen konnte.

Erhalten ist hierzu Luthers erster mit Sicherheit belegter Brief, geschrieben zu Erfurt am 22. April 1507 an seinen väterlichen Freund, Lehrer und Stiftsvikar, in Luthers Worten „Vater, Herr und Bruder“ Johann(es) Braun– zitiert nach Günther Wartenbergs verdienstreicher Auswahl der Lutherbriefe für die DDR, Insel Verlag Leipzig 1983 (in meiner Originalausgabe steht der Verlagspreis von 1983 gedruckt: 15,– M. Das war richtig teuer für den bildungshungrigen Arbeiter und Bauern):

Philipp Melanchthon, Bapstesel, 1523Da nun der ruhmreiche und und in allen seinen Werken heilige Gott mich elenden und sogar in jeder Weise unwürdigen Sünder für wert befunden hat, so herrlich zu erhöhen und in seinen erhabenen Dienst zu berufen, allein aus seinem überreichen Erbarmen, so muß ich das mir anvertraute Amt ganz erfüllen, damit ich mich für eine so große Hochherzigkeit der göttlichen Güte (so wenig der Staub das auch vermag) dankbar erweise. Deshalb ist auf Beschluß meiner Patres festgelegt worden, daß ich dieses Amt am künftigen vierten Sonntag nach Ostern, den wir Kantate nennen, unter dem Schutz göttlicher Gnade zum ersten Mal ausübe. Denn dieser Tag ist für unsere Gott zu weihenden Erstlingsgaben bestimmt worden, weil er meinem Vater günstig liegt.

Martin Luther, dessen Melodien zu Kirchenliedern oft der siebenzeiligen Form im Reimschema ABABCCB gehorchen, gern auch mit verwaistem letztem Vers, setzt seinen Wunschtermin für die Antrittsmesse auf den Sonntag Kantate und stiftet nach seiner eigenen nachmaligen Reformation das Wochenlied für ebendiesen Sonntag: Nun freut euch, lieben Christen g’mein, heute Nummer 341 im Evangelischen Gesangbuch, 1715 von Bach als BWV 734 umkomponiert: Die Bestandteile greifen selten so reibungslos ineinander. Sogar das Bildmaterial stammt plus-minus ein Jahrzehnt aus der Produktionszeit.

——— Martin Luther:

Nu frewt euch lieben Christen gmeyn

Folget eyn hubsch Euangelisch gesang yn melodey Frewt euch yhr frawen vnd yhr man / das Christ ist aufferstanden / so man auffs Osterfest zusyngen pflegt / die noten aber darzu synd vber das Lied / Es yst das heyl vns komen / angezeigt

Musik und Text nach dem Paulusbrief an die Römer 1,16+17, Nürnberg 1523, aus:

Eyn Enchiridion oder Handbuchlein/
eynem yetzlichen Christen fast nutzlich bey sich zuhaben/ zur stetter vbung vnnd trachtung geystlicher gesenge/ vnd Psalmen/ Rechtschaffen vnnd kunstlich vertheutscht,

M. CCCCC. XXiiij

Am ende dises Büchleins wirst du fynden eyn Register / yn wilchem klerlich angetzeigt ist / was vnd wie vill Gesenge hierynn begryffen synd.

Mit dysen vnd der gleichen Gesenge soltt man byllich die yungen yugendt auffertzihen

Allen Christen sey Gnad vnd frid von Gott vnserm herrn alletzeyt / Amen.

Erfurt 1524:

Nv frewt euch lieben Christen gmeyn /
vnd last vns frölich spryngen.
Das wir getrost vnd al ynn eyn /
mit lust vnd liebe syngen.
Was Got an vns gewendet hat
vnd seyne susse wunder that.
Gar theur hat ers erworben.

Lucas Cranach d. Ä., Die Vermessung des Tempels, Septembertestament 1522Dem teuffel ich gefangen lag /
ym tod war ich verloren.
Mein sund mich qwellet nacht vnd tag /
arynn ich war geboren.
Ich fyel auch ymmer tieffer dreyn.
Es war keyn guts am leben meyn.
Die sund hat mich besessen.

