Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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Blumenstück 008: Zartes, weißes Knospenblümlein, hebe dein Herz

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Update zu Wer hätte da sich um Blumen bekümmert?,
Blumenstück 007: Das Blümchen, das dem Tal entblüht (wenn Krampf dir durch die Nerven glüht)
und Fruchtstück 0004: Der heil’ge Rhythmus in Verselein und Rimelein:

Der Lyrik des Postironismus hinterherspürend kann einem aufmerksamen Leser auffallen, wie rückständig sich eigentlich die Lyriker des Novecento gebärdeten: kein Reim und kein Rhythmus nicht aus Not, sondern als Ideal, der Inhalt nach beliebigen Kriterien in Verse aufgeteilt, und wenn gerade kein Inhalt zur Hand war, umso besser.

Sotane Ansicht klingt heute noch viel rückständiger, als Jörn Pfennig jemals war, aber von der umgekehrten Begeisterung, wie modern uns die alten Recken der wichtigen Jahrhunderte heute noch zu sagen haben, kommt auch nicht mehr Erkenntniswert ums Eck.

Veranschaulichen wir’s am vorgefallenen Beispiel: Auf die Überlegung konnte ich über dem Versuch verfallen, mir Rolf Dieter Brinkmann anzueignen – vorerst antiquarisch, nicht geistig –, und bin dann bei den Polymetern von Jean Paul hängen geblieben.

Was nämlich tut der Aufklärer, Klassiker und Romantiker in einem Jean Paul? Jean Paul geht her und erfindet und kultiviert die halblyrische Form des Streckverses oder Polymeters: rhythmische Prosa, die auf keine Zeilenaufteilung angewiesen ist und sich, wie anarchisch verwildert auch immer, in den sehr viel größeren Rahmen der Romane einfügt. Dem Manne sieht man sogar ein „unbeschreiblich-lieblich lächelnd“ als parodistische Absicht nach. Am Ende hat da die erst später mit Ansage einsetzende Lyrik sogar schon angefangen. Deutschlehrer, übernehmen Sie. Dafür ein paar Schuljahre lang ein, zwei Stunden weniger Erich Fried, ja?

An Bildmaterial waren nur Blümchen mit immerhin weißen Blütenblättern und gelber Mitte aufzutreiben, die thematisch vorgegebenen Convallaria majalis waren zu speziell, flechten sich aber zusammen mit dem Soundtrack der ersten Fun-Punk-Band Deutschlands, den Nürnberger Carsons, doch wieder zum berückendsten Jungfernkranz – … denn ›Wallflower‹ heißt »Goldlack« und Lily of the valley heißt Maiglöckchen.

Try Intimacy, De profil. Mon fils m'a cueilli cette fleur hier, 13. Mai 2014

——— Jean Paul:

Nr. 59. Notenschnecke

angeblich aus dem Poeten-Winkel eines Haslauer Blattes
in: Flegeljahre, Viertes Bändchen, 1805, Cotta, Tübingen 1804 f.:

Sie bat auch um das Setzen des Gesangs; Walt schwur wieder. „Aber sogar um die Verse dazu muß ich Ihren werten Freund angehen“, setzte sie unbeschreiblich-lieblich lächelnd hinzu, „da ich ihn aus unserer Zeitung als einen weichen Dichter des Herzens kenne.“

Ganz froh erstaunt fragte Walt, was Vult darin gemacht. Sie sagt‘ ihm – mit der den Literatoren noch gewöhnlichern Verwechslung gleicher Namen – folgenden Polymeter von ihm selber her:

Das Maiblümchen

Weißes Glöckchen mit dem gelben Klöppel, warum senkst du dich? Ist es Scham, weil du, bleich wie Schnee, früher die Erde durchbrichst als die großen stolzen Farbenflammen der Tulpen und der Rosen? – Oder senkst du dein weißes Herz vor dem gewaltigen Himmel, der die neue Erde auf der alten erschafft, oder vor dem stürmenden Mai? Oder willt du gern deinen Tautropfen wie ein Freuden-Träne vergießen für die junge schöne Erde? – Zartes, weißes Knospenblümlein, hebe dein Herz! Ich will es füllen mit Blicken der Liebe, mit Tränen der Wonne. O Schönste, du erste Liebe des Frühlings, hebe dein Herz!

Walten waren unter dem Zuhören vor Freude und Liebe und vor Dichtkunst die Augen Übergegangen – und Wina hatte mit geweint, ohne es zu merken –; darauf sagt‘ er: „Ich habe wohl den Vers gemacht.“

Try Intimacy, Un peu de dos. Mon fils m'a cueilli cette fleur hier, 13. Mai 2014

Erste Liebe des Frühlings, hebe dein Herz: Try Intimacy: Mon fils m’a cueilli cette fleur hier:
De profil und Un peu de dos, beide 13. Mai 2014, in Flickr erloschen.

Sie bat auch um das Setzen des Gesangs: Carson Sage and the Black Riders:
Red is the Rose, irische Variante eines Scottish Tradtional, arrangiert von M. Nawroth,
aus: Skirl O’Carson, 1991, wiederverwendet in: Walk With an Erection, 1993:

Written by Wolf

13. Mai 2022 at 00:01

Veröffentlicht in Höllenklag