Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Coronadvent 2: In den blutbetauten Hallen ihres Schwelggelags

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Update zu Die unnachsichtige Logik, zu der ich mich erzogen hatte
und Etwas distinkt Metaphysisch-Transzendentales:

Für das Jahr 2020 drängt sich nichts so sehr auf wie ein Rückblick auf vergangene Pandemien.
Es ist Advent. Gott steh uns bei.

Mit manchen Schreibern ist es gelinde gesagt erstaunlich, wie punktgenau sie auf postmoderne Ereignisse passen. Weniger gelinde gesagt ist es unfair bis geradenwegs widerlich. So hat unser aller Hausheiliger Edgar „The Divine“ Allan Poe 1842 mit The Masque of the Red Death (in der Urfassung ist die Schreibung noch Mask) die bis heute passende Parabel auf alle sozialdynamischen Prozesse während der Zeiten von Pest und sonstiger Epi- und Pandemien geliefert.

Allein kann versöhnen, dass selbst ein Poe auf seit Jahrhunderten reichlich sprudelnde literarische Quellen zurückgreifen musste: Im Falle des roten Todes sind das mit meist recht indirektem Einfluss Liebeszauber von Ludwig Tieck 1811, Der Sandmann und Klein Zaches genannt Zinnober von E.T.A. Hoffmann 1817 bzw. 1819 und nachweislich sogar Ahnung und Gegenwart von Eichendorff 1815 (siehe hierzu Franz K. Mohr: The Influence of Eichendorff’s Ahnung und Gegenwart on Poe’s Masque of the Red Death, in: Modern Language Quarterly X, 1949, pp. 3–15), sehr viel direkter die Beschreibungen des gesamteuropäisch verheerenden Schwarzen Todes zwischen 1346 und 1353 aus Italien, die es zu weltliterarischem Rang gebracht haben, allen voran Il Decamerone von Boccaccio, das noch mitten im Geschehen entstand und ohne das seitdem keine Erzählung unter Romanstärke auskommt. In Frage kommen auch die Pestschilderungen aus dem Dreißigjährigen Krieg in I Promessi Sposi von Alessandro Manzoni 1827 bis 1842 (siehe hierzu Cortell King Holsapple: The Masque of the Red Death and I Promessi Sposi, in: University of Texas Studies English, Nr. 18, 1838, pp. 137–139), Klosterheim, or, The Masque von Thomas de Quincey 1832, die reichhaltigen Darstellungen mehrer Jahrhunderte von Totentänzen, die an Poe sicher nicht unbemerkt vorbeigehen konnten — sowie höchst unmittelbar „ein Artikel im New Yorker Mirror vom 2. Juni 1832, in dem Nathaniel Parker Willis berichtet, bei einem Maskenball in Paris habe einer der Teilnehmer die Pest dargestellt“ (cit. die Anmerkung in der deutschen Gesamtausgabe). Ferner konnte Poe 1831 die Cholera in Baltimore beobachten — und aufpassen, nicht selbst erwischt zu werden. Aus dieser Zeitzeugenschaft war ihm 1835 schon König Pest entstanden, allerdings launig-makabrer, deutlicher historisch verankert, dafür mit weniger zeitübergreifender Relevanz.

Die Umfärbung des Schwarzen auf den „roten“ Tod scheint Poes eigene, bildhaft ausgebreitete Farbsymbolik, zugeschrieben dem festveranstaltenden Prinzen Prospero mit dem namentlichen Anklang an den Zauberer aus dem Sturm von Shakespeare 1611. Zeit und Ort der Handlung erinnern an Boccaccios decameronisches Florenz, werden aber nicht bezeichnet. — Der eindrucksvolle Schluss:

Harry Clarke, The Masque of the Red Death, 1923

——— Edgar Allan Poe:

The Mask of the Red Death. A Fantasy.

in: Graham’s Lady’s and Gentleman’s Magazine, vol. XX, no. 5, May 1842, Philadelphia, May 1842:

And now was acknowledged the presence of the Red Death. He had come like a thief in the night. And one by one dropped the revellers in the blood-bedewed halls of their revel, and died each in the despairing posture of his fall. And the life of the ebony clock went out with that of the last of the gay. And the flames of the tripods expired. And Darkness and Decay and the Red Death held illimitable dominion over all.

