Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Renaissance’ Category

Vnd ist auff eim vnfruchtpern vnnd sandigen erdpoden erpawen

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Update zu Damit du siehst, wie leicht sich’s leben läßt:

Wer im Landkreis Nürnberger Land oder sonst im Mittelfränkischen aufgewachsen ist, kommt spätestens in der Grundschule nicht um Hans Sachs, Veit Stoß, Peter Henlein, Martin Behaim, Willibald Pirckheimer, gleich zwei Peter Vischers, das kleine Einmaleins der Lebküchnerei und schon gar nicht um die Schedelsche Weltchronik drumrum.

Dennoch war mir bis ins hohe Alter vor einem Jahr, als ich literarisch konnotierte Kneipen zusammengesucht hab, nicht bewusst, wie nah ich der Schedelschen Weltchronik eine ganze Kindheit lang war. Es ist kein Schulstoff, es ist in der Faksimile-Ausgabe im Taschen Verlag von 2001 dem Herausgeber Stephan Füssel keine Anmerkung wert, es ist keine zehn Meter Luftlinie daneben beim Mais kein Wirtshausgespräch. Da muss erst wieder ich kommen.

Herrensitze, Renzenhof 1894„Der Mais“ ist, solange ich denken kann und noch länger, die Gaststätte Zum Jägerheim in Renzenhof, Altdorfer Straße 1, Ecke Hartmann-Schedel-Straße. Das war die Stammkneipe meiner Kindheit: Dahin haben, solange ich mich nicht wehren konnte, meine Eltern mich mit Vorliebe an Sonntagen verschleppt, um Schäufele für drei Personen („Für mich auch eins!“) zu verdrücken. Mittwochs war Schlachtschüssel, die 2010 eingestellt wurde, deren Metzelsuppe aber seitdem jährlich nur noch legendärer wird. Bedient wurde vom Wirt Willy Mais persönlich und seinem Bruder „Doc“, der zwischendurch gern Zaubertricks mit Zwei-Mark-Stücken vorführte, für die man junge Mädchen begrabbeln darf. Ansonsten brachte er durch nicht ganz geistlose Ruppigkeiten den so genannten fränkischen Charme in den Betriebsablauf: „Tut mir an G’falln und sauft net so schnell“ oder „I bin net der Chef, i mach des bloß unter Protest.“ Aus dem gleichen Geiste heraus haben sich die Wirtsleute Mais anno 1995 in schlecht verhohlener Trägheit erdreistet, meiner Mutter keinen Tisch für sechs Personen für ihren 50. Geburtstag zu reservieren, obwohl wir ihnen seit Jahren am Rande der Legalität als Endverteiler das Mineralwasser vom Bundesbahn-Sozialwerk für den Gastbetrieb verkauft haben. Seitdem gehen meine Eltern da nicht mehr hin, und ich komm auch nicht grade jeden Tag dran vorbei. Dabei ist die Familie Mais immerhin bis heute entweder so traditionell oder schon wieder so avantgardistisch eingestellt, um auf eine eigene Internetpräsenz zu verzichten, und das selbst nach Geschäftsübernahme durch das Enkelchen des Hauses — Kerstin, mit der mich in der Schule außer der Teilnahme an einigen Nebenfächern in der Kollegstufe leider nicht viel verband — und die 2010 unter Drangabe der Schlachtschüssel ein Minimum an abendländischen Umgangsformen (und Getränkepreisen) ins Haus getragen haben soll.

Renzenhof selbst, für das „der Mais“ im Volksmund pars pro toto steht, „wurde erstmals 1362 in den Engelthaler Klosterurkunden als Siedlung erwähnt und bereits 1425 im Waldbuch Paul Stromers als Forsthube geführt. […] Am 1. Juli 1972 wurde der Ort mit der Gemeinde Haimendorf und ihren anderen Ortsteilen Rockenbrunn, Grüne Au und Moritzberg in die Stadt Röthenbach an der Pegnitz eingegliedert“ — soweit Wikipedia. Die lebhaften Eigentümerwechsel insbesondere des Herrenhauses gegenüber vom Mais sind für den interessierten Heimatkundler unter Herrensitze dokumentiert; die heutige zu erhaltende Substanz stammt in der Hauptsache aus der Renaissance, also um die Zeit der Schedel-Familie und der Fürer von Haimendorf.

Derzno, Ortseingang Renzenhof, 2012

Was nun weder meinen Eltern noch mir noch mit größter anzunehmender Wahrscheinlichkeit den Wirtsleuten bewusst war: dass vor 1493 im Nachbarhaus der Nürnberger Arzt, Humanist und Historiker Hartmann Schedel vermutlich große Teile seiner gleichnamigen Weltchronik geschrieben hat. Obwohl vereinzelt gestreut zu erfahren ist, dass „dort […] Hartmann Schedel seine Schedelsche Weltchronik geschrieben haben“ soll und der asphaltierte Feldweg zwischen dem Gasthof und dem Herrenhaus vielsagend Hartmann-Schedel-Straße heißt, ist das Herrenhaus im heutigen kollektiven Gedächtnis als „der spinnerte Renzenhofer Turm mit der Sonnenuhr“ verankert und wird seit etwa 1847 privat bewohnt.

Derzno, Renzenhof, Herrensitz, 2012Die aktuelle Entwicklung ist, dass seit 2015 die Frau Diplompsychologin Julia Knoke in dem Herrensitz eine Praxis für Psychotherapie betreibt. Das ist gut: Jetzt gibt es auf einmal nicht nur eine Kneipe, in der ich vorsprechen muss, sondern sogar eine Fachkraft für Depressionen, Angststörungen, Beratung, Coaching und sogar die unter Röthenbachern zweifellos bitter nachgefragte Traumatherpie, mit der ich was zu bequatschen hätte, zum Beispiel: Machen Bausubstanzen aus dem Mittelalter unter mutmaßlichem Denkmalschutz viel Ärger, so als gewerblich genutztes Wohneigentum? Und: Erfährt man wenigstens dann etwas von einer Schedelschen Schreibstube, wenn man das Objekt kauft? Und werden darin jetzt Traumata aufgearbeitet oder Reste der reichhaltigen Mahlzeiten vom Mais aufgewärmt?

Und auch sonst: Schedel hat nachweislich aus einer umfangreichen Bibliothek geschöpft, die sich nachmals auf die Stadtbibliothek Nürnberg und die Staatsbibliothek München aufgeteilt hat. Dazu zählen ältere, handschriftliche Chroniken, Flugblätter, medizinische bis kosmologische Fachliteratur, Boccaccio und Petrarca, Ptolemäus, Strabon, Pomponius Mela, der zeitgenössische Schatzbehalter seines geistlichen Kollegen Stephan Fridolin beim nachbarlichen Verlag Anton Koberger, die Peregrinatio in terram sanctam, der Fasciculus temporum und, erstaunlich genug: das Supplementum chronicarum, das erst 1492 zu Venedig erschienen war; der Produktionsvertrag der Illustratoren Wolgemut und Pleydenwurff mit den Verlegern Sebald Schreyer und Sebastian Kammermeister stammt erst vom 29. Dezember 1491, und in dem wurde Hartmann Schedel noch nicht einmal als Texter erwähnt.

Die Fragen sind also: Wie kam der Nürnberger Patrizier und Stadtphysicus ohne buchhändlerisches Liefersystem und Amazon Prime so schnell zu einem derart aktuellen Werk und konnte es neben so vielen anderen in einem solchen Tempo ohne Übersetzung lesen, verstehen und ausschöpfen? Wie kommen die Nürnberger Stadtbibse und die Münchner Stabi zu der Sammlung? Wer war wann warum und von wem befugt, mit einem Pferdewagen in Renzenhof anzurollen und Schedels Bibliothek aufzulösen? Was hat Schedel in seinen Arbeitspausen gemacht — konnte er schon schnell mal über die Straße „zum Mais“, der im übrigen erschütternd nachlässig dokumentiert ist, und was haben die damals für eine Brauerei geführt (Simon gibt’s erst seit 1875)? Musste er regelmäßig bei seinem Verleger — im Falle der Chronica nur Auftragsdrucker — Koberger in der Nürnberger Gasse unter der Veste 3, der heutigen Burgstraße, zu Guidance-Meetings vorsprechen, um wieder ein paar Milestones zu killen, seinerzeit in einfacher Richtung ungefähr eine Tagesreise? Konnte er von seinem dritten Stock aus bei klarem Wetter über den Nürnberger Reichswald hinweg die Nürnberger Burg anschauen oder hat er im Erdgeschoss geschrieben? Kamen die Grafikkollegen Wolgemut und Pleydenwurff oft zu Besuch, um am Layout zu arbeiten? Und ging es schon damit los, dass er seinen Text einkürzen musste, „weil die Leute Bilder sehen wollen“?

