Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Archive for the ‘Griechische Antike’ Category

Grillen mit Homer

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Update zu So eine Art Käse-Cocktail oder Mehl-Flip und Murrst:

Höre mich jetzt, Eumaios, und hört, ihr übrigen Hirten!
Rühmend red‘ ich ein Wort, vom betörenden Weine besieget,
Welcher den Weisesten oft anreizt zum lauten Gesange,
Ihn zum herzlichen Lachen und Gaukeltanze verleitet,
Und manch Wort ihm entlockt, das besser wäre verschwiegen.
Aber weil das Geschwätz doch anfing, will ich’s vollenden.

Homer: Odyssee, XIV. Gesang, Zeile 462 bis 467, ca. 800 vor Christus.

Wer hätte geglaubt, dass selbst die Odyssee erheiternde Momente hat. Für Stellen wie „Gott gibt uns dieses, und jenes versagt er, wie es seinem Herzen gefällt; denn er herrschet mit Allmacht“ wünscht man sich eigene Altgriechischkenntnisse, um sich nicht allein auf die — unzweifelhaft seit über zwei Jahrhunderten maßgebliche und vorbildlich genaue — Übersetzung von Johann Heinrich Voß verlassen zu müssen; das ist nämlich in einer vorarchaischen Geschichte in auffallender Weise die gewinnende Resignation vor der höheren Gewalt, wie man sie eigentlich erst im Christentum erwartet. Der Satz ist dem Schweinehirten Eumaios zugeteilt, der nicht zu besonderer Tapferkeit, gar Heldentum verpflichtet ist. Dann aber erfreut wiederum die fein unterscheidende Charakterzeichnung. So oder so muss erstaunen, wie lange dramaturgische Regeln schon gelten: noch bevor sie formuliert wurden.

Voß hat erst die Odyssee übersetzt (1781), danach die Ilias (1793). Darum, von wann und von wem seine Vorlagen stammen, ja ob jemand namens Homer überhaupt jemals gelebt hat, tobt eine zähere, sehr viel besser begründete Kontroverse als um Shakespeare. Sollte ein Homer auf Erden gewandelt, gesungen und geschrieben haben, wäre dem Gang der Handlung nach die Ilias sein Jugend-, die Odyssee sein Alterswerk; dazwischen entstanden Homerische Hymnen (die wir uns wegen gesteigerten Interesses beizeiten vornehmen werden).

Um 800 vor Christus waren die Griechen noch lebensfroh — mit so viel und so wenig Grund wie heute: Dauernd musste in irgendeinen Krieg gezogen werden, der allerdings als Einrichtung noch bis ungefähr 1915 nach Christus in viel besserem Ruf stand als seit 1945. Immerhin gab es offenbar reichlich und handfest zu essen. Homer (oder wer auch immer) überliefert sogar das Rezept für eine Variation der Fünffachen Schale, auch wenn Voß Weinmus dazu sagt. Ansonsten gibt es viel Schweinernes nach einem Verfahren, das man als gegrillt ansprechen muss. Ich bitte wie immer um freundliche Nachricht, wenn noch mehr Stellen zu diesem Thema auffallen!

Kann man eigentlich aus Schwein Stifado machen?

wikiHow, Ein ganzes Schwein braten

——— Homer: Ilias, VIII. Gesang, Zeile 542 bis 565 (der Schluss):

Also redete Hektor; und laut herriefen die Troer.
Sie nun lösten die Rosse, die schäumenden unter dem Joche,
Banden sie dann mit Riemen, am eigenen Wagen ein jeder.
Schnell nun führte man Rinder zum Schmaus‘ und gemästete Schafe
Her aus der Stadt; auch Wein, den herzerfreuenden, trug man
Reichlich, und Brot aus den Häusern, und Holz auch las man in Menge.
Und man brachte den Göttern vollkommene Festhekatomben;
Und dem Gefild‘ entwallte der Opferduft in den Himmel,
Süßes Geruchs: doch verschmäheten ihn die seligen Götter,
Abgeneigt; denn verhasst war die heilige Ilios jenen,
Priamos selbst, und das Volk des lanzenkundigen Königs.

