Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Freundlicher Zuruf/Unwilliger Ausruf (Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist)

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Update zu In einem anderen hochgewölbten, engen gotischen Zimmer und
Die Sonne zeugt das Licht und hat doch selber Flecken (wie viel uns fehlt, wie nichts man weiß!):

Der Eingangsmonolg des Goethischen Doktor Faust übernimmt, sagten wir, Wendungen wie „Zwar bin ich gescheidter als alle die Laffen“ pp. oder „was die Welt im Innersten zusammenhält“ textnah bis wörtlich das „Er kennet von der Welt / was aussen sich bewegt [/] Und nicht die inn’re Kraft / die heimlich alles regt“ aus Albrecht von Hallers Die Falschheit menschlicher Tugenden 1730.

An unserer Stelle hat es damit drei Teile gebraucht, bis bewiesen war, was Albrecht Schöne im Kommentar zur Frankfurter Faust-Ausgabe verkündet, Seite 211:

So hat Goethe durch intertextuelle Verweise die von Haller vorgezeichnete Rolle Newtons auf seinen Protagonisten übertragen: Mit den Eingangsversen des Faust-Spiels tritt der Begründer der neuzeitlichen Naturwissenschaft ins Spiel.

Wäre es zu weit gesprungen zu behaupten, Goethe musste seiner Faust-Figur von Anfang an ein schlimmes Ende zudenken, weil er den ungeliebten Isaac Newton qua Farbenlehre widerlegt haben wollte? — Ja, wahrscheinlich schon, endet Faust ja auch in allen vorhergehenden Bearbeitungen in Tod, Hölle und Verderben; ein Fauststoff mit Happy End steht bis heute noch aus. So weit geht Goethe allerdings noch 1820 — zwölf Jahre nach der Tragödie erstem Theil, aber immer noch ungefähr ebensolange über den Arbeiten an deren zweyten — um in einem Altersgedicht, dem Nebenprodukt seiner morphologischen Forschungen, die Hallerschen Affirmationen Newtons im Wortlaut zurückzuweisen.

So äußert sich diese lebenslange Sturheit als poetischer Anhang zur Morphologie:

——— Johann Wolfgang von Goethe:

Freundlicher Zuruf

aus: Zur Morphologie I 3, 1820:

Eine mir in diesen Tagen wiederholt sich zudringende Freude kann ich am Schlusse nicht verbergen. Ich fühle mich mit nahen und fernen, ernsten, tätigen Forschern glücklich im Einklang. Sie gestehen und behaupten, man solle ein Unerforschliches voraussetzen und zugeben, alsdann aber dem Forscher selbst keine Grenzlinie ziehen. – Muß ich mich denn nicht selbst zugeben und voraussetzen, ohne jemals zu wissen, wie es eigentlich mit mir beschaffen sei; studiere ich mich nicht immer fort, ohne mich jemals zu begreifen, mich und andere, und doch kommt man fröhlich immer weiter und weiter. – So auch mit der Welt! Liege sie anfang- und endelos vor uns, unbegrenzt sei die Ferne, undurchdringlich die Nähe – es sei so! Aber wie weit und wie tief der Menschengeist in seine und ihre Geheimnisse zu dringen vermöchte, werde nie bestimmt noch abgeschlossen. – Möge nachstehendes heitere Reimstück in diesem Sinne aufgenommen und gedeutet werden!

Unmittelbar folgt das nachmals selbstständig ausgegliederte Gedicht Allerdings. Das darin eingewobene Zitat ist aus Albrecht von Hallers Lehrgedicht Die Falschheit menschlicher Tugenden von 1730. Dieser Erstdruck trägt noch keine Überschrift, das „heitere Reimstück“, das dem Freundlichen Zuruf folgt, wird nur in Inhaltsverzeichnis als Unwilliger Ausruf ausgewiesen:

——— Johann Wolfgang von Goethe:

Allerdings

Dem Physiker

ca. 1. Oktober 1820:

Jules Chéret, Poster Faust 1896, Books and Art„Ins Innre der Natur –“
O du Philister! –
„Dringt kein erschaffner Geist.“
Mich und Geschwister
Mögt ihr an solches Wort
Nur nicht erinnern:
Wir denken: Ort für Ort
Sind wir im Innern.
„Glückselig, wem sie nur
Die äußre Schale weist!“

Das hör‘ ich sechzig Jahre wiederholen,
Ich fluche drauf, aber verstohlen;
Sage mir tausend tausendmale:
Alles gibt sie reichlich und gern;
Natur hat weder Kern
Noch Schale,
Alles ist sie mit einemmale;
Dich prüfe du nur allermeist,
Ob du Kern oder Schale seist.

Alle die Laffen: Jules Chéret: Plakat für Faust!
mit Lydia Thompson, der europäisch-amerikanischen Burlesque-Ikone des 19. Jahrhunderts, 1896,
Lithographie, Musée des Arts Décoratifs,
via Books and Art, 20. Januar 2021.

Burlesquer europäisch-amerikanischer Soundtrack:
Liza Minnelli: Mein Herr, aus: Cabaret, 1972:

Written by Wolf

28. Mai 2021 um 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

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