Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

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Weekly Wanderer 0017

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Wie schön, dergleichen noch zu entdecken: Heinrich Detering hat seit 1978 vier Gedichtbände veröffentlicht. Nicht gerade stakkato, aber kontinuierlich.

Und sie reimen sich, legen Rhythmus vor und wechseln die lyrischen Formen. Endlich ein zeitgenössischer Dichter, der seinen Werkzeugkasten geordnet und flusenfrei hält und sich dabei nicht gebärdet wie Durs Grünbein.

Befremdlich genug, dass man dergleichen einem Literaturprofessor und Akademiepräsidenten, der mit der 38-bändigen Thomas-Mann-Gesamtausgabe ausreichend beschäftigt sein sollte, gar nicht so recht zutrauen mag: Gedichte, die der verbliebenen Leserschaft von Lyrik und „der Kritik“ — wer immer das ist — gefallen. Gut, immerhin einer weiß es und kann’s. Die neueren Übersetzungen von Hans Christian Andersen sind von ihm, Harald Hartung stuft ihn als den letzten Metaphysical Poet ein und bescheinigt ihm Diskretion, Ironie und Humor — also kein Germanist, wie er im lästerlichen Buche steht, der sich dadurch auszeichnet, keine andere Sprache als Deutsch zu können.

Persönlich konnte man ihn — zum Beispiel — in München kennen lernen: Am 15. Juli kam er zur Lesung und zum Gespräch mit — sitzen Sie gut? — Hans Magnus Enzensberger ins ziemlich kleine, überaus feine Lyrik-Kabinett. Das deutet auf die Unterstützung durch Herrn Verleger Michael Krüger höchstselbst, der das Kabinett zu einer seiner Herzensangelegenheit gemacht hat.

Solche Gewächse wie das Kabinett und der gastierende Dichter gedeihen also noch. Keine Einnahmequelle, bei der sich irgend jemand gierig die Hände riebe — aber bei der wir dereinst sagen dürfen: Jaja! Das haben wir noch gekannt.

Für den Wöchentlichen Wanderer die späteste Folge und die letzte:

——— Heinrich Detering: Ruhe,
aus: Old Glory, Wallstein Verlag 2013, Seite 54:

zum letzten Verschlag
gelassen trabend
lob ich den Tag
kurz vor dem Abend

keines Menschen Antipode
keine Regel kein Verstoß
keines Liedes Gegenode
tatenarm gedankenlos

nichts dem Widrigen erwidern
bist du müde geh zur Ruh
schläft ein Ding in allen Liedern
da ruhst auch du

EMP, The Ace of Spades, 30. Augusst 2012

Ein Ding in allen Liedern (darf ich die Formulierung verwenden?): EMP, 30. August 2012.

Written by Wolf

7. September 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0016

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Nicht recht einig werde ich mit mir, was das sein soll: Volksgut um 1960 (was es faktisch ohnehin ist), das sich unbefangen wie der Sperber der Fränkischen Alb in die Höhen der Bildung erhebt — oder ein halbbildungshuberndes Gstanzl , das sich zu foin für eine schmissige Bauerntanzmelodie ist.

Dann versöhnt mich doch wieder, dass die unorthodoxe Zusammenstellung hier einen ganz ähnlichen Effekt erzielt wie die Erzeugnisse von Robert Gernhardt und Peter Knorr, und das aus gleichen Gründen. Wahrscheinlich sogar unter Einfluss nahe verwandter legaler Drogen.

Und der Pfarrer von Roth
Ist auch schon lang tot.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Katholische Stadtpfarrkirche Roth bei Nürnberg, Hochaltar 1913, Katholische Pfarrei Roth Maria Aufnahme in den Himmel

Bild: Katholische Stadtpfarrkirche Roth bei Nürnberg: Neugotischer Hochaltar, errichtet 1913.

Written by Wolf

31. August 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Glaube & Eifer, Klassik

Weekly Wanderer 0015

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Mit dieser Folge nähern wir uns der Entstehung von unserem Lieblingsgedicht seit Wochen, wohin niemand zuverlässiger führen kann denn die Neue Frankfurter Schule. Nähern, sagte ich. Nicht ankommen bei.

——— Robert Gernhardt: Goethe und die Schlegel-Brüder II
aus: Welt im Spiegel, 1965:

„Wanderers Nachtlied“, wohl das schönste und schwebendste Gedicht Goethes, entstand bekanntlich in einer Jagdhütte auf dem Kickelhahn bei Weimar. Weniger bekannt sind die näheren Umstände. Goethe hatte gerade das „Über allen Gipfeln ist Ruh'“ auf die Wand der Hütte geschrieben, als er ein lautes „Juvivallera“ hörte. Er shaute hinaus und sag die Gebrüder Schlegel, die wieder einmal eins über den Durst getrunken hatten.

Über allen Wipfeln spürst du
kaum einen Hauch“
,

dichtete er unbeirrt weiter. „Huhuuu“, erscholl es von draußen.

„Die Vöglein schweigen im Walde …“

„Tirili“, schrien die Schlegels.

„Warte nur, balde
ruhest du auch“
,

schloß der Dichterfürst mit lauter Stimme sein Gedicht.

„Das ist noch nicht raus“, erscholl es als Antwort, doch nach einigem Randalieren trollte sich das Brüderpaar.

Unerfindlich bleibt es jedoch, wie sie später behaupten konnten, sie hätten wesentlichen Anteil an der Entstehung des Gedichts gehabt. Das Gegenteil ist wahr. Es ist trotz ihres Wirkens entstanden.

Baumeister Biber hat hier schon etliche Bäume gekappt. Wir schützen Baum und Biber. Nürnberg, Wöhrder Wiesen, Insel Schütt, März 2011

Bild: Nürnberg, Wöhrder Wiesen hinter der Insel Schütt, März 2011. Danke fürs Mitlachen, Andrea!

Written by Wolf

24. August 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0014

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Gerhard Richter, Betty, 1988, Saint Louis Art Museum, Saint Louis, USADergleichen konnte ich als Kind gut, weil für mein von Anfang an verschrobenes Hirn Texte und Bilder nie etwas kategorial Unterschiedliches waren; deswegen übrigens sieht unser Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie aus wie ein therapeutischer Motivationsweblog für Legastheniker, die sich Wörter als Buchstabenbilder vorstellen sollen.

Aufgegeben habe ich es, als ich feststellte, dass es im Vortrag nichts nützt, Buchstaben wortweise rückwärts herzusagen, weil der natürliche Effekt phonetisch funktioniert, und vor allem dass andere Leute das mit vollständigen Sätzen draufhaben, die ich mir nie so weit im Voraus zurechtformulieren konnte. Ein Wort wie „Nielegöv“ ist allerdings eine Entdeckung, die das Sprachexperiment lohnt, tim Bualrev.

——— Brigitte Schulze: Rückwärts A
aus: Wipfelruh, Pa-Ra-Bü 17, 1979:

Rebü nella Nlefpig
tsi Hur,
ni nella Nlefpiw
tserüps ud
muak nenie Hcuah.
Eid Nielegöv negiewhcs mi Edlaw.
Etraw run: edlab
tsehur ud hcua.

Rückwärtsbild: Gerhard Richter: Betty, 1988, Saint Louis Art Museum, Saint Louis, USA. Das kann ich übrigens auch besonders gut: So sehen so ziemlich alle meine Fotos von Frauen aus. Wollen Sie eins, billiger als von Gerhard Richter?

Written by Wolf

17. August 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0013

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Folge 13:

——— Carl Barks/Dr. Erika Fuchs: Ruhelos, i.e.: Quietly Floats The Don, in: Micky Maus, Heft 35, 1986, Seite 4:

Carl Barks, Dr. Erika Fuchs, Donald Duck in Ruhelos, Micky Maus 35, 1986

{Endlich äußere Stille und innere Harmonie ..}

„Über allen Wipfeln ist Ruh‘, du spürst irgendwo einen Hauch …“ oder so ähnlich. Tja, der verstorbene Goethe! Der verstand zu genießen.

Bild: via Dr. Erika Fuchs Stiftung, Schwarzenbach an der Saale.

Written by Wolf

10. August 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0012

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Als Ergänzung zur Folge von letzter Woche, der mit den Fassungen auf Englisch, Französisch und Lateinisch, bringen wir eine für die altostdeutschen Normalabiturienten, die weniger obgenannten Sprachen und mehr Russisch lernen mussten. Es ist die deutsche Rückübersetzung einer Übersetzung von Lermontov, die Arthur Rubinstein später vertonte, und als solche eine historische Perle. Und eine rhythmische dazu.

——— Michail Jurjewitsch Lermontov: Aller Berge Gipfel, 1840:

Aller Berge Gipfel
Ruhn in dunkler Nacht,
Aller Bäume Wipfel
Ruhn, kein Vöglein wacht,
Rauscht kein Blatt im Walde,
Überall ist Ruh.
Warte, Wandrer, balde
Balde ruhst auch du!

Written by Wolf

3. August 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0011

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In unserer Reihe folgt die Auswahl für altbundesdeutsche Normalabiturienten wie mich, die in der Schule als „Fremd“-Sprachen nichts anderes als Englisch, Französisch und Latein gelernt haben.

Die englische Fassung von Longfellow kann ich immerhin soweit beurteilen, dass sie wohl recht gelungen ist: Der Rhythmus wurde hinübergerettet, man vermisst keine inhaltliche Aussage aus dem Original. In Französisch muss ich leider immer schon glücklich sein, wenn ich überhaupt irgendeinen Pieps verstehe, traue mich aber zu sagen, dass etliche formale Zugeständnisse gegenüber dem Original nötig waren. Und von der lateinischen Fassung erwartet man sowieso gar nichts anderes, als dass sie ein Studienratsspäßchen sein sollte — und somit durchaus passend für unser vorliegendes Lieblings-Habe-nun-Ach; über „Viator hymnus vespertinus, Simile quid“ als Entsprechung für „Wandrers Nachtlied, Ein gleiches“ musste ich jedenfalls breiter grinsen, als ich wollte.

——— Henry Wadsworth Longfellow: Thou too shalt rest,
nach: Goethes Gedichte, Auswahl Dr. Rudolf Franz, 1939:

O’er all the hill-tops
Is quiet now,
In all the tree-tops
Hearest thou
Hardly a breath;
The birds are asleep in the trees:
Wait; soon like these
Thou too shalt rest.

Sarah Haley Stewart, Wonderland, 14. Juni 2013

——— Louis de Ronchand: Sur les cimes des monts:

Sur les cimes des monts
Là-haut tout est tranquille.
Au sein des bois profonds
L’ombre doert immobile.
Les oiseaux sont muets
     Dans les bosquets …
Attends, et pour toi-même
Bientôt viendra la paix
     Suprême!

Sarah Haley Stewart, Sunshower, 12. Juni 2013

——— Eduard Arens: Viator hymnus vespertinus, Simile quid
in: Das humanistische Gymnasium 37, 1926:

Culmina stant immota iugis, iam cuncta quiescunt,
Halitus arboribus dormit et aura silet.
In silvis tenerae somno tacuere volucres.
Expecta: invenies tu quoque mox requiem.

Waldbilder: Sarah Haley Stewart in South Carolina:
Wonderland, 14. Juni 2013; Sunshower, 12. Juni 2013.

Written by Wolf

27. Juli 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0010

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Laut Anmerkung der Herausgeber in Unser Goethe, 1982, Seite 269 war der Text fingiert. Schade eigentlich.

——— Joachim Schwiedhelm: Werbe-Lyrik in: Die Zeit, 20. Dezember 1968:

Über allen Gipfeln ist Ruh‘,
bei jedem Zug spürest du:
Nikotinarm im Rauch!
Ein Förster im Walde
denkt: Warte nur, balde
rauchst du sie auch —
die neue SMOKING superlong.

Giulia Vitellaro, In Every Way II, 16. März 2010

Smoking superlong: Giulia Vitellaro: In Every Way II, 16. März 2010.