Sie dort, mutig und stolz, in des Kriegs Abteilung gelagert,
Saßen die ganze Nacht; und es loderten häufige Feuer.
Wie wenn hoch am Himmel die Stern‘ um den leuchtenden Mond her
Scheinen in herrlichem Glanz, wann windlos ruhet der Aither;
Hell sind rings die Warten der Berg‘, und die zackigen Gipfel,
Täler auch; aber am Himmel eröffnet sich endlos der Aither;
Alle nun schaut man die Stern‘, und herzlich freut sich der Hirte.
So viel, zwischen des Xanthos Gestad‘ und den Schiffen Achaias,
Loderten, weit erscheinend vor Ilios, Feuer der Troer.
Tausend Feuer im Feld‘ entflammten sie; aber an jedem
Saßen fünfzig der Männer, im Glanz des lodernden Feuers.
Doch die Rosse, mit Spelt und gelblicher Gerste genähret,
Standen bei ihrem Geschirr, die goldene Früh‘ erwartend.

wikiHow, Ein ganzes Schwein braten

——— Homer: Ilias, XI. Gesang, Zeile 624 bis 643:

Weinmus mengte nun ihnen die lockige Hekamede,
Die aus Tenedos brachte der Greis, wie Achilleus sie einnahm,
Tochter des hochgesinnten Arsinoos, die die Achaier
Ihm erwählt, dieweil er im Rat vorragte vor allen.
Diese rückte zuerst die schöne geglättete Tafel
Mit stahlblauem Gestell vor die Könige; mitten darauf dann
Stand ein eherner Korb mit trunkeinladenden Zwiebeln,
Gelblicher Honig dabei, und die heilige Blume des Mehles;
Auch ein stattlicher Kelch, den der Greis mitbrachte von Pylos:
Welchen goldene Buckeln umschimmerten; aber der Henkel
Waren vier, und umher zwei pickende Tauben an jedem,
Schön aus Golde geformt; zwei waren auch unten der Boden.
Mühsam hob ein andrer den schweren Kelch von der Tafel,
War er voll; doch Nestor der Greis erhob ihn nur spielend.
Hierin mengte das Weib, an Gestalt den Göttinnen ähnlich,
Ihnen des pramnischen Weins, und rieb mit eherner Raspel
Ziegenkäse darauf, mit weißem Mehl ihn bestreuend,
Nötigte dann zu trinken vom wohlbereiteten Weinmus.
Beide, nachdem sie im Tranke den brennenden Durst sich gelöschet,
Freueten sich des Gesprächs, und redeten viel miteinander.

wikiHow, Ein ganzes Schwein braten

——— Homer: Odyssee, XIV. Gesang, Zeile 72 bis 82:

Also sprach er; und schnell umband er den Rock mit dem Gürtel,
Ging zu den Köfen, worin der Ferkel Menge gesperrt war,
Und zwei nahm er heraus, und schlachtete beide zur Mahlzeit;
Sengte sie, haute sie klein, und steckte die Glieder an Spieße,
Briet sie über der Glut, und setzte sie hin vor Odysseus,
Brätelnd noch an den Spießen, mit weißem Mehle bestreuet;
Mischte dann süßen Wein in seinem hölzernen Becher,
Setzte sich gegen ihm über, und nötigt‘ ihn also zum Essen:
Iss nun, fremder Mann, so gut wir Hirten es haben,
Ferkelfleisch; die gemästeten Schweine verzehren die Freier,
Deren Herz nicht Furcht vor den Göttern kennet, noch Mitleid.

wikiHow, Ein ganzes Schwein braten

——— Homer: Odyssee, XIV. Gesang, Zeile 100 bis 117:

Rinderherden sind zwölf auf der Feste, der weidenden Schafe
Eben so viel, auch der Schweine so viel, und der streifenden Ziegen.
Mietlinge hüten sie teils, und teils leibeigene Hirten.
Hier in Ithaka gehn elf Herden streifender Ziegen
Auf entlegenen Weide, von wackern Männern gehütet.
Jeder von diesen sendet zum täglichen Schmause den Freiern
Immer die trefflichste Ziege der fettgemästeten Herde.
Unter meiner Gewalt und Aufsicht weiden die Schweine,
Und ich sende zum Schmause das auserlesenste Mastschwein.
Also sprach er; und schnell aß jener des Fleisches, begierig
Trank er des Weins, und schwieg; er dachte der Freier Verderben.
Als er jetzo gespeist, und seine Seele gelabet,
Füllete jener den Becher, woraus er zu trinken gewohnt war,
Reichte den Wein ihm dar; und er nahm ihn mit herzlicher Freude,
Redete jenen an, und sprach die geflügelten Worte:
Lieber, wer kaufte dich denn mit seinem Vermögen? Wie heißt er,
Jener so mächtige Mann und begüterte, wie du erzählest,
Und der sein Leben verlor, Agamemnons Ehre zu rächen?

