Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Feine Pfote, derbe Patsche

with one comment

Die Wölfin und ich liegen mitsammen zu Bette und treiben, was wir dort mit Vorliebe treiben: ein Buch lesen.

„Was liest’n da?“ fragt die Wölfin.

„Heine“, sag ich.

„Du mit deinen ganzen alten Zauseln. Kennst du die Lorelei nicht bald auswendig?“

„Doch, die Loreley schon — nur echt mit dem e-ypsilon am Schluss. Und mehr als die Harzreise hast du aus den Reisebildern bestimmt nicht mal in der Schule durchgenommen.“

„Ächz“, sagt sie. Ihre Comicsprache ist vorsätzlich.

„Das ist Band 6/I der Hanser-Gesamtausgabe von Klaus Briegleb, also zeig mal etwas Respekt bitte.“

„Stöhn“, setzt sie drauf.

Ich hebe den Blick aus dem Buch.

„Nicht was du denkst“, sagt sie. „Hopphopp, lies mir doch mal was Respektgebietendes vor.“

Ich blättere. „Zur Teleologie, wie wär’s?“

„Zur was? Na gut, whatever.“

Zur Teleologie

Beine hat uns zwei gegeben
Gott der Herr, um fortzustreben,
Wollte nicht, daß an der Scholle
Unsre Menschheit kleben solle.
Um ein Stillstandsknecht zu sein,
Gnügte uns ein einzges Bein.

„Echt, das soll Heine sein? Nicht Wilhelm Busch?“

„Siehste. Soviel weißt du aber von der Loreley, dass man Heine auch ohne Germanistikstudium liebhaben kann.“

„Ist ja gut, ich glaub’s dir ja, du Liebhaber.“

Augen gab uns Gott ein Paar,
Daß wir schauen rein und klar;
Um zu glauben was wir lesen,
Wär ein Auge gnug gewesen.
Gott gab uns die Augen beide,
Daß wir schauen und begaffen
Wie er hübsch die Welt erschaffen
Zu des Menschen Augenweide;
Doch beim Gaffen in den Gassen
Sollen wir die Augen brauchen
Und uns dort nicht treten lassen
Auf die armen Hühneraugen,
Die uns ganz besonders plagen,
Wenn wir enge Stiefel tragen.

Die Wölfin hebt ein Bein aus ihrer Bettdecke hervor, henkelt es in der Luft herum, schnipst mit den Zehen und begutachtet ihre Schenkelrasur vorne und hinten.

„Enge Stiefel“, sinnt sie. „Wenn Gott gewollt hätte, dass wir enge Stiefel tragen, hätte er uns dann barfuß erschaffen?“

„Dich nicht“, sag ich und betrachte verliebt ihr Bein von unten bis oben.

Mit der Wölfin ist es so: Ihre schönsten Stellen fangen mit Z an. Ihre Zähne sind reines Perlmutt, ihre Zehen rosenreine Elfenglieder. Sie hört es nicht gern, aber sie weiß es, darum bringt sie trocken einen Insider unter:

„Zausehaare.“

„Ein Wunder angesichts der Stellen, an denen du rasiert bist.“

„Jedenfalls gründlicher als du“, sagt sie, „fühl mal.“ Sie schnappt sich meine Hand und führt sie ihren Schenkel entlang.

Gott versah uns mit zwei Händen,
Daß wir doppelt Gutes spenden;
Nicht um doppelt zuzugreifen
Und die Beute aufzuhäufen
In den großen Eisentruhn,
Wie gewisse Leute tun –
(Ihren Namen auszusprechen
Dürfen wir uns nicht erfrechen –
Hängen würden wir sie gern.
Doch sie sind so große Herrn,
Philantropen, Ehrenmänner,
Manche sind auch unsre Gönner,
Und man macht aus deutschen Eichen
Keine Galgen für die Reichen.)

