Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wem recht die Brust sich dehnte vom sanften Lau des März (oh yeah!)

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Update zu Und Beethoven so: WTF??!!! (Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen)
und Da unten in jenem Thale (da geht ein Kollergang):

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Gustav Seibt sagt es so — ausnahmsweise nicht in der Süddeutschen Zeitung, sondern auf Facebook am 20. September 2019:

Oh, yeah!

Von Eckhard Henscheids Eichendorff-Büchlein „Aus der Heimat hinter den Blitzen rot“ kann man wohl kaum mehr als fünf Seiten am Stück lesen, schon weil man unentwegt unterbricht, um die anzitierten Vertonungen nachzuhören. Aber vor allem weil Henscheid sich immer wieder in ein Delirium redet und schreibt, und zwar ein gleichermaßen verquasseltes wie poetisch verdicktes, eine Suada des Enthusiasmus über Dichtung und Musik — im Grund ist es fast egal, wo genau man in diesen Stream einsteigt und reinhört, die Bilder, Metaphern, preziösen Fremdwörter, verbalen Ausbrüche und Rücknahmen steigern sich immer wieder zu einem erhöhten Sprachzustand, dem oft nur der Abbruch mitten mit im Satz beikommt — hier eine Soundprobe zu „künftigem großen Glück“ und „Mondesglanz“: Wer danach nicht zu Robert Schumann und Felix Mendelssohn eilt, hat ein Herz aus Stein.

Mit der Soundprobe meint er:

——— Eckhard Henscheid:

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot:
Gedichte von Joseph von Eichendorff.
Ein Lesebuch von Eckhard Henscheid

Hanser Verlag, 1999:

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017Der „Frühlingsnacht“ wie des Schwesterwerks künftiges großes Glück: ganz auszuloten ist das Gemeinte nicht. Es hat zu tun mit einer spezifischen Gestimmtheit, mit einer Idee, die als sinnlich überaus scheinende bei vielen der ebendeshalb allerschönsten Eichendorffstrophen und -zeilen aufgeht; sonst zuweilen eben auch von mancherlei Schumann-Musik; aber vor allem wiederum doch der Mendelssohns, dem Beginn des Violinkonzerts in e-moll etwa, oder dem Elfenchor des „Sommernachtstraum“, beidemale vernehmlich in Sonderheit im bangfrohen Pochen der Pauken: als tippten sie wie ein erwartungsvolles Kätzchen mit der sanften Pfote auf unsere dämmrige Stirn, uns zum Aufbruche zu mahnen, ins künftige große Glück, gleichwie zu pochen und zu tippen an des Zukunftsschicksals ja schon halboffene Pforte —

— was aber dieses künftige große Glück denn nun wirklich ganz genau sei, das läßt sich trotzdem nicht sagen, höchstens allzu geschwollen. Das im Sinne der ganz besonderen und unwiederbringlichen, allerdings offenbar im Gedicht doch revozierbaren Eichendorff-Heidelbergischen Romantik aufgebrochene und entfesselte Menschheitsgefühl selber wird es wohl sein, kulminierend und symbolisch gekrönt in dem werweiß deutschesten aller Wörter, dem „Mondesglanz“ als der damit schon erfüllten Vorahnung des großen Glücks, als der fast militanten Lichtfanfare der Idee Romantik, einer speziell deutschen Romantik zugleich — vorzüglich dann, wenn dieser Eichendorff-Schumannsche „Mondesglanz“ diesmal weniger von Hermann Prey, sondern einer so spezifischen Deutschen wie der bekannten Jessye Norman ausgestoßen wird: es ist das dann schon wie ein hinreißend-hingerissener Trumpfdreisilber mitten im schäumenden Triumphgefühl, oh yeah.

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Das fasst schon auf der kurzen Strecke zusammen, warum ich Henscheid unter den verdienstvollen Recken der Neuen Frankfurter Schule immer am wenigsten mochte — was mein Problem ist, nicht seins: „spezifische Gestimmtheit“, „das im Sinne der ganz besonderen und unwiederbringlichen, allerdings offenbar im Gedicht doch revozierbaren Eichendorff-Heidelbergischen Romantik aufgebrochene und entfesselte Menschheitsgefühl“, und „beidemale vernehmlich in Sonderheit im bangfrohen Pochen der Pauken“, also bitte mal; ich hoffe inständig, aus alter Befangenheit nur blind für Henscheids Selbstironie zu sein.

Dabei ist gerade er mit seinen Feldzügen gegen das Dummdeutsche, die das „publizistische Scharmützel“ (Wolfgang Heubisch, FDP, 2009) nicht scheuen, einer der verdienstvollsten Neuen Frankfurter, dazu — siehe oben — mit hoher Affinität zur deutschen Romantik, und als gebürtigem Amberger sollte ich ihm eigentlich persönlich nahe stehen. Eigentlich. Aber noch eigentlicher kommt man — siehe noch weiter oben — eben nicht um ihn herum. Jedenfalls hat er die richtigen Fans: Ebenjenem Gustav Seibt, von dem ich nicht wenig halte – endlich mal ein Journalist, der sich im richtigen Thema richtig auskennt —, gilt Henscheids „unvergleichliche Leistung des Humors“ geradezu als „Henscheidsche Wende in der deutschen Nachkriegsliteratur“. Alle Achtung. Sag ich ja, dass es mein Problem ist, nicht seins.

Außerdem hat Gustav Seibt seinerseits Facebook-Follower, die sich zu etwas gehaltvolleren Kommentaren herbeilassen als „lol“, „ggg“ oder „This.“ Zu seiner Auslassung über Aus der Heimat hinter den Blitzen rot unter anderem:

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017Niemand deliriert schöner als Jean Paul und sein Erbe Henscheid.