wikiHow, Ein ganzes Schwein braten

——— Homer: Odyssee, XIV. Gesang, Zeile 409 bis 456:

Also besprachen diese sich jetzo untereinander.
Und nun kamen die Schwein‘ und ihre Hirten vorn Felde.
Diese schlossen sie drauf in ihre Ställe zum Schlafen,
Und laut tönte das Schreien der eingetriebenen Schweine.
Aber seinen Gehilfen befahl der treffliche Sauhirt:
Bringt das fetteste Schwein, für den fremden Gast es zu opfern,
Und uns selber einmal zu erquicken, da wir so lange
Um weißzahnige Schweine Verdruss und Kummer erduldet,
Während andre umsonst all‘ unsere Mühe verprassen!
Also sprach er, und spaltete Holz mit dem grausamen Erze.
Jene führten ins Haus ein fett fünfjähriges Mastschwein,
Stellten es drauf an den Herd. Es vergaß der treffliche Sauhirt
Auch der Unsterblichen nicht, denn fromm war seine Gesinnung!
Sondern begann das Opfer, und warf in die Flamme das Stirnhaar
Vom weißzahnigen Schwein, und flehte den Himmlischen allen,
Dass sie dem weisen Odysseus doch heimzukehren vergönnten;
Schwung nun die Eichenkluft, die er beim Spalten zurückwarf,
Schlugs, und sein Leben entfloh; die andern schlachteten, sengten,
Und zerstückten es schnell. Das Fett bedeckte der Sauhirt
Mit dem blutigen Fleische, von allen Gliedern geschnitten;
Dieses warf er ins Feuer, mit feinem Mehle bestreuet.
Und sie schnitten das übrige klein, und steckten’s an Spieße.
Brieten’s mit Vorsicht über der Glut, und zogen’s herunter,
Legten dann alles zusammen auf Küchentische. Der Sauhirt
Stellte sich hin, es zu teilen; denn Billigkeit lag ihm am Herzen.
Und in sieben Teile zerlegt‘ er alles Gebratne:
Einen legt‘ er den Nymphen, und Hermes, dem Sohne der Mäa,
Betend den andern hin; die übrigen reicht‘ er den Männern.
Aber Odysseus verehrt‘ er den unzerschnittenen Rücken
Vom weißzahnigen Schwein, und erfreute die Seele des Königs.
Fröhlich sagte zu ihm der erfindungsreiche Odysseus:
Liebe dich Vater Zeus, wie ich dich liebe, Eumaios,
Da du mir armen Manne so milde Gaben verehrest!
Drauf antwortetest du, Eumaios, Hüter der Schweine:
Iss, mein unglückseliger Freund, und freue dich dessen,
Wie du es hast. Gott gibt uns dieses, und jenes versagt er,
Wie es seinem Herzen gefällt; denn er herrschet mit Allmacht.
Sprach’s, und weihte den Göttern die Erstlinge, opferte selber
Funkelnden Wein, und gab ihn dem Städteverwüster Odysseus
In die Hand; er saß bei seinem beschiedenen Anteil.
Ihnen verteilte das Brot Mesaulios, welchen der Sauhirt
Selber sich angeschafft, indes sein König entfernt war:
Ohne Penelopeia, und ohne den alten Laertes,
Hatt‘ er von Taphiern ihn mit eigenem Gute gekaufet.
Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.
Und nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Trug Mesaulios wieder das Brot von dannen; und alle,
Von dem Brot und dem Fleische gesättigt, eilten zur Ruhe.

wikiHow, Ein ganzes Schwein braten

Bilder: wikiHow: Ein ganzes Schwein braten („Es gibt keine festgelegten Anleitungen“), gemeinfrei.

