Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Hört zu und berstet vor Langerweile

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Playlist zu Ich trinke ein Glas Burgunder!:

Sie fielen alle über mich her, da dacht‘ ich: nun so hört zu und berstet vor Langerweile.

E.T.A. Hoffmann: Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden, 1810.

Eigentlich wollte E.T.A. Hoffmann Musiker sein. Weder eine Saufnase noch gar ein Kammerjustizrat, zu welchen beiden er eher versehentlich, aus Not und unter Protest wurde, und selbst in die Rolle Geschichtenerzählers, mit der man ihn bis heute verbindet, musste er erst mehrere — von Anfang an erfolgreiche — Bücher lang hineinwachsen. Deshalb führte er in seine Prosa sein Alter Ego in Gestalt des Kapellmeisters Johannes Kreisler ein, das vom Früh- bis ins Spätwerk immer wieder bei Bedarf auftritt und dabei eine charakterliche und biographische Entwicklung durchläuft.

Der als arrivierter, mittelmäßig zufriedener Musikus im Kater Murr enden und uns darin sicher noch beschäftigen wird, fängt als glückloser Komponist in einer Salongesellschaft aus Musikdilettanten an, wenngleich schon im Range des Kapellmeisters, dem er über die Jahre verhaftet bleiben soll. In Johannes Kreisler’s, des Kapellmeisters, musikalische Leiden, dem ersten Kreislerianum der Fantasiestücke in Callot’s Manier. Blätter aus dem Tagebuche eines reisenden Enthusiasten, geschrieben ab 1810 und gedruckt 1814, das wir unlängst auf seinen alkoholischen Gehalt untersucht haben, kennt er sich mit Musik bedeutend besser aus als die von ihm missbilligten Salonlöwen. Ich gebe sein aktives und passives Repertoire möglichst detailliert wieder.

  • Mozart: Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen:
    Arie der Königin der Nacht, aus: Die Zauberflöte, 1791:

    Wir erleben die sopranistische Neuheit Patricia Petibon. Sie kann diese schwierigste aller gängigen Sopranarien noch nicht so gut wie die legendär souveränen Cristina Deutekom, Edda Moser oder Lucia Popp und neuerdings Diana Damrau; vielmehr sieht man ihr noch richtig an, wie sie fürs hohe F Anlauf nimmt — was bei ihr durchaus liebenswert wirkt, und man muss die legere, arbeitsame Atmosphäre der Aufnahme mögen.

  • Hebe sieh in sanfter Feyer:

    Hebe, sieh, in sanfter Feier ist ein Volkslied von Gottlob Adolf Ernst von Rostitz , 1798. Die Musik vom hochproduktiven, bis heute sehr präsenten Friedrich Silcher ist überliefert in F. H. Himmel: Deutsche Lieder am Klavier. Ein Neujahrsgeschenk an mein liebes Vaterland, Zerbst 1798. In dieser Komposition wurde das Lied beliebt in: Als der Großvater die Großmutter nahm, 1885. Der Text richtet sich an Hebe, die griechische Göttin der Jugend. — Das Lied steht leider nicht als Tonaufnahme online. Möchte — und kann — diesen Missstand jemand beheben?

  • Mozart: Ach ich liebte, war so glücklich:

    Arie der Constanze aus: Die Entführung aus dem Serail:

  • Ein Veilchen auf der Wiese stand: T.: Goethe, M.: Mozart, KV 476:

  • Gran dio:

    Dieser in gängiger Weise abgekürzte Textanfang kann eine Arie aus entweder Tancredi, Ernani oder La Traviata bezeichnen, die leider erst von 1813, 1844 und 1853 stammen. Das einzige verifizierbare Gran dio vor 1810 ist Mozart: Schlussarie mit Chor Lodi al gran Dio aus La Betulia liberata, KV 74c = 118 von 1771. Hoffmann erwähnt ein „Gran dio“ leider nur in der Manuskriptversion seines Kreislerianums, die nur als erweiterte Anmerkung in der Gesamtausgabe erscheint und deshalb nicht mit ihrerseitigen Anmerkungen versehen ist. Wem also ein weiteres Gran dio auffällt, das Hoffmann 1810 schon kennen konnte, soll nicht schweigen.

  • Joseph Gelinek: Variationen:

  • Wenn mir dein Auge strahlet:

    Sehr populäres Duetto Nr. 7 aus Peter von Winter, Libretto von Franz Xaver Huber: Das unterbrochene Opferfest, heroisch-komische Oper mit gesprochenen Dialogen in 2 Akten, 1796, 1. Akt. Handelnde Personen sind die Inka-Prinzessin Myrha und der Engländer Murnay. Nicht als Tonaufnahme online. Auch hier wieder: Könnte bitte jemand so freundlich sein?

    Wenn mir dein Auge strahlet,
    Ist mir so leicht, so gut;
    Und meine Wange malet
    Noch nie gefühlte Glut.