Mein gute werck die golten nicht /
es war mit yhn verdorbenn.
Der frey will hasset Gotts gericht /
er war zum gut erstorben.
Die angst mich zu verzweifeln treib /
das nichts dan sterben bey mir bleyb.
Zur hellen must ich syncken.

Da yamert Gott yn ewigkeyt /
mein elend vbermassen.
Er dacht an seyn barmhertzigkeit.
Er wolt mir helffen lassen.
Er wand zu mir das vater hertz.
Es war bey yhm furwar keyn schertz.
Er ließ syn bestes kosten.

Er sprach zu seynem lieben son /
die zeyt yst hie zurbarmen.
Farhyn meyns hertzen werde kron /
vnnd sey das heyl der armen.
Vnd hylff yhm aus der sunden nott.
Erwurg fur yhn den bittern todt.
Vnd laß yhn mit dir leben.

Der son dem vater gehorsam ward /
er kam zu mir auff erden.
Von eyner yungfraw reyn vnnd tzart /
er solt mein bruder werden.
Gar heymlich furtt er seyn gewalt.
Er gieng ynn meyner armen gestalt.
Den teuffel wolt er fangen.

Erhard Schön, Teufelsdudelsack, Teufel mit Luther als Sackpfeife, um 1535Er sprach zu mir halt dich an mich.
Es solt dir ytzt gelingen.
Ich geb mich selber gantz fur dich.
Da will ich fur dich ryngen.
Denn ich byn deyn vnd du byst meyn.
Vnd wo ich bleib da soltu seyn.
Vnns soll der feind nicht scheyden.

Vergiessen wirt er mir meyn blut /
dazu mein leben rawben /
das leyde ich dir alles zu gutt /
das halt mit festem glauben /
den todt verschlingt das leben mein.
Meyn vnschult tregt die sunden deyn.
Da bistu selig worden.

Gen hymmel zu dem vatter meyn.
Far ich von dysem leben /
da will ich seyn der meyster deyn /
den geyst will ich dir geben /
der dich yn trubniß trösten soll.
Vnd lernen mich erkennen wol.
Vnd yn der warheit leitten.

Was ich gethan hab vnd geleert
das solt du thun vnnd leeren /
damit das reich Gotts werd gemehrt.
Zu lob vnd seynen ehren.
Vnd hut dich fur der menschen satz /
dauon verdirbt der edle schatz.
Das laß ich dir zur letze.

Die Kutte macht nicht den Mönch, 16. Jahrhundert

Bilder: Ego sum Papa: Karikatur auf Papst Alexander VI. als Teufel,
aufklappbares Flugblatt, Holzschnitt um 1500;
Bapstesel: Deutung der grewlichen Figurn Bapstesels / zu Rom funden.
Durch Herrn Philippum Melanchthon, 1523;
Lucas Cranach der Ältere: Die Vermessung des Tempels,
die beiden Zeugen und das Untier aus dem Abgrund mit Papstkrone,
in: Martin Luther: Das Neue Testament deutsch, Wittenberg:
Melchior Lotter der Jüngere, 1522 (September-Testament);
Erhard Schön: Teufelsdudelsack: Teufel mit Luther als Sackpfeife, um 1535;
Die Kutte macht nicht den Mönch, 16. Jahrhundert,
aus: Eduard Fuchs: Die Karikatur der europäischen Völker, Lange, München,
Teil 1: Vom Altertum bis zum Jahre 1848,
4., vermehrte Auflage 1921, 480 Seiten, Ill. Seite 67:
via Alois Payer: Antiklerikale Karikaturen und Satiren XVII: Reformation und Gegenreformation, Religionskritik.

Soundtracks: die Bach-Kantaten zu Kantate:
Es ist euch gut, daß ich hingehe, BWV 108, 1725;
Wo gehest du hin?, BWV 166, 1724:


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Written by Wolf

17. Mai 2019 um 00:01

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