Frau Knoke wird also von Vorliegendem erfahren müssen. Wie günstig, dass sie als Freiberuflerin ja immer und überall ansprechbar sein sollte. Für alle, die zufällig nicht Julia Knoke heißen, sei nachfolgend die auf Frau Knokes Frühstücksplatz entstandene Schedelsche Weltchronik als das gewürdigt, was sie ist: die Mutter aller Nachschlagewerke, mit dem versammelten Weltwissen aller Orte und Zeiten einschließlich der Zukunft bis zum JJüngsten Gericht, deren Kunde 1493 bis in die Weltstadt Nürnberg gedrungen war — die Großmutter mithin, wenn schon nicht von Wikipedia, weil nicht jeder, der sie lesen konnte, automatisch daran mitschreiben durfte, so doch vom Brockhaus — und als vogelwilde Achterbahn aus Halbwissen und Aberglauben, bei der man abwechselnd von einem Erstaunen ins nächste fällt, wie viel und wie wenig sich sich seit 1493 geändert hat. Bei weitem nicht der erste noch der einzige Versuch einer Weltchronik seit der mittelhochdeutschen Zeit, aber einzigartig als Versuch, in humanistischer Weise Naturerkenntnis, christliche Religion und Philosophie zu vermitteln — und wertvoll für ihre umfassenden, detailgenauen Abbildungen von Städten, die allerdings keinem modernen Verständnis von Realitätsnähe entsprechen.

Zur zeitlichen Einordnung regierte um die erste urkundliche Erwähnung des Renzenhofer Herrensitzes gerade der 2016er Jubilar Karl IV. seit 1355 als Kaiser. Die Jahreszahl der Chronica 1493 bedeutet auch: gegen Ende der ersten Reise von Kolumbus — also genau an der Zeitenwende zur Neuzeit, als die Erde aus direkter Anschauung und Erfahrung eine Kugel geworden war — siehe auch: Martin Behaims Erdapfel, Nürnberg 1492 — und sich die Ausläufer des Spätmittelalters nach jeder möglichen Definition in einer Vor-Zeit verloren.

Da sieht man wieder, wovon Kultur abhängt. Wenigstens sind die Knokes gewohnt, Verrückte ins Haus zu lassen.

Praxis für Psychotherapie, Dipl. Psych. Julia Knoke, Psychologische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin, 2015

Ich bringe daher nachfolgend ungekürzt die Urgroßmutter aller Lexikoneinträge über Nürnberg. Die Taschen-Ausgabe liegt mir vor: Über Renzenhof, soweit ich sie überblicke, schweigt sich die Chronik aus.

Von der Nürnberger Chronik, internationaler Nuremberg Chronicle, wie sie überall außer in Deutschland gängiger heißt, wurde eine deutsche Ausgabe für den heimischen und eine lateinische für den gesamteuropäischen Markt gefertigt. Die Versionen sind nicht deckungsgleich übersetzt, die Artikel über Nürnberg bringen wegen der unmittelbaren Ortsnähe der Gestalter aber jeweils das gesamte Wissen, das nur aufzutreiben war. Dazu wurde es nicht zwingend aus der vorfindbaren Wirklichkeit oder von zuverlässigen Autoritäten übernommen, sondern stellenweise frei erfunden: Etwa die Etymologie des Ortsnamens aus „Neroberg“ kann nur dem Nachweis des ehrwürdigen Alters der Stadt aus römischer Zeit (erste urkundliche Erwähnung: A.D. 1050) und damit ihrem Prestige dienen: ein frühes Beispiel für Stadtmarketing. Dafür ist die bildliche Nürnberger Darstellung von Michael Wolgemut auf einer ganzen Doppelseite vermutlich nach dem Augenschein gefertigt, also die verlässlichste Abbildung einer Stadt aus dem ganzen Zeitraum (heute wird sie nur für die richtig teuren Gold-Elisen-Lebkuchendosen verwendet). Der Text nimmt die ganze folgende Doppelseite ein, womit Nürnberg am ausführlichsten in der ganzen Chronica behandelt wird.

——— Hartmann Schedel:

Register Des buchs der Croniken und geschichten –
mit figuren und pildnüssen
von anbeginn der welt bis auf dise unnsere Zeit

Das sechst alter der werlt

Verlag Anton Koberger, Nürnberg 1493, Blat C verso, Blat CI recto:

