Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Weh, gingst mir verloren, bliebst mein eigen nicht

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Update zu Alle wurden bei diesem Anblicke still und atmeten tief über dem Wellenrauschen:
Regensburg bis Grein

und Der Arzt von Münster in Salzkotten:

Die alte Frage: Wie ist eigentlich der idealtypische Roman der deutschen Romantik gebaut? Herder meint 1796 im 99. Brief zur Beförderung der Humanität, zitiert nach Monika Schmitz-Emans in der Revue internationale de philosophie 2009:

Keine Gattung der Poesie ist von weiterem Umfange, als der Roman; unter allen ist er auch der verschiedensten Bearbeitung fähig: denn er enthält oder kann enthalten nicht etwa nur Geschichte und Geographie, Philosophie und die Theorie fast aller Künste, sondern auch die Poesie aller Gattungen und Arten – in Prose. Was irgend den menschlichen Verstand und das Herz intereßiret, Leidenschaft und Charakter, Gestalt und Gegenstand, Kunst und Weisheit, was möglich und denkbar ist, ja das Unmögliche kann und darf in einen Roman gebracht werden […].

Herder, in seinem eigenen Wirken noch kein Angehöriger der Romantik, vielmehr ein Viertel des „Weimarer Viergestirns“ der Hochklassik, äußert sich da zur Zeit der einsetzeden Romantik recht optimistisch darüber, was die Form des Romans leisten könnte oder sollte. In der schöpferischen Praxis stellt es sich so dar:

Handlungsort ist eins der nicht im Detail nachvollziehbaren Duodez-Fürstentümer im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (bis 1806) um das Wartburgfest (1817) herum, Handlungszeit ist vor unvordenklichen Zeiten in einem zumindest nicht widerlegbaren Hoch- bis Spätmittelalter um Albrecht Dürer (1471 bis 1528). Am Anfang von Theil 1, Buch 1, Capitel 1 erscheint bei Sonnenaufgang ein Reiter auf einem Hügel, reitet in das idyllische Dorf aus Fachwerkhäusern im Tale und besucht seinen alten Freund aus Studienzeiten, die etwa zwei Jahre zurückliegen. Der Freund hat inzwischen eine ungefähr siebenjährige Tochter und einen so viel jüngeren lebenslustigen Knaben, dass die große Schwester schon an ihm herummutteln muss. Seine Frau war einst seine Jugendliebe und bewirtet den eingetroffenen Reiter mit Brot und Wein; der Gang der Handlung steht am frühen Vormittag.

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020Die Studienkameraden geraten ohne Umschweife in eine Diskussion über die rechte Art zu leben: sesshaft auf einem eigenen Gut mit Weib und Kindern oder obdachlos mit einem Säckchen Dukaten ausgerüstet. In einem Nebensatz erfährt man, dass der einsame Reiter die ganze Zeit seines freien Umherchweifens ein Gefolge von der Stärke zwischen einem Knappen und vier „Berittenen“ mit sich herumschleppt, die sich offenbar von den Resten des Brotkantens ernähren und draußen auf ihren Gäulen schlafen. Abschließend nennt der sesshafte Freund die Grundsatzdiskussion einen Streit, wovon man ansonsten nichts bemerkt hätte, und umarmt den gutsituierten Vagabunden zum Abschied. Im weiteren Verlauf fährt er wahlweise auf dem Rhein oder der Donau ein paar landschaftlich reizvolle Duodez-Fürstentümer weiter, verirrt sich im Wald und verliebt sich an einem Schloss auf einer Waldlichtung in eine Vierzehnjährige, die zufällig aus dem Fenster schaut. Offensichtlich kann jeder, der zufällig vorbeigeritten kommt, in dem Schloss nach Belieben ein- und ausgehen. Der Reiter wird bewirtet, fragt nach der Tochter des Hauses, die kommt und züchtig die Augen niederschlägt, woraufhin auch sie als unsterblich in den Reiter verliebt gilt. Inzwischen ist es Abend, und der Reiter muss in die böse Stadt, an deren Stadtmauer er die Wächter wecken muss. Zielstrebig reitet er zu einem Palast, in dem unfehlbar ein Fest stattfindet, mischt sich unbehelligt unter die Gäste und säuft mit. Die Tochter aus dem Waldschloss ist schon da, erkennt ihn, redet aber nur mit den städtisch verkommenen niederen Adligen. Inzwischen dämmert der Morgen und noch hat niemand geschlafen.