——— Edgar Allan Poe:

Die Maske des roten Todes

Übersetzung: Hans Wollschläger, 1966, Schluss:

Nun ward die Gegenwart des Roten Tods erkannt. Wie in der Nacht ein Dieb war er gekommen. Und einer nach dem andern sanken die Gäste nieder, hin in den blutbetauten Hallen ihres Schwelggelags, und starb ein jeglicher in seines Falls Verzweiflungshaltung. Und in der ebenholznen Uhr verlosch das Leben mit dem des letzten dieser Fröhlichen. Und die Flammen der Dreifüße verglommen. Und Finsternis und Verfall kam, und der Rote Tod hielt grenzenlose Herrschaft über allem.

Als ob solche Clairvoyance nicht reichen würde, hat Poe an unbekannterer Stelle auch noch den Klimawandel vorausgesagt. Wie anders ließe sich die Stelle aus dem Mittelstück von „Poe’s trilogy of dialogues of blessed spirits in Heaven“ sonst deuten? — Das Thema war Poe offenbar wichtig, wie man aus der Überarbeitung nach vier Jahren schließen darf:

——— Edgar Allan Poe:

The Colloquy of Monos and Una

May or June, 1841, in: Graham’s Lady’s and Gentleman’s Magazine, Philadelphia, August 1841;
version of 1845:

Meantime huge smoking cities arose, innumerable. Green leaves shrank before the hot breath of furnaces. The fair face of Nature was deformed as with the ravages of some loathsome disease. And methinks, sweet Una, even our slumbering sense of the forced and of the far-fetched might have arrested us here. But now it appears that we had worked out our own destruction in the perversion of our taste, or rather in the blind neglect of its culture in the schools. For, in truth, it was at this crisis that taste alone — that faculty which, holding a middle position between the pure intellect and the moral sense, could never safely have been disregarded — it was now that taste alone could have led us gently back to Beauty, to Nature, and to Life.

——— Edgar Allan Poe:

Zwiegespräch zwischen Monos und Una

1841 ff., Übersetzung: Hans Wollschläger, 1967:

Derweil erhoben sich ungeheuere qualmende Städte, schier ohne Zahl. Grünendes Laub verdorrte im heißen Atem der Schlote. Das schöne Gesicht der Natur ward entstellt, wie von den Verheerungen einer ekelhaften Krankheit. Und mich dünkt, süße Una, unser schlummernder Sinn für das Gewaltsame und das Weithergeholte hätte uns eigentlich hier Einhalt gebieten müssen. Doch nun erscheint es, dass wir mit der Pervertierung unseres Geschmacks oder vielmehr mit der blinden Vernachlässigung seiner Ausbildung in den Schulen nur unsern eignen Untergang herbeigeführt hatten. Denn wahrscheinlich, in diesem entscheidenden Krisenaugenblick war es allein der Geschmack – jene Fähigkeit, welche eine Mittel- und Mittlerposition zwischen dem reinen Intellekt und dem moralischen Empfinden innehat und niemals ungestraft missachtet wird – in diesem Augenblick war es einzig und allein der Geschmack, der uns sanft hätte zurückführen können zu Schönheit, Natur und Leben.

Mit dem Wissen über Poe stünden wir alleine da ohne die verdienstreiche, immer noch gültige Gesamtausgabe im Walter Verlag, Olten 1966 ff., und ohne die nicht weniger verdienstreiche, ebenfalls immer noch gültige Biographie im Winkler Verlag 1986 und das enzylopädische, freimütig mitgeteilte Wissen von Frank T. Zumbach.

——— Frank T. Zumbach:

Die phänomenale Wirkung des Edgar Allan Poe

25. April 2010:

Und wenn Schwachsinn und Medienverblödung nicht noch weiter um sich greifen, werden wir Mr. Poe nie wieder los, gottseidank.

Harry Clarke, The Masque of the Red Death, 1923

Bilder: Harry Clarke1916, in der teilkolorierten Fassung 1923, via

  1. Maya Phillips: The Rich Can’t Hide From a Plague. Just Ask Edgar Allan Poe.
    In „The Masque of the Red Death,“ the poor are sacrificed to disease so the rich can keep their comfortable lives. Sound familiar?, Slate, 26. März 2020, und
  2. Glenn Russell: I’ve always sensed a strong connection to Poe’s The Masque of the Red Death,
    goodreads 9. Februar 2014.

Soundtrack: Eric Burdon & The Animals: The Black Plague, aus: Winds of Change, 1967:

Written by Wolf

4. Dezember 2020 um 00:01

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