Schedelsche Weltchronik, Nvremberga, 1493

Nurmberg ist in gantzem teütschen land vnd auch bey eüßern völckern ein fastnamhaftige vnd weyt besuchte stat. Ein berümbts gewerbhaws teüscher land. vnd mit schönen gemaynen vnd sundern gepewen gezieret. Ein konigliche fast alte burg fürscheint ob eim berg vber die statt auff. daruon ist ein gesichte in die statt vnd darauß. Ettlich maynen das der statt ir namen von derselben burg entsprungen sey. So sprechen ettlich. das sie von Tiberio nerone dem kayser nach Resgenspurg gepawet. oder von Druso nerone seinem bruder (der die teütschen bestritten hat) Neroberg genant worden sey. dann Tiberius der keyser zohe sein vaterlichs geslecht von Tiberio nerone. Derselb het (als Swetonius tranquillus schreibt) Liuiam Drusillam also schwangere. vnd doch auch dauor bey ime eins suns genesen. dem Octauiano auff sein begeren ergeben. vnd starb vnlang darnach. vnd ließ hinder ime die zwen sün Tiberium vnd Drusum nach ime Nerones zugenambt. dann Nero bedeüt nach sabinischen gezüng souil als starck oder gestreng. Nachfolgend hat der Tiberius Burgundien vnd Franckreich. die von einlawffung des barbarischen volcks. vnd auß zwittracht der fürsten vnruoesam waren geregiert. vnd darnach die krieg amm öberen kies. amm Lechfeld. an der Thonaw vnd in theütschen landen nacheindander gefürt. vnd in den selben kriegen die Algewer vnd auch die Dalmacier ernidergelegt vnd sunderlich in dem teuetschen krieg bey xlm. ergebener menschen in Galliam gefuert vnd sie bey dem gestadt des Rheins in wonung vnd bleibung nidergesetzt. darumb zohe er mit zierlichen sygzaichen nach Römischem sytten geschmücket frölich gein Rome. Aber sein glori vnd machtigkeit wardt darnach mer vnd mer erweytert. da er dz gantz kriechenland das innerhalb welschs lands vnd dem Norkewischen [?] reich vnd traciam vnd Macedoniam vnd zwischen der Thonaw vnd dem Adriatischen meer ligt zu gehorsam vnnd ergebung gebracht het. Diser Claudius tiberius nero (als Eutropius setzt) was ein kluog man in den wafen vnd glückhaftig genuog vor seiner angenomner herrschung. vnd schaffet das die stett mit seinem namen genent werden solten. Aber die allereltisten bücher der geschihtbeschreiber haißen dise burg ein norckewisch geschloß. dann auff das die Römer den feynden die sich nach dem gepirg enthielten ir vberziehung weeren möchten so paweten sie an den bergen des Norckaws vnd in vil gegenten teützsch lannds bürg vnd geschlösser. also hat auch dise statt ein einige höh darauff dise alte burg zu huot der statt gepawen ist. Vnd wiewol (als der hohberümbt babst Pius der ander von diser statt schreibt) ein zweifel ist ob sie des Frenckischen oder Bayrischen lands sey. so zaigt doch ir namen an das sie zum Bayer land gehöre. so sie doch Nörmberg. gleich als Norckaws berg geheißen wirdt. dann die art oder gegent zwischen der Thonaw vnnd Nörmberg gelegen heißt das Norckaw. Dise statt ligt aber in dem Bambergischen bisthumb das zu Francken gehört. doch wöllen die Nürmberger weder Bayern noch Francken aber ein drittes besunders geslecht sein. Dise statt wirdt durch ein fliessends wasser die Pegnitz genannt enmitten getaylt in zwu stett. so kombt man von einer in die andern auff vil schönen staynin prugken vber dasselb wasser auffgerichtet. vnd ist auff eim vnfruchtpern vnnd sandigen erdpoden erpawen. vnd auß diser vrsach alda ein arbeitsams emsigs volck. dann alle die. des gemaynen volcks sind entweders fastsinnreich wercklewt. erfinder vnd maister mancherlay wunderwirdiger subtiler arbait vnd kunst zum geprauch menschlicher notdurft vnd zierde dienstlich. oder aber gar anschlagig kaflewt vnnd gewerb treyber. Vnd wiewol auch dise statt von ettlichen für new geachtet wirdt darumb das in den schrifften der alten wenig dauon geschriben gefunden werde. vnnd auch keynerlay fuoßstapffen oder anzaigung des alters darin erscheynen dann allain die vorbemelt alte burg vnd ettliche hewser. des sich doch nymant verwundern soll. denn auch von vil andern treffenlichen stetten nit allain teütscher sunder Auch Welscher vnd andrer land. vnnd sunderlich von der in aller werlt berümbtisten statt Rom irs vrsprungs. alters vnd stiffters mancherlay zweifellicher wone vnd vermuotung vnder den geschihtschreibern erscheinen. yedoch so ist wissentlich das dise statt zu der zeit des großen kayser Karls in plüendem wesen gestanden ist. dann nach dem derselb Karolus ein konig zu Franckreich die kyrchen vnd auch das römisch reich auffen vnd meren wolt vnd die Sachsen gezamet vnd die Britannier vnd Gallier zu ime in pündnus gebracht. vnd auch mit Tassilone dem hertzogen zu Bayern auß volg babst Adriani friden auffgenomen het. vnd aber derselb Tassilo nach beschehner fordrung weder selbs komen noch auch die außgeding versprochen layst bürgen schicken wolt. do name Karolus wider denselben Tassilonem einen krieg für. vnd füret die heer in Bayern taylende das volck auff drey ort vnd verordnet die österreicher thüring vnnd sachssen sich bey der Thonaw zelegeren. so blib Pipinus sein sun mit dem welschen heer zu Trient. Aber karolus hielte sein wartt mit dem dritten teil des heers zu Nürmberg vnd in den nahenden enden daselbst vmb vnd pawet in form vnd gestalt seins gezeltes bey Nürmberg ein kirchlein das nachfolgend durch babst Leo den dritten. der dem benannten Karolo gein Padeporren in Sachssen nach zohe. auff dem widerweg gein Rom in sannt Katherinen der iunckfrawen vnd martrerin ere geweiht worden ist vnd yetzo zu dem alten fürt genant wirdt. Ettlich sagen das dise statt ettwen vnder des edeln herren Albrechts grafen zu Francken gewalt gewesen vnd nach absterben desselben grafen (der auß veruntreüung hattonis des bischoffs zu Maintz von kayser Ludwigen vmbracht wardt) an das Römisch reich gelangt sey. Nach dem aber dise statt an das Römisch reich komen ist so ist sie seydher mit hoher trew vnd bestendigkeit dem Römischen reich vnuerwenckt angehangen. vnd hat den römischen konigen alweg hohbestendigen glawben vnnd trew gelaystet. vnd darumb auch in zwitrachtigkeit der Römischen kayser schwere bedrangknus vnd schaden erlidden. vnd sunderlich dieweil keyser heinrich der vierd regiret. vnnd ine konig heinrich sein sun auß götlicher rachsale (als man maynet) mit krieg verfolget. Als nw die Nürmberger ir trew an seinem vater hielten do wardt die statt Nürmberg durch den sun mit hilff der seinen belegert vnd gewunnen. als dann die glawbwirdigen geschihtbeschreiber Otto frisingensis vnd Gotfridus viterbiensis beschreiben Derselb konig Heinrich zohe gein Wurtzburg vnd setzet bischoff Erlongum ab vnd Robertum ein. darnach ließe er die Sachsen haym ziehen vnd eroberte mit den Bayern das Norckawisch schloss zu Nuemberg. als er das zwen monat oder mer belegeret het do zohe er gein Regenspurg in die hawbtstat des Norckawischen hertzogthumbs den volget der vater alßpald nach. vertribe den bischoff Robertum vnd setzet Erlongum wider ein. do zohe er fürter vnnd veriaget mit hilff der von Regenspurg den sun auß der statt vnd setzet daselbst bischoff Ulrichen ein. vnd zerstöret durch die Beheim die Marckh Theobaldi. Konig Conrad der Schwab. der nach absterben Lotharij zu römischem konig erclert wardt. vnd auß rat sant Bernharts einen heerzug wider die vnglawbigen fürname hat dise statt wider auffgerichtet vnd ein löblich closter vnd abtey sant Benedicten ordens zu sant Egidien genant an eim gelegnern enden der statt gestiftet. vnd ist auch die statt durch nachfolgend hilff stewr vnnd begnadung desselben konig Conrats vnd anderer römischen kaiser vnd konig zu auffung komen. Aber nit ist zeglawben das sie vomm anfang irer widerauffrichtung solcher zierde vnnd weyte gewesen sey. sunder sie ist zu den zeitten Karls des vierden römischen keysers vnd konigs zu Beheym mit weiterm vmbkrais eingefangen vnd mit newen zinnen vnd mit eim weytten vnd tieffen gerigs vmb die stat gefürten graben. vnd mit iijc. lxv. thürnen. ergkern vnd vorwern an den zwayen innern mawrn gemeret vnd mit fast weiten vnd festen inwonungen gezieret vnd schier in den mittel teütschs lands gelegen. vnd die burgere daselbst haben auß vnderrichtung keiserlicher gesetze eins ratspflegnus vnd burgermaisterliche ordnung von der gemaynd vnderschiden. dann die burgere des herkomens von alten erbern geslechten daselbst pflegen gemayner statt sachen. so wartet die gemaind irer henndel. In diser statt sind vil weyte vnd wolgezierde gotzhewßer. auch zwu pfarr. sant Sebalds vnd sand Laurentzen kirchen. vnd der petlörden vier wolerpawte clöster die die burger in mancherlay zeiten aufgerichtet haben. Die geistlichen iunckfrawen haben daselbst zway clöster Eins zu sant Katherein. das ander zu sant Clara genant. So haben die teütschen herren ein große weitte der statt innen. Da ist auch ein Cartheüser closter an großtatigkeit des gepews fast weit vnd schön. Auch ein konigclicher wolgezierter sal der allerhailigsten iunckfrawen Marie amm marck mitsambt einem aller schönsten prunnen. Dise statt frewet sich nicht wenig irs konigclichen patrons sant Sebalds der in seinem leben vnd mit wunderwerken also erleüchtet gewest ist das er auch dise statt erleüchtet hat. Sie frewet sich auch der keyserlichen zaichen. als des mantels. schwerter. scepters. der öpffel vnd kron des großen keyser Karls die die zu nümberg bey ine haben. vnd die in der krönung eins römischen konigs von der heiligkeit vnnd alters wegen einen glawben geben. so wirdt auch dise statt sunderlich hohgezieret mit dem vnerschetzlichen vnd götlichsten sper. das die seyten Jhesu cristi am creütz geoffent hat. Auch mit einem mercklichen stuck des creützs vnd anderen in der gantzen werlt zewirdigen heilthumen. die ierlich zu österlicher zeit offentlich daselbst mit großer solennitet vnd zierlichkeit gezaigt werden.

Der heilligen streyttenden kirchen grundfestungen darauff sich das gantz zimmer diss gepews vertrawenlich steüert sind die heiligen apostel. dann got hat dieselben als erste opffer zu hail aller völcker erwelet. Dise sind die grundseüln oder pfeyler der kirchen auff der grundfeste (on die nymant einiche andere grundfest setzen mag) die do ist Cristus Jhesus mit dem höhsten egkstayn befestigt. das die warheit die vormals in dem preyse des gesetzs vnd der propheten schwebet. durch die apostolischen pusawmen zu hail aller werlt außgienge. dann es ist geschriben. In alles ertrich ist außgegangen ir stymm. wann von inen ist die kierch entsprossen vnnd bis zum ende der werlt mit dem wort der verkündung außgestreckt. Sie haben dise kirchen mit lere. mit wunderzaichen. mit ebenpilden vnd mit pluotuergissen gepflantzt. darumb werden sie billich veter. stifter. pawere ordner. hirten. bischoff vnd wegmacher der gemaynen kirchen genant. Aber das sacrament diser gabe hat der herr also zu dem ambt aller apostel wöllen gehören. das er es in dem seligsten Petro aller apostel dem höhsten setzet. das er von ime als einen hawbt mit seiner gabe als in allen leib ergüsse. das sich der. der götlichen heymlichen verborgenheit entsetzet verstünde der von der festigkeit Petri abweichen getörste. dann der herr hatt ine in die mit verwandtschaft der vnteylpern einigkeit also genomen. das er ine das. das er selbs was nennet sprechende. Du bist Petrus vnd auff disen felsen wirdt ich pawen mein kirchen. das der paw des ewigen tempels in wunderperlicher begabung mit der gnaden gottes auff der festigkeit Petri stünde. vnd er hat dise kirchen mit seiner bekreftigung also gestercket das menschliche vermessenheit vnd frefel sie nit erraichen noch auch die hellischen pforten wider sie gesygen möchten.

Pilter: G. v. Volckamer: Das Herrenhaus und die Ökonomiegebäude von Südosten, um 1894
via Burgen und Herrensitze in der Nürnberger Landschaft;
Derzno: Renzenhof, Herrensitz, 28. Juli 2012;
Derzno: Renzenhof, Ortseingang, 28. Juli 2012. Zur linken hinter dem Baum in sommerlicher Pracht der besagte Herrensitz, rechts daneben über die Hartmann-Schedel-Straße der zugeparkte und gut besuchte Biergarten Zum Jägerheim, weil der 28. Juli 2012 ein Samstag war;
Praxis für Psychotherapie Julia Knoke, ca. 2015;
Michael Wolgemut und Wilhelm Pleydenwurff für Hartmann Schedel: Register Des buchs der Croniken und geschichten – mit figuren und pildnüssen von anbeginn der welt bis auf dise unnsere Zeit. Das sechst alter der werlt, Verlag Anton Koberger, Nürnberg 1493, Blat 99 verso und 100 recto.

Röthenbach-Feature: Manfred Eder: Röthenbach an der Pegnitz, 17. Februar 2016:

Bonus Track aus Nvremberg zur Erholung:
Carson Sage and the Black Riders (erloschen, neuerdings Secret Song Service):
Garten Mother’s Lullabye, aus: Final Kitchen Blowout, 1993:

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Written by Wolf

16. Februar 2017 at 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Renaissance

Nachtstück 0005: Cats and dogs are not our friends (They just pretend)

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Update for Nunc dimittis mit Fried und Freud
and Start quoting him now:

Another Shakespearianum because it is his 400th death anniversary, since following the Gregorian calendar, which was „adopted in Catholic countries in 1582, Shakespeare died on 3 May [1616].

I had rather be a kitten and cry mew
Than one of these same metre ballad-mongers.

