Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

So herzerwärmend dreist

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Heinrich Heine, 13. Dezember 1797–17. Februar 1856: 215. Geburtstag.

„Ach du je“, meint die Wölfin, „und du musst es feiern, stimmt’s?“

„Was ein Mann tun muss“, sage ich entschlossen, „wenn es sonst niemand tut.“

Marc Charles Gabriel Gleyre, Der kranke Heinrich Heine, Bleistiftzeichnung 1851„Dann ist es ja gut, dass Heine dich hat.“

„Der Buchhandel tut’s jedenfalls nicht. Gernhardt hat’s getan, aber der ist inzwischen selber tot.“

„Gernhardt?“ überlegt die Wölfin, „den kenn ich. Auch eher aus der Zauselzunft, aber der hat doch immer gelebt?“

„Bis 2006. So schnell kann’s gehen.“

„Und der hat Heine gefeiert?“

„Sogar anhand eines Gedichts, das du auch kennst, Zur Teleologie.“

„Stimmt, hast du mir mal vorgelesen, weiß ich noch.“

„Seit wann erinnerst du dich an solche Zauselitäten?“

„War so schön süffig. Und ist ja dann noch ein recht schöner Abend geworden.“ Die Wölfin stemmt sich auf die Zehen, um mir einen Kuss auf den Mund heraufzureichen.

„Siehste. Gernhardt mag ihn auch.“

Hat ihn gemocht …“

„… und baut die Teleologie dermaßen um, dass man sogar noch was Neues lernt.“

„Sogar du?“

„Aber hallo. Mir war zet Be gar nicht klar, dass die Teleologie zur Matratzengruft zählt.“

„Mir schon, nachdem du’s vorgelesen hast …“

„So war das nicht gemeint.“

„Jetzt bin ich neugierig.“

——— Robert Gernhardt: XII. Er liest den späten Heine
in: Klappaltar, I. Linker Flügel: Lied der Bücher oder Juni mit Heine, 1998:

Robert Gernhardt, Klappaltar. Aufsteller Antikbuch24Augen hat uns zwei gegeben
Gott der Herr, daß wir erleben,
Wie das jahrelange Sterben
Heines Witz nicht konnt‘ verderben.
Augen gab uns Gott ein Paar,
Zu erkennen rein und klar:
Dieses Menschen Todesröcheln
Überstrahlte noch sein Lächeln.
Gott gab uns die Augen beide,
Daß wir schauen und begaffen,
Wie er jemanden erschaffen
Zu des Menschen Großhirnweide.
Jemand sonder Licht und Luft,
Der in der Matratzengruft
Lahm und leidend niederschrieb,
Was ihm noch zu sagen blieb.
Klagen, sicher, Flüche, freilich,
So verständlich wie verzeihlich,
Doch zugleich auch wunderbare,
Völlig losgelöste Sachen,
Teils zum Schaudern, meist zum Lachen,
Leichte Früchte schwerster Jahre:

„Gott gab uns nur einen Mund,
Weil zwei Mäuler ungesund“,
Schieb der Kranke unerschrocken
Und rät munter nachtarocken:
„Mit dem einen Maule schon
Schwätzt zuviel der Erdensohn.
Wenn er doppelmäulig wär,
Fräß und lög er auch noch mehr.
Har er jetzt das Maul voll Brei,
Muß er schweigen unterdessen,
Hätt er aber Mäuler zwei,
Löge er sogar beim Fressen.“

So was auf des Todes Schwelle
Hinzuschreiben auf die Schnelle
Ist so herzerwärmend dreist,
Weil es zweierlei beweist.
Erstens: Vor der letzten Nacht
Hat sich’s noch nicht ausgelacht.
Zweitens: Wahrer Dichtermund
Tut noch sterbend Wahrheit kund.
Heine bleibt dabei unfaßbar:
Spielt den Wachtmeister, den Kasper,
Spielt die Grete, spielt den Drachen,
Spielt den Starken, spielt den Schwachen,
Spielt den Herrgott, spielt den Teufel,
Macht in Glauben, macht in Zweifel,
Spielt und macht: So, wie er lebte,
Jauchzte, liebte, haßte, bebte,
Lachend litt und schreibend fühlte,
Also starb er. Nie erkühlte
Trotz der jahrelangen Leiden
Heines Doppelliebe. Beiden
Hielt er unbedingt die Treue
Ohne Zweifel, ohne Reue:
Den Geschwistern Witz und Wahrheit
Alias Helligkeit und Klarheit.
Heines Witz erhellt noch heute.
Heines Wahrheit klärt noch. Leute!
Diesen Mann zu ehren heißt,
Daß man eignen Witz beweist.

Gott gab uns zwar nur ein Hirn,
Doch dies Hirn beschützt die Stirn.
Ergo mangeln den Geschöpfen
Keine Bretter vor den Köpfen,
Und vor solchem Bretterwesen
Schützt verschärftes Heine-Lesen.
Jede Seite macht vom Brett
Einen Millimeter wett,
So daß auf dem Sterbebette
Der den vollen Durchblick hätte,
Der beizeit so klug gewesen,
Beispielsweise dies zu lesen:

„Was dem Menschen dient zum Seichen,
Damit schafft er seinesgleichen.
Auf demselben Dudelsack
Spielt dasselbe Lumpenpack.
Feine Pfote, derbe Patsche,
Fiddelt auf derselben Bratsche,
Durch dieselben Dämpfe, Räder
Springt und singt und gähnt ein jeder,
Und derselbe Omnibus
Fährt uns nach dem Tartarus.“

„Auf dem Sterbebett endlich den vollen Durchblick haben. Sehr erstrebenswert. Ist das so ein Männerding oder ein Symptom?“ fragt die Wölfin.

„Jeder wie er kann.“

„Lang soll er leben, der Heine“, sagt die Wölfin.

„Wollt ich auch sagen.“

Bilder: Marc Charles Gabriel Gleyre: Der kranke Heinrich Heine, Bleistiftzeichnung 1851;
Antikbuch24.

Matratzengruft: Marguerite Gisele: Rosarot, 22 November 2012.

Marguerite Gisele, Sleepy, 22. November 2012

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Written by Wolf

13. Dezember 2012 um 00:01

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