Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Das Leben

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Ludwig Hirsch ist am 24. November 2011 gestorben.

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00.58 Uhr ab Nürnberg. Schwein gehabt, ich dachte, der letzte Zug wäre schon 23.35 durch. Der allerletzte ist zwar kein ICE, aber München keine Weltreise.

Ich bin erledigt. Soll das mein Job sein, Hausbesuche in ganz Bayern zu machen? Herrschaften, ich bin Texter, kein fliegender Bibelverkäufer! Aber das Werbeatelier zahlt ganz anständig. Nächster Halt Schwabach. O je, die leeren unterwegs die Briefkästen.

Treuchtlingen.

Ich döse.

Ich wache auf.

Immer noch Treuchtlingen.

Das Licht im Abteil ist aus. Ich schaue mich um. Alles finster. Und warum sitzt außer mir überhaupt kein Schwanz mehr drin?

In der Ferne glimmt der Bahnhof Treuchtlingen vor sich hin. Haben die Hallodris meinen Waggon auf ein Abstellgleis gezogen und versäumt, den letzten Fahrgast zu wecken. Die Türen haben sie auch zugerammelt. Ich drücke und schiebe und stemme an der Hydraulik, bis sich die Tür weit genug öffnet, dass ich mich durchquetschen kann. Als Andenken ein paar Streifen Wagenschmiere, ich verknackse mir beim Sprung in den Schotter leicht den Knöchel.

Leise fluchend stolpere ich auf dem Gleis Richtung Bahnhof. Sternenhimmel, alles still. Nicht einmal Wind rauscht. Es gibt Formen von Romantik, um die sich kein Mensch reißt.

Am Bahnsteig konsultiere ich eine Abfahrtstafel, die sie praktischerweise die ganze Nacht beleuchten. Tatsache: Der letzte Zug aus Nürnberg endet hier – werktags außer Samstag. Der erste Richtung München fährt 6.50 Uhr – an Sonn- und Feiertagen. Einmal mehr erhebt sich die Menschheitsfrage: Kann man in Treuchtlingen etwas anderes machen als umsteigen?

Treuchtlingen ist berühmt für seine maurische Basilika, den gotischen Invalidendom, eine postmoderne Autobahnkapelle oder was weiß ich, aber bestimmt nicht für sein pulsierendes Nachtleben. In Nürnberg hätte ich mich wenigstens mit einem freundlichen Berber gegenseitig bedauern können, dass keine Bratwurstbude mehr offen hat. Ich strebe in eine Richtung, die einen bebauten Euindruck macht, und versuche es positiv zu sehen: Es könnte regnen. Außerdem bin ich Schreiber und muss gelegentlich in Abgründe blicken dürfen.

Ein hübsches Städtchen. Alles geboten, was der Mensch braucht: Bäckereien, Cafés, Apotheken, Zahnarzt- und Fuß- und Nagelpflegepraxen, sogar ein paar Straßenlaternen. Und eine brave Einwohnerschaft, die sich an die Nachtruhe hält. Nur in einem Wohngebiet des traditionellen Arbeitermilieus steht tatsächlich ein kleiner Schwarzhaariger vor einem mehrstöckigen Backsteinbau und raucht eine Zigarette. Vielleicht Araber.

„Gott zum Gruß, Herr Nachbar“, sag ich.

„’kum salah“, lächelt er und nickt mir zu.

„Hat in der Gegend noch was offen?“ frage ich zaghaft.

Er lacht auf: „Ja, schaust du, hier!“ und weist in die offene Tür neben sich.

Es sieht nicht aus wie eine öffentliche Gaststätte, aber wie war das mit den Abgründen? Ich danke für die freundliche Einladung, er zeigt mir eine Reihe schimmernder Beißerchen unter seinem Schnurrbart.

Im Treppenhaus blättert ein Abstelltischchen, rostet ein Fahrrad, verrottet das Geländer. Graffiti an der Wand. Ich folge einem Stimmengewirr und südamerikanischer Tanzmusik, die aus dem zweiten Stock zu kommen scheinen. Es kommt aus dem vierten.

Die Tür steht offen, buntes Volk lehnt im Rahmen und die ganzen Korridorwände entlang. In allen Zimmern, die ich einsehe, stehen, sitzen und lümmeln Leute aller Farben, Formen und Nationen. Trinkend, rauchend, essend, in Gespräche versunken, einige in orientalischem Stil herausgeputzt, andere in Lumpen. Musik und Gelächter. Ein gesellschaftliches Ereignis.

Ich tue, als ob ich jemand Bestimmten suchte, und streife mir dabei in der Enge die Jacke ab. Niemand fragt, wer ich sei, alle sind höflich und machen mir Platz. Wunderschöne, glutäugige Frauen lächeln mich entwaffnend an.

Ich entdecke einen Kasten Bier und fische mir eine Flasche heraus. Jemand bietet mir von der Seite einen Flaschenöffner an, wir stoßen an. Das eisige Bier sackt mir ohne Umweg in die Beine.

Wo ich stehe, nehme ich Platz auf dem Bierkasten. Die Gruppe neben mir unterhält sich in einem sich selbst ständig neu erfindenden Gemisch aus Deutsch, Englisch und etwas Romanischem über Strömungen im europäischen Kinofilm.

