Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Der bucher narr am narren schyff

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Hieronymus Bosch, Das Narrenschiff, ca. 1494-1510Sebastian Brant wurde an einem unbekannten Datum anno 1457 oder 1458 in Straßburg geboren. Vor 1492, als die Erde eine Scheibe war. Etwas anderes zu behaupten war entweder anhand der Bibel leicht zu wiederlegende Theorie oder todeswürdige Ketzerei.

1492 war das Mittelalter zu Ende, die Erde nachweislich eine Kugel und um einen ganzen Kontinent erweitert. Schon 1494 warf derselbe Sebastian Brant den ersten Buch-Bestseller in diese gar nicht mehr überschaubare, verunsicherte Welt. Diesmal war es kein frommes Werk zur Erbauung des Christenmenschen mehr wie etwa die letzte Anstalt zum Weltbestseller, das heilige Gedicht, nachmals die göttliche Komödie aus der päpstlichen Nachbarschaft nach 1307, diesmal war es schon ein Aufbegehren gegen menschliche Verfehlungen. Es war schon Satire — viele davon, formal sauber durchgehalten und ziemlich lange über dem Thema menschlicher Unzulänglichkeit verweilt. Durchaus noch christlich gläubig, und wehe, wenn es anders wäre, aber schon ohne das kindliche Vertrauen, dass es der Herrgott schon richten werde.

„Difficile est satiram non scribere.“ Das sagt Juvenal — aus christlicher Sicht ein Heide, der von Rechts wegen in der Hölle schmoren müsste, weil er nach Christus geboren wurde, die Frohe Botschaft mithin erkennen und es besser wissen konnte — weitere 1100 Jahre früher: Satiren zu schreiben ist dem Christ und Jud und Heid etwas zutiefst Innewohnendes. Beim offiziellen Eintritt in die Neuzeit versucht der Gastwirtssohn und Professor Brant, die Verrückten der Welt — nach dem verflossenen halben Jahrtausend entrinnt ihm immer noch niemand unter uns Fehlbaren — in eine Ordnung zu fassen, und setzt sie alle auf ein Narrenschiff, das die bewohnte und zivilisierte, die christliche Welt ist — neben der Welt als Theaterbühne oder wildem Urwald eine der langlebigsten Metaphern für das Treiben der Menschen.

Gleich im ersten Gedicht knöpft er sich seine eigene Person vor. Meine auch.

——— Sebastian Brant: Daß Narrenschyff ad Narragoniam. I. Von vnnutz buchern,
Johann Bergmann von Olpe, Basel 1494:

Johannes Geiler von Kaysersberg, Navicula sive Speculum fatuorum. Straßburg, 1510Das jch sytz vornan jn dem schyff
Das hat worlich eyn sundren gryff
On vrsach ist das nit gethan
Vff myn libry ich mych verlan

Von büchern hab ich grossen hort
Verstand doch drynn gar wenig wort
Vnd halt sie dennacht jn den eren
Das ich jnn wil der fliegen weren
Wo man von künsten reden dut

Sprich ich / do heym hab jchs fast gut
Do mit loß ich benugen mich
Das ich vil bucher vor mir sych /
Der künig Ptolomeus bstelt
Das er all bucher het der welt

Vnd hyelt das für eyn grossen schatz
Doch hat er nit das recht gesatz
Noch kund dar vß berichten sich
Ich hab vil bucher ouch des glich
Vnd lys doch gantz wenig dar jnn

Worvmb wolt ich brechen myn synn
Vnd mit der ler mich bkümbren fast
Wer vil studiert / würt ein fantast
Ich mag doch sunst wol sin eyn here
Vnd lonen eym der für mich ler

Ob ich schon hab eyn groben synn
Doch so ich by gelerten bin
So kan ich jta sprechen jo
Des tütschen orden bin ich fro
Danñ jch gar wenig kan latin

Ich weyß das vinu heysset win
Gucklus ein gouch / stultus eyn dor
Vnd das ich heyß domne doctor
Die oren sint verborgen mir
Man sæh sunst bald eins mullers thier

Narrenschiff: Hieronymus Bosch, ca. 1494–1510. Fragment des linken Flügels zu einem Triptychon;
Büchernarr: Johannes Geiler von Kaysersberg: Navicula sive Speculum fatuorum. Straßburg 1510.

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Written by Wolf

21. Juli 2013 um 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Renaissance

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