Hotspur: History of Henry IV, Part I, III,1, 1671 f., 1597.

Susan Herbert, Shakespeare Cats, Henry V., 2004

I had rather be a dog, and bay the moon,
Than such a Roman.

Brutus: The Tragedy of Julius Caesar, IV,3,1997 f., 1599.

Julius Caesar dog, art print

Images: Susan Herbert: Shakespeare Cats, 2004
via She Who Seeks: Raising the Tone of This Blog, February< 1st, 2015;
Yapatkwa: Julius Caesar Dog Art Print 20x28cm, out of stock.
Soundtrack: Camille: Cats and Dogs, from: Music Hole, 2008:

Written by Wolf

3. Mai 2016 at 00:01

Kowtow.—Forsooth!—Thinkst thou?—Odds bodkins!—We trou‘! (Start quoting him now.)

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Update zu Der Drang zum Sturm und
Sophokles’ Bruder ab orbe Britannis:

Wir feiern am 23. April den 400. Todestag von William Shakespeare, obwohl wir Heutigen in der Lage sind, bis zu den Fußnoten der weltumspannenden Wikipedia hinunterzuscrollen:

Todesdatum nach dem während der gesamten Lebenszeit Shakespeares in England geltenden julianischen Kalender (23. April 1616); nach dem in den katholischen Ländern 1584, in England aber erst 1752 eingeführten gregorianischen Kalender ist der Dichter am 3. Mai 1616 gestorben. Dadurch hat er das gleiche Todesdatum wie der spanische Nationaldichter Cervantes, obwohl er ihn um zehn Tage überlebt hat.

Dennoch werden wir uns den Feierlichkeiten nicht aus lauter katholischer Besserwisserei verschließen.

Titelblatt Wieland, Shakespeare, Theatralische Werke, Band 2, Zentralbibliothek Zürich, Die erste deutsche Shakespeare-ÜbersetzungDafür bietet sich zu solchen Jubiläen die Pflicht zur „Neuentdeckung“ und der Erforschung dessen, was uns „der Barde“ denn „heute noch zu sagen hat“ (ja, wirklich, es ist eine Pflicht, die sich bietet, nicht aufdrängt) — was offizielle Subjekte der Kulturpflege halt so sagen müssen.

Eine unschlagbare Gelegenheit zur Besserwisserei ist die tätige und käuflich recht günstig erwerbliche Erkenntnis, dass die Schlegel und Tieck zwar die älteste (1789 bis 1833) bis heute grassierende, aber keineswegs die erste deutsche Shakespeare-Übersetzung war. Das erste systematisch auf eine gültige Übertragung von Shakespeares Gesamtwerk angelegte Projekt wurde vielmehr von Wieland ins Werk gesetzt: 1762 bis 1766 schaffte Wieland 22 „Theatralische Werke“, davon nur Ein St. Johannis Nachts-Traum in Versform, den Rest in Prosa. Der Sturm oder Der erstaunliche Schiffbruch inszenierte er schon 1761 fürs Komödienhaus in der Schlachtmetzig in der Viehmarktstraße 8 zu Biberach an der Riß — was als erste deutsche Shakespeare-Aufführung überhaupt gilt.

1775 bis 1777 wurden die von Wieland vernachlässigten Dramen von Johann Joachim Eschenburg vervollständigt, das Ergebnis dieser zeitversetzten Gemeinschaftsarbeit heißt Wieland-Eschenburg-Übersetzung.

Kathryn Grayson als Kate, Kiss Me Kate, 1953 via Yvette Can Draw, 27. November 2011Wieland beförderte durch Vermittlung seines Freundes Johann Jakob Bodmer seine Übersetzungen bei Orell, Gessner, Füssli & Comp. in Zürich ab 1762 zum Druck (worin sich eine ganz andere Auffassung vom Veröffentlichen ausdrückt als in dem heutigen „einen Verlag suchen“, stimmt’s?), weshalb ihre Gesamtheit als „erste Zürcher Ausgabe“ läuft. Neu veröffentlicht wurden sie als Einzelausgaben 1993 vom verdienstreichen Haffmans Verlag, ebenfalls in Zürich und unter einem Herrn Bodmer, weshalb ihre Gesamtheit als „zweite Zürcher Ausgabe“ läuft. Diese wiederum ging nach dem Konkurs 2001 des Haffmans Verlags in einem Band zu Zweitausendeins. — Letztere Ausführung geht vor allem raus an Karl, der behauptet, es habe schon eine „Züricher Übersetzung“ von Shakespeare, vollständig und ungefähr 1722, jedenfalls aber vor und unabhängig von Wieland stattgefunden. — Nein, hat sie nicht. Einzelne fliegende Schauspielertruppen werden damit angefangen haben, aber das ist wohl ein Verhältnis wie das einzelner eingedeutschter Bibelstellen ab dem Hochmittelalter zur Lutherbibel. Die vier 0,5er-Dosen Guinness werden nächstes Mal doch wieder acht bis 16 Adelskrone.

Der Leser, der weder Wieland, Eschenburg, Schlegel, Tieck noch gar den Karl persönlich kennt, ersieht hieraus den Wert der Besserwisserei anhand solcher abgelegenen Studienratsausgaben; die Penny-Plörre Adelskrone ist nämlich gar nicht so schlecht. Stellt sich zuletzt die Frage:

Wieland, Shakespeare, Theatralische Werke, viaLibri

——— N. N.:

Warum Shakespeare lesen?

Rückentext auf: William Shakespeare: Theatralische Werke in einem Band. Übersetzt von Christoph Martin Wieland. Die zweite Zürcher Ausgabe, im Auftrag der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur nach der ersten Zürcher Ausgabe von 1762 bis 1766 neu herausgegeben von Hans und Johanna Radspieler, Neuausgabe in einem Band, 1. Auflage der einbändigen Ausgabe, Zweitausendeins, Frankurt am Main, Juni 2003:

William Shakespeare, Theatralische Werke in einem Band, übersetzt von Christoph Martin Wieland, Zweitausendeins 2003, via Tiber Anitquariat Dülmen„Nach Gott hat Shakespeare am meisten geschaffen.“ James Joyce „Wenn ich Shakespeare und die Bibel lese, ist mir der Heilige Geist manchmal lieb, aber ich ziehe Shakespeare vor.“ Alexander Puschkin „Dem Mann verdanken wir das weltliche Evangelium.“ Heinrich Heine „Shakespeare ist das größte Genie, das je existiert hat. Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich auf zeitlebens ihm eigen.“ Johann Wolfgang Goethe „Er ist das Bewußtsein der Welt.“ Gustave Flaubert „Der leidenschaftlichste Dichter der Welt.“ Charles Baudlaire „Shakespeare ist der menschlichste aller großen Künstler.“ Oscar Wilde „Die Größe Shakespeares liegt in seiner Fähigkeit, aus allem nicht nur seine, sondern die Welt zu machen, eine Fähigkeit, die ihn nie verließ, weil sie seine Natur, seine Genialität war.“ Friedrich Dürrenmatt „Shakespeare steht bei der Welt in hohem Ansehn und ist dennoch der größte aller Dichter. Daraus läßt sich erkennen, daß die Wwelt richig urteilt.“ Edgar A. Poe „Auf die geringste von seinen Schönheiten ist ein Stempel gedruckt, welcher gleich der ganzen Welt zuruft: Ich bin Shakespeare!“ Gotthold Ephraim Lessing „Als ich Shakespeare las, fühlte ich mich neu geboren.“ Henri Stendhal „Den Menschen wollte er im Spiegel der Dichtkunst zeigen, nicht moralische Karikaturen; darum erkennt sie ein jeder im Spiegel, und seine Werke leben heute und immerdar.“ Arthur Schopenhauer „Shakespeare wäre in jedem Zeitalter und in jeder Generation erfolgreich gewesen. Lebte er heute, wäre er garantiert Drehbuchschreiber, Filmregisseur, Bühnenautor, Dramaturg und was weiß ich noch alles. Er würde nicht sagen ‚Dieses Mdium taugt nichts‘, sondern er würde es einsetzen und tauglich machen. Und wenn einige Leute seine Werke ‚billig‘ und ‚vulgär‘ nennen würden (und manche sind es tatsächlich), würde er sich einen Dreck drum scheren, denn er wüßte, daß es ohne Vulgarität keinen ganzen Menschen geben kann.“ Raymond Chandler

Darum Shakespeare lesen!

Ron Randell at the piano playing Cole Porter playing Cole Porter, Kiss Me Kate, 1953, via Yvette Can Draw, 27. Dezember 2011Unter anderen Umständen hätte ein einfaches „Darum“ gereicht“. Vor allem und wie immer ist es unabdingbar: um Mädels zu beeindrucken — was sich gar nicht als erstes aufdrängt und deshalb der oben eingeforderten „Neuentdeckung“ und der Erforschung dessen, was uns „der Barde“ denn „heute noch zu sagen hat“, dient. Hilfestellung dazu haben wir längst erhalten: in den frühen 1980er Jahren, als wir nach dem Rudi Carrell noch aufbleiben und den Spätfilm gucken durften, weil den Vater nach den Lottozahlen das Wort zum Sonntag bis zum Ameisenkrieg schnarchend in die Sofapolster genietet hatte. Da kam nämlich in der Reihe Des Broadways liebstes Kind gerne mal Kiss Me Kate — ein sehr viel nachhaltigeres Erlebnis als das vorausgehende Bad am Samstagabend.

