Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Goethes Kindergartenfutter

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Update zu Das Beste sind die Kartoffeln, lieber nicht zum
1. Katzvent: I should be stronger than weeping alone (und mit pragmatischen Messingdrähten zum Skelett zusammengeworfelt):

——— Goethe:

Eins wie’s andre

kein Anhaltspunkt zur Datierung, Erstdruck in der Ausgabe letzter Hand, Band 47, Cotta 1833,
in: Frankfurter Ausgabe, Gedichte Band 2, Seite 859:

Die Welt ist ein Sardellen-Salat;
Er schmeckt uns früh, er schmeckt uns spat:
Zitronen-Scheibchen rings umher,
Dann Fischlein. Würstlein, und was noch mehr
In Essig und Öl zusammenrinnt,
Kapern, so künftige Blumen sind —
Man schluckt sie zusammen wie Ein Gesind.

Cover Renate Hücking, Mit Goethe im Garten. Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit, Callwey 2013Wie schön, mit so einem prächtigen, rohen Findling von siebenzeiligem Gedicht einsteigen zu können. Vor langer Zeit hatte ich mal Urlaub. Das war die Gelegenheit, zwei aus der Goethezeit überlieferte Rezepte auszuprobieren, damit Sie es nicht müssen.

Überliefert sind beide Rezepte von Renate Hücking, auf den Seiten 21 und 22 ihrer Veröffentlichung Mit Goethe im Garten. Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit, Callwey 2013. Die zwei Seiten mit den Rezepten waren zufällig die ersten, die ich aufgeblättert hab, was auf eine größere Fülle schließen ließ, aber es bleibt bei den zweien. Das ist in Ordnung so: Auf diese Weise hat man eine überschaubare Auswahl sehr praktikabler und wahrscheinlich halbwegs gesunder Rezepte mit literarischem Bezug und regional beschaffbaren Ingredienzen.

——— Renate Hücking:

Frau Ajas Eierkuchen

aus: Mit Goethe im Garten: Inspiration und grünes Wissen aus den Gärten der Goethezeit,
Verlag Georg D. W. Callwey GmbH & Co. KR, München 2013, Seite 21:

Zutaten
4 alte Brötchen,
2 Esslöffel Schnittlauch,
1 Zwiebel,
40 g Butter,
7 Eier,
¼ l Milch,
1 Esslöffel Mehl,
100 g Speck,
Salz und Muskat

Die Brötchen würfeln, die Zwiebel schälen und fein hacken, den Schnittlauch fein schneiden. Alles zusammen in der Butter leicht rösten.

Eier, Milch und Mehl verquirlen und anschließend mit Salz und Muskat abschmecken. Die gerösteten Zutaten unterziehen. Den Speck in der Pfanne auslassen, die Teigmasse portionsweise dazu geben und auf beiden Seiten langsam ausbacken.

Kindheitsfutter ist sowieso immer das beste. Als Welpe musste man mir die Krautwickel immer aus dem Kraut auswickeln, was das Rätsel darum noch geheimnisvoller machte, warum man einwandfreie Hackfleischbatzen überhaupt erst in derlei grünliche Putzlumpenfetzen einwickeln musste. Im Franken meiner angeborenen dialektalen Ausrichtung heißt das Hackfleisch ohne Grünzeug drumrum Fleischküchle, mit Weißkraut, Mangold und bei den Honoratioren Spinat drumrum Krautwickel — die korrekte oberostfränkische Aussprache erspare ich uns. Aber nicht einmal im allzeit bratwursthaltigen Franken wäre jemand darauf verfallen, zu Hackfleischprodukten auch noch Bratwürste zu „reichen“. Im bis 1763 französisch besetzten Frankfurt am Main anscheinend schon.

An der Formulierung stört mich allein der unmotivierte Wechsel zwischen Imperativen und imperativ gemeinten Indikativen im Aktiv und Passiv, aber angesichsts der fertigen Laubfrösche ist das schon germanistische Zickerei.