„Oha. Da zündelt wieder einer mit der Zensur.“

„Gut aufgepasst. Wann er das genau geschrieben hat, weiß keiner, da hat er sich sogar gleich selber zensiert. Muss aber nach 1845 gewesen sein, also jedenfalls Spätwerk.“

„Wie alt ist Heine eigentlich geworden?“

„1797 bis 1856.“

„Oh, keine sechzig. Steinalt sieht anders aus. Todesstrafe oder Hungertod?“

„Syphilis.“

„Für Geschlechtskrankheiten ist 59 wiederum recht junggeblieben.“

„Eben. Dabei hat er seine erste Gesamtausgabe erst 1863 gekriegt. Die Teleologie war sogar erst 1912 ungekürzt gedruckt, davor immer nur einzelne Strophen. Die harmlosen.“

„Harmlose hat das auch?“

„Wie man’s nimmt. Heine ist eigentlich wegen der Redefreiheit nach Paris ausgewandert. Und nicht, um sich bei den Coquotten sonstwas einzufangen.“

„Wenn er auch immer solche Dinger krachen lässt …“

Gott gab uns nur eine Nase,
Weil wir zwei in einem Glase
Nicht hineinzubringen wüßten,
Und den Wein verschlappern müßten.

„Das erfindest du jetzt!“ ruft die Wölfin. „Nie im Leben steht da ‚verschlabbern‘!“

„Doch“, sag ich, „mit Doppel-p. Da, schau.“ Ich halte ihr die Buchseite hin und lege den Finger auf ‚verschlappern‘.

Die Wölfin kann es nicht fassen.

Gott gab uns nur einen Mund,
Weil zwei Mäuler ungesund.
Mit dem einen Maule schon
Schwätzt zu viel der Erdensohn.
Wenn er doppeltmäulig wär,
Fräß und lög er auch noch mehr.
Har er jetzt das Maul voll Brei,
Muß er schweigen unterdessen,
Hätt er aber Mäuler zwei,
Löge er sogar beim Fressen.

„Yeah, Rock ’n‘ Roll, Alter!“ Die Wölfin lacht sich kaputt.

„Trefflich formuliert. Der Mann lässt echt nichts aus.“

„Stimmt. Ist das unter irgendwas gesammelt? Bestimmt nicht unterm gleichen Kapitel wie deine Loreley, oder?“

„Keine Spur, das Buch der Lieder war Frühwerk, da konnte er sich noch halbwegs in Deutschland blicken lassen. Die Teleologie steht meistens unter ‚Vermischtes‘.“

„Pf, vermischt. So eine Systematik kann ich auch.“

„Kannst du nicht. Du würdest nicht mal merken, dass es eine Langversion überhaupt gibt. Das geht nur übers Manuskript, du hättest bestimmt nur in der jeweils letzten Druckversion nachgeschaut.“

„Welchselbiges Manuskript bis dahin genau wo rumgeflattert ist?“

„In den Giftschränken der Literaturwissenschaft. Meistens ist sowas dann das Archiv einer Unibibliothek.“

„Klar, wo sonst. Führst du auch einen Giftschrank?“

„Sicher. Ich nenne ihn Bücherregal.“

„Dann verzeih meine Präpotenz.“

„Gern geschehen. Neuerdings steht’s immer unter ‚Zeitgedichte‘. Hier im Briegleb zum Beispiel.“

„Also mit dem mehr Blick auf die Kapitalismuskritik als auf die Schulbubengaudi.“

„Und den Gedanken der Teleologie bei Hegel.“

„Teleologie, Teleologie …“

„Zielgerichtetheit.“

„Hab ich doch gesagt.“

„Die Überschrift ist gar nicht von Heine, beiläufig.“

„Och? Sondern von wem?“

„Adolf Strodtmann.“

„Ächz, stöhn, jaul, Jammer, Not!“

„Der mit der ersten Gesamtausgabe.“

„1863.“

„Yeah, Rock ’n‘ Roll.“

Mit zwei Ohren hat versehn
Uns der Herr. Vorzüglich schön
Ist dabei die Symmetrie.
Sind nicht ganz so lang wie die,
So er unsern grauen braven
Kameraden anerschaffen.
Ohren gab uns Gott die beiden,
Um von Mozart, Gluck und Hayden
Meisterstücke anzuhören –
Gäb es nur Tonkunst-Kolik
Und Hämorrhoidal-Musik
Von dem großen Meyerbeer,
Schon ein Ohr hinlänglich wär! –