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Written by Wolf

2. August 2015 at 00:01

So eine Art Käse-Cocktail oder Mehl-Flip

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Update zu Anständig essen und Tumultuantenharanguieren (sed iam satis):

Entwarnung: Es besteht kein Grund mehr, sich über altbackenen Studienratshumor zu mokieren. Die ihm ernsthaft obliegen, haben sich im Lauf der Jahrzehnte biologisch selbst erledigt, ihre literarischen Hinterlassenschaften können jetzt getrost dorthin eingehen, wo sie immer hingehört haben: in den Zustand einer liebenswert schrulligen Folklore.

Henrietta Rae, A Bacchante, 1885Mittlerweile konnte ich es sogar moralisch vertreten, von meinen Eltern im Mittelfränkischen — lang sollen sie leben — meine Kindheitserinnerung in Gestalt von Einfach köstlich als eine Art vorgezogenes Erbteil zu bestellen; materieller Wert auf Amazon.de: 1 Cent plus 3 Euro Porto.

Geschichten über Versorgerehen, in denen ein Patriarch aus der Mittelschicht, der über eine Sekretärin verfügt, mit seiner Frau ernsthaft über die Zusammenstellung eines Mittagessens aneinandergerät; Anekdoten über gehobene militärische Dienstgrade, deren Witz darin liegt, dass jemand mit ihnen redet wie mit normalen Menschen; behandlungswürdige Alkoholkrankheit als hinzunehmender, wenn nicht gar erheiternder Charakterzug und als sozial förderliche und vor allem „typische“ Verhaltensweise ganzer Völkerschaften, meist der eigenen Region, immer aber der Russen, Franzosen und Iren, gern dargestellt anhand von Männern, die sich auf dem Heimweg an biegsame Laternen klammern und zu Hause von unermüdlich wartenden Ehefrauen mit Nudelhölzern empfangen werden; gutmütige, lebenslustige Mönche, deren Hauptaufgabe in Bierbrauen und deren Seelsorge im Verführen von Frauen aller Altersstufen besteht; gereimte Kochrezepte in abenteuerlicher Umschrift deutscher Dialekte.

Die lyrischen Formen und die Zeichnungen sind technisch einwandfrei gebaut: Bei allem, was recht ist, geraten in so eine studienrätliche Anthologie keine Pfuscher, eher schon gelernte Reklametexter, Schildermaler und richtige Schriftsteller — zur Würze und zur Rechtfertigung des lukullischen Wohllebens, das immer mit einem gewissen schlechten Gewissen einhergeht und von ordentlichen Bürgern nur an Sonn- und Feiertagen mit dem gleichen schlechten Gewissen unterlassen würde, durchsetzt mit anerkannten Klassikern von allerhand regional noch nicht ganz verdrängten Mundartverseschmieden, die offenbar die Lateinschule absolviert haben, Roda Roda bis zu Wilhelm Busch aufwärts, weil schließlich „schon Goethe“ einen „guten Tropfen“ zu schätzen wusste.

Als Kind war mir dergleichen noch genießbar, weil erlaubt, ja unterstützt von einem kulturell nicht übermäßig beflissenen, aber kulturelle Errungenschaften wertschätzenden Eisenbahnerehepaar, und für den kindlich unausgebildeten Geschmack dann doch irgendwie lustig, darin ähnlich den Schwedischen Liebesgeschichten in der Regalreihe dahinter, die keineswegs erlaubt waren —

— und einen sehr viel höheren Frauenanteil unter den Beitragsstiftern haben als der Sampler über „Tafel- und Gaumenfreuden“. In demselben zuckt man ganz zusammen, wenn wirklich mal eine Frau aufgenommen wurde. Unter den drei Illustratoren sind die Bilder der Trude Richter (nicht verwandt) nicht von den anderen unterschieden, dafür erinnert man sich daran, dass der Herr Hirnbeiß in der Münchner Abendzeitung all die Jahrzehnte von Franziska Bilek getextet wurde; bei dem bald überschauten, weil ständig wiederholten Bildmaterial muss der Hirnbeiß weniger eine Zeichenarbeit denn eine Pointenfabrikation aus tagesaktuellen Schnellschüssen gewesen sein.