Die einen sagen so, die andern so. Siehe oben.

Schön auch Henscheids Wandergedicht im postromantischen Eichendorff-Sound samt Heine’scher Brechungen!

Danach Henscheids Wandergedicht als Telephonphotographie. Siehe unten (das Gedicht, nicht das Handyfoto).

Vielleicht könnte der Verlag ja einfach den Soundtrack als CD (oder als Playlistlink, für die jüngeren unter uns) beilegen?

Auch gute Idee. Der Soundtrack zu einem Buch als Spotify-Playlist wäre nicht das Dümmste, was ich je angelegt hätte.

Fangen wir an mit den Textbelegen: Soll Henscheid meist verdeckt Literatur- und Opernzitate in seine Texte einmontieren, ist das „künftige große Glück“ in der Vorlage Eichendorff recht eindeutig zuzuordnen:

——— Joseph von Eichendorff:

Schöne Fremde.

1837:

Es rauschen die Wipfel und schauern,
Als machten zu dieser Stund‘
Um die halbversunkenen Mauern
Die alten Götter die Rund‘.

Hier hinter den Myrthenbäumen
In heimlich dämmernder Pracht,
Was sprichst du wirr wie in Träumen
Zu mir, phantastische Nacht?

Es funkeln auf mich alle Sterne
Mit glühendem Liebesblick,
Es redet trunken die Ferne
Wie von künftigem großen Glück! —

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Die gleiche Lage besteht beim „Mondesglanz“:

——— Joseph von Eichendorff:

Frühlingsnacht

1837:

Übern Garten durch die Lüfte
Hört ich Wandervögel ziehn,
Das bedeutet Frühlingsdüfte,
Unten fängts schon an zu blühn.

Jauchzen möcht ich, möchte weinen,
Ist mirs doch, als könnts nicht sein!
Alte Wunder wieder scheinen
Mit dem Mondesglanz herein.

Und der Mond, die Sterne sagens,
Und in Träumen rauschts der Hain,
Und die Nachtigallen schlagens:
Sie ist Deine, sie ist dein!

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Ein gedeihlicher Fund war mir Henscheids Wandergedicht. Das lässt einen fast schon mit allen Ressentiments brechen, schon gar mit den hässlich grundlosen wie denen gegenüber dem Oberpfälzer Nachkriegsliteraturüberwinder und -wender Henscheid:

——— Eckhard Henscheid:

Vorfrühling im Sulzbacher Land

vor 2008:

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017Wer auf den Wogen schritte
von lindem frischem Grün;
wer über Hügel glitte,
wo Anemonen glühn;

Wem recht die Brust sich dehnte
vom sanften Lau des März;
wer in den Hain sich sehnte:
dem blümt jetrzt Aug‘ und Herz.

Rings sich die Wiesen weiten,
und blau am Firmament
Düfte in Schaum sich kleiden
von Wolken – und man wähnt

Heut‘ schon Karfreitag gekommen,
diesig unde bräsig – das Warten
auf Ostern, freudvoll beklommen:
des Schmauses im Prohofer Garten.

Zwei Herren streichen für sich hin
– es lümmelt ein Lufthauch, ein warmer – :
der eine im Polohemd, Krauskopf, Bluejean,
der and’re sieht aus wie ein sehr kleiner Farmer.

Löwenzahn knistert, Schwalbe girrt;
Buschwind fährt sachte durchs Röschen;
voll in die Landschaft ist integriert
des Farmers grasgrünes Höschen.

Igelchen raschelt im laubigen Blatt,
froh des erwachten Gewandels –
fern dröhnt das Lärmen der staubigen Stadt,
Zentrum des Teppichhandels.

Zwei Herren dackeln übers Land
in trautem Plausch – zwei Bekannte –,
und zwischen ihnen pendelt gewandt,
Wenzi, die Hundetante.

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Eine Herausforderung ist der Soundtrack als Playlist in einer Aufzählung, die sogar die Einspielungen unterscheidet. Der Bestand aus Seibts Ausschnitt heißt uns für den Anfang zu Robert Schumann und Felix Mendelssohn eilen:

  1. Felix Mendelssohn Bartholdy: Violinkonzert e-Moll, opus 64, 1844,
    live mit Hilary Hahn:

  2. Felix Mendelssohn Bartholdy: Ein Sommernachtstraum, opus 61, 1842, Elfenreigen,
    live auf dem Münchner Odeonsplatz:

  3. Robert Schumann: Schöne Fremde, aus: Liederkreis, opus 39, 1840/1842,
    Probenmitschnitt einer Meisterklasse unter Dietrich Fischer-Dieskau:

  4. Robert Schumann: Frühlingsnacht, aus: Liederkreis, opus 39,
    wie von Henscheid empfohlen von Jessye Norman:

Das war aus einer einzigen Druckseite, auf der ein musikalisch beschlagener Satiriker Vertonungen mit Eichendorff-Bezügen anzitiert, die ein bedeutender Feuilletonist mit Henscheid-Bezügen anzitiert. Nicht auszudenken, was auf den restlichen 175 Seiten der Heimat hinter den Blitzen rot noch alles gespielt wird.

Tina Sosna, Ricarda, Silja, Julia. Lacustrine, 2017

Vorfrühlingsbilder: Tina Sosna: Ricarda, Silja, Julia. La(u)custrine, 2017.

Bonus Track: My Bubba & Mi: Through & Through, aus: Wild & You, 2011:

Written by Wolf

13. März 2020 um 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Romantik

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