Written by Wolf

20. Juli 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0009

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Update zu Folge 5: Das dort erwähnte Siechtum stand also schon 1891 und auch in mitteldeutschen Mundarten in blühender Entfaltung. So entstehen Vorurteile über den z.B. sächsischen Dialekt.

——— Fliegende Blätter: Aus en‘ sächs’schen Radsgeller, 1891:

Drowen im Schdädchen
Is Ruh‘,
Nur noch dei‘ Schkädchen
Klobbest du
Im diggsden Rauch;
De Gellnerin senkt schon ihr Geppchen,
Rasch noch e‘ Deppchen,
Dann geh’n mer auch.

Scarlett Johansson in Lost in Translation, 2003

Im dicksten Rauch: Scarlett Johansson in Lost in Translation, 2003.

Written by Wolf

13. Juli 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0008

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——— Horst Bingel: Feinsliebchen aus: Lied für Zement,
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1975:

Für Marie Luise Kaschnitz

Friedrich Kaskeline, Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehnWenn wir drei, du, das Bärchen und ich
mit dem Zeppelin bald verreisen
und du Deutschland von oben siehst,
so ganz klein, gedrängt, etwas ängstlich,
so ohne Blasmusik, ohne Bier und Trara,
wenn wir drei, du, das Bärchen und ich
dreitausend Jahre später landen,
werden sie strammstehen, stolz sein,
und all die kleinen Eselchen, grau,
zwei Ohren, ein Häubchen auf,
sie drehen nicht das Wasserrad,
denn mit dem Zipfel, dem Häubchen
kann man fliegen, manchmal fliegen auch,
der Zeppelin, der Zeppelin,
er rührt sich nicht, er dreht sich nicht,
wir werden landen, ein Kleiner und so weiter,
wir bringen uns ’ne Pauke mit,
und die jungen Mädchen denken: Soldaten,
sie drehen aus den Zipfeln
und drehen, knüpfen, schüttel:
Über allen Gipfeln ist Ruh,
aussteigen, zu Hause.

Bild: Friedrich Kaskeline: Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß geh’n, Postkarte um 1880.

Written by Wolf

6. Juli 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0007

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In einer größer angelegten Abhandlung teilweise parodistischer Bearbeitungen kommt man nicht lange um die Neue Frankfurter Schule herum — vor allem, wenn sie sich aus der Hauptquelle eines Buches von Henscheid und Bernstein speist. Wozu sollte man auch.

Die Herausgeber, die es ja aus erster Hand wissen müssten, merken dazu an: „Der Text steht im Zusammenhang eines parodistisch albernden Wetbewerbs.“ Aus dem vermutlich beliebigen Zusammenwürfeln zweier abgenudelter Bekanntheiten, bei dem wir sogar stattgefundenen alkoholischen Abusus unterstellen dürfen, entsteht denn doch ein ganz und gar überraschend schöner Effekt.

——— Robert Gernhardt und Peter Knorr: Und überhaupt
aus: Da geht’s lang, 1979:

Sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sahs mit vielen Freuden.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Nichelle Javiertime, 14. Dezember 2009

Röslein rot und blau: Nichelle Javiertime, 14. Dezember 2009, Selbstportrait in Kanada bei -30 °C.

Written by Wolf

29. Juni 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0006

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Wo wir gerade von H:C. Artmann sprachen: Zu dessen Wiener Gruppe zählt auch Friedrich Achleitner. Herrschaften, das ist lapidar.

——— Friedrich Achleitner: Ruh und
aus: Prosa, Konstellationen, Montagen, Dialektgedichte, Studien, 1970:

ruh
und
ruh
und
ruh
und
ruh
und ruh und ruh und ruh und
ruh
und
ruh
und
ruh
und
ruh

Christina Dichterliebchen macht Pause in der Fränkischen Schweiz, ca. 2011

Ruhebild: Christina Dichterliebchen macht Pause, Eisengallustinte in Moleskine, ca. 2011.

Written by Wolf

22. Juni 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0005

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Was H:C. Artmann Med ana schwoazzn dintn 1958 für den Stadtwiener Dialekt angefangen hat, kann für die darauf folgende Mundartdichtung überhaupt nicht überschätzt werden: Es war, kurz zusammengefasst, ihre Rettung vor Altersheim, Siechtum und Scheintod.

Möglicherweise hat damals die neuartige Sichtweise auf den eigenen Dialekt bis auf norddeutsche Sprachgebiete fortgewirkt. Im oberdeutschen Sprachraum — in Deutschland sind das grob gerechnet Bairisch, Fränkisch und Schwäbisch — sind bestimmt zwei Generationen mit der legendären Anthologie Sagsd wasd magst aufgewachsen, und damit hatten sie Glück.

Franz Ringseis schafft mit seiner Bearbeitung in — vor 1975 wahrscheinlich noch weit weniger korrumpierter — Münchner Stadtmundart keine reine Übersetzung; er bleibt fast lapidarer als das Oiriginal und setzt mit dem letzten Wort unversehens noch eins drauf — mit der hinterkünftigen Wucht einer Watschn, die als besonders bayerisch gelten muss. A so ghert si des.

——— Franz Ringseis: Üba olle Gipfen
in: Friedl Brehm, hg.: Sagsd wasd magst. Mundartdichtung heute in Bayern und Österreich, 1975:

Üba olle Gipfen
iss staad.
In olle Wipfen
waht
nur a Lüftal, so weich —
Koa Vogal rührt si im Woid,
Wart nur, boid
bist aar a Leich.

Tavis Leaf Gover, Stuck in Limbo, 11. Mai 2011

Bald bist auch du eine Leiche: Tavis Leaf Gover: Stuck in Limbo, 11. Mai 2011.

Written by Wolf

15. Juni 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0004

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Über Anneliese Braun ist nicht viel überliefert. Ihre Bearbeitung von Ein Gleiches ist keine Parodie, benutzt nicht einmal Versatzstücke. Nur ansatzweise die biographische Überlieferung in der Überschrift. Und die Stimmung, und führt sie fort. Sie ist schön.

——— Anneliese Braun: Goethe auf dem Kickelhahn bei Ilmenau, 1931:

In wäldertiefes leises Eigentum
lenkt sehnsuchtsvoll der Schritt. Das laute Herz
erklingt in Sanftheit. Rings
das Bergland liegt abendlich erschlossen,
mit Baum und Moos und Quell getaucht in Frieden
und wie von später Sonne groß beschenkt.
es ist das Eine: wenn bedrängungsvoll
des Tages Stimmen und der Nächte Stummheit
sich überstürzend fragen nach dem Sinn,
und der Dämon Zeit,
stehend im Nichts,
unerbittlich sie aufsaugt,
weiß ich: ich bin ein Mensch.
Aber das Andere, Ruhevolle, ist Gott.

Liv Lovely, Spring Reading, 3. April 2013

Mit Baum und Moos und Quell getaucht in Frieden: Liv Lovely: Spring Reading, 3. April 2013.

Written by Wolf

8. Juni 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0003

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Zugegeben ist es eine wahrhaft enorme Lebensleistung, über Jahrzehnte im Alleingang eine Zeitschrift herauszugeben, die dann noch mehr als ein Jahrhundert lang ihre Autorität in Schaffenskraft und -qualität und Zeitzeugenschaft behält — als einziger Reporter, Redakteur, Verleger und sogar als Drucker (und nicht als Leser). Trotzdem finde ich Karl Kraus überschätzt, das ist eine geradezu angeborene Arroganz von mir. Aber wo er Recht hat, hat er Recht:

——— Karl Kraus: Lapsus und Urfassung aus: Die Fackel, 577–82, 1921:

Und da geschieht es dem Literaturhistoriker, der zuerst die endgültige Fassung von Wanderers Nachtlied mitteilt, daß ihm der Drucker den Schluß so hinsetzt, wie etwa der Ungar in der Anekdote ein Reimwort zitiert.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest auch du.

Wird hier durch die Umstellung zweiter Worte das Werk entwertet, so zeigt die Urfassung in der Tat, wie wenig Worte verändert werden mußten und wie weit doch der Weg zu einem Gipfel deutscher Lyrik war:

Unter allen Gipfeln ist Ruh;
In allen Wäldern hörest du
Keinen Laut!
Die Vögelein schlafen im Walde;
Warte nur! balde, balde
Schläfst auch du!

(Man hätte nur „Die Vögelein schlafen“ erhalten gewünscht.)

Barend Cornelis Koekkoek, Sommerliche Waldlandschaft mit Burg, 1851

Bild: Barend Cornelis Koekkoek: Sommerliche Waldlandschaft mit Burg, 1851 via Gandalf’s Gallery.

Written by Wolf

1. Juni 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0002

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——— Johannes Daniel Falk: Balde, balde. Der erste Vers von Göthe, 1817:

Unter allen Wipfeln ist Ruh;
In allen Zweigen hörest du
Keinen Laut;
Die Vöglein schlafen im Walde;
Warte nur, balde, balde
Schläffst auch du.

Unter allen Monden ist Plag‘;
Und alle Jahr und alle Tag‘
Jammerlaut!
Das Laub verwelkt in dem Walde;
Warte nur, balde, balde
Welkst auch du!

Unter allen Sternen ist Ruh‘;
In allen Himmeln hörest du
Harfenlaut;
Die Englein spielen, das schallte;
Warte nur, balde, balde
Spielst auch du!

Aert van der Neer, Nachtlandschaft mit Fluss, ca. 1650

Bild: Aert van der Neer: Nachtlandschaft mit Fluss, ca. 1650 via Gandalf’s Gallery. Heute leider ohne hübsche junge Frauen.

Written by Wolf

25. Mai 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Weekly Wanderer 0001

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Update zu Der unverzichtbare Buchstabe e:

Nach moderner Auffassung muss sich Dichtung, die es auf die eine oder andere Art in den Deutschunterricht geschafft hat, keineswegs allein dem Guten, Wahren und Öden widmen, sondern sich vielmehr aufführen wie ein Piranha beim Klassenkampf. Und ich wollte bei meinem Schöpfer, diese Formulierungen stammten von mir.

In unserem Bestreben, den schönsten lyrischen Smash-Hit der Klassik möglichst bis zum Grund auszuschöpfen, vesuchen wir genau das.

Die meisten Variationen, Parodien und Paraphrasen unserer neuen Reihe Weekly Wanderer werden zitiert nach Unser Goethe, bei Haffmans in Zürich 1982 herausgegeben von Eckhard Henscheid und F.W. Bernstein, was nicht jedes Mal eigens angemerkt werden soll. Illustriert werden die beiträge jeweils mit Bildmaterial aus dem entfernten thematischen Umkreis des Gedichts, was voraussichtlich im Durchschnitt auf das unerschöpfliche Genre junger, hübscher Frauen hinauslaufen wird, die außerhalb von Gebäuden ein Buch lesen. Das dient den visuellen Anforderungen des Internets (und seiner Leser), und in unserer Facebook-Gruppe (bitte beitreten!) muss ich nicht stereotyp die schwarz-weiße Fallende rechts oben verwenden. Außerdem verschaffe ich mir damit eine unschlagbare Gelegenheit, nach jungen, hübschen Frauen zu googeln. — Für Unser Goethe ergeht dringende Kaufempfehlung, antiquarisch ist es noch leicht und preiswert aufzutreiben.

Variation 1: Einer aus der reichlich kanonisierten Zeit, der sich an erster Stelle um alles mögliche außer Güte, Wahrheit und Ödnis schor und mit Klassenkampf zumindest so viel zu schaffen hatte, als er ihm zum Opfer fiel, ist der berüchtigte Kotzebue.

Sagen wir es wohlwollend: Um Kotzebues Darstellung historischer Fakten und seiner Zitierweise von Gedichten zu folgen, braucht der Freimüthige in der Tat reichlich gebildete, unbefangene Leser. Die Variante „schlafen“ statt „schweigen“ wurde in der Rezeption und Kritik Goethes übrigens oft und aus guten Gründen vorgeschlagen. Nur von Goethe nicht.

