Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Die Gaben Judith Schwalbes

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Update zu Solang der Alte Peter,
Was heißt das für ein Leben führen, sich und die Jungens ennuyiren?
und Moritz Under Ground:

Es ließe sich Schlimmeres berichten über so überqualifizierte Alleskönner wie Herbert Rosendorfer, seiner Zeichen praktizierender Amtsrichter und Honorarprofessor für Bayerische Literaturgeschichte, der auch noch eine kaum überschaubare Reihe von Büchern veröffentlicht hat, die nichts mit seinen Ämtern, wohl aber mit allerhand gelehrtem Spaß zu tun haben — Schlimmeres, sagte ich, als dass ein frühes stilles Vorbild von mir Rosendorfers ersten Bestseller seinem Vater am Sterbebett vorgelesen hat: Der Ruinenbaumeister. Ganz.

Die Situation könnte weiß Gott eine gedeihlichere sein, aber der hinterbrachte Vorgang sagt uns, wie viel einem Rosendorfer-Romane bedeuten können. Gerade Der Ruinenbaumeister ist eins von den Büchern, die nicht einen Weblog-Eintrag, sondern einen Weblog hergeben könnten. Wer sich also als letztes Buch im Leben das antun will, ist damit ganz gut beraten; als erstes Buch von allen wäre es ungeeignet, weil man zuviel Vorwissen braucht. Für die ganze Zeit dazwischen empfehlen sich etwa die Briefe in die chinesische Vergangenheit, sein größter, dabei nicht einmal raffiniertester Bestseller, der inzwischen öfter in „Zu verschenken“-Kisten vor Hauseingängen und öffentlichen Bücherschränken gesichtet wird als im Buchhandel, was er wiederum nicht verdient hat — oder Das Messingherz oder Die kurzen Beine der Wahrheit.

Den größten Teil davon hab ich in einem Zug gelesen — verstanden als Eisenbahn, wo man ja am besten und konzentriertesten lesen kann, was an der Sitzhaltung liegt und den Lärmschutzwällen, die dem Reisenden die Ablenkungen der Landschaft verbergen. Die Fahrt ging nach München, wo Das Messingherz spielt, und zwar randvoll der penibelsten lokalen Bezüge, wie man immer wieder voll Bewunderung feststellt, wenn man erst eine Zeitlang dort Wohnsitz genommen hat.

Ein Komponist namens Franz Gottlob Kühlfuß war nicht nachzuweisen, dafür ist Eva von Buttlar mit ihrer gleichnamigen Rotte, einer christlichen und philadelphischen Sozietät ab 1702, höchst real. Judith Schwalbe aus dem Roman ist als fiktive Figur einzustufen; das Bild, dem sie nachempfunden ist, gibt’s, siehe unter dem Zitat:

Peter Jakob Horemans, Der Geist des Rates, 1753

——— Herbert Rosendorfer:

Das Messingherz oder Die kurzen Beine der Wahrheit

Nymphenburger, München 1979, im dtv Taschenbuch 1990, 9. Auflage 2001, Seite 272 bis 274:

Frau Schwalbe, Judith Schwalbe, machte Kessel auf.

Jakob sei nicht da, sagte Frau Schwalbe. „Aber wenn Sie hereinkommen wollen, dann können wir gemeinsam auf ihn warten.“

Das Wohnzimmer war groß und dunkel. An einer Seite zog sich bis weit hinauf ein Bücherregal mit Jakob Schwalbes vielen Partituren und Musikalien. In einer Ecke neben einem kleinen runden Tisch aus Glas brannte eine Lampe mit dunkelblauem Seidenschirm. Auch neben dem Flügel stand eine Stehlampe, die brannte. Frau Schwalbe löschte sie aus. Als sie danach hinausging, um das Teewasser aufzusetzen, schaute Kessel nach, was Frau Schwalbe gespielt hatte: Mendelssohn, Präludien und Fugen op. 35. Aufgeschlagen war die vierte, die schwermütige in As-Dur. Grün, sagte Schwalbe immer, de sich darauf etwas zugute hielt, daß er die Tonarten nach Farben auseinanderzuhalten imstande sei, auch ohne das absolute Gehör. As-Dur sei grün, ein herbes, dunkles Flaschengrün oder Jadegrün, so grün wie ein Bach bei kaltem, klarem Wetter. F-Moll hingegen sei eher moosgrün, ein sattes, etwas süßes Moosgrün …

Kessel wußte von Schwalbe, daß Judith Klavier spielte, daß sie sogar ausgebildete Pianistin war. Schwalbe hatte seine Frau durch die Musik kennengelernt, bei irgendeinem Musikerkongreß. Spielen hatte Kessel sie aber nie gehört. Eigentlich hatte er, obwohl er sie oft sah, zumindest jedesmal, wenn er Schwalbe zum ‚Schachspielen‘ abholte, auch kaum je etwas mit ihr mehr als von sachlichen Mitteilungen geredet, und es war ihm jetzt, als sie ihn hereinbat, im ersten Augenblick etwas unbehaglich, weil er nicht wußte, was er mit der Dame reden solle und ob er überhaupt mit ihr reden könne.