Bei Gelegenheit frage ich eine hochgewachsene Adlernase mit Lucky-Luke-Tolle, die sich etwas geschlaucht an einem Cocktailglas festhält: „Was wird denn überhaupt gefeiert?“

Sofort richtet der Mensch sich auf, breitet die Arme samt Cocktailglas aus, ein Leuchten im Gesicht: „Des Leebm!“

Betont retroflexes L, sehr langes geschlossenes e in einem ohne Anstrengung dröhnenden Bass – eindeutig Österreicher. Die Antwort sagt mir zu, der Mensch auch. Ich verbrüdere mich mit ihm. Durch kurzes Umdrehen zieht er drei surreal schöne Damen hinzu. Wir „kaufen“ uns jedes noch ein Bier und feiern: das Leben.

Mir war nicht klar, dass ich so gut Portugiesisch und Griechisch kann, sogar einige Phrasen Hebräisch. Ich trinke Bier aus Treuchtlingen und knabbere Kekse, die nach Leder schmecken.

„Wie bringt ihr das eigentlich immer so souverän hin, von rechts nach links zu reden?“ frage ich die Hebräerin.

„Du brauchst österreichische Wurzeln“, sagt sie. „Ein halbes Jahrtausend Habsburgerherrschaft und ein Wiener Kongress, und du kannst gar nicht mehr vorwärts.“

„Galizien tut’s auch“, sagt die zweite. „Vor allem Galizien“, die dritte.

„Wenn irgendwas wirklich vorwärts geht“, sagt die Adlernase, „gibt’s kein Zurück. Wie bei einer chemischen Reaktion. Vor und wieder zurück, dafür brauchst du einen Abbau. Im Makro-Leben ist das halt schwer.“

Irgendwann steht ein kohlrabenschwarzer Krauskopf mit Anzug ohne Krawatte mitten im Raum und deklamiert Brecht. Bei der Stelle „Ja, mach nur einen Plan“ schießt zum letzten Mal in dieser Nacht meine Zugfahrt durch den Sinn. Wir lauschen. Und applaudieren. Danach stellt sich ein alternder Jude, der wie Leonard Bernstein aussieht, an die Stelle und kündigt an: Gedichte von Khalil Gibran. Niemanden wundert’s. Auf einer Matratze im Eck wälzen sich zwei kurzhaarige, nordisch aussehende Mädchen und üben Zungenküsse. Vor dem Klo hat sich eine Schlange gebildet. Sie erzählt sich Witze und feuert den jeweiligen Insassen an. Zwei Zimmer weiter hat jemand eine Bongo aufgetrieben, jemand anders greift sich zwei Suppenlöffel und klappert Synkopen dazu. Eine kleinformatige Montserrat Caballé reicht eine sehr dicke Zigarette herum, die süßlich duftet. Ich kann nicht nein sagen. Die Kekse schmecken immer noch scheiße, aber es macht nichts.

Ich bekomme Gedankenrasen und rede offenbar in brillanten Zungen, weil die Leute um mich herum sich stark begeistern und schließlich sogar um mich kreisen. Mein Karussell bremst, als mein Blick das Muster auf den Cowboystiefeln der österreichischen Adlernase einfängt. Ich angle nach meinem Notizbuch, um die Linien mitzuschreiben. Umsonst, es muss in der Jackentasche sein. Als letztes kriege ich mit: „Wer Diavolo hat wohl die Haschplätzchen so hundskrawottisch dezimiert?!“

Ludwig Hirsch, Komm großer schwarzer Vogel, 1979, LP-RückseiteGeweckt werde ich von Leonard Bernstein. Er tätschelt mir väterlich die Hand und hat ein Glas Orangensaft dabei. „Ist schon sechs Uhr fünfzig?“ schrecke ich hoch.

„Langgä vorrbaj“, redet Leonard mir gut zu, „langgä vorrbaj“. Ich nippe Orangensaft. Die wunderschön herausgeputzten Mädchen sind alle verschwunden.

Ich finde meine Jacke. Am Ärmel trocknen immer noch die Streifen Wagenschmiere, die Graffiti im Treppenhaus sind noch da. Unten vor der Tür steht der Araber und raucht.

„Und?“ grinst er, „war gut?“

Zur Antwort schlucke ich. Er lacht: „Sagen alle andere auch. Kommen gut nach Hause!“

Am Duft aus Bäckereien orientiere ich mich zurück zum Bahnhof, in den Cafés werkeln Abiturientinnen. Einmal schlage ich mich zum Pinkeln in einen offenen Garten. Irgendwann sagt ein Schild: „Bahnhofstraße“. Von weitem höre ich den Lautsprecher: „… fährt in wenigen Minuten ein: der ICE 1615 in Richtung München.“

Während am Bahnsteig der Zug an meiner Nase entlang donnert, treffe ich die Adlernase aus Österreich. Er erkennt mich.

„Sog“, sagt er in seinem samtigsten Bass, „host du grod auf dem Festl a CD vom Ludwig Hirsch mitgnomma?“

Ich beteuere, das CD-Klauen hätte ich mir schon vor zwanzig Jahren auf vielfachen Wunsch abgewöhnt.

„Dann nimmst die do“, zieht er die Komm, großer schwarzer Vogel aus der Manteltasche, drückt sie mir in die Hand und stiefelt davon, Richtung Speisewagen.

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Bild: Ludwig Hirsch: Komm, großer schwarzer Vogel, 1979 (LP) via Flohmarktheini.

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Written by Wolf

24. November 2013 um 00:01

Veröffentlicht in Novecento, Schall & Getöse

Eine Antwort

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  1. Mei, zwei Jahre ist das schon wieder her, dass der Ludwig gegangen ist… in a neuche Zeit, in a neuche Welt. Hab beim Großen schwarzen Vogel wieder lächelnd einzwei ehrliche Tränchen um ihn verdrückt. Und du setz heut deinen Hut auf, ja? Er hatte auch so einen…

    hochhaushex

    24. November 2013 at 02:59


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