„Au weh. Die muss ich nicht alle kennen, oder?“

„Die kennst du alle, außer Meyerbeer.“

„Gut genug, um zu wissen, dass Haydn sich ohne e hinten schreibt.“

„Schon okay, das sollte reichen.“

„Und was, meint Heine nochmal, soll sich da auf ‚Tonkunst-Kolik‘ reimen?“

„‚Hämorrhoidal-Musik‘.“

„Na! Aber nur ausnahmsweise.“

„Was lernen wir daraus? Wölfin?“

„Dass Heine Meyerbeer nicht mag?“

„Richtig und gut. Und dass um 1850 ‚Kolik‘ noch auf der Ultima betont wurde, wie ‚Musik‘.“

„Oder dass er mit seinem Gedicht bald fertig werden wollte.“

„Wieder richtig. Das lässt du im Literaturseminar aber lieber weg.“

„Was reimt sich dann auf ‚anzuhören‘?“

„…“

„Ja, hab ich mir schon gedacht …“

„Anscheinend wollte er da langsam zum Höhepunkt kommen.“

„Bitte??“

„Zum unterdrückten Finale. Fertig werden, wie du sagst.“

„Wer unterdrückt denn sowas? Dein Strodtmann?“

„Ja, der auch: ‚Der skabröse Schluß des Gedichtes ‚Zur Teleologie‘ konnte hier aus Schicklichkeitsgründen nicht mitgeteilt werden‘, meint er. Alle bis Karl Schüddekopf.“

„Der von 1912?“

„Spickst du?“ Ich verstecke die Buchseite vor ihr.

„Nein, ich bin nur eine aufmerksame Zuhörerin.“

„Je nach Thema.“

„Das musst du sagen!“ Sie boxt mich unter der Bettdecke mit dem Knie. Ich fange ihr Bein mit gedankengeschwindem Griff ein und behalte es in der freien Hand. Sie lässt es geschehen.

„Oh là là, piquant, piquant“, strahlt sie mir ins Gesicht und schmiegt sich meine Seite entlang. Mir fällt noch einmal kurz ein, wie sehr ich ihre Zähne und ihre Zehen mag.

„Nein, skabrös, skabrös“, antworte ich.

„Das sowieso.“ Unter unserer Decke wippt sie erwartungsvoll mit dem Fuß.

Als zur blonden Teutolinde
Ich in solcher Weise sprach,
Seufzte sie und sagte: Ach!
Grübeln über Gottes Gründe,
Kritisieren unsern Schöpfer,
Ach! das ist, als ob der Topf
Klüger sein wollt als der Töpfer!
Doch der Mensch fragt stets: Warum?
Wenn er sieht, daß etwas dumm.
Freund, ich hab dir zugehört,
Und du hast mir gut erklärt,
Wie zum weisesten Behuf
Gott den Menschen zwiefach schuf
Augen, Ohren, Arm‘ und Bein‘,
Während er ihm gab nur ein
Exemplar von Nas und Mund –
Doch nun sage mir den Grund:
Gott, der Schöpfer der Natur,
Warum schuf er einfach nur
Das skabröse Requisit,
Das der Mann gebraucht, damit
Er fortpflanze seine Rasse
Und zugleich sein Wasser lasse?
Teurer Freund, ein Duplikat
Wäre wahrlich hier vonnöten,
Um Funktionen zu vertreten,
Die so wichtig für den Staat
Wie fürs Individuum,
Kurz fürs ganze Publikum.
Zwei Funktionen, die so greulich
Und so schimpflich und abscheulich
Miteinander kontrastieren
Und die Menschheit sehr blamieren.
Eine Jungfrau von Gemüt
Muß sich schämen, wenn sie sieht,
Wie ihr höchstes Ideal
Wird entweiht so trivial!
Wie der Hochaltar der Minne
Wird zur ganz gemeinen Rinne!
Psyche schaudert, denn der kleine
Gott Amur der Finsternis,
Er verwandelt sich beim Scheine
Ihrer Lamp – in Mankepiß.

