Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Dornenstück 0004: O Anfang sonder Ende (Nichts ist zu finden weit und breit so schrecklich als die Ewigkeit)

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Update zum 2. Stattvent: Rorate coeli desuper! (Die Welt, ein weites Grab)
und Seht, wie, was lebt, zum Ende leufft (gegen-hüpfendes Lied):

„Gibt es eigentlich fleischfressende Gedichte?“ frag ich.

„Wieso“, fragt die Wölfin, „gibt’s pflanzenfressende?“

„Ja“, sag ich, „alle anderen.“

——— Johann Rist:

Ernstliche Betrachtung / Der unendlichen Ewigkeit.

Das Vierdte Zehn, Nr. 9, aus: Himmlische Lieder, 1641/1642:

     1.
O Ewigkeit du Donner Wort /
O Schwerdt das durch die Seele bohrt /
     O Anfang sonder Ende /
O Ewigkeit Zeit ohne Zeit /
Ich weis für grosser Traurigkeit /
     nicht wo ich hin mich wende /
Mein gantz erschrocknes Hertz erbebt /
daß mir die Zung am Gaumen klebt.

     2.
Kein Unglück ist in aller Welt
Daß endlich mit der Zeit nicht fält
     Und gantz wird auffgehoben;
Die Ewigkeit hat nur kein Ziel
Sie treibet fort und fort ihr Spiel
     Läst nimmer ab zu toben /
Ja / wie mein Heyland selber spricht /
Aus ihr ist kein Erlösung nicht.

     3.
O Ewigkeit du machst mir bang‘ /
O Ewig / Ewig ist zu lang‘ /
     Hie gilt fürwar kein Schertzen:
Drumb / wenn ich diese lange Nacht
Zusampt der grossen Pein betracht‘ /
     Erschreck ich recht von Hertzen /
Nichts ist zu finden weit und breit
So schrecklich als die Ewigkeit.

     4.
Was acht‘ ich Wasser / Feur und Schwerdt /
Diß alles ist kaum nennens werth
     Es kan nicht lange dauren:
Was wär‘ es / wenn gleich ein Tyrann /
Der funfftzig Jahr kaum leben kan
     Mich endlich ließ vermauren?
Gefängniß / Marter Angst und Pein
Die können ja nicht ewig seyn.

     5.
Wenn der Verdampten grosse Quaal
So manches Jahr alß an der Zahl
     Hie Menschen sich ernehren /
Als manchen Stern der Himmel hegt /
Als manches Laub die Erde trägt
     Noch endlich solte wären /
So wäre doch der Pein zu letzt.
Ihr recht bestimptes Ziel gesetzt.

     6.
Nun aber / wenn du die Gefahr
Viel hundert tausend tausend Jahr
     Hast kläglich außgestanden /
Und von den Teuffeln solcher frist
Gantz grausamlich gemartert bist /
     Ist doch kein Schluß vorhanden /
Die Zeit / so niemand zehlen kan /
Die fänget stets von neuen an.

     7.
Ligt einer kranck und ruhet gleich
Im Bette / das von Golde reich
     Ist Königlich gezieret /
So hasset er doch solchen Pracht
Auch so / daß er die gantze Nacht
     Ein kläglichs Leben führet /
Er zehlet aller Glocken Schlag
Und seufftzet nach dem lieben Tag‘.

     8.
Ach was ist das? Der Höllen Pein
Wird nicht wie Leibes Kranckheit seyn
     Und mit der Zeit sich enden /
Es wird sich der Verdampten Schaar
Im Feur und Schwefel immerdar
     Mit Zorn und Grimm‘ umbwenden /
Und diß ihr unbegreifflichs Leid
Sol wären biß in Ewigkeit.

     9.
Ach Gott wie bistu so gerecht /
Wie straffstu einen bösen Knecht /
     So hart im Pful der Schmertzen?
Auff kurtze Sünden dieser Welt
Hastu so lange Pein bestellt /
     Ach nimb diß wol zu Hertzen /
Betracht es offt O Menschen-Kind /
Kurtz ist die Zeit / der Todt geschwind.

     10.
Ach fliehe doch des Teuffels Strick /
Die Wollust kan ein Augenblick
     Und länger nicht ergetzen /
Dafür wilt du dein‘ arme Seel‘
Hernachmahls in des Teuffels Höll‘
     O Mensch zu Pfande setzen!
Ja schöner Tausch / ja wol gewagt
Daß bey den Teuffeln wird beklagt?

     11.
So lang‘ ein Gott im Himmel lebt
Und über alle Wolcken schwebt
     Wird solche Marter währen /
Es wird sie plagen Kält‘ und Hitz‘
Angst / Hunger / Schrecken / Feur und Blitz
     Und sie doch nie verzehren /
Denn wird sich enden diese Pein /
Wenn Gott nicht mehr wird Ewig seyn.

     12.
Die Marter bleibet immerdar
Gleich wie sie erst beschaffen war
     Sie kan sich nicht vermindern /
Es ist ein‘ Arbeit sonder Ruh‘
Und nimpt an tausend Seufftzen zu
     Bey allen Satans Kindern /
O Sünder deine Missethat
Empfindet weder Trost noch Raht!

     13.
Wach auff O Mensch vom Sünden-schlaff‘
Ermuntre dich verlohrnes Schaf
     Und bessre bald dein Leben /
Wach auff es ist doch hohe Zeit /
Es kompt heran die Ewigkeit
     Dir deinen Lohn zu geben /
Vielleicht ist heut der letzter Tag.
Wer weis noch wie man sterben mag!

     14.
Ach laß die Wollust dieser Welt /
Pracht / Hoffart / Reichthumb / Ehr‘ und Geld
     Dir länger nicht gebieten /
Schau‘ an die grosse Sicherheit /
Die falsche Welt und böse Zeit
     Zusampt des Teuffels wühten /
Vor allen Dingen hab in acht
Die vorerwehnte lange Nacht.

     15.
O du verfluchtes Menschen-Kind
Von Sinnen toll / von Hertzen blind
     Laß ab die Welt zu lieben /
Ach / ach / sol denn der Hellen Pein /
Da mehr denn tausend Hencker seyn
     Ohn‘ Ende dich betrüben.
Wo ist ein so beredter Mann
Der dieses Werck außsprechen kan?

     16.
O Ewigkeit du Donner-Wort /
O Schwert das durch die Seele bohrt
     O Anfang sonder Ende!
O Ewigkeit Zeit ohne Zeit!
Ich weis für grosser Traurigkeit
     Nicht / wo ich mich hinwende /
Nimb du mich wenn es dir gefält
HErr Jesu in dein Freuden-Zelt.

Bilder:

  1. Alison Scarpulla: Vision 20, 2010;
  2. Adolf Hering: Der Tod und das Mädchen, 1932;
  3. P. J. Lynch: Death and the Maiden, 2014;
  4. Daria Endresen: Young Woman and Death, 2012;
  5. Nathália Suellen: Earth, 2017.

Soundtracks: Johann Sebastian Bach: Zweimal O Ewigkeit, du Donnerwort:

  1. Kantate BWV 20 zum 1. Sonntag nach Trinitatis, 11. Juni 1724:

  2. Kantate BWV 60 zum 24. Sonntag nach Trinitatis, 7. November 1723:

Written by Wolf

23. Oktober 2020 um 00:01

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