Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

150 Jahre sind alt genug

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Update zu Invisible Girls
und Doktor Faustus goes Science Fiction
und aufgemöbelte Zweitverwertung:

Frank Zander konnte man schon immer albern finden, aber was den bis heute berüchtigten Bestand an Schlagersängern nach 1970 angeht, hatte man bei dem nie so das Gefühl, der wird doch von der CDU bezahlt.

Cover Frank Zander, LP Donnerwetter, 1979Ein großer Moment in der trüben deutschen Musikgeschichte der Siebziger war … nein, nicht seine Phase als „Fred Sonnenschein“, da konnte Hugo Egon Balder als Hamster Fritz mitsingen, soviel er will — sondern sein Album Donnerwetter 1979. Da war nämlich Captain Starlight drauf.

Von dem Lied hat sich jemand einiges versprochen, es wurden nämlich Versionen auf Deutsch und Englisch, mit und ohne Intro erstellt, die nicht einmal in Zanders öffentlicher Diskographie erscheinen. Marketinghistorisch kann man bemängeln, dass Captain Starlight nach dem damaligen Weltraum-Hype schon zu spät kam – der erste Star Wars erschien 1976) –, aber Peter Schilling ist mit seinem „völlig losgelösten“ Major Tom auch erst 1983 nachgerückt, Stephan Remmler ohne Trio mit Feuerwerk gar 1984. Dass Zander einen überschätzten Kubrick-Film elf Jahre zu spät veralbern wollte, habe ich zweifellos schon als „Krieg der Sterne“-Verweigerer in der fünften Klasse gemerkt, weil schon immer auf der Hand lag, dass Kubrick ausschließlich überschätzte Filme gemacht hat.

Das halbminütige Intro von Captain Starlight vom grunddeutschen Frank Zander hatte dagegen das Zeug zum Mythos. Ein Kasperleschlager, der wie selbstverständlich mit einem ausführlichen, nirgends erklärten, ja auch nur erwähnten klassischen Streichersatz anfängt – und genau so wieder aufhört, wo gibt’s denn sowas? Ich muss einige Male ziemlich gebannt am Radio geklebt haben, in den Fernsehauftritten wurden die Streicher nämlich grundsätzlich unterschlagen.

Später, mit einigem musikalischen Grundwissen, konnte man von selber draufkommen, dass es ein Streichquartett war. Welches, ein bestehendes oder gar ein eigens von Herrn Zander komponiertes, wusste kein Mensch, und zu Zeiten des Internets war Frank Zander schon ein abgehalfterter Schlageropa, der sich einigermaßen würdevoll für ironisch-nostalgische Rückblicke hergab.

Cover Frank Zander, Single Captain Starlight, Pilli Willi der Telefonanist, 1979Bis zum 18. Juli 2010, als in einem nerdigen Gitarrenforum jemand wusste: Nun ja, das ist eine Moll-Version aus dem 1. Satz von Joseph Haydn: Quartett D-Dur für zwei Violinen, Viola und Violoncello, opus 64,5, Hoboken-Nummer III: 63, Werkverzeichnisnummer 860, dem vulgo Lerchenquartett von 1790. — Stimmt.

Dass Haydn mit Sicherheit keine Moll-Versionen von seinen eigenen, gar nicht mehr genau zählbaren Streichquartetten in Dur-Tonarten angefertigt hat, macht die Antwort nicht erschöpfender, rückt Frank Zander aber in ein geheimnisvolles Licht: Der hat das bestimmt auch nicht umgeschrieben, weil er gelernter Grafiker ist. Als Autoren von Captain Starlight werden Bob Burrows und Norbert Hammerschmidt aufgeführt. Letzterer firmiert als Schlagertexter, ersterer ist sehr dürftig belegt – und gerade deshalb als Komponist einer Haydn-Variation am wahrscheinlichsten. Und welche vier praktizierenden Saitenkünstler für die LP Donnerwetter diese musikologische Fingerübung eingespielt haben, sollte man Herrn Zander (Jahrgang 1942, berufsbedingt als trinkfester Raucher einzuschätzen) endlich mal selber fragen. Wer traut sich?

Ich wette nur auf soviel: Es ist h-Moll.

Für den Nachweis der musikalischen Verwandtschaft ist das Haydn’sche Lerchenquartett in YouTube ausreichend vertreten. Aus diesem Reichtum möchte ich eine eher kleine, nicht gerade auf dem Gipfel der professionellen Brillanz umhertänzelnde, dafür anrührend dilettantische Version verlinken: die von den Eleven der Levanger Kulturskole, weil deren Instrumente so schön authentisch verstimmt sind. Außerdem mag ich das hagere Tomboy-Nordmädchen an der ersten Geige.



Und weil die jungen nordischen Kulturschüler offenbar mit Allegro moderato, Adagio und Menuetto. Allegretto – Trio schon ausgelastet waren, Haydn aber seine Quartette noch viersätzig gestaltete, müssen die ausgelernten Kolleginnen vom Four Voices String Quartet Vivace zu Ende spielen:

Und nochmal alle vier Sätze als Playlist vom Attacca Quartet im Zusammenhang:

Bilder: Cover Frank Zander: LP Donnerwetter, Der Andere Song 1979, via Discogs;
Cover Doppel-Single Captain Starlight/Pilli Willi der Telefonanist, 1979, via YouTube.

Written by Wolf

25. Februar 2022 um 00:01

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