„Teutolinde!“ ruft die Wölfin gedehnt, „ist das ein Name für einen Menschen?“

„Für einen deutschen Menschen weiblicher Herkunft ist Teutolinde ein sehr zulässiger Name.“

„Boah, da bin ich mit meinem doch noch ganz zufriedenstellend bedient.“

„Deinen Namen mag ich sogar gern.“

„Es hätte ‚Teutolinde‘ werden können! Sag mal, veröffentlichst du das alles in deinem Blogdingsda?“

„Selbstverständlich wirst du in meinem Weblog vorkommen. Ich komm ja auch vor, und du bist doch der beste Teil meiner bescheidenen Person.“

„Mit meinem Namen?“

„Ich sag: die Wölfin zu dir. Ist dir das genehm?“

„Geht so. Es gibt einen gewissen Sinn. Komm ich oft vor?“

„Gerade eben zum ersten Mal. Ich muss dich ja erst mal einführen.“

„Einführen. Gleich helf ich dir einführen.“

„O ja, gern. Darf ich noch zu Ende vorlesen?“

„Mach ruhig, ich hab heut nix Besonderes mehr vor.“

Also Teutolinde sprach,
Und ich sagte ihr: Gemach!
Unklug wie die Weiber sind,
Du verstehst nicht, liebes Kind,
Gottes Nützlichkeitssystem,
Sein Ökonomie-Problem
Ist, daß wechselnd die Maschinen
Jeglichem Bedürfnis dienen,
Den profanen wie den heilgen,
Den pikanten wie langweilgen, –
Alles wird simplifiziert;
Klug ist alles kombiniert:
Was dem Menschen dient zum Seichen,
Damit schafft er seinesgleichen.
Auf demselben Dudelsack
Spielt dasselbe Lumpenpack.
Feine Pfote, derbe Patsche,
Fiddelt auf derselben Bratsche,
Durch dieselben Dämpfe, Räder
Springt und singt und gähnt ein jeder,
Und derselbe Omnibus
Fährt uns nach dem Tartarus.

„Ohhhhh! Lies das büddebüdde nochmal, das mit dem ‚Was dem Menschen dient‘.“

„Das war klar, dass dir sowas gefällt.“

„Wegen der Stelle hast du’s doch vorgelesen.“

„Und wegen dem ‚Omnibus‘.“

„Ja, stimmt: Heine kannte einen Omnibus?“

„Angewandte Poesie hat zuweilen auch etwas Visionäres.“

„Wende sie jetzt an, Wolf.“ Die Wölfin breitet die Arme aus, dass die Bettdecke von ihr gleitet und großflächig eine skabrös nackte Wölfin freigibt.

„Mit dem Dudelsack?“

„Nein, du Lumpenpack. Mach bitte leise.“

„Mit dem einen Maule schon schwätzt zu viel der Erdensohn.“ Einhändig klappe ich das Buch zu und lege es unauffällig in sicherer Entfernung ab. Die Zunge der Wölfin schmeckt kühl, ihre Zausehaare kitzeln.

„Gefräßige Stille“, flüstert sie.

Brittney Bush Bollay, Skinny Legs and All, February 28, 2007

Beine hat uns zwei gegeben Gott der Herr: Nein, nicht die Wölfin.
Brittney Bush Bollay: Skinny Legs And All, 28. Februar 2007.

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Written by Wolf

18. September 2012 um 00:01

Eine Antwort

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  1. […] so schön süffig. Und ist ja dann noch ein recht schöner Abend geworden.” Die Wölfin stemmt sich auf die Zehen, um mir einen Kuss auf den Mund […]


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