Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Zu seiner wahren Gestalt erheben

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Update zur Wanderwoche 03: 2 + 2 – 2 + 2 = 7 (Ist doch bloß ein Märchen):

——— Franz Kafka:

Der plötzliche Spaziergang

aus: Betrachtung, Ernst Rowohlt Verlag, Leipzig, November 1912, ausgewiesen 1913:

Blick vom Prager Hradschin, Akademisches Lektorat via PinterestWenn man sich am Abend endgültig entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben, den Hausrock angezogen hat, nach dem Nachtmahl beim beleuchtetem Tische sitzt und jene Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen hat, nach dessen Beendigung man gewohnheitsgemäß schlafen geht, wenn draußen ein unfreundliches Wetter ist, welches das Zuhausebleiben selbstverständlich macht, wenn man jetzt auch schon so lange bei Tisch stillgehalten hat, daß das Weggehen allgemeines Erstaunen hervorrufen müßte, wenn nun auch schon das Treppenhaus dunkel und das Haustor gesperrt ist, und wenn man nun trotz alledem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht, den Rock wechselt, sofort straßenmäßig angezogen erscheint, weggehen zu müssen erklärt, es nach kurzem Abschied auch tut, je nach der Schnelligkeit, mit der man die Wohnungstür zuschlägt, mehr oder weniger Ärger zu hinterlassen glaubt, wenn man sich auf der Gasse wiederfindet, mit Gliedern, die diese schon unerwartete Freiheit, die man ihnen verschafft hat, mit besonderer Beweglichkeit beantworten, wenn man durch diesen einen Entschluß alle Entschlußfähigkeit in sich gesammelt fühlt, wenn man mit größerer als der gewöhnlichen Bedeutung erkennt, daß man ja mehr Kraft als Bedürfnis hat, die schnellste Veränderung leicht zu bewirken und zu ertragen, und wenn man so die langen Gassen hinläuft, — dann ist man für diesen Abend gänzlich aus seiner Familie ausgetreten, die ins Wesenlose abschwenkt, während man selbst, ganz fest, schwarz vor Umrissenheit, hinten die Schenkel schlagend, sich zu seiner wahren Gestalt erhebt.

Verstärkt wird alles noch, wenn man zu dieser späten Abendzeit einen Freund aufsucht, um nachzusehen, wie es ihm geht.

Zur Zeit von Niederschrift und Ersterscheinen von Der plötzliche Spaziergang war Kafka 29 und wohnte im Kreise seiner Ursprungsfamilie Juni 1907 bis November 1913 im neunten und obersten Stockwerk im Prager Haus Zum Schiff, Pařížská 36, damals Niklasstraße 36:

Prague 1913

Das Mietshaus „Zum Schiff“ war damals eines jener modernen Mietshäuser in Prag, die im Zuge der Sanierung des ehemaligen Ghettos hochgezogen wurden. Es gab einen Lift im Haus und die Wohnungen hatten auch ein Bad. Im Juni 1907 zog die Familie in das Haus und wohnte dort bis zum November 1913. Leider ist das Gebäude im Jahre 1945 zerstört worden. An seiner Stelle steht heute das Hotel Praha-Intercontinental.

Wer sich einen Eindruck verschaffen will, wie der Blick aus Kafkas Zimmer gewesen sein mag, kann der Empfehlung des Verlegers und Kafka-Biographen Klaus Wagenbach folgen, in das Restaurant im obersten Stockwerks des Hotels gehen und sich dort einen Fensterplatz suchen. Wem das zu umständlich ist, mag sich mit einer Tagebuchaufzeichnung Kafkas vom 29.09.1911 begnügen:

„Der Anblick von Stiegen ergreift mich heute so. Schon früh und mehrere Male seitdem freute ich mich an dem von meinem Fenster aus sichtbaren dreieckigen Ausschnitt des steinernen Geländers jener Treppe die rechts von Cechbrücke zum Quaiplateau hinunter führt. Sehr geneigt, als gebe sie nur eine rasche Andeutung. Und jetzt sehe ich drüben über dem Fluss eine Leitertreppe auf der Böschung die zum Wasser führt. Sie war seit jeher dort, ist aber nur im Herbst und Winter durch Wegnahme, der sonst vor ihr liegenden Schwimmschule enthüllt und liegt dort im dunklen Gras unter den braunen Bäumen im Spiel der Perspektive.“

[…] Kafka litt sehr unter der ungünstigen Aufteilung der Wohnung. Zwar besaß er ein eigenes Zimmer, das für damalige Verhältnisse eher ungewöhnlich war, dennoch hatte er kaum Rückzugsmöglichkeiten, da es das Durchgangszimmer zwischen Wohn- und Schlafzimmer der Eltern war. In der Erzählung „Grosser Lärm„, das er 1911 in sein Tagebuch schrieb und kaum ein Jahr später in einer Prager Literaturzeitschrift abdrucken ließ, beschrieb er — kaum verhüllt — den typischen Alltag in der Wohnung.

„Verstärkt wird alles noch,“ indem sich der Mann in einem Durchgangszimmer zwischen dem elterlichen Wohn- und Schlafzimmer in einem neunten Stockwerk mit Blick auf den Anlegeplatz für sein Ruderboot außerdem noch Das Urteil (in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912), Die Verwandlung (1912) und Der Verschollene (1911 bis 1914), wie der Textbruch ausgerechnet hat, abringen musste.

Wenn er also wie in seiner halb nur sich hin träumenden Prosaskizze spätabends „in einem plötzlichen Unbehagen“ „straßenmäßig angezogen“ „gänzlich aus seiner Familie ausgetreten“ wäre, so hätte er erst einmal entweder einen vermutlich gründerzeitgemäß rumpelnden Aufzug benutzen oder sich satte neun Stockwerke treppab bis auf Flussuferniveau hinabbegeben müssen. Da sieht die instagrammable Winteridylle am Hradschin natürlich um Klassen stimmungsvoller aus, aber es ist ja nicht gesagt, wo der auszusuchende Freund gewohnt hätte. Irgendwie geht’s.

Hotel InterContinental Praha

Bilder: Blick vom Hradschin, via Akademisches Lektorat, 14. Januar 2021;
Prague 1913, via My Old Days Saigon: Khí hậu ẩm ướt trong thế giới tiểu thuyết Nguyễn Đình Toàn;
Hotel InterContinental, Pařížská 30, via Kafka & Prag: Haus „Zum Schiff“.

Großer Lärm: Matěj Ptaszek und Lubos Bena na Karlově mostě, wo Kafka auf dem Heimweg sowieso vorbeigekommen wäre — wenn er nicht die bei My Old Days Saigon abgebildete Čechův most genommen hätte, die unmittelbar an seiner ungeliebten Pařížská liegt —: Music of the Mississippi River, Sommer 2008:

Written by Wolf

19. März 2021 um 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

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