Der Film ist von 1953, nach dem Musical von 1948, und das wiederum nach The Taming of the Shrew von Shakespeare, mutmaßlich von 1594. Text und Musik sind von Cole Porter — wobei gerade in dieser Oberliga des Kulturschaffens so eine Häufung von Kompetenzen selten ist; momentan fallen mir nur Shakespeare, Cole Porter und die üblichen Liedermacher ein. Ein besonderes Meisterstück innerhalb Kiss Me Kate ist das Lied Brush up your Shakespeare, was mir auf dem Sofa neben dem schnarchenden Herrn Vater gar nicht aufgefallen ist. Da hieß der Film auch nur Küß mich, Kätchen! und das Lied Schlag nach bei Shakespeare, was mir alles um 1982 ebenso ferne lag wie das Beeindrucken von Mädels.

Cole Porters Originaltext bringt eine Sprachspielerei in einer hinreißenden Mischung aus jiddisch durchsetztem Gaunerjargon und gebremst verballhornter Hochsprache nach der anderen und scheut sich nicht vor den Anzüglichkeiten, die für ein amerikanisches Filmpublikum von 1953 zensiert werden mussten; Shakespeare hätte — und hat — es nicht anders gemacht. Die Melodie ist einer der echten unschlagbaren Ohrwürmer des 20. Jahrhunderts, die einen ein Stück glücklicher hinterlassen und eine Zeitlang durch die Welt tragen können — wenn man gleich mir nicht zu sehr zum Fremdschämen neigt. Dargeboten wird das Lied in der Filmversion nämlich von Keenan Wynn und James Whitmore als Lippy und Slug, und weil es ein Musical ist, müssen sie dazu steppen. Für uns Unerschrockene bringt Gunther Anderson die Gitarrengriffe zum Mitsingen.

Das reicht zum Feiern eines runden Todestages. Weiter unten noch die Geburtstagsparade, dann kauft der Karl frisches Adelskrone und wir kriegen Cervantes.

——— Cole Porter:

Brush up your Shakespeare

aus: Kiss Me Kate, 1948, Verfilmung 1953, hier unzensierter Text:

The girls today in society
go for classical poetry.
So to win their hearts one must quote with ease
Aeschylus and Euripides.

One must know Homer, and believe me, Beau,
Sophocles, also Sappho-ho.
Unless you know Shelley and Keats and Pope,
dainty Debbies will call you a dope.

But the poet of them all,
who will start ‚em simply ravin‘,
is the poet people call
The Bard of Stratford-on-Avon.

Chorus: Brush up your Shakespeare,
start quoting him now.
Brush up your Shakespeare,
and the women you will wow.

Just declaim a few lines from Othella,
and they’ll think you’re a hell of a fella.
If your blonde won’t respond when you flatter ‚er,
tell her what Tony told Cleopatterer.

If she fights when her clothes you are mussing:
What are clothes? Much Ado about Nussing!
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.

Chorus.

With the wife of the British ambassida,
try a crack out of Troilus and Cressida.
If she says she won’t buy it or like it,
make her tike it, what’s more As You Like It.

If she says your behavior is heinous,
kick her right in the Coriolanus.
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.

Chorus.

If you can’t be a ham and do Hamlet,
they will not give a damn or a damlet.
Just recite an occasional Sonnet,
and your lap’ll have honey upon it.

When your baby is pleading for pleasure,
let her sample your Measure for Measure.
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.—Forsooth!
And they’ll all kowtow,
and they’ll all kowtow.

Chorus.

Better mention The Merchant Of Venice,
when her sweet pound o‘ flesh you would menace.
If her virtue, at first, she defends—well,
just remind her that All’s Well That Ends Well.

And if still she won’t give you a bonus,
you know what Venus got from Adonis.
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.—Thinkst thou?
And they’ll all kowtow.—Odds bodkins!
And they’ll all kowtow.

Chorus.

If your goil is a Washington Heights dream,
treat the kid to A Midsummer Night’s Dream.
If she then wants an all-by-herself night,
let her rest ev’ry ‚leventh or Twelfth Night.

If because of your heat she gets huffy,
simply play on and „Lay on, Macduffy!“
Brush up your Shakespeare,
and they’ll all kowtow.—Forsooth!
And they’ll all kowtow.—Thinkst thou?
And they’ll all kowtow.—We trou‘!
And they’ll all kowtow.

Unknown artist, Procession of Characters from Shakespeare's Plays, ca. 1840

Bilder: Die Vorderseite zur oben zitierten Rückseite von William Shakespeare: Theatralische Werke in einem Band, übersetzt von Christoph Martin Wieland, zweite Zürcher Ausgabe von Hans und Johanna Radspieler, Zweitausendeins 2003, via Tiber Anitquariat Dülmen auf Amazon.de, featuring Laurence Olivier und Vivien Leigh als Romeo und Juliette, 1940;
die älteren Bücher sind das Titelblatt des zweiten Bandes desselben Werks via Zentralbibliothek Zürich: Die erste deutsche Shakespeare-Übersetzung. William Shakespeare Theatralische Werke. Aus dem Engl. übers. von Herrn Wieland Zürich, 1762ff.:

Angeregt durch Bodmer, beginnt Wieland in Zürich auch mit seiner Übertragung von Shakespeares Dramen, die ab 1762 als erste deutsche Shakespeare-Übersetzung bei Orell, Gessner, Füssli & Comp. in Zürich erscheint. [Was ich dem Karl dauernd sag und als Weblog-Eintrag gereicht hätte, aber schon als Tweet zu lang wäre.]

und viaLibri, 17. Oktober 2015;
Ann Miller, Kiss Me Kate, 1953, via Yvette Can Draw, 27. Dezember 2011, DVDBeaverdie Musical-Bilder mit Kathryn „Kate“ Grayson, die ihrem Bierhumpen I Hate Men vorsingt, Ron Randell at the piano playing Cole Porter playing Cole Porter (So in Love) und Ann Miller beim heimischen Vortanzen von Too Darn Hot sind aus Kiss Me, Kate, 1953 via Yvette Can Draw: Tuesday’s Overlooked (or Forgotten) Films: KISS ME, KATE (1953) starring Howard Keel, Kathryn Grayson and Ann Miller, 27. Dezember 2011
und DVDBeaver, und
die Ehrenparade für den fröhlichen Todesjubilar stammt von einem unbekannten Künstler im Stil von Thomas Stothard, eine ehemalige Zuschreibung an Daniel Maclise: Procession of Characters from Shakespeare’s Plays, ca. 1840, Öl auf Holz, 31,1 cm auf 137,8 cm, Yale Center for British Art, Paul Mellon Fund. Es treten auf, v. l. n. r.:

  • Margaret of Anjou (1430–1482), queen of England, consort of Henry VI
  • Lady Macbeth (character in Macbeth)
  • Ophelia (character in Hamlet)
  • Maria (character in Twelfth Night)
  • Beatrice
  • Sir Toby Belch (character in Twelfth Night)
  • Hamlet, Prince of Denmark
  • Benedick
  • Sir John Falstaff
  • Malvolio (character in Twelfth Night)
  • Katharine (character in The Taming of the Shrew)
  • Proteus
  • Doll Tearsheet
  • Shakespeare, William (1564–1616), playwright and poet
  • Othello (character in Othello, the Moor of Venice)
  • Valentine
  • Launce (character in The Two Gentlemen of Verona)
  • Parolles
  • Crab
  • Titania (character in A Midsummer Night’s Dream)
  • Sir Andrew Aguecheek (character in Twelfth Night)
  • Celia
  • Bottom (character in A Midsummer Night’s Dream)
  • Rosalind (character in As You Like It)
  • Juliet (character in Romeo and Juliet)
  • Romeo (character in Romeo and Juliet)
  • Desdemona (character in Othello)

Annähernd in Originalgröße ist die Parade wiedergegeben auf Tumblr, entdeckt wird sie allerdings schon im englischen Wiki-Artikel zu Shakespeare, weil ja wir Heutigen, wie eingangs erwähnt, in der Lage sind, ziemlich weit runterzuscrollen.

Bonus Tracks: I Hate Men, So in Love und Too Darn Hot, woher wohl. Anspieltipp ist letzteres: Ann Miller schlägt sich doch recht wacker bei ihrem Vortanzen im Wohnzimmer. Außerdem werden solche Pin-up-Schönheiten heute gar nicht mehr so hergestellt, nicht mal für Shakespeare-Dramen.



Written by Wolf

22. April 2016 at 00:01

4. Katzvent: Ehre sey Gott in der Höhe / Vnd Friede auff Erden / Vnd den Menschen ein wolgefallen: The world can never have enough cute kitten pics am I right?

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Ein Suchbild mit Katze, ein späthippieskes Weihnachtslied zum Mitgrölen, und in der üblichen Weihnachtsgeschichte in Lukas 2 kommt gar kein Stern vor, dafür heißt „Krippe“ seit 2004 „Ölwanne“ — das kann nur der restliche Adventskalender für den Endspurt bis Heiligabend sein. Wir warten aufs Christkind und diskutieren, welche Version die schönste ist.