——— Renate Hücking:

Laubfrösche — ein Gericht aus Kindertagen

ebenda, Seite 22:

Zutaten,
12 Mangoldblätter,
2 (altbackene) Brötchen,
1 Zwiebel,
2 Knoblauchzehen,
2 EL Butter,
1 Bund Petersilie,
2 Eier,
2 Zweige Liebstöckel,
300 g Hackfleisch,
Salz,
Pfeffer,
Pimentkörner,
½ l Gemüsebrühe

Die Mangoldblätter werden entstielt, gewaschen und mit kochendem Wasser überbrüht. Danach solten sie in eiskaltem Wasser abgeschreckt werden und gut abtropfen.

Für die Füllung wird die fein gewürfelte Zwiebel mit dem Knoblauch in Butter weich gedünstet — ohne sie zu bräunen. Die Brötchen in Wasser oder Milch einweichen und ausdrücken. Dazu gibt man die Eier, die gehackten Kräuter und das Fleisch. Alles sollte gut gewürzt und gründlich miteinander vermengt werden. Etwa ein Löffel dieser Masse wird auf ein Mangoldblatt gegeben und darin eingewickelt. Jetzt werden die „Laubfrösche“ mit Mehl bestäubt, in der Pfanne kurz angebraten und dabei vorscithgig gewendet. Zum Schluss mit Brühe auffüllen und die Wickel etwa 20 Minuten darin garen lassen.

Eine Variante: Die Blätter mit einer Masse aus 2 Eiern, Semmelmehl und frischen Gartenkräutern füllen, mit Mehl bestäuben und anbraten. Dazu werden Bratwürste gereicht.

Der vegetarische Praxistipp: Statt des schön bunten, aber etwas geradeheraus schmeckenden Mangolds je nach Saison lieber Spinatblätter hernehmen.

Der vegane Praxistipp: Champignons, an Feiertagen auch gern Austernpilze ergeben in gehäckseltem Zustand einen täuschend echten, sogar wohlschmeckenden Ersatz für Hackfleisch. Der örtliche Türke verkauft eine undurchschaubare, aber hochraffinierte Köfte-Gewürzmischung in allen Haushaltsgrößen, mit der kein Mensch mehr die Pflanzen- von den Kuh- und Schweineteilen unterscheiden kann. Pilze häckseln ist etwas aufwändiger als eine Packung Hackfleisch in die Pfanne fallen lassen, also kurz das große Messer nachschleifen und die Muffs auf die Ohren, das beflügelt. Nach meiner Erfahrung ist die Entsprechung für ein Pfund Hackfleisch innerhalb einmal Alert Today, Alive Tomorrow (1999) fertig. Für das ganze Festessen: Der Freischütz. Aber unter Carlos Kleiber, gell?

Marion Nickig, Baum im Herbst, via Helena Pivovar, Dichterfürst -- Gartenfürst, Callwey Blog 7. Oktober 2013

Bilder: Weil ich mich nie an die postmoderne Unsitte gewöhnen konnte, mein eigenes Essen abzulichten, wegen der arbeitsam eingefetteten Finger schon gar nicht während des Kochvorgangs, gibt’s nur das Buchcover und ein Beispiel für die schönen Illustrationen aus dem beschriebenen Buch, die beizubringen in der verregneten ersten Jahreshälfte 2013, wie in den Danksagungen beklagt, gar nicht so einfach war: Marion Nickig, via Helena Pivovar: Dichterfürst — Gartenfürst, Callwey Blog , 7. Oktober 2013.

Soundtrack: Theodor Shitstorm im Garten von Pogel und Marion (nicht Marion Nickel, nehme ich an):
Ratgeberlied aus: Sie werden dich lieben, 2018, mit der einzig richtigen Anweisung für Kochrezepte:

So weit meine Ratschläge, merk sie dir gut:
Es ist wichtig, dass man das exakte Gegenteil tut.

Der Text ist raffiniert genug für die volle Lautstärke und das Video für den Vollbildmodus:

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Written by Wolf

19. April 2019 um 00:01

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