Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Dreidreiviertel Arbeitstage oder Die CDs wechseln muss man schon

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Hörbuch Christoph Martin Wieland, Aristipp und einige seiner Zeitgenossen, Vollständige Lesung von Herausgeber Jan Philipp Reemtsma auf 24 CDs mit Begleitbuch, Hoffmann und Campe 2007, Exemplar der Stadtbibliothek München

Normalerweise ist es ein Graus, wenn angesichts neuer Klassikerausgaben, am schlimmsten im Vorfeld und Gefolge von Gedenktagen, betont wird, wie hochaktuell ein Klassiker doch noch sei und was er uns Heutigen noch zu sagen habe: Anpreisungen und Komplimente, in denen „noch“ vorkommt, sind Warnungen und Herabsetzungen.

Als Insel-Taschenbuch führt der Aristipp eher ein Backlist-Dasein um der Vollständigkeit willen, bei der Bibliothek Deutscher Klassiker können ihn sich sowieso nur gutsituierte Universitätsbibliotheken leisten, also niemand. Wurde das schon mal in Leder verkauft?

Als Hörbuch, das Hoffmann und Campe als Audiobook ausgeweist, ist es der Idealfall von einem Hörbuch (außer, dass es als „Audiobook“ ausgewiesen wird): Der Herausgeber hat es auch gleich eingesprochen, obwohl er kein ausgebildeter Sprecher ist — sondern Jan Philipp Reemtsma, der aus Hamburg kommt, wo die Leute von Geburt an so reden, wie man es sich für Hörbücher wünscht. Falls daran Zweifel aufkommen, hat er in dem ungewöhnlich informativen, kenntnisreichen und schmuck aufgemachten Beibuch seitenlang erklärt, warum manche Wörter so und nicht anders, als er es tut, ausgesprochen werden müssen; denn für Schreibweise und Betonung altgriechischer Transkriptionen sind zwischen anno 1800 bis 2007 kaum Selbstverständlichkeiten übrig geblieben.

Zusätzlich ist der Herausgeber auch der Kommentator: Der Artikel über den Aristipp, den Reemtsma 1996 für Interpretationen. Romane des 17. und 18. Jahrhunderts bei Reclam geschrieben hat, ist für dasselbe Beibuch überarbeitet und wiederveröffentlicht. Und sehr hilfreich.

Endlich bekommt man einfach mal das, was draufsteht: ein Buch vollständig vorgelesen und erklärt — und eben keine Hörspielbearbeitung, die nie den Ruch einer Pumuckl-Episode verlieren wird, und keine gekürzte, bestenfalls sogar autorisierte Lesung; autorisiert von wem auch? Von Wieland vielleicht? Entweder ist dieses Hörbuch ein Monument seines Mediums oder eine unerschöpfliche Einschlafhilfe.

Natürlich ist sowas vergriffen. Anfang November hab ich in Amazon.de nachgeschaut, da kostete die Box, die es 2007 im Buchhandel original für 99,95 Euro gab, gebraucht 538 — in Worten: fünfhundertachtunddreißig — Euro und ein paar zerquetschte Cents. Genau 1 Exemplar, das eine Woche später verschwunden war. Das wird also von geschäftsfähigen Menschen für ein halbes Monatsgehalt gekauft.

Bei mir ist zur Zeit das Exemplar der Münchner Stadtbibliothek für ein paar Wochen eingezogen. Muss man Medien der Stadtbibliothek eigentlich um jeden Preis ersetzen, wenn sie, mal ganz hypothetisch dahingedacht, mirum in modum verloren gehen? Die Wölfin meint ungestützt: Wär ja noch schöner.

Wieland ist mit seinem Aristipp nicht mehr fertig geworden, da fehlt das fünfte Buch. Das kommt, weil er nach eigenem Bekunden fünfzig Jahre gebraucht hatte, um ihn überhaupt anzufangen. Bei so einer Verzögerung kann einer schon mal über den ersten vier Büchern sterben. In denen geht es darum, dass Philosophie eine eigentlich wertlose Disziplin ist, die von allen anderen Disziplinen mühelos ersetzt wird.

Das wiederum kommt daher, dass Wieland weder der schwärmerischen Romanik angehört, die gleich Novalis Zahlen und Figuren verunglimpft, noch im eigentlichen Sinne der Klassik. Sondern der Aufklärung — als Philosophie noch kein eingeführtes Studienfach war. Philosophie war ab der griechischen Antike eine Denkweise innerhalb der Naturwissenschaften und ab dem Mittelalter ein Weg zum Beweis der Existenz Gottes. Ab den weltzugewandten Ansichten des Idealismus war sie unnötig.

Die Wölfin meint: „Ist doch gut? Wie topaktuell geht’s denn noch?“

Ich meine: „Richtig. Genau das hab ich gemeint.“

„Und auf welcher von den 24 CDs kommt das jetzt genau vor?“

„Und das … meine ich auch.“

„Hey, wir reden hier von geschlagenen dreißig Stunden Wortschwall, ohne Musik, ohne Bilder und ohne Pinkelpause.“

„Naja, die CDs wechseln muss man schon …“

„Dreißig Stunden, mein Bester! Das sind dreidreiviertel Arbeitstage! Weißt du, was man in dieser Zeit alles erledigen kann?“

„Und das hat Wieland gemeint.“

Bild: Hörbuch Christoph Martin Wieland: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen. Vollständige Lesung von Herausgeber Jan Philipp Reemtsma auf 24 CDs mit Begleitbuch, Hoffmann und Campe 2007, Exemplar der Stadtbibliothek München, Zustand November 2012.

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Written by Wolf

19. November 2012 um 06:54

Veröffentlicht in Aufklärung, Weisheit & Sophisterei

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