Lukas 2,1–20
Luther-Übersetzung letzter Hand, 1545:

ES begab sich aber zu der zeit / Das ein Gebot von dem Keiser Augusto ausgieng / Das alle Welt geschetztSchetzen ist hie / das ein jglicher hat müssen ein Ort des gülden geben von jglichem Heubt. würde. Vnd diese Schatzung war die allererste / vnd geschach zur zeit / da Kyrenius Landpfleger in Syrien war. Vnd jederman gieng / das er sich schetzen liesse / ein jglicher in seine Stad. Da machet sich auff auch Joseph / aus Galilea / aus der stad Nazareth / in das Jüdischeland / zur stad Dauid / die da heisst Bethlehem / Darumb das er von dem Hause vnd geschlechte Dauid war / Auff das er sich schetzen liesse mit Maria seinem vertraweten Weibe / die war schwanger. Vnd als sie daselbst waren / kam die zeit / das sie geberen solte. Vnd sie gebar jren ersten Son / vnd wickelt jn in Windeln / vnd leget jn in eine Krippen / Denn sie hatten sonst keinen raum in der Herberge. Mat. VND es waren Hirten in der selbigen gegend auff dem felde / bey den Hürten / die hüteten des nachts jrer Herde. Vnd sihe / des HERRN Engel trat zu jnen / vnd die Klarheit des HERRN leuchtet vmb sie / Vnd sie furchten sich seer. Vnd der Engel sprach zu jnen. Fürchtet euch nicht / Sihe / Jch verkündige euch grosse Freude / die allem Volck widerfaren wird / Denn Euch ist heute der Heiland gebörn / welcher ist Christus der HErr / in der stad Dauid. Vnd das habt zum Zeichen / Jr werdet finden das Kind in windeln gewickelt / vnd in einer Krippen ligen. Vnd als bald ward da bey dem Engel die menge der himelischen Herrscharen / die lobten Gott / vnd sprachen / Ehre sey Gott in der Höhe / Vnd Friede auff Erden / Vnd den Menschen ein wolgefallen Das die menschen dauon lust vnd liebe haben werden / gegen Gott vnd vnternander. Vnd dasselb mit danck annemen / vnd darüber alles mit freuden lassen vnd leiden. VND da die Engel von jnen gen Himel furen / sprachen die Hirten vnternander / Lasst vns nu gehen gen Bethlehem / vnd die Geschicht sehen / die da geschehen ist / die vns der HERR kund gethan hat. Vnd sie kamen eilend / vnd funden beide Mariam vnd Joseph / dazu das Kind in der krippen ligen. Da sie es aber gesehen hatten / breiteten sie das wort aus / welchs zu jnen von diesem Kind gesagt war. Vnd alle / fur die es kam / wunderten sich der Rede / die jnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese wort / vnd beweget sie in jrem hertzen. Vnd die Hirten kereten widerumb / preiseten vnd lobten Gott vmb alles / das sie gehöret vnd gesehen hatten / wie denn zu jnen gesagt war.

     

Lukas 2,1–20
Volxbibel, 2004:

Jesus wird geboren

In dem Jahr machte der oberste Präsident der Römer ein neues Gesetz. In diesem Gesetz stand, dass sich alle Menschen, die in den von der römischen Armee besetzten Gebieten lebten, bei ’ner staatlichen Behörde melden sollten. Dort mussten sie angeben, wie viel Kohle sie im Monat verdienen, um daraus die neue Steuer zu berechnen. So eine Steuerschätzung hatte es zu dem Zeitpunkt noch nie gegeben. Quirinius war gerade der Ministerpräsident von einem der besetzten Gebiete, das Syrien hieß. Alle Menschen mussten in den Ort zurückgehen, in dem sie geboren worden waren, um sich dort in Listen einzutragen. Weil Josef aus der Familie vom David kam, musste er nach Bethlehem reisen, denn da kam seine Familie ursprünglich her. Er machte sich also von Nazareth (das liegt in Galiläa) nach dorthin auf den Weg. Maria, seine Verlobte, nahm er einfach mit. Die hatte da schon einen ziemlich dicken Bauch, sie war nämlich hochschwanger. In Bethlehem passierte es dann, und sie bekam ihr erstes Kind. Weil sie in den Hotels und Jugendherbergen im Ort keinen Pennplatz mehr finden konnten, musste Maria das Kind in einer Autogarage zur Welt bringen. Eine alte Ölwanne war das erste Kinderbett.

Die Hirten und ein Engel

In dieser Nacht hatten ein paar Hirten kurz vor dem Dorf ihr Lager aufgeschlagen, um dort auf die Schafe aufzupassen. Plötzlich war da ein riesengroßes überirdisches Wesen aus dem Himmel, das auf sie zukam. Ein helles weißes Licht war um diesen Engel rum, ein Art von Licht, das nur von Gott kommen konnte, so krass war es. Die Hirten bekamen voll die Panik, aber der Engel beruhigte sie. „Entspannt euch, ihr braucht keine Angst zu haben! Ich habe gute Nachrichten für euch und auch für alle anderen Menschen! Heute Nacht ist der Mensch geboren worden, der euch alle aus eurem Dreck rausholen wird! Das ist in der gleichen Stadt passiert, wo auch David herkommt. Ich sag euch mal, wo ihr ihn finden könnt: Er liegt in einer alten Ölwanne, unten in einer Tiefgarage, gut eingewickelt in Windeln!“ Plötzlich tauchten neben dem einen Engel noch Tausende anderer Engel auf. Die fingen dort gleich an, zu beten und Gott zu sagen, wie genial er ist: „Der Gott, der im Himmel wohnt, soll groß rauskommen! Er hat all den Menschen ein Friedensangebot gemacht, die bereit sind, dieses Angebot auch anzunehmen!“ Nachdem die Engel wieder verschwunden waren, beschlossen die Hirten, der Sache auf den Grund zu gehen: „Lasst uns mal nach Bethlehem fahren. Mal sehen, was dort jetzt von den Sachen passiert ist, die uns dieser Engel gerade erzählt hat.“ Sie beeilten sich sehr. Als sie im Dorf ankamen, fanden sie tatsächlich Maria, Josef und auch das Baby, das in einer Ölwanne lag. Nachdem die Hirten das Kind angesehen hatten, erzählten sie von ihrem Treffen mit diesem Engel. Alle, die davon Wind bekamen, staunten nicht schlecht. Maria merkte sich aber alle Einzelheiten genau und dachte ständig darüber nach. Anschließend gingen die Hirten wieder zu ihren Schafen zurück. Sie freuten sich total über Gott und über das, was sie in dieser Nacht erlebt hatten! Alles war genauso abgegangen, wie es ihnen vorher angekündigt worden war.

     

Suchbild: Wo ist die Katze?

Alicia Luciana McConnell: Back to Black, 1. Juli 2015, Chicago:

Shot this in the alley behind my aunt’s apartment right after work yesterday. I wanted to try to shoot a self portrait that had an interesting perspective so this is hopefully a little different. My poor cheap tripod was not having any of it, I really need to invest in a better one one of these days. My favorite part of this is the kitty, might become a cat photographer instead of this whole human thing? The world can never have enough cute kitten pics am I right?

Alicia Luciana McConnell, Back to Black, Chicago, July 1st, 2015

Und jetzt alle Regler nach rechts fürs Tutti mit Chören und Hauffe:

The Family Tree: Holy Night, aus: Starparade Extra-Ausgabe, 1972.

The Family Tree war 1972 bis 1975 eine Band aus 11 Mitgliedern, gegründet von Günter „Yogi“ Lauke für das Label Finger Records in Rottach-Egern, und veröffentlichte 1 LP, die es nie als CD gab. — Die ganze Geschichte aus zweiter Hand im Krautrock-Musikzirkus.

Written by Wolf

18. Dezember 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Renaissance

Ein arger Gast in Trutz und Poch

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Update zu Weistu was so schweig:

Die Freiheit regiert also jetzt die Schönheit. Die Natur gab die Schönheit des Baues, die Seele gibt die Schönheit des Spiels. Und nun wissen wir auch, was wir unter Anmuth und Grazie zu verstehen haben. Anmuth ist die Schönheit der Gestalt unter dem Einfluß der Freiheit; die Schönheit derjenigen Erscheinungen, die die Person bestimmt. Die architektonische Schönheit macht dem Urheber der Natur, Anmuth und Grazie machen ihrem Besitzer Ehre. Jene ist ein Talent, diese ein persönliches Verdienst.

Schiller: Über Anmuth und Würde, Juni 1793.

Wie sich Verdienst und Glück verketten
Das fällt den Thoren niemals ein;
Wenn sie den Stein der Weisen hätten
Der Weise mangelte dem Stein.

Goethe: Mephisto in Faust, 2. Teil, Vers 5061 ff., ab 1825.

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Tod, Stiftsbibliothek AdmontDen Unterschied zwischen von der Natur oder sonst einer übergeordneten Instanz („Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!“ — Faust auf die Gretchenfrage) verliehenen Gaben gegenüber persönlichen Errungenschaften merken wir uns, um eine besonders brillante Stelle im Doktor Faustus von Thomas Mann zu verstehen.

Eigentlich ist es eine selbsterklärende, weil Thomas Mann dialogweise das meiste Material dazu liefert. Wir wollen es wieder genau wissen und blättern nach, wo er den Widerspruch her hat. Falls es einer ist.