Über das vermittelte Frauenbild der Frau Bilek würde man heute mindestens diskutieren. Gerettet wird sie durch ihre Selbstironie, das funktioniert meistens. Historisch schätzbar wird ihr Textbeitrag für Einfach köstlich durch die selbstverständlich benutzte Bezeichnung „Schwips“ und das Rezept für die meines Wissens exklusiv bei dem Römer Horaz belegte Fünffache Schale der alten Griechen.

Ferdinand Leeke, Fliehende Nymphen, 1923

——— Franziska Bilek:

Der Festzug des Dionysos

in: Einfach köstlich. Heitere Geschichten von Tafel- und Gaumenfreuden.
Herausgegeben von Helmuth Leonhardt.
Mit über 120 farbigen und einfarbigen Illustratiionen (Trude Richter, Alfred Resch, Willi Wörmann),
Mosaik Verlag, Hamburg ca. 1960:

Cover Helmuth Leonhardt, Hg., Einfach köstlich, ca. 1960Dionysos ist der Gott des Weines, ja, er hat sogar den Weinbau erfunden, wohlgemerkt den Weinbau, nicht die Fabrikation des Weines. Für alkoholfreie Getränke ist er nicht zuständig. Er ist ein sehr vergnügter Gott und hat, wo es nur immer ging, Festzüge veranstaltet. Er selbst fuhr dabei auf einem von ersten Künstlern entworfenen Wagen, der von Tigern gezogen wurde. Bei diesen Zügen ging es recht toll zu. Ein dicker Herr, der auf einem Esel ritt und das Festprogramm durch seine unprogrammäßigen Späße fast in Unordnung brachte, wurde als sein Ziehvater Silen bezeichnet.

Die Frauen, die bei dem Festzuge mitwirkten, stammten aus Thrazien. Diese Mädchen, Mänaden oder Bacchantinnen genannt, eigneten sich ganz besonders dazu, denn sie waren sehr lustig, und die Polizei hatte alle Augen zuzudrücken. Ihre Uniform bestand in zerzausten Haaren, Kränzen aus Efeu und mit Schlangen umwundenen Thyrsusstäben. Dionysos wußte genau, was ein Gläschen Wein bei jungen Mädeln ausrichtet. Als er einmal hinter der Nymphe Nicäa, die nichts von ihm wissen wollte, her war, verwandelte er das Flüßchen, aus dem sie gerade Wasser trinken wollte, in schieren Wein. Die Kleine bekam einen Schwips, und so ging alles viel besser. Man sollte gar nicht meinen, daß Dionysos auch die Mischgetränke erfunden hat. Aber man höre: Beim Dionysosfest in Athen erhielt der Sieger nach einem Wettlauf die sogenannte „Fünffache Schale“. Das Getränk war eine Mischung aus Wein, Honig, Käse, Mehl und Öl. Das muß so eine Art Käse-Cocktail oder Mehl-Flip gewesen sein.

John Collier: Maenads, 1886

Bacchantinnen: Henrietta Emma Ratcliffe Rae: A Bacchante, 1885;
Ferdinand Leeke: Fliehende Nymphen, Öl auf Leinwand, München 1923;
John Collier: Maenads, 1886, Öl auf Leinwand, Southwark Art Collection;
Bacchus: Trude Richter, Alfred Resch oder Willi Wörmann für Einfach köstlich,
Lizenzausgabe Bertelsmann, ca. 1960.

Written by Wolf

12. Juni 2015 at 00:01

Weil er ihn für einen völligen Toren hielt

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Unter den Anweisungen in als hilfreich dargestellten Medien herrscht ein uferloser Zynismus, der Unterschied zwischen analogen und digitalten Medien liegt nur noch in der Altersgruppe, die demoralisiert werden soll. Harmlosere Beispiele sind noch: „Keep calm and stay happy“ oder „One of the simplest ways to stay happy is letting go of the things that make you sad“, was sich von der unausgesprochenen über die offen nahegelegte Verpflichtung zu Glück weiter über ganze carnegieske Industrien bis hin zu Kunstformen, die vorgeben, wenigstens bei der Herstellung Spaß zu machen, steigert.

Wann ist das eigentlich so offensichtlich geworden? Ich hab Angst.