  • Bach: Goldberg-Variationen, BWV 988, natürlich mit Glenn Gould 1955:

Bonus Tracks: In den gekürzten Teilen erwähnt:

  • Gluck: Armide, Schluss: Le perfide Renaud me fuit:
    noch einmal mit Frau Petibon:

  • Mozart: Serbate, o Dei custodi.
    Erster Chor, 1. Akt, Nr. 5, aus La clemenza di Tito, KV 621, 1791:
    Einmal in kammermusikalischer Aufführung, etwa wie beim Hoffmann-Kreisler vorstellbar:

    und einmal in inszenierter Form mit Orchester unbekannter Herkunft:

  • Giovanni Paisiello: Nel cor mit non più sento:

    Hoffmann-Kreislers „Variatiönchen“ aus L’amor contrastato. Commedia per musica, später als La molinara auf einen Text von Giuseppe Palomba, 1789. Das Duettino Nr. 6 wurde oft für Klaviervariationen und Ausgangsmaterial zum Improvisieren verwendet, deutsch meistens als Mich fliehen alle Freuden, unter anderem von Beethoven 1796. Hoffmann dachte laut seiner Aufzeichnungen leider nicht an die Version von Beethoven, sondern Joseph Gelinek 1796, die nicht als Tonaufnahme online steht. Wir behelfen uns ersatzweise mit Beethoven in der Einspielung von Wilhelm Kempff 1964:

  • Mozart: 12 Vationen auf Ah, vous dirais-je, Maman, ce quit cause mon torument, KV 300e = 265, 1785:

    Damit Mozart sich noch im gesetzten Alter von 29 Jahren mit der Grundmelodie im ungefähren Schwierigkeitsgrad des Flohwalzers abgab, mussten schon noch einige Finessen dazukommen. Wie man Mozart einschätzen darf, nehmen wir an, dass er es als Heute wolln wir Hafer mähn, morgen wolln wir binden und eben nicht als Morgen kommt der Weihnachtsmann zum körpernahen Scherzen mit jungen Damen am Klavier verwendete. Moderne Dokumentierungen auf YouTube zeigen meist Klavieranfänger bei ihren ersten Erfolgen mit einem Mozart-Werk; populärpädagogische Facebook-Seiten fragen neckisch: „Did Mozart write ‚Twinkle, Twinkle, Little Star‘?“ — Yes, he did, somehow. Seine Durchdeklinierung des kindischen Gekaspers atmet eine gewisse verspielte Genialität.

  • Beethoven: Klaviersonate 25, op. 79, 1809:

    Beethovens letzte, die Hoffmann 1810 schon kennen konnte. Die in jeder Hinsicht größere Nr. 26 wurde erst 1811 gedruckt.

  • Die große Szene der Donna Anna:
    kann entweder Or sai chi l’onore rapire a me volse mit voraufgehendem Dialog (Atto I,13: Recitativo ed Aria No. 10) oder Crudele? Ah no, mio bene — Non mi dir, bell’idol mio — Forse un giorno il cielo ancora sentirà pietà di me (Atto II,12: Aria) bedeuten. Ich bringe beide in der jeweils interessantesten Aufnahme, die mir auffällt. (Und sollte ich hier jemals die unsägliche Anna Netrebko verlinken, erschieße mich bitte jemand.)


  • Die Variationen von Corelli:

    Damit kann Hoffmann-Kreisler ein recht umfangreiches Gesamtwerk von Arcangelo Corelli meinen, aber wenigstens in eindeutig feststellbarem Umfang. Was von Corelli unter „Variationen“ läuft, sind 12 Triosonaten da chiesa (Sonate a tre, Rom 1681), 12 Triosonaten da camera (Sonate da camera a tre, Rom 1685), 12 Triosonaten da chiesa (Sonate a tre, Rom 1689), 12 Triosonaten da camera (Sonate a tre, Rom 1694), 6 Sonate a tre op. post. (Amsterdam um 1714) und 12 Concerti grossi (Amsterdam 1714; Nr. 8, das bekannte Weihnachtskonzert in g-Moll). Als eigene Playlist, die man wie der Kapellmeister Kreisler mit seinem Burschen Gottlieb als Duett spielen kann, bringe ich sein Opus 1:

Das war jetzt ziemlich viel auf die Ohren. Es sind allesamt YouTube-Aufnahmen, die ich nicht verantworte, und die jeden Moment aus dem Internet — das entgegen gutgemeinten Warnungen vor sozialen Netzwerken eben doch alles mögliche „vergisst“ — verschwinden können. Wenn das passiert oder im Gegenteil: eine der fehlenden Dokumentationen doch noch auftaucht, bitte ich mich wohlwollend darauf aufmerksam zu machen. Ich versuche dann umgehend, die Playlist vollständig aktuell zu halten.

Sir Peter Lely, Two Ladies of the Lake Family, ca. 1660

Bild: Sir Peter Lely (Holland): Two Ladies of the Lake Family, ca. 1660, Öl auf Leinwand, Tate Gallery. Die linke Hand der linken dargestellten Dame hält einen Akkord auf der Gitarre fest, den sie offenbar mit der rechten Hand gleich anschlagen wird. Geschlagene Akkorde sind ein wichtiges Element in der Gitarrenmusik des 17. Jahrhunderts im Unterschied zur Lautenmusik, in der die Saiten hauptsächlich gezupft werden. In heutiger Praxis auf Saiteninstrumenten, die nicht mehr so penibel im Umgang mit Instrumenten wie Gitarren, Lauten, Banjos oder Ukulelen unterscheidet, wäre das der Unterschied zwischen „Schrumm-Schrumm“ und „Klimpern“.

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Written by Wolf

1. März 2015 um 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Schall & Getöse

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