Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Das Geld hat einen bessern Klang

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Update zu Der kluge Narr flüchtet vor der Inflation in die Sachwerte,
Des eigenen Herzens süße Melodie
und vor allem Frohnleichnamsfahnen wehen:

Der Seifensieder von Hagedorn wird von Gottfried Keller in Die drei gerechten Kamm(m)acher 1855 derart beiläufig zitiert, dass er offenbar bekannt sein muss. Die einzige ernstzunehmend kommentierte Ausgabe in der Bibliothek Deutscher Klassiker (seit 2006 gut erreichbar als Taschenbuch) merkt dazu an, das sei „ein im Biedermeier beliebtes Gedicht […], dessen Titelfigur sich als das Gegenteil seines Handwerkerkollegen Jobst [aus Die drei gerechten Kammmacher] erweist“.

Biedermeier? Hagedorn zählt zum Rokoko, ein Jahrhundert vorher. Und schon versteht man, warum das Biedermeier als wertkonservativ gilt: Ein Gedicht, das Spaß macht, macht ihn auch nach Jahrhunderten. — Wir erfreuen uns am Tag der Arbeit an:

——— Friedrich von Hagedorn:

Johann der Seifensieder

aus: Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen,
Mit Königl. Poln. und Churfürstl. Sächsis. allergnädigster Freyheit,
Hamburg, verlegts Conrad König 1738:

Erste österreichische Seifensieder-Gewerks-Gesellschaft Apollo, Apollo Kerzen und Seifen, 1899Johannes war ein Seifensieder;
Der wuste viele schöne Lieder,
Und sang, mit unbesorgtem Sinn,
Vom Morgen bis zum Abend hin.
Sein Tagwerk konnt‘ ihm Nahrung bringen;
Und wann er aß, so mußt er singen;
Und wann er sang, so war s mit Lust,
Aus vollem Hals‘ und freier Brust.
Beim Morgenbrodt, beim Abendessen
Blieb Ton und Triller unvergessen;
Der schallte recht ; und seine Kraft
Durchdrang die halbe Nachbarschaft.
Man horcht; man fragt: Wer singt schon wieder?
Wer ists? Der muntre Seifensieder.

Im Lesen war er anfangs schwach;
Er las nichts als den Almanach,
Doch lernt‘ er auch nach Jahren beten,
Die Ordnung nicht zu übertreten,
Und schlief, dem Nachbar gleich zu seyn,
Oft singend, öftrer lesend ein.
Er schien fast glücklicher zu preisen
Als die berufnen sieben Weisen,
Als manches Haupt gelehrter Welt,
Das sich schon für den achten hält.

Es wohnte diesem in der Nähe
Ein Sprößling eigennützger Ehe,
Der, stolz und steif und bürgerlich,
Im Schmausen keinem Fürsten wich:
Ein Garkoch richtender Verwandten,
Der Schwäger, Vettern, Nichten, Tanten,
Der stets zu halben Nächten fraß
Und seinen Wechsel oft vergaß.

Kaum hatte mit den Morgenstunden
Sein erster Schlaf sich eingefunden,
So ließ ihm den Genuß der Ruh
Der nahe Sänger nimmer zu.
Zum Henker! lärmst du dort schon wieder,
Vermaledeiter Seifensieder?
Ach wäre doch zu meinem Heil,
Der Schlaf hier wie die Austern, feil!

Den Sänger, den er früh vernommen,
Läßt er an einem Morgen kommen,
Und spricht: Mein lustiger Johann!
Wie geht es Euch? Wie fangt ihrs an?
Es rühmt ein jeder Eure Waare;
Sagt, wieviel bringt sie euch im Jahre?

Im Jahre, Herr? Mir fällt nicht bey,
Wie groß im Jahr mein Vortheil sey.
So rechn‘ ich nicht! Ein Tag beschehret,
Was der, so auf ihn kömmt, verzehret.
Dieß folgt im Jahr (ich weiß die Zahl)
Drey hundert fünf und sechzig mal.

Ganz recht; doch könnt ihr mirs nicht sagen,
Was pflegt ein Tag wol einzutragen?

Mein Herr, Ihr forschet allzusehr:
Der eine wenig, mancher mehr;
So wie’s dann fällt, mich zwingt zur Klage
Nichts, als die vielen Feiertage;
Und wer sie alle roth gefärbt
Der hatte wol, wie ihr, geerbt,
Dem war die Arbeit sehr zuwider;
Das war gewiß kein Seifensieder.

Dieß schien den Reichen zu erfreun.
Hans, spricht er, du sollst glücklich seyn.
Itzt bist du nur ein schlechter Prahler.
Da hast du bare funfzig Thaler.
Nur unterlasse den Gesang.
Das Geld hat einen bessern Klang.

Anda Wolf-Robl, 100 Jahre Nivea-Pflege. Der Kult in der Dose, Cosmopolitan 10. Juni 2011Er dankt und schleicht mit scheuem Blicke,
Mit mehr als diebscher Furcht zurücke.
Er herzt den Beutel, den er hält,
Und zählt, und wägt und schwenkt das Geld,
Das Geld, den Ursprung seiner Freude
Und seiner Augen neue Weide.

Es wird mit stummer Lust beschaut
Und einem Kasten anvertraut,
Den Band‘ und starke Schlösser hüten,
Beim Einbruch Dieben Trotz zu bieten,
Den auch der karge Thor bey Nacht
Aus banger Vorsicht selbst bewacht.
Sobald sich nur der Haushund reget,
Sobald der Kater sich beweget,
Durchsucht er alles, bis er glaubt,
Daß ihn kein frecher Dieb beraubt,
Bis oft gestossen, oft geschmissen,
Sich endlich beide packen müssen:
Sein Mops, der keine Kunst vergaß
Und wedelnd bey dem Kessel saß:
Sein Hinz, der Liebling junger Katzen,
So glatt von Fell, so weich von Tatzen.

Er lernt zuletzt, je mehr er spart,
Wie oft sich Sorg‘ und Reichtum paart,
Und manches Zärtlings dunkle Freuden
Ihn ewig von der Freiheit scheiden,
Die nur in reine Selen strahlt,
Und deren Glück kein Gold bezahlt.

Dem Nachbar, den er stets gewecket,
Bis er das Geld ihm zugestecket,
Dem stellet er aus Lust zur Ruh
Den vollen Beutel wieder zu,
Und spricht: Herr, lehrt mich bessre Sachen,
Als, statt des Singens, Geld bewachen.
Nehmt immer euren Beutel hin
Und laßt mir meinen frohen Sinn.
Fahrt fort, mich heimlich zu beneiden,
Ich tausche nicht mit euren Freuden.
Der Himmel hat mich recht geliebt,
Der mir die Stimme wieder giebt.
Was ich gewesen, werd‘ ich wieder:
Johann, der muntre Seifensieder.

Friedrich von Hagedorn: Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen, 1738

Alte Seifen: Erste österreichische Seifensieder-Gewerks-Gesellschaft „Apollo“:
Apollo Kerzen und Seifen, 1899;
Anda Wolf-Robl (48, Chefin vom Dienst): 100 Jahre Nivea-Pflege. Der Kult in der Dose!,
Cosmopolitan, 10. Juni 2011;
Frontispiz (hier Schlussvignette): Friedrich von Hagedorn:
Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen, 1738.

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Written by Wolf

1. Mai 2015 um 02:01

Veröffentlicht in Aufklärung, Handel & Wandel

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