Äußerlich hat Adrian Leverkühn im 10. Kapitel seiner fiktiven Biographie soeben das Abitur bestanden und wird von seinem Schulrektor persönlich ins Leben verabschiedet. Der macht sich Sorgen um seinen scheidenden Zögling und warnt ihn schon vor dem anstehenden Teufelspakt so konkret, wie man vernünftigerweise nur werden kann. Hierbei bemüht er ein Goethewort so versteckt, dass es nur ein so belesener Abiturient wie Adrian bemerken kann. Ihm fällt sogar die entgegengesetzte Auffassung zu Schiller auf.

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Jüngstes Gericht, Stiftsbibliothek AdmontBeider Auffassungen sind durch die zwei Zitate oben belegt. Die Goethe’schen „angeborenen“ oder „natürlichen“ Verdienste (1808) sind eine Contradictio in adiecto, die absichtlich pointiert gebraucht sein kann. Wenn nicht, wäre sie allerdings der Affront gegen Schiller (1793), den Adrian darin sieht, auch wenn keine Kontroverse darüber entstanden war. Kunststück: Der Faust-Tragödie erster Theil erschien 1808, genau als Goethe mit Dichtung und Wahrheit überhaupt erst anfing, dabei war Schiller schon 1805 gestorben.

Derselbe Widerspruch aus Gottesgaben und Eigenverdiensten hat Thomas Mann noch öfter beschäftigt, vor allem in seinen Essays Goethe und Tolstoi ab 1923, Phantasie über Goethe 1948 und Goethe und die Demokratie 1949; zum Vergleich: Doktor Faustus ist von 1947, die Beschäftigung an dieser Stelle am gründlichsten. Es tut wohl zu beobachten, dass ein Großmeister, „Zauberer“ gar, wie Thomas Mann mit Wasser kocht, will hier heißen: seine Lieblingsstellen von Größeren ausschlachtet.

Das Brillanteste an Thomas Manns kurzer, für seine Romanhandlung bedeutsamer Aufarbeitung ist die Sprache des Rektors. Dessen schönste Formulierungen stammen aus dem Simplicissimus von Grimmelshausen 1668, wo nicht gar aus der Luther-Bibel 1545, besonders dem 1. Petrusbrief, und Ulrich von Hutten. Urwüchsig barockes Reformationsdeutsch, das Goethe gegen Schiller ausspielt — eine „deutschere“ Romanstelle kann es kaum geben.

——— Thomas Mann:

Doktor Faustus

Kapitel X, Bermann-Fischer, Stockholm 1947:

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Hölle, Stiftsbibliothek AdmontEr war, sage ich, sehr aufgeräumt damals, und wie denn nicht! Vom mündlichen Examen auf Grund der Reife seiner schriftlichen Arbeiten dispensiert, hatte er sich mit Dank für alle Förderung von seinen Lehrern verabschiedet, bei denen der Respekt vor der Fakultät, die er erwählt, die geheime Kränkung zurückdrängte, die seine geringschätzige Mühelosigkeit ihnen immer zugefügt hatte. Immerhin hatte der würdige Direktor der Gelehrten Schule der Brüder vom gemeinen Leben, ein Pommer namens Dr. Stoientin, der sein Professor im Griechischen, Mittelhochdeutschen und Hebräischen gewesen war, es bei der privaten Abschiedsaudienz an einem Mahnwort in dieser Richtung nicht fehlen lassen.

„Vale“, hatte er gesagt, „und Gott mit Ihnen, Leverkühn! — Der Segensspruch kommt mir vom Herzen, und ob nun Sie dieser Meinung sind oder nicht, ich fühle, daß Sie ihn brauchen können. Sie sind ein Mensch von reichen Gaben, und Sie wissen es — wie sollten Sie es nicht wissen? Sie wissen auch, daß Der dort oben, von dem alles kommt, sie Ihnen anvertraute, denn ihm wollen Sie sie ja darbringen. Sie haben recht: Natürliche Verdienste sind Verdienste Gottes um uns, nicht unsere eigenen. Sein Widerpartner ist es, durch Hochmut zu Falle gekommen er selbst, der trachtet, es uns vergessen zu lassen. Das ist ein arger Gast und brüllender Löwe, der geht und sucht, welchen er verschlinge. Sie sind von denen, die allen Grund haben, vor seinen Schlichen auf der Hut zu sein. Es ist ein Kompliment, das ich Ihnen da mache, nämlich dem, was Sie von Gottes wegen sind. Seien Sie’s in Demut, mein Freund, nicht in Trutz und Poch; und bleiben Sie eingedenk, daß Selbstgenüge dem Abfall gleichkommt und dem Undank gegen den Spender aller Gnaden!“

Josef Stammel, Vier letzte Dinge. Himmel, Stiftsbibliothek AdmontSo der wackere Schulmann, unter dem ich später noch an dem Gymnasium Lehrdienst versah. Adrian berichtete mir lächelnd von der Kommunikation auf einemder vielen Feld- und Waldspaziergänge, die wir in jener Osterzeit vom Hofe Buchel aus machten. Denn dort verbrachte er nach dem Abitur einige Wochen der Freiheit, und mich hatten seine guten Eltern zu seiner Gesellschaft mit eingeladen. Ich erinnere mich wohl des Gesprächs, das wir damals im Schlendern über Stoientins Mahnworte führten, besonders über die Redensart „Natürliche Verdienste“, deren er sich bei seiner Handschlagrede bedient hatte. Adrian wies nach, daß er sie von Goethe entlehnt übernommen habe, der sie gern gebraucht oder auch häufig von „angeborenen Verdiensten“ spreche, indem er durch die paradoxe Verbindung dem Wort „Verdienst“ seinen moralischen Charakter zu nehmen und, umgekehrt, das Natürlich-Angeborene zu einem außer-moralisch-aristokratischen Verdienst zu erheben suche. Darum habe er sich gegen die Forderung der Bescheidenheit gewandt, die immer von den Natürlich-Benachteiligten komme, und erklärt: „Nur die Lumpe sind bescheiden„. Direktor Stoientin aber habe das Goethe’sche Wort vielmehr im Geiste Schillers gebraucht, dem an der Freiheit alles gelegen gewesen sei, und der darum zwischen Talent und persönlichem Verienst moralisch unterschieden, Verdienst und Glück, die Goethe untrennbar verschränkt sehe, scharf voneinander getrennt habe. Das tue auch der Direktor, wenn er die Natur Gott nenne und angeborene Talente als die Verdienste Gottes um uns bezeichne, die wir in Demut zu tragen hätten.

„Die Deutschen“, sagte der neugebackene Student, einen Grashalm im Munde, „haben eine doppelgeleisige und unerlaubt kombinatorische Art des Denkens, sie wollen immer eins und das andere, sie wollen alles haben. Sie sind imstande, antithetische Denk- und Daseinsprinzipien in großen Persönlichkeiten kühn herauszustellen. Aber dann vermantschen sie sie, gebrauchen die Prägungen der einen im Sinn der andern, bringen alles durcheinander und meinen, sie können Freiheit und Vornehmheit, Idealismus und Naturkindlichkeit unter einen Hut bringen. Das geht aber wahrscheinlich nicht.“

„Sie haben es eben beides in sich“, erwiderte ich, „sonst hätten sie’s in jenen Beiden nicht herausstellen können. Ein reiches Volk.“

„Ein konfuses Volk“, beharrte er, „und für die andern verwirrend.“

Als Kuriosität ein hypothetisches Flickwerk aus den Informationen in der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe des Doktor Faustus, S. Fischer Verlag auf dem Stand von 2007: Nach allen Vorstufen und Verbesserungen in seiner Rede zu schließen, hätte Direktor Stoientin schlimmstenfalls sagen können:

Seid nüchtern und wachet, denn das ist ein arger Gast und Wendenschimpf, der mit der Leimstange geht wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er bescheiße. Der hat schon manchen, mit dem es in floribus herging, über den Tölpel geworfen und ihn am goldnen Seil der Hoffart in die Patsche gelockt.

Ist das nicht eine herrliche Pracht? Jedes Wort davon wäre zu begründen, steht aber hier nur zur Kurzweil — und keinesfalls, liebe Kinder, in eurer Deutsch-Hausarbeit.

Vier letzte Dinge: Josef Stammel für die Stiftsbibliothek Admont:

Stiftsbildhauer Josef Stammel (1695–1765) hat die umfangreichen, in Lindenholz geschnitzten bildhauerischen Kunstwerke des Prunksaales geschaffen. Besonders beeindruckend sind die Vier letzten Dinge, eine Gruppe von vier überlebensgroßen Darstellungen von Tod, Gericht, Himmel und Hölle. Sie sind allerdings früher als die Bibliothek entstanden und stehen im Kontrast zum aufgeklärten Konzept des Architekten.

Written by Wolf

13. November 2015 at 00:01

Und wenn es hundert schönere gibt

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——— François Villon:

Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt

ca. 1460, in: Die lasterhaften Balladen und Lieder des François Villon.
Nachdichtung [nicht „Übersetzung“]: Paul Zech, 1946, gesammelt 1962:

Im Sommer war das Gras so tief,
daß jeder Wind daran vorüberlief.
Ich habe da dein Blut gespürt
und wie es heiß zu mir herüberrann.
Du hast nur meine Stirn berührt,
da schmolz er auch schon hin, der harte Mann,
weils solche Liebe nicht tagtäglich gibt …
Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt.