——— August von Kotzebue in: Der Freimüthige, oder Berliner Zeitung für gebildete, unbefangene Leser, 1803,
zitiert nach Unser Goethe, 1982, Seite 262:

Göthes Iphigenia wurde in einem Walde nahe bei Weimar gedichtet, wo er in den Stunden der Weihe und Begeisterung die gewünschte Empfindsamkeit fand. An der Wand der Eremitage, der Geburtsstätte der Iphigenia, liest man noch folgende von Goethe gedichtete Zeilen:

Ueber allen Wipfeln ist Ruh,
In allen Zweigen hörst du
Keinen Hauch;
Die Vöglein schlafen im Walde,
Warte nur, balde
Schläfst du auch.

Camille Corot: Corot, Der Wald von Fontainebleau, 1834

Waldbild: Jean-Baptiste Camille Corot: Wald von Fontainebleau, 1834 via Gandalf’s Gallery. Die unverzichtbare junge, hübsche Frau, die im Freien ein Buch liest, ist im Bild ganz klein links unten.

Written by Wolf

18. Mai 2013 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Lache, liebez frowelîn

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Update zum weiland Weekly Wanderer 4:
Anneliese Braun: Goethe auf dem Kickelhahn bei Ilmenau:

——— Des Minnesangs Frühling 6,14; 6,20; 6,26,
Männerlied um 1200, falsche Zuschreibung an Walter von Mezze, anonym:

Der walt in grüener varwe stât

Der walt in grüener varwe stât.
wol der wunneclîchen zît!
mîner sorgen wirdet rât.
sælic sî daz beste wîp,
diu mich trœstet sunder spot.
ich bin frô, dêst ir gebot.

Ein winken und ein umbesehen
wart mir, dô ich si nâhest sach.
dâ moht anders niht geschehen,
wan daz so minneclîche sprach:
„vriunt, du wis vil hôchgemuot!“
wie sanfte daz mînem herzen tuot!

„Ich wil weinen von dir hân“,
sprach daz aller beste wîp,
„schiere soltu mich enpfân
unde trôsten mînen lîp.“
swie du wilt, sô wil ich sîn,
lache, liebez frowelîn.

Der Wald ist grün geworden

Der Wald ist grün geworden.
Oh, welch herrliche Zeit!
Von meinem Leid werd‘ ich befreit.
Gesegnet sei die beste der Frauen,
die mich wirklich tröstet.
Ich bin froh. Sie will es so.

Sie winkte und schaute zurück:
Das geschah, als ich sie jüngst sah.
Da konnte es nicht anders sein,
als daß sie liebevoll sagte:
„Liebster, sei du ganz hoffnungsfroh!“
Wie wohl das meinem Herzen tut!

„Ich will deinetwegen weinen“,
sagte die allerbeste Frau,
„damit du mich schnell in die Arme nehmen
und mich trösten kannst.“
Wie du es willst, so will ich sein,
lache, liebe kleine Frau.

Franziska meint: „Hui, das ist ja echt schön, Mensch. Wirklich Hochmittelalter?“

„Aber hallo. Kreuzgereimt mit Paarreim am Ende, wie als Refrain, dreimal durchgehalten. Richtig elaboriert. Du hast recht, so eine Stringenz wäre eigentlich erst kurz nachher ab Reinmar dem Alten dran.“

„Reinmar, Reinmar … Schon gehört, oder?“

„Nein, nicht der von Zweter. Übrigens auch nicht der von Brennenberg.“

„So wie Richard Wagner nicht gleich Richard Wagner ist.“

„Verachtet mir die Meister nicht und lobt mir ihre Werke.“

„Das ist schon Neuzeit.“

„Und erst in der Romantik formuliert und vertont.“

„Und außerdem falsch zitiert.“

„Sag bloß.“

„Verachtet mir die Meister nicht und ehrt mir ihre Kunst, wenn schon.“

„Kluges Kind.“

„Mediävist.“

„Vorsicht.“

Frances McClain, candid, mid-laugh, 21. Februar 2012

Lachendes Frowelîn: Frances McClain: Hey Look, I’m Smiling (candid, mid-laugh), 13-, aber mit Mutterns Lippenstift so gut wie volljährig, nach ihren Angaben ein echter Schnappschuss, 21. Februar 2012;
Soundtrack: Richard Wagner featuring Bernd Weikl: Die Meistersinger von Nürnberg, 1868,
Finale, Bayreuther Festspiele 1984:

Bonus Track mit mehr walt in grüener varwe: Faun: Federkleid, aus: Midgard, 2016
(natürlich schlimmer Mittelalterkitsch, aber wer mir von weitem eine Drehleier zeigt, kann mir alles vorspielen):

Written by Wolf

23. März 2017 at 00:01

Keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen

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Update zu Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind
und dem eigentlichen Weekly Wanderer 0018 Es endet ohne Schlusspunkt.,
zugleich eigentlicher Non-Weekly Wanderer 0019:

Als erstes muss ich, obgleich ungern, von der Verfilmung abraten, obwohl sie vom sonst sehr achtbaren Detlev Buck stammt, aber leider bei allem spektakulären Aufwand in 3D zu flach geraten ist.

Überhaupt soll man ja immer vorsichtig umgehen mit seiner Lebenszeit, um sie nicht an zu viele Bücher des 21. Jahrhunderts zu verschwenden. Bei der Vermessung der Welt hat sich’s gelohnt: Die atmet einen angenehm zurückhaltenden Humor.

Das mit der fingierten Doppelbiographie — Kehlmann handelt über Gauß und Humboldt — in exotischem und historischem Ambiente hat 1982 T.C. Boyle in seinem Erstling Wassermusik schon ähnlich gemacht, sich aber sehr viel mehr Zeit und Raum gelassen, um zwei Figuren gegenläufig zueinander zu entwickeln. Kehlmanns Trick, die Figuren selbst die Handlung durch Dialoge tragen zu lassen, ohne auf den ganzen 300 Seiten eine einzige wörtliche Rede zu verwenden, vielmehr alles in indirekter Rede wiederzugeben, hält den Ton durchweg knochentrocken und verleiht dem Buch nicht nur die wahrscheinlich höchste Konjunktivdichte der Literaturgeschichte, sondern auch den verschmitzten Tonfall eines allwissenden Märchenonkels, der anscheinend bei allem dabei gewesen ist, aber allein durch das Berichten alle schuldhafte Beteiligung von sich weist. In dem recht lesenwerten Interview mit FAZ hat Kehlmann selbst seine ständige Indirektheit so erklärt:

Wenn man zum ersten Mal darüber nachdenkt, einen historischen Roman zu schreiben, ist man zunächst eingeschüchtert von all den Trivial-Fallen, die da lauern. […] Ich denke, dieser Trivialitätspunkt, wo es sehr leicht ins Zurechtgemachte, Unglaubhafte und irgendwie Problematische kippt, ist die direkte Rede: „Hah“, sagte Napoleon, „wir greifen im Morgengrauen an.“ Sofort hat man ein ungutes Gefühl. […] Und dann habe ich mich gefragt: Wie machen Historiker das? Wieso wirken historische Romane trivial, aber wieso wirkt nicht trivial, was etwa Eric Hobsbawm schreibt? Es liegt daran, daß die erzählerische Distanz eine andere ist. Ein Fachhistoriker geht nicht zu nah ran an die Figuren, an das, was er berichtet, und — und das ist der entscheidende Punkt — er würde nicht behaupten zu wissen, was wörtlich gesagt wurde. Er würde keine wörtliche Rede verwenden, es sei denn, er hat Dokumente und Briefe, aus denen er zitiert. Ansonsten würde er berichten, was inhaltlich ungefähr so gesagt worden sein müßte, sein könnte. Er würde also die indirekte Rede verwenden. Und da dachte ich, das Experiment müßte eben darin liegen, ein Buch zu schreiben, das beginnt wie ein Sachbuch. Deshalb gibt es auch in der ersten Zeile des Romans eine Jahreszahl — und dann nie wieder. Es beginnt zwar wie ein historisches Sachbuch, bis es dann plötzlich kippt, weil natürlich Dinge berichtet werden, die überhaupt nicht mehr sachbuchhaft, sondern romanhaft und frei erfunden sind. Es sollte so klingen, wie ein seriöser Historiker es schreiben würde, wenn er plötzlich verrückt geworden wäre.

Sparsame, auf Wesentliche reduzierte Prosa jedenfalls, die das Adjektiv meidet, kaum etwas ausschmückt und nichts zu Tode erklärt. Dass die ganze Handlung historisch hanebüchen ist, war nie anders vereinbart und vorher klar. Es ist alles sehr vergnüglich.

Das große Thema des reisenden Froschens gegenüber der heimischen Geistesarbeit hätte schon in meinen ersten Weblog-Versuch gepasst, aber siehe da: An gleicher Stelle stuft Kehlmann zumindest die Hälfte seiner Doppelbiographie — natürlich nicht ausdrücklich — als der hiesigen Form der „Angewandten Poesie“ zugehörig ein:

Ich habe in ihm [i. e. Humboldt] dann, bei aller Größe, sehr schnell eine komische Figur gesehen und war ganz überrascht, daß nie jemandem aufgefallen ist, wie sehr Humboldts Reisewerk von speziell deutschen, sehr komischen Situationen und Mißverständnissen strotzt. […] Diese ungewollte Komik ist aber keineswegs die Komik eines Kauzes. Es geht darum, daß solche Begebenheiten sehr viel darüber aussagen, was es heißt, deutsch zu sein. Wir haben es hier zu tun mit einem Weimarer Klassiker, der das ganz andere der Weimarer Klassik vertreten hat, der einzige Weimarer Klassiker, der wirklich ausgesandt wurde, die Weimarer Klassik hinauszutragen, und der mit diesem Weltbild Macondo bereist hat. Ich war zudem sehr beeindruckt von der südamerikanischen Literatur, und hatte gleichzeitig das Gefühl, daß mir als deutschem Autor vieles von dem, was diese Autoren an emotionalen und künstlerischen Möglichkeiten haben, nicht zu Gebote steht. Ich kann nicht wie Garcia Marquez eine schöne Frau beim Wäscheaufhängen davonfliegen lassen. […] Man merkt dann doch, daß man aus einer anderen Kultur kommt, daß einem zwar die Möglichkeit gegeben ist, mit diesen Dingen zu spielen, aber auf andere Art. Und da hatte ich plötzlich das Gefühl, Humboldt ist mein Schlüssel, denn er hat diese Welt betreten, aber er hat sie als Deutscher betreten. Das ist etwas, was ich erzählen kann, womit ich künstlerisch etwas anfangen kann, weil da beide Seiten etwas mit mir zu tun haben. Dann habe ich immer mehr über Humboldt gelesen und zufällig herausgefunden, daß Gauß 1828 bei einem Wissenschaftlerkongreß in Berlin bei Humboldt gewohnt hat. Und plötzlich sah ich diese Szene: die beiden alten Männer, der eine, der überall war, der andere, der nirgends war; der eine, der immer Deutschland mit sich getragen hat, der andere, der wirkliche geistige Freiheit verkörpert, ohne je irgendwohin gegangen zu sein. […] Eine satirische, spielerische Auseinandersetzung mit dem, was es heißt, deutsch zu sein — auch natürlich mit dem, was man, ganz unironisch, die große deutsche Kultur nennen kann. Für mich ist das eines der Hauptthemen des Romans, wie Andreas Maier so schön im Booklet des Hörbuchs geschrieben hat, „die große deutsche Geistesgeschichte, eine einzige Lebensuntauglichkeit“. In der breiten Rezeption ist dieses Thema dann merkwürdigerweise vernachlässigt worden.

Hartmut Wewetzer im Tagesspiegel hingegen hält denselben Humboldt begründet für überschätzt und rechnet ihn nicht als Weimarer Klassiker, sondern „Romantiker der Goethezeit“, aber der musste ihn nicht als Romanfigur einsetzen zum Nachweis, was Deutschsein bedeutet. Eine der wenigen Stellen in der Vermessung mit Goethe — wieder indirekt, zum Selberdenken, ohne ihn beim Namen zu rufen — hat mir ein spontanes Prusten abverlangt.

Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in der Urwaldhütte am Orinoco, Humboldt-Exponate der Staatsbibliothek Berlin

——— Daniel Kehlmann:

Der Fluß

aus: Die Vermessung der Welt, 2005;
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 6. Auflage November 2008, Seite 127 f.:

Mario bat Humboldt, auch einmal etwas zu erzählen.

Geschichten wisse er keine, sagte Humboldt und schob seinen Hut zurecht, den der Affe umgedreht hatte. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.

Alle sahen ihn an.

Fertig, sagte Humboldt.

Ja wie, fragte Bonpland.

Humboldt griff nach dem Sextanten.

Entschuldigung, sagte Julio. Das könne doch nicht alles gewesen sein.

Es sei natürlich keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen, sagte Humboldt gereizt. Es komme keine Zauberei darin vor, niemand werde zu einer Pflanze, keiner könne fliegen oder esse einen anderen auf. Mit einer schnellen Bewegung packte er den Affen, der gerade versucht hatte, ihm die Schuhe zu öffnen, und steckte ihn in den Käfig. Der Kleine schrie, schnappte nach ihm, streckte die Zunge heraus, machte große Ohren und zeigte ihm sein Hinterteil. Und wenn er sich nicht irrte, sagte Humboldt, habe jeder auf diesem Boot Arbeit genug!

Bei San Carlos überquerten sie den magnetischen Äquator. Humboldt betrachtete die Instrumente mit andächtiger Miene. Von diesem Ort hatte er als Kind geträumt.

Postkarte Goethe als Greis auf dem Kickelhahn bei Ilmenau

Was mich noch als Kuriosität interessiert hat: Wie würde wohl Ein Gleiches „frei ins Spanische übersetzt“ klingen, wenn es nicht gerade ein fiktiver, im menschlichen Umgang unbeholfener Humboldt unter sozialem Druck ins Reine spricht?

Im spanischen Kulturerleben scheinen Goethegdichte nicht besonders präsent, nicht einmal das schönste von allen. Fündig wird man — was wohl meine erahnte Kuriosität darstellt — im Internetauftritt der Stadt Ilmenau: Die bringt das Ding gleich in 52 Sprachen (huch, so viele gibt’s …?) von Afrikaans bis Vietnamesisch, und zwar

mit freundlicher Unterstützung der Klassik Stiftung Weimar, der Goethe-Gesellschaft und des Goethe-Instituts zusammengetragen. […]

Am 21. August 1999 folgten die ausländischen Gäste einer Einladung nach Ilmenau und zum Kickelhahn, wo sie in den Nachmittagsstunden an historischer Stätte vor dem Goethehäuschen „Wandrers Nachtlied“, eine der schönsten lyrischen Schöpfungen des Dichters, in 21 Landessprachen vortrugen. 10 Neu- und Erstübersetzungen davon waren erst im Ergebnis der Konferenz entstanden.

Es entstand die Idee, eine Auswahl der zahlreichen Übersetzungen der Öffentlichkeit im Goethehäuschen selbst vorzustellen. Am Samstag, dem 29.4.2000 wurden außer dem Gedicht in Deutsch 15 der Fremdsprachentexte, niedergeschrieben auf 3 Glastafeln, im Obergeschoss des Goethehäuschens für Besucher zugänglich gemacht. […]

Sapere aude — ein weiterer Grund, mal den Kickelhahn zu bereisen. Die spanische Übersetzung lag im Goethejahr 1999 schon vor, die ist in der Ilmenauer Aktion ausgewiesen von Rafael Cansinos Assens, erschienen vermutlich 1944 in dessen Übersetzung von Goethes Obras Literarias oder 1950 in den Obras completas:

En todas las cumbres
la paz reina;
por ninguna parte
apenas si un soplo
de vida se otea;
en el bosque en calma
nu un ave gorjea.
Aguarda que, pronto,
cesarán tus penas.

Bilder: Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in der Urwaldhütte am Orinoco, via Staatsbibliothek Berlin, Künstler und Jahr nicht nachgewiesen:

Bonpland schreibt in einem Brief kurz vor Antritt der Reise:

Während einer einmonatigen Reise, die wir ins Innere der Provinz Neu-Andalusien gemacht haben, waren wir ständig mit Indianern zusammen und ihre Gesellschaft erschien uns so gut, dass wir uns aufmachen die zu besuchen, die noch nicht zivilisiert sind; …

Postkarte Goethe als Greis auf dem Kickelhahn bei Ilmenau. Mit Text in deutscher Schrift. Verso: Heliocolorkarte von Ottmar Zieher, München. Datiert und Poststempel 1913, via Goethezeitportal, Januar 2015.

Soundtrack: Colum Sands & Scarlett O‘: Goethe’s Song, aus: All My Winding Journeys, 1996:

An English translation and setting to music of Goethe’s „Naehe des Geliebten“ that I attempted around 1996. Scarlett O‘ from Berlin sings the original German words. I’ve added photos taken on travels through Ireland and Germany.

Written by Wolf

27. Mai 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Umfing ihn sein feins Liebchen: Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!

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Update zum Weekly Wanderer 8: Horst Bingel: Feinsliebchen:

Die Welt tut vorbildlich meinen Job und bringt eingehende Analysen der deutschen Romantik. Ich tue ein übriges und verfälsche planvoll den Artikel von Matthias Heine, den ich vollständig zitiere, indem ich die Literaturzitate vervollständigt in den Fließtext rücke.

Einzig Heines (sic) Conclusio, das einzige Gesicht des katexochenen Feinsliebchens sei das eines Staffage-Details auf einem verschollenen Bild, erscheint mir etwas willkürlich — aber ziemlich schön. Entweder zum Trost oder zur Belohnung finden sich die aufschlussreichsten Feinsliebchen-Lieder, für die nicht einmal in den Bonus Tracks Platz war, in der Sammlung Ludwig Erk, 1856.

Feinsliebchen, ich bleibe Dir treu, Bildpostkarte Gruß von der Front, 19. Februar 1916, Universität Osnabrück, via Europeana 1914–1918

——— Matthias Heine:

Die Blaue Blume unter den Wörtern

in: Die Welt, Mittwoch, 23. März 2016, Feuilleton Seite 22:

Auf der Suche nach dem, was deutsch ist, stößt man auf das volksliedhafte „Feinsliebchen“. Populär gemacht haben es zwei Intellektuelle

Was ist eigentlich deutsch? Diese Frage wird gerade auf ziemlich verwirrende Weise neu verhandelt. Mitglieder und Sympathisanten von Bewegungen wie Pegida und AfD sehen sich selbst als Erben antidiktatorischer Widerstandskämpfer wie Sophie Scholl und Graf Stauffenberg. Einwanderer aus Osteuropa, die in ihrem Schrebergarten Russlandfahnen hissen und deren hier geborenen Kinder untereinander immer noch Russisch reden, empfinden sich als deutscher als die meisten hier Geborenen.

Irritiert von so bizarren Ansprucherhebern auf das wahre Deutschland, wendet man suchend wieder den Blick zu denjenigen, die das, was wir heute für deutsch halten, erst definiert haben: den Romantikern. Und man stößt dort auf ein Wort, das wie ein Signal war, mit der sich die Vertreter der neuen und revolutionären Denk- und Empfindungsweise in ihrer Poesie zu erkennen gaben: Feinsliebchen. So nannte ein wahrer Romantiker die Geliebte.

Diese Blaue Blume unter den Wörtern haben Achim von Arnim und Clemens Brentano gezüchtet – mit gärtnerischer Vorarbeit von Gottfried August Bürger. 1805 bis 1808 veröffentlichten Arnim und Brentano eine Sammlung namens „Des Knaben Wunderhorn„, die im Untertitel „Alte deutsche Lieder“ versprach. Feinsliebchen – mal zusammengeschrieben, mal auseinander: feins Liebchen oder feines Liebchen – ist darin ein Zauberwort, dessen Nennung den Traum von einem schöneren Deutschland beschwört. Dieses Land der Seele liegt „wohl unterm grünen Tannenbaum, allda ich fröhlich lag, in mein feins Liebchens Armen die lange liebe Nacht.“

Abendlied.

Mündlich.

Nun laßt uns singen das Abendlied,
Denn wir müssen gehn,
Das Kännchen mit dem Weine,
Lassen wir nun stehn.

Das Kännchen mit dem Weine,
Das muß geleeret sein,
Also muß auch das Abendlied
Wohl fein gesungen sein.

Wohl unterm grünen Tannenbaum,
Allda ich fröhlich lag,
In mein feins Liebchens Armen
Die lange liebe Nacht.

Die Blätter von den Bäumen
Die fallen nun auf mich,
Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das freuet wohl mich.

Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das kömmt wohl daher,
Sie dacht sich zu verbessern,
Betrog sich gar sehr.

Des Abends, wenn es dunkel wird,
Steht er wohl vor der Tür,
Mit seinem blanken Schwerdte,
Als wie ein Offizier.

Mit seinem blanken Schwerdte,
Gleich einem rechten Held,
Mit ihm will ich es wagen,
Ins weite, weite Feld.

Mit ihm will ich es wagen,
Zu Wasser und zu Land,
Daß mich mein Schatz verlassen hat,
Das bringt mir keine Schand.

Das Abendlied gesungen ist,
Das Kännchen ist geleert,
Laß sehn nun wie du Kerl aussiehst,
Mit deinem blanken Schwerdt.

Der Nachtwächter wandelt darin durch hutzelige Kleinstädte, aber ganz anders, als wir uns heute die Romantik zurechtkastriert haben, wird Sexualität recht offen angesprochen: „Der Wächter fing zu läuten an: ,Steh auf, wer bey Feinsliebchen liegt, der Tag kommt angeschlichen.“

Das Wiedersehen am Brunnen.

Mündlich.

Es war einmal ein junger Knab,
Der hat gefreit schon sieben Jahr
Um ein fein Mädlein, das ist wahr,
Er konnt sie nicht erfreien.

„Ey komm den Abend junger Knab,
Wenn finstre Nacht und Regen ist,
Wenn niemand auf der Gasse ist,
Herein will ich dich lassen.“

Der Tag verging, der Abend kam,
Der junge Knab geschlichen kam,
Er klopfet leise an die Thür:
„Steh auf, ich bin dafüre.

Ich hab schon lang gestanden hier
Ich stand allhier wohl sieben Jahr.“
„Hast lang gestanden, das ist nicht wahr,
Ich hab noch nicht geschlafen.

Ich hab gelegn und hab gedacht,
Wo nur mein Schatz noch bleiben mag,
Er macht mir allzulang, zu lang,
Mir wird ganz angst und bange.“

„Wo ich so lang geblieben bin,
Das darf dir wohl gesaget seyn,
Bey Bier und Wein, wo Jungfern seyn,
Da bin ich allzeit gerne.“

Es war wohl um die Mitternacht,
Der Wächter fing zu läuten an:
„Steh auf, wer bey Feinsliebchen liegt,
Der Tag kommt angeschlichen.“

Das Bürschlein auf die Leiter sprang,
Und schaut die Stern am Himmel dicht:
„Ich scheide nicht bis Tag anbricht,
Bis alle Sterne schwanden.“

Er sah das Morgensternlein nur,
Als sich der Knab von ihr gewandt,
Das Mägdlein Morgens früh aufstand,
Ging an den kühlen Brunnen.

Begegnet ihr derselbig Knab,
Der Nachts bey ihr geschlafen hat,
Viel guten Morgen boten hat:
„Gut Morgen mein Feinsliebchen.

Wie hast geschlafen heute Nacht?“
„Ich hab gelegn in Liebchens Arm!
Ich hab geschlafen, daß Gott erbarm,
Mein Ehr hab ich verschlafen!“

Die Romantik war auch sonst nicht immer so romantisch, wie es unser Klischee will: „Feins Liebchen, ihr müsset mich lausen, mein gelbkrauß Härlein durchzausen“, sagt der fahrende Ritter zur schönen Königstochter, die mit ihm wegen seines schönen Gesanges durchgebrannt ist.

Liebe ohne Stand.