——— Herodot von Halikarnassos: Kroisos und Solon, Historien Buch I,30-33, ab ca. 430 v. C.,
Übs. nach Johann Christian Felix Bähr, 1855–1861:

Cover W. Béran Wolfe, How to be Happy Though Human, 1931Eben deswegen nun und auch wohl, um sich umzusehen, war Solon außer Landes gereist und nach Ägypten zu Amasis gekommen und dann auch nach Sardeis zu Kroisos. Hier wurde er nach seiner Ankunft gastlich von Kroisos in der königlichen Burg aufgenommen und dann, am dritten oder vierten Tag, führten Diener des Kroisos auf dessen Geheiß hin Solon in den Schatzkammern herum und zeigten im alles, was Großes und Herrliches da war. Nachdem Solon dies alles , so wie es ihm gelegen war, betrachtet und beschaut hatte, fragte ihn Kroisos Folgendes: „Gastfreund aus Athen! Vielfach hat man uns schon von dir erzählt, sowohl von deiner Weisheit als auch von deiner Wanderung, wie du aus Wissbegier viele Länder, um dich umzusehen, besucht hast: daher kam mir jetzt das Verlangen, dich zu fragen, ob du schon einen Menschen gesehen hast, der unter allen der glücklichste war.“ Kroisos fragte danach, weil er eben sich für den glücklichsten unter allen Menschen ansah. Weil Solon aber keineswegs schmeicheln, sondern sich an die Wahrheit halten wollte, antwortete er ihm: „O König! Den Tellos von Athen.“ Kroisos verwunderte sich sehr über diese Antwort und fragte in seinem Eifer: „Wieso glaubst du, dass Tellos der glücklichste sei?“ Der aber antwortete: „Einerseits lebte Tellos, als der Staat blühte, und hatte brave und tüchtige Söhne; er erlebte es auch, wie diesen allen Kinder geboren wurden und auch am Leben blieben; andererseits wurde ihm, während er, soweit es bei uns angeht, in glücklichen Lebensverhältnissen lebte, das glänzendste Lebensende zu Teil. Denn als die Athenern mit ihren Nachbarn bei Eleusis in Kampf geraten waren, eilte er herbei, schlug die Feinde in die Flucht und erlitt dabei den rühmlichsten Tod: die Athener bestatteten ihn auf öffentliche Kosten da, wo er gefallen war und erwiesen ihm große Ehre.“

Solon hatte durch diese Erzählung von Tellos, dessen großes Glück er pries, Kroisos noch begieriger gemacht; und so fragte er Solon, wen er denn auf dem zweiten Rang nach jenem sehe. Er dachte nämlich, er würde doch wenigstens den zweiten Preis davontragen. Aber Solon nannte Kleobis und Biton. Diese waren nämlich von Geburt Argiver, hatten hinreichend zu leben und dazu eine solche Körperkraft, dass sie beide in gleicher Weise in den Kampfspielen den Sieg davongetragen hatten. Es wird aber von ihnen auch noch Folgendes erzählt: Bei einem Fest, das die Argiver der Hera feierten, musste ihre Mutter unbedingt auf einem Wagen zum Heiligtum gebracht werden. Als nun die Rinder nicht zur rechten Zeit vom Feld eintrafen, spannten sich die Jünglinge von der Zeit gedrängt selbst an die Deichsel und zogen den Wagen, auf dem ihre Mutter fuhr. So brachten sie ihre Mutter eine Strecke von fünfundvierzig Stadien im Wagen zum Heiligtum. Nachdem sie dieses vollbracht hatten und von der Festversammlung erblickt worden waren, wurde ihnen das beste Lebensende zu Teil, und es zeigte an ihnen die Gottheit, dass es für den Menschen besser sei, tot zu sein als zu leben. Die umstehenden Argiver priesen nämlich die Stärke der Jünglinge, die Argiverinnen aber ihre Mutter, weil sie solche Kinder hatte. Da trat die Mutter voll Freude über die Tat und über diese Ruhmesworte vor das Götterbild und flehte, die Göttin möge ihren Kindern Kleobis und Biton, die ihr so große Ehre erwiesen hatten, das gewähren, was für den Menschen zu erlangen am besten sei. Als man nach diesem Gebet das Opfer dargebracht und Festschmaus gehalten hatte, schliefen die Jünglinge im Tempel ein und standen nicht mehr auf, sondern verblieben in diesem Ende ihres Lebens. Die Argiver aber ließen ihnen Bildsäulen fertigen und weihten sie nach Delphi, weil sie so treffliche Männer geworden waren.