Im Feld den ganzen Sommer war
der Mond so rot nicht wie dein Haar.
Jetzt wird es abgemäht, das Gras,
die bunten Blumen welken auch dahin.
Und wenn der rote Mond so blaß
geworden ist, dann hat es keinen Sinn,
daß es noch weiße Wolken gibt …
Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt.

Du sagst, daß es bald Kinder gibt,
wenn man sich in dein rotes Haar verliebt,
so rot wie Mohn, so weiß wie Schnee.
Im Herbst, mein Lieb, da kehren viele Kinder ein,
warum solls auch bei uns nicht sein?
Du bleibst im Winter auch mein rotes Reh
und wenn es hundert schönere gibt …
Ich hab mich in dein rotes Haar verliebt.

Reaus v.d. O, Me, July 8, 2008

Bild: Reaus v.d. O: Me, 8. Juli 2008.

Written by Wolf

21. Oktober 2015 at 16:03

Veröffentlicht in Land & See, Renaissance

Julia und ihr rechter Fuß

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Update zu Barfußläufte und Dein pöschelochter roter Mund:

Welcome, gentlemen! ladies that have their toes
Unplagued with corns will have a bout with you.

Capulet in Shakespeare: Romeo and Juliet, Act I, Scene 5: A hall in Capulet’s house, 1597.

Juliet —
when we made love,
we used to cry.

Dire Straits: Romeo and Juliet, aus: Making Movies, 1980.

Die Geschichte in einem Satz: 1974 bekam die Stadtsparkasse München von der Sparkasse Fondazione Cassa Di Risparmio Di Verona Vicenza Belluno E Ancona aus Münchens italienischer Partnerstadt Verona zum 150. Jahrestag ihres Bestehens eine Kopie der überlebensgroßen (2,65 Meter) Statue Giulietta geschenkt, die dort im Innenhof, der seit Sommer 2014 drei Euro Eintritt kostet, unter einem Balkon im Innenhof der Casa di Giulietta steht, den nach fadenscheinigster Quellenlage Shakespeare für Romeo and Juliet verewigt haben soll, der aber nicht einmal ein Balkon, sondern ein 1922 umfunktionierter und in dramaturgisch halbwegs glaubwürdiger Höhe angebrachter Sarkophag ist.

Bjs, St. Mary's Place, Munich. Statue of Juliet in front of the Old Townhall, Oktober 2004Das Original in Verona stammt von Nereo Costantini 1972 und war damit zur Zeit seiner Stiftung durch den Veroneser Lions Club noch nicht gerade historisch. Für zeitgenössische Kunst am Bau zeigte die Statue dennoch sofort ungewöhnlich viel Herzenspotenzial: Giulietta blickt wegen ihres bekannten Schicksals traurig, in trotzigem Kontrast dazu hat sie die linke Faust zu einer kraftvollen Geste erhoben. Immerhin hielten Sparkassenleute eine Replik davon zwei Jahre nach ihrer Aufstellung als Geschenk an befreundete Kollegen im Ausland für geeignet. Seitdem steht „die Münchner Julia“ frei zugänglich am Durchgang unter dem Alten Rathaus gleich neben dem Marienplatz und ist eins der volkstümlichsten Denkmäler Münchens geworden.

Zu allen Jahreszeiten wird Julia gern mit frischen Blumen und Gestecken geschmückt; offenbar sehen verliebte Menschen in ihr eine Patronin ihres Leidens. In jeder Stadtführung, die dort Station macht — und das sind viele — lernen Touristen vom Fremdenführer, dass es Glück bringt, Julias Brüste zu berühren. Besonders auffallend haben sich deshalb im Laufe der Zeit zwei blankgewienerte Stellen an ihrem Körper herausgebildet, an denen die Touristen beim Posieren mit ihr besonders gern herumfingern: ihre gut erreichbare rechte Brust und ihre beim Rasten auf dem Sockel noch besser erreichbare rechte große Zehe.

Ich persönlich mag die Münchner Julia. Sooft ich sie nicht zu lebhaft touristisch umlagert finde, bin ich einer von denen, die sie in etwas abergläubischer Absicht an die Zehe fassen. Das ist nicht so aufwändig und anzüglich wie den Sockel zu erklimmen, um ihre Brust zu betatschen. Außerdem mag ich Mädchenzehen, und die der Julia sehen denen meiner Frau derart ähnlich, als ob Nereo Costantini sie 1972, als meine Frau in Julias Alter war, nach deren Modell geschaffen hätte.

Buchstäblich zu Julias Füßen entspann sich deshalb im Winter 2014 folgender Dialog:

Julia-Statue in München, 1974, Portrait

„Wolf!“

„Mein halbes Leben?“

„Du knipst Füße!“

„Gar nicht wahr. Ich knipse einen einzelnen Fuß.“

„Ja — weil man an der Statue bloß den einen sieht!“

„Steck einer in der Kunst. Überhaupt knipse ich gar nicht, ich dokumentiere.“

„Weißt du, wer Füße fotografiert?“

„Im Moment seh ich bloß mich …“

„Fußfetischisten fotografieren Füße! Schwitzende alte Säcke mit einer infantilen Sexualität!“

„Sie schwitzen?“

„Sie ächzen und sabbern sogar!“

„So anstrengend hab ich’s jetzt gar nicht gefunden. Ich muss ihn ja nicht aus Bronze nachmeißeln.“

„Jedenfalls machen sie heimlich Fotos von wehr- und ahnungslosen Frauen, tragen feige Beute nach Hause und ergötzen sich an Geschlechtsmerkmalen, die gar keine sind!“

„Wölfin, mein pochend Herz, flackernde Funzel meiner trüben Tage, gefügiges Gefäß meiner tätigen Liebe, weißt du, warum ich den ehernen Fuß unserer ebensolchen Statue dokumentiere?“

„Hab ich doch grade gesagt!“

„Hast du nicht. Ich dokumentiere das Detail der Münchner Julia, weil er deinem — jawohl, deinem — Fuß verblüffend ähnlich sieht.“

„Ach was.“

„Ja, guck doch.“

„Solche Gnubbelzehen soll ich haben?“

„Sag das nicht. Das ist nur weder ägyptische noch griechische noch römische Zehenform — eben nicht nach einem künstlerischen Ideal der Renaissance gebildet. Den Fuß unserer wegen ihres zeitigen Liebestodes so betrübt dreinschauenden Münchner Julia halte ich demnach wie ihre gesamte Gestalt für den Abguss einer lebendig barfuß einhergehenden Veronseserin. Die sogar dein Jahrgang sein müsste.“

„Und die Füße hat wie ich.“

„Warum nicht? Die in München, deren Fetischqualität du mir vorwirfst, ist ja selber eine Kopie. Von der in Verona.“

„Ich hab Zehen wie ein Model für Kunst am Bau, wenn nicht gar wie eine seit der Renaissance tote dreizehnjährige Italienerin. Toll, du Charmeur.“

„Und wenn du, leichtfüßiges Licht meines Lebens, die du noch jahrzehntelang lebendig barfuß einhergehen sollst, deine Füße nebeneinander zusammenstellst, bilden sie ein nahezu makelloses Rund.“

„Zehen wie ein Model für Kunst am Bau, wenn nicht gar wie eine seit der Renaissance tote dreizehnjährige Italienerin mit halbkreisförmigen Füßen. Überleg dir langsam, was du sagst.“

„Was du nur hast. Das heißt doch nur, dass sie von der großen zur kleinen Zehe gleichmäßig absteigend kleiner werden. Wie sich das gehört.“

„Und der Rest?“

„Der Rest zehenaufwärts von der Julia? Ach, lang nicht so hübsch wie du.“

„Red dich nur raus.“

„Muss ich gar nicht. Ich mag meine Mädels lieber lebendig und nicht so suizidal, meine rosenzehige, -fingrige und -wangige Gespielin. Die Julia da ist schon ungefähr dein Typ. Die Frisur stimmt halt nicht. Und das Kleid.“

„Soll ich jetzt auch noch den ganzen Tag bodenlange Nachthemden tragen?“

„Quark, außer, du willst. Findest du den julianischen Fuß, den uns Signor Costantini überliefert hat, denn echt so grausig?“

„Gnubbelzehen hast du gesagt!“

„Ich?“

Julia-Statue in München, 1974, Fuß

Komplimente sind Glückssache. Daheim wird’s spannend. Wenn wir durch die Haustür sind, vernascht sie mich entweder gleich im Korridor oder das ganze Jahr nicht mehr, je nachdem, was zuerst kommt. Es wird ein langer Sommer. Hätten die dussligen Veroneser ihre Julia nicht zu Weihnachten verschenken können?

Julia-Statue in München, 1974

Bilder: Das Nachtbild ist von Bjs: Statue of Juliet in front of the Old Townhall, Oktober 2004;
die anderen sind selber gemacht, Winter 2014, in aller Frühe in den seltenen Minuten zwischen nicht mehr finster und noch nicht bevölkert.

(Eigentlich hab ich das alles nur wegen der Dobro-Läufe von Mark Knopfler geschrieben.)

Written by Wolf

1. April 2015 at 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Renaissance