Feiner Almanach II. Band S. 100.

Es ritt ein Ritter wohl durch das Ried,
Er hob wohl an ein neues Lied,
Gar schöne thät er singen,
Daß Berg und Thal erklingen.

Das hört des Königs sein Töchterlein
In ihres Vaters Lustkämmerlein,
Sie flochte ihr Härlein in Seiden,
Mit dem Ritter wollte sie reiten.

Er nahm sie bey ihrem seidenen Schopf
Und schwung sie hinter sich auf sein Roß.
Sie ritten in einer kleinen Weile
Wohl vier und zwanzig Meilen.

Und da sie zu dem Wald ’naus kamen,
Das Rößlein das will Futter han.
„Feins Liebchen, hier wollen wir ruhen,
Das Rößlein, das will Futter.“

Er spreit sein Mantel ins grüne Gras,
Er bat sie, daß sie zu ihm saß,
„Feins Liebchen, ihr müsset mich lausen,
Mein gelbkrauß Härlein durchzausen.“

Des härmt sich des Königs sein Töchterlein,
Viel heiße Thränen sie fallen ließ,
Er schaut ihr wohl unter die Augen,
„Warum weinet ihr, schöne Jungfraue?“

„Warum sollt ich nicht weinen und traurig seyn,
Ich bin ja des Königs sein Töchterlein;
Hätt ich meinem Vater gefolget,
Frau Kayserin wär ich geworden.“

Kaum hätt sie das Wörtlein ausgesagt,
Ihr Häuptlein auf der Erden lag,
„Jungfräulein hättst du geschwiegen,
Dein Häuptlein wär dir geblieben.“

Er kriegt sie bey ihrem seidenen Schopf,
Und schlenkert sie hinter den Hollerstock:
„Da liege feins Liebchen und faule,
Mein junges Herze muß trauren.“

Er nahm sein Rößlein bei dem Zaum,
Und band es an einen Wasserstrom.
„Hier steh mein Rößlein und trinke,
Mein jung frisch Herze muß sinken.“

Mindestens sechsundzwanzigmal kommt Feinsliebchen in „Des Knaben Wunderhorn“ vor. Wie wir heute wissen, waren die Lieder nicht so „alt“ wie der Titel versprach, sondern oft stark von Arnim bearbeitet. Der massenhafte Gebrauch von Feinsliebchen ist also nicht unbedingt Ausdruck des authentischen Volksmunds, sondern eine literarische Strategie. Schon Gottfried August Bürger hatte es in seinen 1778 erschienenen Gedichten dreifach codiert benutzt: Als Chiffre einer Liebeskonzeption, die aufklärerischer Rationalität Hohn sprach, als Verweis auf ein idealisiertes Mittelalter und als Kostüm, mit dem das von Intellektuellen hergestellte Poem sich das Ansehen eines Volksliedes gab: „Ein Ritter rit wol in den Krieg, und als er seinen Hengst bestieg, Umfing ihn sein feins Liebchen: „Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!“ Bürger hatte das Wort, das zum ersten Mal in den Fastnachtspielen des fünfzehnten Jahrhunderts belegt ist, wohl tatsächlich aus der Volkspoesie übernommen.

Der Ritter und sein Liebchen

1775, in: Gedichte, Johann Christian Dieterich, Göttingen 1778:

     Ein Ritter rit wol in den Krieg,
Und als er seinen Hengst bestieg,
Umfing ihn sein feins Liebchen:
„Leb wol, du Herzensbübchen!
Leb wol! Viel Heil und Sieg!

     Kom fein bald wieder heim ins Land,
Daß uns umschling‘ ein schönres Band,
Als Band von Gold und Seide:
Ein Band aus Lust und Freude,
Gewirkt von Priestershand!“ –

     „Ho ho! Käm‘ ich auch wieder hier,
Du Närrchen du, was hülf‘ es dir?
Magst meinen Trieb zwar weiden;
Allein dein Band aus Freuden
Behagt mit nichten mir.“ –

     „O weh! So weid‘ ich deinen Trieb,
Und wilst doch, falscher Herzensdieb,
Ins Ehband dich nicht fügen!
Warum mich denn betrügen,
Treuloser Unschuldsdieb?“ –

     „Ho ho! du Närrchen, welch ein Wahn!
Was ich that, hast du mitgethan.
Kein Schlos hab‘ ich erbrochen.
Wann ich kam anzupochen,
So war schon aufgethan.“ –

     „O weh! So trugst du das im Sin?
Was schmeicheltest du mir um’s Kin?
Was mustest du die Krone,
So zu Betrug und Hohne,
Mir aus den Locken ziehn?“ –

     „Ho ho! Jüngst flog in jenem Hain
Ein kirres Täubchen zu mir ein.
Hätt‘ ich es nicht gefangen,
So müsten mir entgangen
Verstand und Sinnen seyn.“ – –

     Drauf rit der Ritter hop sa sa!
Und strich sein Bärtchen trallala!
Sein Liebchen sah ihn reiten,
Und hörte noch vom weiten
Sein Lachen ha ha ha! – –

     Traut, Mädchen, leichten Rittern nicht!
Manch Ritter ist ein Bösewicht.
Sie löffeln wol und wandern,
Von Einer zu der Andern,
Und freien Keine nicht.

Auch wenn Feinsliebchen gelegentlich als Anrede für den männlichen Geliebten auftaucht, ist doch meist eine Frau damit gemeint. Und das ist ganz folgerichtig. In einem Land, in dem die nationale Identität mit der Mutter(!)sprache aufgesogen wird, ist die Frau der Inbegriff des Deutschen – da können die Männer noch so sehr mit den Schwertern klirren. Bei Hoffmann von Fallersleben ist im „Lied der Deutschen“ von Männern keine Rede, stattdessen heißt es: „Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang“.

Der gedachte mysteriöse Zusammenhang zwischen deutschen Frauen und dem alten schönen Klang war nirgendwo sinnfälliger als beim Feinsliebchen. Das Wort wurde, nachdem es einmal mit dem Wunderhorn in die dichterische Welt hinausgeblasen worden war, begeistert aufgegriffen. Es hatte die gleiche Wirkung wie ein Facebook-Profilfoto, mit dem man seine Sympathie für eine Bewegung bekundet. Der junge Heinrich Heine übertrifft 1827 in seinem lyrischen Bestseller „Buch der Lieder“ Arnim und Brentano noch mit der Zahl seiner Feinsliebchen: „Feins Liebchen weint; ich weiß warum, und küß‘ ihr Rosenmündlein stumm.“

Traumbilder.

VI.

Im süßen Traum, bei stiller Nacht,
Da kam zu mir, mit Zaubermacht,
Mit Zaubermacht, die Liebste mein,
Sie kam zu mir ins Kämmerlein.

Ich schau sie an, das holde Bild!
Ich schau sie an, sie lächelt mild,
Und lächelt, bis das Herz mir schwoll,
Und stürmisch kühn das Wort entquoll:

„Nimm hin, nimm alles was ich hab,
Mein Liebstes tret ich gern dir ab,
Dürft ich dafür dein Buhle sein,
Von Mitternacht bis Hahnenschrein.“

Da staunt‘ mich an gar seltsamlich,
So lieb, so weh und inniglich,
Und sprach zu mir die schöne Maid:
O, gib mir deine Seligkeit!

„Mein Leben süß, mein junges Blut,
Gäb ich, mit Freud und wohlgemut,
Für dich, o Mädchen engelgleich –
Doch nimmermehr das Himmelreich.“

Wohl braust hervor mein rasches Wort,
Doch blühet schöner immerfort,
Und immer spricht die schöne Maid:
O, gib mir deine Seligkeit!

Dumpf dröhnt dies Wort mir ins Gehör,
Und schleudert mir ein Glutenmeer
Wohl in der Seele tiefsten Raum;
Ich atme schwer, ich atme kaum. –

Das waren weiße Engelein,
Umglänzt von goldnem Glorienschein;
Nun aber stürmte wild herauf
Ein greulich schwarzer Koboldhauf.

Die rangen mit den Engelein,
Und drängten fort die Engelein;
Und endlich auch die schwarze Schar
In Nebelduft zerronnen war. –

Ich aber wollt in Lust vergehn,
Ich hielt im Arm mein Liebchen schön;
Sie schmiegt sich an mich wie ein Reh,
Doch weint sie auch mit bitterm Weh.

Feins Liebchen weint; ich weiß warum,
Und küß ihr Rosenmündlein stumm. –
„O still‘, feins Lieb, die Tränenflut,
Ergib dich meiner Liebesglut!“

„Ergib dich meiner Liebesglut –“
Da plötzlich starrt zu Eis mein Blut;
Laut bebet auf der Erde Grund,
Und öffnet gähnend sich ein Schlund.

Und aus dem schwarzen Schlunde steigt
Die schwarze Schar; – feins Lieb erbleicht!
Aus meinen Armen schwand feins Lieb;
Ich ganz alleine stehen blieb.

Da tanzt im Kreise wunderbar,
Um mich herum, die schwarze Schar,
Und drängt heran, erfaßt mich bald,
Und gellend Hohngelächter schallt.

Und immer enger wird der Kreis,
Und immer summt die Schauerweis:
Du gabest hin die Seligkeit,
Gehörst uns nun in Ewigkeit!

Im traurigsten Liebesliederzyklus aller Zeiten lässt Wilhelm Müller 1823 seinen Wanderer die „Winterreise“ antreten, indem er vor dem Haus der verlorenen Geliebten seufzt: „Laß irre Hunde heulen vor ihres Herren Haus! Die Liebe liebt das Wandern, Gott hat sie so gemacht – von einem zu dem andern – Fein Liebchen, gute Nacht!“

Gute Nacht

Fremd bin ich eingezogen,
Fremd zieh‘ ich wieder aus.
Der Mai war mir gewogen
Mit manchem Blumenstrauß.
Das Mädchen sprach von Liebe,
Die Mutter gar von Eh‘, –
Nun ist die Welt so trübe,
Der Weg gehüllt in Schnee.

Ich kann zu meiner Reisen
Nicht wählen mit der Zeit,
Muß selbst den Weg mir weisen
In dieser Dunkelheit.
Es zieht ein Mondenschatten
Als mein Gefährte mit,
Und auf den weißen Matten
Such‘ ich des Wildes Tritt.

Was soll ich länger weilen,
Daß man mich trieb hinaus?
Laß irre Hunde heulen
Vor ihres Herren Haus;
Die Liebe liebt das Wandern –
Gott hat sie so gemacht –
Von einem zu dem andern.
Fein Liebchen, gute Nacht!

Will dich im Traum nicht stören,
Wär schad‘ um deine Ruh‘,
Sollst meinen Tritt nicht hören –
Sacht, sacht die Türe zu!
Schreib‘ im Vorübergehen
Ans Tor dir: Gute Nacht,
Damit du mögest sehen,
An dich hab‘ ich gedacht.

Und sogar der vermeintlich unromantische Georg Büchner braucht 1835 das Wort, um Volksliedkolorit zu schaffen, wenn er in „Danton’s Tod“ die verrückte Lucile unter dem Fenster ihres eingekerkerten Camille singen lässt: „Es stehen zwei Sternlein an dem Himmel, scheinen heller als der Mond, Der ein‘ scheint vor Feinsliebchens Fenster, Der andere vor die Kammerthür.“

Lucile (tritt auf. Sie setzt sich auf einen Stein unter die Fenster der Gefangenen). Camille, Camille! (Camille erscheint am Fenster.) – Höre, Camille, du machst mich lachen mit dem langen Steinrock und der eisernen Maske vor dem Gesicht; kannst du dich nicht bücken? Wo sind deine Arme? – Ich will dich locken, lieber Vogel. (Singt:)

Es stehen zwei Sternlein an dem Himmel
Scheinen heller als der Mond,
Der ein‘ scheint vor Feinsliebchens Fenster,
Der andere vor die Kammerthür.