Diesen nun erkannte Solon den zweiten Preis des irdischen Glücks zu; Kroisos aber wurde aufgebracht und sprach: „Gastfreund aus Athen, gilt dir denn unser Glück für gar nichts, so dass du uns nicht einmal gewöhnlichen Bürgern gleich achtest? Da erwiderte Solon: „O Kroisos! Mich der ich wohl weiß, wie die Gottheit durchaus von Neid und Unruhe erfüllt ist, fragst du über menschliche Dinge. In der langen Zeit eines Lebens gibt es vieles zu sehen, was man nicht will, vieles aber auch zu ertragen; ich setze nämlich die Grenze des Lebens auf siebzig Jahre; diese siebzig Jahre machen fünfundzwanzigtausend und zweihundert Tage, wenn kein Schaltmonat eingerechnet wird. Insofern nun aber ein Jahr um einen Monat länger sein soll als das andere, damit die Jahreszeiten zur gehörigen Zeit eintreffen, kommen zu den siebzig Jahren noch fünfunddreißig Schaltmonate hinzu, und aus diesen Monaten ergeben sich tausend und fünfzig Tage. Von all diesen Tagen, die auf die siebzig Jahre gehen, sechsundzwanzigtausend zweihundertundfünfzig, bringt kein Tag ein dem anderen völlig gleiches Ereignis; so also, o Kroisos, ist der Mensch ganz ein Spiel des Zufalls. Allerdings scheinst du mir im Besitz großen Reichtums zu sein und ein König über viele Menschen. Das aber, wonach du mich fragst, kann ich dir nicht angeben, bevor ich erfahren habe, dass dein Leben glücklich geendet hat. Denn fürwahr ist derjenige, der in großem Reichtum steht, darum nicht glücklicher als derjenige, der nur sein tägliches Brot zu essen hat, wenn ihm nicht ein Glück zu Teil wird, im Besitz all dieser Güter sein Leben wohl zu enden. Viele Menschen, die sehr reich sind, sind darum nicht glücklich; viele aber, die nur mäßig zu leben haben, sind glücklich. Derjenige nun, der sehr reich, aber unglücklich ist, hat vor dem Glücklichen nur zwei Dinge voraus, dieser aber vor dem Reichen und Unglücklichen gar vieles. Jener ist nämlich eher im Stande, seine Gelüste zu befriedigen und ein großes Unglück, das ihn trifft, zu ertragen; der andere aber hat das vor ihm voraus, dass er zwar nicht wie jener auf gleiche Weise ein Unglück ertragen und seine Gelüste befriedigen kann, aber durch sein Wohlbefinden davor bewahrt ist: er hat gesunde Glieder, ist ohne Krankheit und kennt kein Leid; er hat schöne Kinder und selbst eine schöne Gestalt. Wenn er nun überdies noch sein Leben wohl endet, so ist er eben derjenige, den du suchst, und verdient den Namen eines Glücklichen. Bevor er aber gestorben ist, soll man sein Urteil zurückhalten und ihn nicht glücklich nennen, sondern nur von ihm sagen, es gehe ihm gut. Nun ist es zwar für einen Menschen nicht möglich, dies alles zusammen zu erlangen, gerade wie es ja auch kein Land gibt, das sich selbst in allem genügt, sondern das eine hat und des anderen bedarf; dasjenige Land aber, das das meiste besitzt, gilt für das beste: ebenso kann auch des Menschen Leib sich allein nicht genügen, denn das eine hat er und des anderen bedarf er. Wer nun aber dauernd das meiste besitzt und dann guten Mutes sein Leben endet, der verdient, o König, nach meinem Ermessen zu Recht den Namen des Glücklichen. Denn bei jedem Ding muss man auf das Ende sehen, welchen Ausgang es nimmt: schon manchem hat die Gottheit das Glück nur gezeigt, um ihn dann von Grund auf zu vernichten.“

Diese Rede des Solon gefiel Kroisos gar nicht; er nahm daher auf Solon weiter keine Rücksicht und entließ ihn, weil er ihn für einen völligen Toren hielt, der die Güter der Gegenwart nicht beachte, sondern ihn auffordere, auf das Ende eines jeden Dinges zu sehen.

