Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Verdächtige Grübler, die Seligkeiten der Dummheit und daß die Leute besser lesen lernten

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Update zu Die alte und neue Inertia (Warum hast du nichts gelernt?)
und Wie werde ich Schriftsteller? (Von den Exkrementen hirnloser Köpfe):

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Wieland zählt zu den paar Schreibern, von denen gleich zwei Gesamtausgaben unkündbar bei mir wohnen: die von 1853 ff., die auch Arno Schmidt benutzt hat, und die Hamburger von 1984, seit Jahren die 14 Bände plus Johann Gottfried Gruber: C. M. Wielands Leben für etwas um die 20 Euro — bei mir waren es 15 Euro versandkostenfrei —, die man lesen kann. In beiden fehlt der Aufsatz darüber, Wie man lies’t, weil das Korpus aus dem Teutschen Merkur selbst die Ausgabe von 36 in 18 Bänden von 1853 gesprengt hätte. Ich gebe den Aufsatz ungekürzt leserlich wieder und noch zwei themenverwandte Preziosen dazu:

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

——— Christoph Martin Wieland:

An Johann Jakob Bodmer in Zürich

Tübingen, den 1. April 1752:

Meine Landsleute sind von der Art, daß meine bisherigen Schriften mich, anstatt zu empfehlen, um allen Credit bringen. Einen Poeten hält man da für einen Zeitverderber und unnützen Menschen, und einen Philosophen für einen Schwätzer und verdächtigen Grübler; beyde Wissenschaften aber für brodlose Künste, mit denen sich kein kluger Mensch viel einläßt. […]

Ich finde daß ein Mensch, der wie ich denkt, nur in wenigen Fällen brauchbar ist. Man muß ein Thor oder ein Bösewicht seyn, um nach dem Geschmack der Welt zu seyn.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Der Schlüssel zur Abderitengeschichte

aus: Die Abderiten. Eine sehr wahrscheinliche Geschichte von Herrn Hofrath Wieland.
Zweiter Teil, der das vierte und fünfte Buch und den Schlüssel enthält,
in: Der Teutsche Merkur 1774 bis 1780 (Buchfassung Geschichte der Abderiten, 1781):

Es war (so lautet sein Bericht) – es war ein schöner Herbstabend im Jahr 177*; ich befand mich allein in dem obern Stockwerk meiner Wohnung und sah (warum sollt ich mich schämen zu bekennen wenn mir etwas menschliches begegnet?) vor langer Weile zum Fenster hinaus; denn schon seit vielen Wochen hatte mich mein Genius gänzlich verlassen. Ich konnte weder denken noch lesen. Alles Feuer meines Geistes schien erloschen, alle meine Laune, gleich einem flüchtigen Salze, verduftet. Ich war oder fühlte mich wenigstens dumm, aber ach! ohne an den Seligkeiten der Dummheit Teil zu haben, ohne einen einzigen Gran von dieser stolzen Zufriedenheit mit sich selbst, dieser unerschütterlichen Überzeugung, welche gewisse Leute versichert, daß alles, was sie denken, sagen, träumen und im Schlaf reden, wahr, witzig, weise, und in Marmor gegraben zu werden würdig sei – einer Überzeugung, die den echten Sohn der großen Göttin, wie ein Muttermal, kennbar und zum glücklichsten aller Menschen macht. Kurz, ich fühlte meinen Zustand, und er lag schwer auf mir; ich schüttelte mich vergebens; und es war (wie gesagt) so weit mit mir gekommen, daß ich durch ein ziemlich unbequemes kleines Fenster in die Welt hinaus guckte, ohne zu wissen was ich sah, oder etwas zu sehen, das des Wissens oder Sehens wert gewesen wäre.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Wie man lies’t

Eine Anekdote

in: Der Teutsche Merkur, 1781:

Es würde wenig helfen, dem Publicum eine Confidenz von meinen eignen Erfahrungen, wie man gelesen wird, zu machen; viele davon wurden hinlänglich seyn, den entschlossensten und harthäutigsten Autor auf ewig abzuschrecken — „Und haben euch gleichwohl nicht abgeschreckt,“ grinzt mir ein Satiro maligno zu. — Ich bekenne gerne, daß ich ihm lieber nichts antworten, als die Schuld auf das Schickfal schieben will. Aber dieser Tage las ich in einem Französischen Buche eine Anekdote diesen Artikel betreffend, womit ich — wie sich alles Gute gerne mittheilt — meine Leser, zu eignem beliebigen Nachdenken, regaliren will. Facta sind immer lehrreicher als Declamationen. Der Autor — sein Name thut nichts zur Sache, aber er ist, in meinem Sinne, noch einer von den besten, die sich jetzt zu Paris von der Bücherfabrik nähren — spricht von dem mannichfaltigen Ungemach, dem die Schriftsteller ausgesetzt sind, bis der Tod ihrem Leiden ein Ende macht, und die Zeit entweder ihre Werke in den Abgrund der Vergessenheit gestürzt, oder, zu spät für den armen Autor! mit Preis und Unsterblichkeit krönt. Das Unglück, obenhin, unverständig, ohne Geschmack, ohne Gefühl, mit Vorurtheilen, oder gar mit Schalksaugen und bösem Willen gelesen zu werden — oder, wie die meisten Leser, die nur zum Zeitvertreib in ein Buch gucken — oder zur Unzeit, wenn der Leser übel geschlafen, übel verdaut, oder unglücklich gespielt, oder sonst Mangel an Lebensgeistern hat — oder gelesen zu werden, wenn gerade dieses Buch, diese Art von Lecture unter allen möglichen sich am wenigsten für ihn schickt, und seine Sinnesart, Stimmung, Laune, mit des Autors seiner den vollkommensten Contrast macht — das Unglück, so gelesen zu werden, ist, nach der Meinung des besagten Autors, keines von den geringsten, welchen ein Schriftsteller (zumal in Zeiten, wie die unsrige, wo Lesen und Bücherschreiben einen Hauptartikel des Nationalluxus ausmacht) sich und die armen ausgesetzten Kinder seines Geistes täglich und unvermeidlich bloß gestellt fehen muß. Unter hundert Lesern kann man sicher rechnen von achtzig so gelesen zu werden; und man hat noch von Glück zu sagen, wenn unter den zwanzig übrigen etwan Einer ganz in der Verfassung ist, welche schlechterdings dazu gehört, um dem Werke das man lies’t (und wenn’s auch nur ein Madrigal ware) sein völliges Recht anzuthun. Was Wunder also, wenn den besten Werken in ihrer Art, und in einer sehr guten Art, oft so übel mitgespielt wird? Was Wunder, wenn die Leute in einem Buche finden, was gar nicht drin ist; oder Ärgerniß an Dingen nehmen, die, gleich einem gesunden Getränke in einem verdorbnen Gefäße, bloß dadurch ärgerlich werden, weil sie in dem schiefen Kopf oder der verdorbnen Einbildung des Lesers dazu gemacht werden? Was Wunder, wenn der Geist eines Werkes den meisten so lange, und fast immer unsichtbar bleibt? Was Wunder, wenn dem Verfasser oft Absichten, Grundsätze und Gesinnungen angedichtet werden, die er nicht hat, die er, vermöge seines Charakters, seiner ganzen Art zu existiren, gar nicht einmal haben kann? Die Art, wie die meisten lesen, ist der Schlüssel zu allen diesen Ereignissen, die in der literarischen Welt so gewöhnlich sind. Wer darauf Acht zu geben Lust oder innern Beruf hat, erlebt die erstaunlichsten Dinge in dieser Art. Die ungerechtesten Urtheile, die widersinnigsten Präventionen, die oft für eine lange Zeit zur gemeinen Sage werden, und zuletzt, ohne weitere Untersuchung, für eine abgeurthelte Sache passiren, wiewohl kein Mensch jemals daran gedacht hatte, die Sache gründlich und unparteiisch zu untersuchen — haben oft keine andre Quelle als diese. Der Autor und sein Buch werden, mit Urtheil und Recht, aber nach eben so seinen Grundsätzen, nach einer eben so tumultuarischen und albernen Art von Inquisition, kurz mit eben der Iniquität oder Sancta Simplicitas verdammt, wie ehemals — die Hexen verbrannt wurden. Hier ist das Exempelchen, womit wir diese kleine vorläufige und vergebliche Betrachtung krönen wollen.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016Rousseau’s neue Heloise war vor kurzem ans Licht getreten. In einer großen Gesellschaft behauptete jemand, Jean-Jacques hätte in diesem Buche den Selbstmord gepredigt. Man holte das Buch herbei; man las den Brief von St. Preux, wo die Rede davon ist. Alle Anwesenden schrien überlaut, man sollte ein solches Buch durch den Henker verbrennen lassen; und den Autor — es fehlte wenig, daß sie nicht auch den mit ins Feuer geworfen hatten. Indessen, da J. J. Rousseau gleichwohl für einen großen Mann passirt, so fanden sich einige, denen es billig dünken wollte, ehe man zur Execution schritte, die Sache näher zu untersuchen. Sie lasen den vorhergehenden Brief, und dann den folgenden: und da fand sich, daß gerade dieser Brief ganz entscheidende Gründe gegen den Selbstmord gab, und daß J. J. Rousseau über diesen Punkt ganz gesunde Begriffe hatte. Aber die Sage des Gegentheils hatte nun einmal überhand genommen; die Gansköpfe hielten fest, und fuhren fort mit ihrer eignen Dummdreistigkeit zu versichern, Jean-Jacques predige auf der und der Seite seines Buchs den Selbstmord, wiewohl er auf der und der Seite just das Gegentheil that.

„Was ist nun mit solchen Leuten anzufangen?“ Nichts.

Was soll ein Schriftsteller, der das Unglück hat in einen solchen Fall zu kommen, zu Rettung seiner Unschuld und Ehre sagen?“ Nichts.

Was håtte ihn davor bewahren können?“ Nichts.

„Sollte denn kein Mittel seyn?“ O ja, ich besinne mich — er håtte selbst ein Ganskopf seyn — oder auch gar nichts schreiben — oder, was das sicherste gewesen wäre, beim ersten Hineingucken in die Welt den Kopf gleich wieder zurüxkziehen und hingehen sollen, woher er gekommen war —

„Das sind Extrema —“ So denk ich auch.

Ja, freilich ist der Menschen kurzes Leben
Mit Noth beschwert, wie Avicenna spricht.

Magdalena Nishe Lutek für Book of Dreams, I'm note here, I'm away with my imagination, 25. April 2016

Mit den Autoren ist kein Mitleiden zu haben — und den Lesern ist nicht zu helfen. Aber gleichwohl wäre zu wünschen, daß die Leute besser lesen lernten.

Bilder: Magdalena „Nishe“ Lutek für Book of Dreams: I’m away with my imagination, 25. April 2016.

Soundtrack: Colter Wall: Ballad of a Law Abiding Sophisticate, aus: Imaginary Appalachia, 2015:

Written by Wolf

29. Januar 2021 um 00:01

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