Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Not quite inexistent/nicht ganz abhanden

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Update zu Wumbaba,
Beiträge zur deutsch-englisch-arabischen Freundschaft,
Break in college sick bay und
The tale of the powerful penis:

Die Berliner Künstlerin Carolin Gutt — man unterstütze sie zahlreich! — bringt aus ihrem und unser aller Lieblingsland Schottland ein Gedicht zu uns und illustriert es gleich passend.

John Burnside war zuerst Hilfsarbeiter bei den Autozulieferern im ungeliebten England, entwickelte folglich eine Schizophrenie, Alkohol- und Drogensucht, studierte in Cambridge Englisch und europäische Sprachen, was ihn zum Software-Entwickler qualifizierte, und wurde 1996 nach seinen ersten fünf Gedichtbänden und ersten drei Literaturpreisen, die ihm seit 1988 in einem etwa zweijährigen Rhythmus zukommen, freischaffender Schriftsteller, kurzzeitig Writer in Residence an der University of Dundee und dauerhaft Professor für creative writing, amerikanische Literatur und Kultur sowie Literatur im Zusammenhang mit Ökologie in St Andrews, nach Oxford und Cambridge der ältesten Uni bei den Anglophonen, weil er seine Süchte nach Substanzen durch eine Schreibsucht zu kurieren verstand.

Carolin hat The Good Neighbour in ihrem Golden Treasury of Scottish Verse 2021 gefunden, eine Würdigung des gleichnamigen Gedichtbandes stand am 9. Juli 2005 als The shape of the wind in The Guardian. In seiner überlegenen Ruhe voller Bedeutungsebenen hat es das Zeug zum Lieblingsgedicht. In Blankversen wird sich ohnehin seit langem zu selten geäußert.

Gegen Iain Galbraiths Übersetzungen für die deutsche Auswahl Anweisungen für eine Himmelsbestattung 2016 wendet Gregor Dotzauer in der Zeit ein:

Von der freirhythmischen Elastizität der Originale gibt Iain Galbraiths Übersetzung leider keinen Eindruck. Es ist, als hätte er sich gar nicht die Mühe gemacht, Burnsides Prägnanz Silbe um Silbe wägend zu erreichen. Man muss eben nicht die Ausgangssprache, sondern die Zielsprache perfekt beherrschen. Das wenig klangvolle Ergebnis kann immerhin als Hilfestellung zum Verständnis dienen.

Es ist nicht raus, ob Galbraith schon 2011 in der Auswahl Versuch über das Licht etwas anderes als eine solche Hilfestellung beabsichtigt hat. Wir werden sie deshalb dankbar nutzen.

——— John Burnside:

The Good Neighbour

from: The Good Neighbour,
Jonathan Cape, 2005:

Somewhere along this street, unknown to me,
behind a maze of apple trees and stars,
he rises in the small hours, finds a book
and settles at a window or a desk
to see the morning in, alone for once,
unnamed, unburdened, happy in himself.

I don’t know who he is; I’ve never met him
walking to the fish-house, or the bank,
and yet I think of him, on nights like these,
waking alone in my own house, my other neighbours
quiet in their beds, like drowsing flies.

He watches what I watch, tastes what I taste:
on winter nights, the snow; in summer, sky.
He listens for the bird lines in the clouds
and, like that ghost companion in the old
explorers‘ tales, that phantom in the sleet,
fifth in a party of four, he’s not quite there,
but not quite inexistent, nonetheless;

and when he lays his book down, checks the hour
and fills a kettle, something hooded stops
as cell by cell, a heartbeat at a time,
my one good neighbour sets himself aside,
and alters into someone I have known:
a passing stranger on the road to grief,
husband and father; rich man; poor man; thief.

Der gute Nachbar

Übs.: Iain Galbraith, aus: Versuch über das Licht, Edition Lyrik Kabinett, Hanser 2011:

Irgendwo in dieser Straße, mir völlig unbekannt,
hinter einem Labyrinth aus Äpfeln und Gestirn,
steht er auf, zu früher Morgenstunde, nimmt ein
Buch: Er lässt sich nieder, am Schreibtisch oder Fenster,
begleitet den Sonnenaufgang, endlich allein –
ohne Namen, ohne Last, glücklich in sich selber.

Ich weiß nicht, wer er ist; ich bin ihm nie begegnet
unterwegs zum Fischmarkt, auf dem Weg zur Bank,
doch denke ich an ihn in Nächten so wie diese, wach
in meinem eignen Haus, die Nachbarn ringsum ruhig
in ihren Betten: schlummernden Fliegen gleich.

Er sieht, was ich sehe, und was ich schmecke, schmeckt er,
in Winternächten: Schnee; im Sommer: den Himmel.
Er lauscht den Vogelzügen in den Wolken
und – wie jener unheimliche Begleiter in Geschichten
alter Forschungsreisender, wie jenes Phantom im Eisregen,
der Fünfte in dem Viererbunde – ist nicht ganz da,
doch auch nicht ganz abhanden.

Und wenn er sein Buch hinlegt, wenn er nach der Uhrzeit
schaut und Wasser kocht, lauert auf einmal nichts,
während Zelle für Zelle, mit jedem Herzensschlag
mein einzig guter Nachbar sich beiseite schiebt
und sich in einen verwandelt, den ich früher kannte:
einen Fremden, der vorüberging, den es zu trauern trieb;
Ehemann und Vater, Reicher, Armer, Dieb.

Carolin Gutt, Shrub, 2020

Bild: Carolin Gutt: Shrub, schottische Westküste, Anfang Januar 2020.

Soundtrack: Michael Marra: Hermless, aus: On Stolen Stationery, 1991,
vom Künstler als alternative schottische Nationalhymne und von Carolin als Vertonung vorgeschlagen:

Written by Wolf

4. Februar 2022 um 00:01

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