Geschlafen wird vermutlich erst innerhalb der beiläufig fallengelassenen Adverbiale „nach mehreren Tagen“, die ungefähr nach dem schöpferischen Wochenpensum eines durchschnittlichen Originalgenies der deutschen Romantik auftritt, und in denen weitere Schlösser betreten, Feste gefeiert, Flüsse beschifft und Grundsatzdiskussionen geführt wurden. Danach gehen die Schilderungen wieder dermaßen ins Detail, dass keine Zeit für Nachtschlaf und Ernährung bleibt, nur für beziehungsreiche Landschaftsschilderungen, die an die große Liebe gemahnen — die Tochter aus dem Schloss, falls sich jemand erinnert. Unterwegs gewinnt der Reiter beim Frühstück unter einem Baum (Eiche oder Linde; es gibt wieder frühmorgens Wein) oder einer ausgesucht einsamen Waldhütte einen neuen Busenfreund, der seine Ansichten teilt, aber ihm etwas Neues darüber erzählen kann, worauf er selber hätte kommen können, wenn er Albertus Magnus oder Johann Gottlieb Fichte gelesen hätte, am besten beide. Wenn alles zu durcheinander geht und das Originalgenie nach seiner vereinbarten Anzahl Druckbogen zu einem Schluss gelangen will, ist der neue Busenfreund sein seit der Kindheit verschollener Bruder. Nachdem sie sich noch einmal in einer felsigen Gegend verlaufen haben, kommen sie wieder bei dem Studienkumpel vom Anfang an, die Schlosstochter kommt mit ihrem Vater, dem Großgrundbesitzer der Gegend, vorbei und heiratet den Reiter, die Tochter des Studienkumpels wird dem Busenbruder versprochen.

Wenn ein Lied zwischengeschaltet werden nuss, das dem Gedanken des Gesamtkunstwerks dient, hüpft ein Zehnjähriger nicht erklärbarer Herkunft herum, der vor allem nachts engelgleich singen und virtuos die Laute schlagen kann. Wenn gerade kein Lied anliegt, erschrickt er vor einem Schatten, der zu einem Räuber gehören könnte, und schwimmt panisch durchs Schilf davon. Auf einem Fest in einem Stadtpalais wird er unversehens als Page angetroffen und kann weiter durch die sprechenden Landschaften herumgezerrt werden. Am Schluss stellt sich heraus, dass er ein Mädchen ist.

Die knorrigen Sonderlinge in altdeutscher Tracht (schwarz, ohne Halstuch, lange Haare, ab 1819 wegen Demagogentums verboten) sind die Guten.

Das ist die Handlung beim Großteil von Eichendorff; Brentano war im Lauf seiner Schreiberkarriere sowieso immer offensichtlicher verrückt und ist in seinem erklärt „verwilderten Roman“ Godwi 1801 auf mehreren Ebenen darüber hinausgegangen; E.T.A. Hoffmann hat alles unternommen, um psychedelisch wirksam zu sein, und musste sich deswegen ständig etwas Neues einfallen lassen; Bestsellerlieferant Fouqué schlägt am ehesten diese Richtung ein.

Arno-Schmidt-Der-Alles-Weiß versäumt selten, Fouqué das Eptitheton „der Sänger der unsterblichen ‚Undine‚“ — die ist auch wirklich gut — hinterherzuschießen; noch deutlicher wird das beschriebene roman-romantische Vorgehen in seinem Alethes. Sein eigenes dort eingeflochtenes Gedicht Sollt‘ ich doch Dich missen fand Fouqué offenbar so gelungen, dass er es im selben Roman erst anzitieren, dann im Ersten Theil, Erstes Buch, Sechstes Kapitel vollständig wiedergeben wollte — und im unten angeführten Textbeispiel gleich noch einmal. Wie er in seinem Vorwort verrät, liegt zwischen diesen beiden Romanabschnitten eine neunjährige Schaffenspause, nach der er im letzten der vier Bücher „einen andern Geist“ eingeführt hatte — siehe den Volltext.

Das Bildmaterial beschreibt die Haidnischen Alterthümer, in denen die Einzelausgabe noch am ehesten erreichbar bleibt.

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020

——— Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué:

Die wunderbaren Begebenheiten des Grafen ALETHES von LINDENSTEIN

bei Gerhard Fleischer dem Jüngern, Leipzig 1817,
Zweiter Theil, Zweites Buch, Achtes Kapitel
ungekürzt cit. nach dem „Haidnischen Alterthum“, Oktober 1980, Seite 330 bis 333:

Auf Lindenstein angekommen, hub Alethes in der feierlichen Herbstesabendstille wieder einmal in dem alten Büchlein zu blättern an, das ihm mit seinen einfachen Sprüchen nun schon so manchesmal Trost und Freude in die Seele geredet hatte. Er schlug folgende Worte auf:

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020„Wenn Gott Nein spricht zu irgend einem Wunsche, der Dir sehr lieb ist, so glaube nur, daß er noch tausendmal lieber Ja gesagt hätte, dafern es Dir irgend hätte taugen wollen. Und es kann auch wohl gar seyn, das er Dir Dein Geschenk nur blos aufhebt, um es Dir ein andermal zu geben, wenn es Dir noch viel, viel mehr Freude macht. Aber fußen mußt Du Dich darauf nicht etwa im Voraus; sonst thust Du eine Sünde, und es wird auch dann ganz gewiß nichts draus.“