Soundtrack: Nana Mouskouri: Glück ist wie ein Schmetterling, 1977 nach Dolly Parton, 1974.
Das Fanvideo ist für eine Laienparodie ungewöhnlich aufwändig organsisiert, dabei schlicht durchgehalten. Wir beobachten darin nicht Frau Mouskouri, aber der Sound ist das Original. Das Beste ist die penetrante Beiläufigkeit des Schildes „Tür schließt automatisch“.

Bild: Cover W. Béran Wolfe: How to be Happy Though Human, 1931 via The Literary Gift Company.

Written by Wolf

7. März 2014 at 00:01

Fabel zur Senkung der Arbeitsmoral

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Die Ameise kam an der Heuschrecke Haus und klagte: „Der Winter naht! Die Nächte werden lang und kalt. Kannst du mir nicht ein paar CDs leihen?“

Die Heuschrecke fragte zurück: „Hast du dir denn im Sommer keine MP3s gesaugt?“

„Den Sommer habe ich damit verbracht“, sprach die Ameise, „mein Fortkommen im Ameisenhaufen voranzutreiben. Und wenn du mir ein paar Bücher aufs Kindle spielen könntest? Die 48 Gesetze der Macht habe ich mir schon angeeignet.“

„Nun, so magst du im Winter n-tv gucken“, versetzte die Heuschrecke und schloss die Tür.

Für Äsop. Und Heinrich Böll natürlich.

Rachel Less Than One, Of course cartoon-me is reading, 2013

Kluger Heuschreck: Rachel Less Than One: Of Course Cartoon-Me Is Reading, 2013.

The Grasshopper and the Ants: Walt Disney Silly Symphonies, United Artists 1934.

Written by Wolf

2. Oktober 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Griechische Antike

Mille tre

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Beim Nachlesen in Büchern, die mehr als zweihundert Jahre alt sind, macht immer die Anakreontik den meisten Spaß: Schulhof-, Kneipen- und Altherrenwitze, da ist für alle Generationen was dabei, und alles mit kulturhistorischem Anspruch.

Mich frappiert unter der ganzen Fülle der Leporellos auf YouTube etwas, dass Leporello kaum je Leporellos benutzt. In der größten, schönsten, vielschichtigsten und seit 1787 erfolgreich durchgenudeltsten aller Opern musste man einem interessierten Publikum noch nicht erklären, wer dieser Anakreon überhaupt ist, die konnten wahrscheinlich sogar das richtige Gedicht hersagen.

——— Anakreon: XXXII. Auf seine Mädgens, ca. 550 vor Christus,
nach: Johann Nikolaus Götz (Hg.): Die Gedichte Anakreons und der Sappho Oden, Carlsruhe 1760:

Beata Rydén by Benjamin Benchan, A Song to Illuminate Humanity, 14. Januar 2012Kannstu in allen Wäldern
Der Bäume Blätter zehlen;
Kannstu die Zahl der Körner
Des Sandes am Meere finden;
Dann bistu auch im Stande,
Und du allein, die Menge
der Mädgens, die mich lieben,
Gehörig auszurechen.
Zum ersten setze zwanzig,
Die aus Athen gebürtig;
Hernach noch funfzehn andre.
Dann setze ganze Schaaren
Von Liebsten aus Korinthus,
Das in Achaja lieget;
Denn da sind schöne Mädgens.
Dann zehle mir die Mädgens
Aus Ionien und Lesbos,
Aus Karien und Rhodus,
Zum wenigsten zwey tausend.
Was! sprichstu, so viel Mädgens!
Die Mädgens aus Kanobus,
Aus Syrien, und Kreta,
Wo Amor in den Städten
Geheime Feste feyert,
Verschwieg ich noch mit Fleiße.
Wie wilstu meine Liebsten
Aus Indien und Baktra
Und die um Kadix zehlen?

Registerarie Madamina, il catalogo è questo: Ferruccio Furlanetto unter Herbert von Karajan, 1987;
A song to illuminate humanity: Beata Rydén aus Göteborg
von Benjamin Benchan aus Neuchâtel, 14. Januar 2012.

Written by Wolf

14. Februar 2013 at 00:01