Komm, komm, mein Freund! leise die Treppe hinauf, sie schlafen Alle. Der Mond hilft mir schon lange warten. Aber du kannst nicht zum Thor herein, das ist eine unleidliche Tracht. Das ist zu arg für den Spaß, mach ein Ende. Du rührst dich auch gar nicht, warum sprichst du nicht? Du macht mir Angst. –

Höre! die Leute sagen, du müßtest sterben, und machen dazu so ernsthafte Gesichter. – Sterben! ich muß lachen über die Gesichter. Sterben! Was ist das für ein Wort? Sag‘ mir es, Camille. Sterben! Ich will nachdenken, da, da ist’s. Ich will ihm nachlaufen; komm, süßer Freund, hilf mir fangen, komm! komm! (Sie läuft weg.)

Camille (ruft). Lucile ! Lucile!

In Wirklichkeit hat nie ein Feinsliebchen außerhalb der Poesie gelebt. Sein einziges Gesicht ist das der jungen Frau, die in Schinkels „Gotischer Dom am Fluss“ mit den Schiffern schäkert. Die Spur des Gemäldes verliert sich in Hitlers Reichskanzlei 1945. Die Szenerie darauf ist frei erfunden, eine Sehnsuchtsgeburt des Malers, und gerade deshalb hat nie ein deutscheres Bild existiert. Eine Kirche, die es nicht gibt, an einem Fluss, der nirgendwo fließt, unter einer Sonne, die so niemals aus einem deutschen Himmel scheint, auf einem Bild, das verbrannt ist – das ist das wahre Deutschland.

Was hab ich denn meinem Feinsliebchen gethan, Postkarte mit Alt-Betzinger Motiv, Julius Schlotterbeck an Pauline Hipp, 1902

Soundtrack: Johannes Brahms: Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, WoO 33 Nr. 12, 1894. Melodie und Text: kuhländisches Volkslied aus Mähren, 1814 veröffentlicht. Hochdeutsch auf die Melodie der westfälischen Ballade Winterrosen gesetzt von Wilhelm von Zuccalmaglio, um 1840. — Aufzutreiben waren bis zu zwölf Strophen für das Volkslied; bei Schubert fehlen die siebte bis elfte:

  1. „Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn!
    Du zertrittst dir die zarten Füßlein schön!“
  2. „Wie sollte ich denn nicht barfuß gehen?
    Hab keine Schuh‘ ja anzuziehn.“
  3. „Feinsliebchen, willst du mein Eigen sein,
    so kaufe ich dir ein Paar Schühelein.“
  4. „Wie könnte ich denn Euer Eigen sein?
    Ich bin ein armes Mägdelein.“
  5. „Und bist du auch arm, so nehm ich dich doch –
    du hast ja die Ehr‘ und die Treue noch!“
  6. „Die Ehr‘ und die Treue mir keiner nahm;
    ich bin wie ich von der Mutter kam.“
  7. „Und Ehr und Treu ist besser wie Geld!
    Ich nehm mir ein Weib, das mir gefällt!“
  8. Was zog er aus seiner Tasche fein?
    Von blauer Seide sind’s Strümpfelein.
  9. Sie setzte sich nieder auf einen Stein
    und zog die Strümpfe an ihre Bein‘.
  10. Was zog er aus seiner Tasche dazu?
    Von blauem Leder ein Paar Schuh‘.
  11. Sie zog die Schühlein an den Fuß
    und dankte ihm gar sehr dazu.
  12. Was zog er aus seiner Tasche fein?
    Mein Herz! Von Gold ein Ringelein!

Bonus Track:

Ich habe mein Feinsliebchen

Musik: anonym aus dem 18. Jahrhundert , die Melodie als „vielfach mündlich überliefert, durch ganz Deutschland bekannt“; Text: Verfasser unbekannt, 1807 abgedruckt bei Büsching u . v. d. Hagen – auch in Deutscher Liederhort, 1856, Nachweise und Variationen im Volksliederarchiv:

Ich habe mein Feinsliebchen,
Ich hab mein schön Feinsliebchen
So lange nicht gesehn,
Schon lang nicht mehr gesehn.

Ich sah sie gestern Abend,
Ich sah sie gestern Abend
Wohl in der Haustür stehn,
Wohl unter der Haustür stehn.

Sie sagt, ich sollt sie küssen,
Der Vater darf’s nicht wissen.
Die Mutter nahm’s gewahr,
daß jemand bei ihr war.

„Ach, Tochter, willst du freien?
Es wird dich schon gereuen,
gereuen wird es dich,
gereuen wird es dich.

Wenn andre junge Mädchen
mit ihren grünen Kränzchen
(mit ihren holden Schätzchen)
wohl auf den Tanzboden geh’n,
Wohl auf den Tanzboden geh’n.

So mußt du junges Weibchen
mit deinem zarten Leibchen
wohl bei der Wiegen stehn,
wohl bei der Wiegen stehn.

Mußt singen: Ri-Ra-Ritzchen,
schlaf ein mein liebes Fritzchen,
schlaf ein in süßer Ruh,
mach deine Äuglein zu.

Ach hätt das Feu’r nicht so gebrannt,
so wär die Lieb‘ nicht ang’rannt.
Das Feuer brennt so sehr,
die Liebe noch viel mehr.

Das Feuer kann man löschen,
die Liebe nicht vergessen,
ja nun und nimmermehr,
ja nun und nimmermehr.“

„Hättst du ihn fahren lassen,
den Fuhrmann auf den Straßen,
den Reiter auf sei’m Roß,
ein Jungfrau wärst du noch.“

Dienstmägdleins edler Retter. Deutsche Volkslieder – Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, Entstehungsgeschichte, via BR Klassik, picture-alliance, dpa

Bilder:

  1. Feinsliebchen, ich bleibe Dir treu, Bildpostkarte Gruß von der Front, Prägedruck, Höhe: 1204 mm; Breite: 1778 mm, gelaufen 19. Februar 1916, Universität Osnabrück | Historische Bildpostkarten, via Europeana 1914–1918;
  2. Was hab ich denn meinem Feinsliebchen gethan?

    Eine Postkarte mit Alt-Betzinger Motiv zum Thema verschmähte Liebe, geschrieben im Jahr 1902 von einem Julius Schlotterbeck an eine Pauline Hipp. Auf der Karte ist noch aufgedruckt:

    Was hab ich denn meinem Feinsliebchen gethan?
    Es geht ja vorüber und schaut mich nicht an;
    Es schlägt seine Äuglein wohl unter sich
    Und hat einen andern viel lieber als mich.

    BildeRTanzquelle Sammlung Werner Früh;

  3. Dienstmägdleins edler Retter. Deutsche Volkslieder – Feinsliebchen, du sollst mir nicht barfuß gehn, Entstehungsgeschichte, via BR Klassik, picture-alliance/dpa.

Bonus Track:Horch, was kommt draußen rein? Wird wohl mein Feinsliebchen sein.“

Written by Wolf

20. Mai 2016 at 00:01

Es endet ohne Schlusspunkt.

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Update zum Weekly Wanderer 0017:

Die Älteren mögen sich erinnern: 2013 wurden an dieser Stelle Versionen, Interpretationen und Parodien von Goethes Ein Gleiches durchdekliniert. Schon damals hab ich mir nicht im Ernst eingebildet, dass 17 Folgen reichen könnten.

Tina Sosna

——— Erich Fried:

Ein Ungleiches = Einige Leichen

aus: Das Nahe suchen. Gedichte, Verlag Klaus Wagenbach: Quartheft 119, Berlin 1982:

Tina SosnaWarte nur! Balde
Ruhest du auch.
Und zwar wie?
Zwischengelagert? Entsorgt?
Und warum du
nicht Sie?

Ich fange von vorne an
Das klingt viel höflicher dann:

Über allen Gipfeln
ist Euphemie,
In allen Wipfeln
Spüren Sie
kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde
Bitte warten Sie! Balde
Ruhen Sie auch.

(Die Euphemie versteht sich von selbst bei Goethen:
Er sagt ja auch Ruhen
wenn er Sterben meint oder Töten)

Oder lieber nicht ruhig Blut?
Also gut, mit etwas mehr Wut:

Unter allen Wipfeln
fließt Blut,
In allen Heuchlern
spürest du

kaum einen Jammerlaut!
Die Vögelein menscheln im Walde.
Gipfle nur! Balde
watest du auch
im Blut

Soweit Erich Fried, zitiert nach seiner ersten Gesamtausgabe. Es gab tatsächlich eine nicht sehr lange zurückliegende Zeit, in der Fried als Dichter ernster als Goethe genommen wurde. Das war um 1980, und noch von 1999 findet sich eine ausführliche Interpretation über sein Ungleiches, in der ein Bertolt Brecht als richtig relevant erscheint und ein haltbares Dreieck aus Goethe, Brecht und Fried errichtet wird, und das Goethe-Originalgedicht sei sogar von „erkennbare[m] Materialwert“.

Eine andere als alphabetische Rangfolge der Begriffe Brecht, Fressen, Fried, Goethe und Moral für 2016 will ich lieber nicht aufstellen müssen.

Tina Sosna

——— Klaus Schuhmann:

Nachtlieder nach Goethe

in: Neue deutsche Literatur, Heft 527, September/Oktober 1999:

Manchmal zeigt sich, was zwei Schriftsteller in Sympathie miteinander verbindet, schlaglichtartig in ihrem Verhältnis zu einem dritten Dichter, den sie auf vergleichbare Weise schätzen oder ablehnen. Im Falle von Bertolt Brecht und Erich Fried trifft beides nicht zu, wenn der Dritte im Bunde Goethe heißt. Hier geht es um einen Spezialfall, denn beide haben sich im Zeitunterschied von vierzig Jahren für ihre Zwecke eines Gedichts bedient, das Goethekenner als Kleinod ansehen, welches außerhalb jeder Kritik zu stehen hat: „Wanderers Nachtlied“.

Für Lyriker des 20. Jahrhunderts gilt solcher Denkmalschutz schon lange nicht mehr. Brecht demonstrierte das mit seinen „sozialkritischen Sonetten“ als ein generelles methodisches Verfahren, bei Fried kann man in mehreren Gedichtbänden Gruppen mit Texten finden, in denen der Verfasser kritische Zwiegespräche mit literarischen Vorfahren und Zeitgenossen führt.

Bei Brecht geschieht die Begegnung mit Goethe schon in seinem ersten Gedichtbuch, der 1927 veröffentlichten Hauspostille; bei Erich Fried in seinem 1982 erschienenen letzten Lyrikband Das Nahe suchen. Brechts Gedicht heißt „Liturgie vom Hauch“, Frieds „Ein Ungleiches = Einige Leichen“. Beide konfrontieren den Goethe-Text mit der politischen und sozialen Realität des 20. Jahrhunderts, so daß die Wirklichkeit gegen die Poesie zu Wort kommen kann. Nicht zuletzt, weil sie nach Meinung dieser beiden Lyriker zu oft verschwiegen wird, besonders in Gedichten. Und sie antworten mehr oder weniger auf eine Frage, die Brecht in seinem Epilog „An die Nachgeborenen“ gestellt hat:

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

Bertolt Brecht ging es freilich nicht allein um Goethe, der in der „Liturgie vom Hauch“ namentlich zwar nicht genannt, aber mit Worten aus dem Gedicht „Wanderers Nachtlied“ zitiert wurde, die der Nennung des Autornamens gar nicht mehr bedurften. Schon im Titel wird das letzte Wort dieses Gedichts demonstrativ aufgerufen, und der aufmerksame Leser wird am Ende seiner Lektüre unweigerlich daran erinnert, daß der „Hauch“ im Verlaufe der „Liturgie“ zum Aushauchen wird, zum letzten Atemzug. Das geschieht klaglos, wird aber durch einen Kunstgriff dennoch zu einer Anklage. Es ist, als liefe ein Zählwerk, das der „Liturgie“ ihren Gang vorschreibt. Indem Brecht die Zeilen fortlaufend numeriert und den Strophenblock auflöst (durch den Zeilenabstand auch visuell wahrnehmbar), wird durch den aktionsbetonten Verlauf der „Strophen“ der Kontrast zu jenem Gedichtteil aufgebaut, der refrainartig unverändert repetiert wird. Er zitiert, allerdings entstellt, „Wanderers Nachtlied“:

1
Einst kam ein altes Weib einher

2
Die hatte kein Brot zum Essen mehr

3
Das Brot, das fraß das Militär

4
Da fiel sie in die Goss, die war kalte

5
Da hatte sie keinen Hunger mehr.

6
Darauf schwiegen die Vöglein im Walde
Über allen Wipfeln ist Ruh
In allen Gipfeln spürest du
Kaum einen Hauch.

Daß Goethes Gedicht für Brecht noch einen erkennbaren Materialwert besaß, sieht man daran, daß die beiden Schlußzeilen, auf die es besonders ankommt, dem Original entsprechen. Die Abfolge der binnenreimenden Nomina „Gipfeln“ und „Wipfeln“ ist freilich vertauscht, und das Verb „schweigen“ ist aus der präsentischen Form in die präteriale befördert worden. Noch schwerer wiegt, daß der Refrain mit einem ebenso temporal wie auch kausal interpretierbaren „Darauf“ beide Segmente miteinander verknüpft: die profane Textebene mit der auratisch-poetischen der Goetheworte.