Sehr hell und getröstet ging er zur Ruhe, und begann mit dem nächsten Morgen ein recht wirksames, frisches Leben. Schon früher pflegte er den Angelegenheiten seiner Unterthanen und seinen eignen mit ehrbarer Thätigkeit vorzustehn, aber es war ihm dabei zu Muth, wie etwa einem vertriebnen Heldenfürsten, der in Verkleidung und Unerkanntheit Schafe hütet. Die Träume künftiger großer Thaten und Tage redeten und weheten dazwischen, und mühsam verhaltne Seufzer der Ungeduld und Sehnsucht schwellten ihm den stolzen Busen. Jetzt fand er sich schon besser darin. Er hielt sich so ruhig im Innern, als es irgend anging, und wenn gar nichts mehr helfen wollte, half doch wohl jenes alte einfältige Buch. Dann mußte er oft lachen in Erinnerung des ehemaligen Hochmuthes, womit er vordem einen solchen unscheinbaren Helfer über die Seite geworfen haben würde.

Er hatte auf diese Weise schon einige Wochen verlebt, und die Stürme begannen wilder und schneidender durch die fast laublose Waldung zu heulen; da saß er eines Abends, von einem thätigen, mühevollen Tage anmuthig erschöpft, an der Flamme des hellen Kamines. Mit stiller, unbesiegbarer Gewalt stieg Emiliens Bild in seiner Seele auf. – „Wäre nun sie Deine Hausfrau geworden, dachte er, und säße in frommer Lieblichkeit an Deiner Seiten, und kredenzte Dir den Wein, oder rührte die Zither und sänge anmuthig dazu, so anmuthig wie letzthin im Gemäuer der Abtei –“

Die getrennten Strophen ihres Liedes umtönten ihn. Unwillkürlich nahm er seine längst schon ungebrauchte Laute von der Wand, stimmte, und phantasirte dann nach Emiliens Klängen umher. Da fügte sich ihm nach und nach auf eine seltsame Weise das Ganze wieder zusammen. Er wußte nun bestimmt, es war das Lied, das Erwin einst bei nächtlicher Weile dem argen Using vorsang in Paris, und das bisher in Alethes geschlafen zu haben schien, um jetzt in tiefer Wehmuth zu erwachen. Auch jedes Wortes, das damals von den Zweien gesprochen ward, erinnerte er sich wieder, und voll verwundender Süßigkeit ging es aus Allem hervor: seit dem ersten Erblicken auf dem Weiher hatte ihn Emiliens ganze Seele geliebt in holder Reinheit und schmerzlicher Entsagung. Mit fast überströmenden Thränen sang er zu der Laute:

„Sollt‘ ich doch Dich missen,
Ach, warum Dich schau’n?
Ach, warum zerrissen
Mir mein Dämm’rungsgrau’n?
Leis‘ und träumend lebt‘ ich
In der Still‘ Umfang,
Manchmal nur erbebt‘ ich,
Wenn Dein Name klang.

Doch auf Wassers Spiegel,
Tief in stiller Nacht,
Brach der Ferne Riegel
Vor geheimer Macht.
Wiegend schwamm auf Wogen
Mir Dein Bild heran,
Abwärts bald gezogen,
Königlicher Schwan!

Weh, gingst mir verloren,
Bliebst mein eigen nicht,
Hast Dir Gluth erkoren
Für das stille Licht!
Und mein Sinn, zerrissen,
Kann sich selbst nicht trau’n.
Sollt‘ ich doch Dich missen,
Ach, warum Dich schau’n!“

Die Thüre ging rasch auf, und herein trat, beinahe othemlos, der bei Emilien gebliebne Diener, ein gesiegeltes Blatt in der Hand. Fast eben so othemlos riß es der Graf zu sich, und las folgende Worte:

„Der Freiherr von Thurn weint nach seinem Organtin. Vergeblich ist mein Bemühen gewesen, all diese Zeit über, ihm seinen Traum auszureden. Wenn er sich auch für Augenblicke zur Ruhe gab, wachte ihm doch das heiße, schmerzliche Sehnen immer zerreißender wieder auf. Jetzt grade weint er so recht herzinnig. Mir ist, als könne ihm sein edles, krankes Herz darüber brechen. Eilt denn, Graf Alethes, eilt! Es kann und soll ja nun einmal nicht anders seyn.“

„Emilie.“

Und eilig rief Alethes nach seinem Rosse, und ungesäumt sprengte er in die sturmestosende Nacht hinaus.

Regine, Haidnische Alterthümer, unbenutzt, Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020

Bliebst mein eigen nicht: Regine aus Fürth: Haidnische Alterthümer, unbenutzt, 30 €, Versand ausschließlich gegen Kostenübernahme. Die Bücher wurden lediglich zum Fotografieren heraus genommen,
Ebay-Kleinanzeigen, 1. Dezember 2020.

Soundtrack: Paul Hörbiger/Heinz Rühmann/Hans Holt: Wozu ist die Straße da?,
aus: Lumpacivagabundus, 1936:

Written by Wolf

15. Januar 2021 um 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

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