Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Die Seligkeit, wo ich zusammenbrechen darf

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Update zu Was übrig blieb von grünem leben,
Ach Kind, wenn du ahntest, wie Kunitzburger Eierkuchen schmeckt!,
Und wenn’s im Rücken mal weh tut, wird jede Bewegung zur Qual
und Morgenstern über Greifswald (und keiner schaut hin):

Das Reclambuch sah so überhaupt nicht aus wie ein Reclamheft: schwarz statt gelb, sogar mit Goldprägungen, und weil man das 1904 so gemacht hat, alles in Fraktur. Eigentlich hätte ich es photographieren sollen, aber bis mir das eingefallen ist, hatte ich es schon zum Kuckuck gehauen, nein: in gute Hände weitergereicht.

Das Antiquariat, in dem es zuletzt gewohnt hat, ist dermaßen aufgelöst, dass es seine schmuckschwarzen goldgeprägten Reclambücher und sonstiges angemodertes Altpapier ohne Ladenaufsicht zum Räubern freigegeben hat, und ich weiß nicht, was trauriger war: dass nicht die Bücherfreunde mit leuchtenden Augen kamen, sondern ein paar abgestellte Packer in Camouflage-Kluft mit Rucksäcken – oder dass die abwesenden Antiquare ihre Ladentür tagelang auffordernd geöffnet halten mussten, bis endlich ein nennenswerter Schwund einsetzte.

Zur Verbreitung besagten Reclambuchs berichtet Robert Wohlleben für das höchst schätzbare fulgura frango: Das Regiment Sassenbach (1897 bis 1903). Lyrik aus der literarischen Werkstatt um Arno Holz:

Zu ihrer Zeit sind die Gedichte des „Regiments Sassenbach“ durchaus vom literarischen Publikum wahrgenommen worden. Eine Reihe von Gedichten hat zum Beispiel Hans Benzmann in seine recht verbreitete Anthologie „Moderne Deutsche Lyrik“ aufgenommen; sie erschien bei Reclam, vermutlich 1904.

Aus dem schönen Stück zurückbehalten habe ich eins von Reinhard Piper, 1879 bis 1953, damals Buchhandelsgehilfe, später Verleger unter dem Pseudonym Ludwig Reinhard:

——— Reinhard Piper:

Aus „Meine Jugend“

aus: Meine Jugend I, Johann Sassenbach, Berlin 1899,
cit. nach Hans Benzmann, Hrsg.: Moderne Deutsche Lyrik, Philipp Reclam jun., Leipzig 1904, Seite 419:

Die Lampe will mir ausgehn.
Todmüde ziehe ich meine Taschenuhr:
Nach Mitternacht.
Plötzlich sehe ich den Sekundenzeiger rennen.
Entsetzen packt mich.
Halt! Halt!
Er tickert merin ganzes Leben herunter!
Unaufhaltsam verläuft meine Zeit ins Nichts.

*

Auf der glühenden Landstraße, die nach dem Himmel führt,
schleppe ich mich vorwärts.
Ich sehe kein Ende.
Schmächtige Pappeln stehen am Weg.
Ihre vertrockneten Blätter
beben.
Mit einem dünnen Schatten um den andern
komme ich der Seligkeit näher,
wo ich zusammenbrechen darf!

Zur Einordnung dieses Denkmals aus Im- wie Expressionismus und Postmoderne lernen wir weiter bei fulgura frango a. a. O.:

Plakat Neue Lyrik1898 und 1899 erschienen im Verlag von Johann Sassenbach, Berlin, unter anderem sieben Hefte mit Gedichten: „Neues Leben“ von Georg Stolzenberg in zwei Heften (1903 folgte ein drittes), „Farben“ von Robert Reß, „Meine Jugend I“ vom späteren Verleger Reinhard Piper unter dem Pseudonym Ludwig Reinhard, „Befreite Flügel“ von Rolf Wolfgang Martens, „Phantasus“, erstes und zweites Heft, von Arno Holz. Alle Gedichte darin sind ohne Reim und ohne festes Versmaß, ihre Zeilen sind auf Mittelachse angeordnet.

[…] Ab 1897 kam um Arno Holz eine Gruppe schreibender Freunde zusammen. Der Gesangslehrer Robert Reß (1871 bis 1935) sowie der Klavierlehrer und Komponist Georg Stolzenberg (1857 bis 1941) gehörten als Kern dazu. Ferner Rolf Wolfgang Martens (1868 bis 1928), den Reinhard Piper in seinen Erinnerungen einen „Beinahe-Millionär“ nannte. Der junge Buchhandelsgehilfe und spätere Verleger Reinhard Piper (1879 bis 1953) wurde hinzugezogen. Auch der Dichter Paul Ernst (1866–1933) gehörte zeitweise dazu.

Die Gruppe traf sich regelmäßig in der Dachkammer von Arno Holz. Sie war auf die Prinzipien der Holzschen Lyrikkonzeption eingeschworen. Für Arno Holz war sie seine „Schule“. Reinhard Piper nannte die Gruppe umgangssprachlich „Corona“.

Gruppenbild um 1900

Bilder: via Robert Wohlleben für fulgura frango: Das Regiment Sassenbach (1897 bis 1903). Lyrik aus der literarischen Werkstatt um Arno Holz:

Soundtrack: Lael Neale: Acquainted with Night, aus: Acquainted with Night, 2021.
Fall sich jemand wundert: Das auf dem ganzen Album allfällige Omnichord kennt unsereins noch aus Turaluraluralu aus der Bye Bye 1983 von Trio:

Written by Wolf

12. August 2022 um 00:01

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