Während im weiteren Fortgang des Geschehens der von Beginn angelegte soziale Konflikt eskaliert und nach der alten Frau sowohl der Mann als auch die „bärtigen Männer“ nichts mehr sagen können, weil sie zu Tode gebracht werden, bleiben die „Vögelein im Walde“ ungerührt und schweigen, bis sie selbst von einem Tier – es ist ein großer „roter Bär“ – gefressen werden. Und nun ändert sich auch der Refrain, den sie bisher zu all dem gesungen haben. Es ist, als habe der Luftzug, der in die Goethestrophe hineinfährt, nicht nur den Text noch einmal durcheinandergebracht, jetzt wendet sich auch in den oberen Regionen das Wetter: Die Vögel erwachen und schweigen nicht mehr. Und damit hat sich das Gedicht aus Meisterhand auch im semantischen Sinne ins Gegenteil gekehrt.

37
Da kam einmal ein großer roter Bär einher

38
Der wußte nichts von den Bräuchen hier, denn der kam von überm Meer.

39
Und der fraß die Vögelein im Walde

40
Da schwiegen die Vögelein nicht mehr
Über allen Wipfeln ist Unruh
In allen Gipfeln spürst du
Jetzt einen Hauch.

Das ist nicht mehr literarische Parodie. Eher schon wird die Frage hörbar, die Brecht später in einem seiner Massenlieder stellt:

Wessen Straße ist die Straße?
Wessen Welt ist die Welt?

Tina SosnaEin halbes Jahrhundert später stellt sich Erich Fried seiner Welt noch einmal auf eine Brecht vergleichbare Weise und bediente sich dabei ebenfalls der sinntragenden Worte des berühmten Gedichtes, das auf dem Gickelhahn bei Ilmenau geschrieben wurde. In der vierten Abteilung des Gedichtbandes Das Nahe suchen ist der Text zu finden, dessen Überschrift mehr noch als die Brechts überkommener Titelgebung widerspricht. Der Titel des Goethe-Gedichts erscheint hier sinnverkehrt: in der Negation.

Frieds Bauweise und Materialverwertung ist eine andere als die Brechts. Er arbeitet nicht mit Kontrastblöcken – hier blutige Wirklichkeit, dort himmlische Ruhe –, sondern mit einer Technik, die den Goethetext gleichsam an der Realität von heute durchdekliniert. Bei Fried bleibt eine einzige Zeile aus dem Original unversehrt („Die Vögelein schweigen im Walde“). Die anderen Textteile werden noch radikaler ent-stellt als bei seinem Vorgänger. Vor allem taucht in Frieds Text ein Wort auf, das es zu Brechts Zeiten noch nicht gab: entsorgen. Was dieses Verb sagt und doch verschweigt, ist schlimmer als das, was sich bei Brecht auf offener Straße ereignete. Aus der Nachtruhe, die Goethe bedichtete, ist in unserem Jahrhundert die Friedhofsruhe geworden! Nicht Goethe steht am Pranger, sondern jene, die es verstehen, die Katastrophengefahr zu beschönigen – nicht nur durch Schweigen, sondern mittels „Euphemie“. Fried bietet eine zeitgenössische Goethelektüre und blendet jene Fakten ein, die sie stören, unterbrechen und schließlich in schierer Irritation enden lassen. Anders als Brecht, dessen Text strophisch gegliedert ist (und auch den Reim nicht ausspart), sind bei Fried nur noch Zeilengruppen vorhanden, die weder durch Reime (bis auf die Anleihen von Goethe) noch durch numerische Übereinstimmung bei der Zeilenzahl geregelt sind. Auch hat Frieds Text einen ganz anderen Gestus des Sprechens. Es ist ein dialogisch angelegtes Gedicht, gerichtet an einen Adressaten, der gleich zu Beginn angesprochen wird: mit den kursiv gesetzten Personalpronomen „du“ und „Sie“. Und auch darin unterscheidet sich der Text der achtziger von dem der zwanziger Jahre, daß hier mit Goethe-Wortschatz begonnen wird:

Warte nur! Balde
Ruhest du auch.
Und zwar wie?
Zwischengelagert? Entsorgt?
Und warum du
nicht Sie?

Eine fulminante „Exposition“: Sechs Kurzzeilen werden durch ein Ausrufungszeichen und vier Fragezeichen interpunktiert, wobei die letzteren sich durchweg auf das sinntragende Verb „ruhen“ beziehen, das seit Goethe und Brecht um eine Interpretationsmöglichkeit reicher geworden ist. Die beiden nachfolgenden Partizipien benennen diesen Sachverhalt. Es sind Neuworte, die von der Atomwirtschaft verwendet werden. Der Autor signalisiert diese Gefahr, wobei sein „Warte nur!“ ebenso als Warnung wie als Voraussage gelesen werden kann. Die folgende Überleitung von zwei Zeilen läßt zwei bänkelsängerisch klingende Reime zu, die hier eher anzeigen, daß der Verfasser nun pro domo spricht. Im doppelten Wortsinne: Er nimmt sein Thema von neuem auf, und er setzt nun auch mit einer Zeile ein, mit der Goethe begann. Erst jetzt ist Fried wirklich bei dessen Text angekommen, der nun zeilenweise zitiert wird (so kommt nun auch wieder der Reim zur Geltung). Mit einem Kunstgriff entstellt er das Goethe-Gedicht: Er setzt an die Stelle des vertrauten „du“ das „Sie“ der Höflichkeitsform. Als geradezu parodistisch wirkendes Personalpronomen wird es der Aufforderung zum Warten vorangestellt.

Die Überleitung zum Schlußpart des Gedichts übernimmt wiederum ein gereimter Zweizeiler, der den Schreiber im Zwiespalt der Wortwahl und der Reaktionsmöglichkeiten zeigt. Daß er sich für „Blut“ (aber nicht „ruhig Blut“, also einen Ausdruck für Zurückhaltung und Affektdämpfung) entschieden hat, ist mit dem letzten Wort des Gedichts besiegelt. Das hat vor allem damit zu tun, daß der Blick nach unten gerichtet wird: auf die Erde, wo die Menschen, die hier leben, sich einer solchen Sprache bedienen:

Unter allen Wipfeln
fließt Blut,
In allen Heuchlern
spürest du
kaum einen Jammerlaut!
Die Vögelein menscheln im Walde.
Gipfle nur! Balde
watest du auch
im Blut

Nun ist auch der Stellenwert der „Vögelein“ in diesem Text bestimmt. Wie bei Brecht sind sie nicht nur Tiere, sondern gleichen Menschen, zumindest wenn sie sprechen. Damit ist auch das letzte Unwort in diesem Text aufgesagt: „menscheln“. Jetzt kann nur noch eine groteske Zuspitzung folgen, die wie Hohn und Spott klingt: Gipfle nur! soll wohl heißen, daß ein Höhepunkt erreicht ist, dem nur noch der Absturz folgen kann. Wie die meisten Gedichte Frieds endet auch dieses ohne Schlußpunkt.

Tina Sosna

Bilder: Tina Sosna, Oktober 2014 bis Oktober 2015.

Bonus Tracks: Interpreatationen im Vergleich: Bertolt Brecht/Hanns Eisler: Einheitsfrontlied, 1934:


Written by Wolf

29. Januar 2016 at 00:01

Veröffentlicht in Herrschaft & Revolte, Klassik

Wunderblatt 6: Die Reimer und die Dichter

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Update zum Weekly Wanderer 0017 und allen anderen:

Pinnata bringt Ein gleiches in der Version der Frankfurter Goethe-Ausgabe (da fangen die Verse versal an und sind ein paar Satzzeichen anders als woanders) und Daigremontiana stört rum.

Moritz hilft.

Kalanchoe pinnata & daigremontiana, Wandrers Nachtlied. Ein gleiches, Die Reimer und die Dichter, die ham die dümmsten Gsichter.

Kalanchoe pinnata, Wandrers Nachtlied, Ein gleichesKalanchoe daigremontiana, Deine Mudder

Kalanchoe pinnata & daigremontiana & Moritz

Written by Wolf

21. November 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Grünzeug & Wunderblätter, Klassik

Der Fluch des Albatros

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Update zu Quietly Floats The Don und
Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind:

Der Entenhausener Bericht The Not-So-Ancient Mariner, empfangen und übermittelt durch Carl Barks, erschien deutsch als Der Fluch des Albatros (WDC 312) in TGDD 71, beide 1966. Heute am besten erreichbar in Die tollkühnen Abenteuer der Ducks auf hoher See, herausgegeben von Frank Schätzing (seufz!) im mareverlag, März 2006.

Der Gang der Handlung nach BarksBase:

The Not-So-Ancient Mariner, 1966, 1st pageDaisy hat beim Quiz der Wunderweiß-Waschmittel-Werke [Bluefog Blubber Company] eine Reise mit der „Korallen-Königin“ [Fatsonia] gewonnen und fährt zusammen mit ihrer Tante Melitta [Aunt Drusilla] in die Südsee. Weil Gustav mit demselben Schiff fährt (er ist zur Beat-Weltkonferenz nach Samoa eingeladen), beteiligt auch Donald sich an dem Wunderweiß-Quiz. Er kann die letzten zwei Strophen aus dem Gedicht „Der Fluch des Albatros“ [Ancient Mariner] und gewinnt ebenfalls eine Fahrt mit der „Korallen-Königin“ — allerdings im Laderaum, wo er von Daisy nicht viel sieht. Er schleicht sich an Deck, wo er versehentlich einen Albatros abschießt — was letztendlich dazu führt, daß Donald über Bord geht. Die dadurch bewirkte Fahrtverzögerung hat zur Folge, daß Donald die Bordpreisfrage richtig beantwortet — und sich eine Kabine erster Klasse leisten kann.

Im Original wird die Ballade „The Rime of the Ancient Mariner“ ([in der Fassung von] 1798) von Samuel Taylor Coleridge zitiert. CBVD enthält zusätzlich die Originalfassung.

Empfohlen werden ausdrücklich Gustave Dorés 1876er Illustrationen zu Coleridges Ballade. Aufallend an der deutschen Fassung ist der einleitende Satz: „Alle Seeleute glauben, daß es Unglück bringt, einen Albatros zu töten. Ob das wohl stimmt?“, der explizit vom Töten spricht, obwohl nach verbreiteten Fällen von Traumatisierung durch den Tod von Bambis Mutter der Tod aus allen Disney-Veröffentlichungen herausgehalten wird (einzelne Rückfälle, z.B. Mufasa in König der Löwen, 1994). Dieser, sofern es einer ist, Aberglaube stammt aus dem antiken Griechenland, wo der Albatros Poseidons Lieblingsvogel war.

Im deutschen Comic wird sichtbar, daß die Ballade aus dem Buch Seegedichte stammt, nach allem vernünftigen Dafürhalten ein fiktives Buch. Zumindest die letzte, geflügelte Strophe „Weh mir Frevler, dass ich schoss den Schicksalsvogel Albatros! Dreimal wehe, dass ich traf! Dafür trifft mich des Schicksals Straf‘!“ stammt eindeutig von der Hauptübersetzerin Dr. Erika Fuchs, der Rest ist wahrscheinlich ein Stück anonyme Fan Fiction avant la lettre. Der Einfluss von Coleridge auf Barks ist heute als Parodie anerkannt: Die angeführte Strophe übersetzte Frau Fuchs aus dem Original bei Coleridge/Barks:

„God save thee, ancyent Marinere!
„From the fiends that plague thee thus—
Why look’st thou so ?’—With my cross-bow
I shot the Albatross.

Im Volltext nach der offiziellen Homepage der D.O.N.A.L.D.:

Der Fluch des Albatros

Gustave Doré, Ancient Mariner. I shot the albatrossSchaumgekrönte Wellen branden
gegen Kap Kanaster an.
Bald werd‘ ich dort wieder landen,
wo dereinst mein Weg begann.

Wind frischt auf, und mit dem Brausen
fliegt mein Schiff in Richtung Watt.
Schon gewahr‘ ich Entenhausen:
Heißgeliebte Heimatstadt!

Lichtbestreuter Hafen — endlich
fährt mein Kurs mich an den Kai.
Vor mir wird die Skyline kenntlich
— da erklingt von Luv ein Schrei.

Gellend klingt er, so als ginge
grad ein Topgast über Bord.
Mit dem nächsten Rettungsringe
eile ich zum Unfallort.

Doch das Meer liegt bleigegossen,
niemand aus der Mannschaft fehlt.
Über meinen Schreck verdrossen,
hab‘ ich es dem Maat erzählt.

„Was Euch eben so verdroß,
das war der Ruf des Albatros.
Wehe dem, der ihn vernimmt:
Sein Schicksal ist vorausbestimmt.“

Kaum gehört, ist’s schon geschehen,
und das Unglück zieht herauf.
Vor mir türmen sich die Seen
bis auf Leuchtturmhöhe auf.

Wie ein Jux der Elemente
tanzt im Sund mein stolzes Schiff.
Backbord drohen Felsenwände,
steuerbord das Teufelsriff.

Da, die Durchfahrt! Und es schießt rein;
Gott hat uns den Weg gesucht.
Vor uns muß die Insel Kniest sein,
wir sind in der Gumpenbucht.

Still verdümpeln kleine Wellen,
denn der Sturm zog hier vorbei.
Doch wie tausende Tschinellen
hämmert wieder dieser Schrei.

Wer verdenkt mir meine Rage,
als ich seinen Ursprung such‘?
Auf der höchsten Takelage
sitzt der Vogel wie ein Fluch.

Walt Disney's Comics and Stories, The Not-So-Ancient Mariner, page With my crossbow I shot the albatrossUnd der Maat brüllt ängstlich: „Boss,
er ist zurück, der Albatros!
Zweimal wehe, wer ihn schaut.
Sein Leben ist auf Sand gebaut.“

Ich vergesse Ruh‘ und Sitte
— dieser Vogel macht mich krank —
und betrete die Kajüte
mit des Käpt’ns Waffenschrank.

Knarrend öffnet sich die Türe
und ermöglicht mir die Wahl
aus dem glitzernden Spaliere
voller kaltem blauen Stahl.

Das Kaliber sei ein solches,
daß vom Opfer nichts mehr bleibt,
das die Federn dieses Strolches
bis zum Erdtrabanten treibt.

Gut gezielt: Ich expediere
durch der Waffe langen Lauf
diesem großen Unglückstiere
eine Ladung Blei hinauf.

Doch die brav getroffne Leiche
stürzt herab wie ein Geschoß.
Fragt mich nicht warum, ich weiche
ihm nicht aus, dem Albatros.

Weh mir Frevler, daß ich schoß
den Schicksalsvogel Albatros!
Dreimal wehe, daß ich traf!
Dafür trifft mich des Schicksals Straf‘!

Bilder: BarksBase; Gustave Doré, 1876; I.N.D.U.C.K.S., 1966.

Written by Wolf

15. September 2014 at 13:29

Veröffentlicht in Romantik

Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind

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Update zum Weekly Wanderer 13:

——— Goethe an Charlotte von Stein, Thun d. 14. Oktb. Abends 7:

wir sind glücklich wieder hier angekommen. Diese vier Tage das schönste Wetter, heut und gestern keine Wolcke am Himmel, und die merckwürdigsten Gegenden ganz rein in dem himmlischen Lichte genossen. Es fällt schweer nach allem diesem zu schreiben, ich will nachher aus meinem Bleystifft Gekrizzel Phillippen wieder dicktiren.

Die merckwürdige Tour durch die Bernischen Glätscher ist geendigt wir haben leicht vorübergehend die Blüte abgeschöpft an einigen Orten hätt ich mit dem Bogen noch einmal schlagen können aber es ist auch so gut. Wär ich allein gewesen ich wäre höher und tiefer gegangen aber mit dem Herzog muss ich thun was mäsig ist. Doch könnt ich uns mehr erlauben wenn er die böse Art nicht hätte den Speck zu spicken, und wenn man auf dem Gipfel des Bergs mit Müh und Gefahr ist, noch ein Stiegelgen ohne Zweck und Noth mit Müh und Gefahr suchte. Ich bin auch einigemal unmutig in mir drüber geworden, dass ich heut Nacht geträumt habe ich hätte mich drüber mit ihm überworfen, wäre von ihm gegangen, und hätte die Leute die er mir nachschickte mit allerley Listen hintergangen. Wenn ich aber wieder sehe, wie iedem der Pfahl in’s Fleisch geben ist den er zu schleppen hat, und wie er sonst von dieser Reise wahren Nuzzen hat, ist alles wieder weg. Er hat gar eine gute Art von Aufpassen, Theilnehmen, und Neugier, beschämt mich offt wenn er da anhaltend oder bringend ist, etwas zu sehen oder zu erfahren, wenn ich offt am Flecke vergessen oder gleichgültig bin.

Es soll recht gut werden denck ich und bisher hat uns das Glück gar unerhört begleitet. Kein Gedancke, Keine Beschreibung noch Erinnerung reicht an die Schönheit und Grösse der Gegenstände, und ihre Lieblichkeit in solchen Lichtern Tageszeiten und Standpunckten.

Wedel hat des Tags hundert tolle Einfälle, und wenn ihn nicht manchmal der Schwindel ankäme und ihn auf Augenblicke böser Laune machte, wäre kein Gesellschaffter über ihn.

Von dem Gesange der Geister hab ich noch wundersame Strophen gehört, kann mich aber kaum beyliegender erinnern. Schreiben Sie doch sie für Knebeln ab, mit einem Grus von mir. Ich habe offt an ihn gedacht.

Micky Maus, Lustige Taschenbücher, Goofy zitiert Goethe

Micky Maus, Lustige Taschenbücher, Goofy zitiert Goethe

Bilder: Jack Bradbury: Gesang der Geister über den Wassern, in: Micky Maus Heft 24, Seite 11 ff., 1969.

Written by Wolf

11. April 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

Wer fühlt den Krampf der Freuden und der Schmerzen nicht

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Update zu Barfußläufte und zum Weekly Wanderer 0008:

Ach komm, ist doch Frühling. Machen wir eine Gaudi: Ab sofort sind ein paar Barfußwochen auf DFWuH! Keine Angst, es wird recht tiefgehend; der April wird sowieso den 450 Jahren Shakespeare gehören müssen, und im Mai machen wir dann wieder was Gescheites. — Folge 1:

——— Eduard Mörike: An Moritz von Schwind, 1867:

Moritz von Schwind, Das Märchen von den sieben Raben. Der Prinz und seine Braut, 1858Ich sah mir deine Bilder einmal wieder an
Von jener treuen Schwester, die im hohlen Baum,
Den schönen Leib mit ihrem Goldhaar deckend, saß
Und spann und sieben lange Jahre schwieg und spann,
Die Brüder zu erlösen, die der Mutter Fluch
Als Raben, sieben Raben, hungrig trieb vom Haus.
Ein Kindermärchen, darin du die Blume doch
Erkanntest alles menschlich Schönen auf der Welt.

Von Blatt zu Blatt, nicht rascher als ein weiser Mann
Wonnige Becher, einen nach dem andern, schlürft,
Sog ich die Fülle deines Geistes ein und kam,
Aus sonnenheller Tage Glanz und Lieblichkeit
In Kerkernacht hinabgeführt von dir, zuletzt
Beim Holzstoß an, wo die Verschwiegne voller Schmach
Die Fürstin, ach, gebunden steht am Feuerpfahl:
Da jagt’s einher, da stürmt es durch den Eichenwald:
Milchweiße Rosse, lang die Hälse vorgestreckt,
Und, gleich wie sie, die Reiter selber atemlos –
Sie sinds! Die schönen Knaben all und Jünglinge!
Ah, welch ein Schauspiel! – Doch was red ich dir davon?
„Hier“, sagte lachend neulich ein entzückter Freund,
Ein Musiker, „zieht Meister Schwind zum Schlusse noch
Alle Register auf einmal, daß einem das Herz
Im Leibe schüttert, jauchzt und bangt vor solcher Pracht!“

– Wenn dort, ein rosig Zwillingspaar auf ihrem Schoß,
Die Retterin auftaucht und der Ärmsten Jammerblick
Sich himmlisch lichtet, während hier der König, sich
Auf das Scheitergerüste stürzend, hingeschmiegt das Haupt,
Die nackten Füße seines Weibes hold umfängt.
Wer fühlt den Krampf der Freuden und der Schmerzen nicht
In aller Busen staunend mit? Und doch zugleich
Wer lächelt nicht, wenn seitwärts dort im Hintergrund,
Vom Jubelruf des Volks erstickt, ein Stimmchen hell
Sich hören läßt, des Jüngsten von den sieben, der
Als letzter kommt geritten, mit dem einen Arm
Noch fest im Rabenflügel, auf die Schwester zu!
– Genug und schon zu viel der Worte, Teuerster!

Ich knüpfte seufzend endlich meine Mappe zu,
Saß da und hing den Kopf. – Warum? Gesteh‘ ich dir
Die große Torheit? Jene alte Grille war’s,
Die lebenslang mir mit der Klage liegt im Ohr,
Daß ich nicht Maler werden durfte. Maler, ja!
Und freilich keinen gar viel schlechteren als dich,
Dacht‘ ich dabei. Du lachst mit Recht. Doch wisse nun:
Aus solchem Traumwahn freundlich mich zu schütteln, traf,
O Wunder! deine zweite Sendung unversehns
Am gleichen Morgen bei mir ein! – Du lässest mich,
O Freund, was mir für mein bescheiden Teil an Kunst
Gegeben ward, in deinem reinen Spiegel sehn:
Und wie! – Davon schweig ich für heut. Nur dieses noch:
Den alten Sparren bin ich los für alle Zeit,
So dünkt es mich, – es wäre denn, daß mir sofort
Der böse Geist einflüsterte, dies Neuste hier
Sei meine Arbeit lediglich: die Knospe brach
Mit einemmal zur vollen Rose auf – man ist
Der großen Künstler einer worden über Nacht.

Die in der vierten Strophe erwähnte „zweite Sendung“ bestand in drei Sepiazeichnungen zu Mörikes Gedichten: Ach nur einmal noch im Leben, Märchen vom sichern Mann und Erzengels Michaels Feder.

Moritz von Schwind, Das Märchen von den sieben Raben. Der Prinz findet die treue Schwester in einem hohlen Baume, holt sie herab und führt sie auf sein Schloß, 1858

Barfußbilder: Moritz von Schwind: Das Märchen von den sieben Raben: Der Prinz und seine Braut;
Der Prinz findet die treue Schwester in einem hohlen Baume, holt sie herab und führt sie auf sein Schloß, beide 1858 via Goethezeitportal, September 2010.

Written by Wolf

4. März 2014 at 00:01

Veröffentlicht in Romantik