Judith trug ein jadegrünes Kleid mit einem weißen Spitzenkragen und weißen Spitzenmanschetten. Bei der heutigen Mode weiß man ja nie, dachte Kessel, ob etwas, was Damen tragen, ganz besonders démodé oder ganz besonders chic ist. Judiths Kleid mit den vielen, seidenüberzogenen Knöpfen über dem – offenbar durchaus beachtlichen – Busen erinnerte Kessel an ein Bild der Annette von Droste-Hülshoff. Aber nur das Kleid hatte Ähnlichkeit. Judith selber erinnerte Kessel an Die Gabe des Rates in der Heilig-Geist-Kirche. Kessel, der sehr oft, seit er am Gärtnerplatz arbeitete, in der Stadt herumging und die Kirchen besichtigte, was er früher zur St.-Adelgund-Zeit auch schon immer getan hatte (ein heimliches Sühne-Zeichen?), war das Gemälde erst unlängst aufgefallen, obwohl er Dutzende Male schon in der Kirche gewesen war. Es hing, dem geschwungenen Rand nach, der darauf deutete, daß es einmal in einem Stuckrahmen eingepaßt war, nicht mehr an der Stelle, für die es eigentlich gemalt war, sondern sehr tief, in Augenhöhe neben einem Beichtstuhl. Wer das Bild gemalt hatte, war nie zu erfahren gewesen. Die Gabe des Rates stand auf einem Zetttel neben dem Bild. Es war nicht einmal sicher, ob sich dieser Zettel auf das Bild bezog.

Es war ein erstaunlich weltliches Bild. Die abgebildete Dame hatte keinen Heiligenschein und war eher tief dekolletiert. Sie deutete auf verschiedene symbolische Instrumente, und auch im Hintergrund spielten sich symbolische Szenen ab.

Albin Kessel hätte keine Angst zu haben brauchen. Das Gespräch mit Frau Schwalbe ergab sich zwanglos. Sie fragte, nachdem sie den Tee gebracht hatte, woran er arbeite. Kessel fühlte sich durch die Frage geschmeichelt, aber die Frage Judith Schwalbes war echtes Interesse und keine Schmeichelei. Kessel erzählte von dem Auftrag für den Film über die Buttlarsche Rotte. Trotz dezenter Erzählweise, deren sich Kessel befleißigte, ließ sich bei dem Stoff eine gewisse Pikanterie nicht vemeiden. Frau Schwalbe genierte das weder, noch berührte es sie. Sie wußte übrigens, daß der sächsische Komponist Franz Gottlob Kühlfuß eine Zeitlang mit der Rotte in Verbindung gestanden und sogar einige Lieder und Duette nach Gedichten Eva von Buttlars komponiert hatte. Kessel bat um ein Stück Papier, um sich das aufzuschreiben.

„Darf ich noch Tee nachgießen?“

Die Ähnlichkeit Judith Schwalbes mit der Dame auf dem Bild Die Gabe des Rates war erstaunlich. Judith war ein wenig älter, war vielleicht sogar zehn Jahre älter als ihre gemalte Schwester, ihre Haare, weichgewellte, nicht zu lang herabfallende Haare, in der Mitte gescheitelt, so daß die Stirn, die man früher vielleicht als hoch und klar bezeichnet hätte, frei blieb, ihre Haare waren mit grauen Strähnen durchzogen, während die auf dem Bild schwarz waren. Am deutlichsten war die Ähnlichkeit bei den übergroßen, dunklen Augen und der Nase. Bis heute, wo er – wie er merkte – Judith Schwalbe das erste Mal richtig anschaute, hatte er sie immer als „etwas spitznasig“ bezeichnet. Er hatte sie, er schämte sich fast, es sich jetzt einzugestehen, als eine, ja, es ist nicht anders zu sagen, als eine alte Frau angesehen. Aber sie war eine junge Frau, und die grauen Strähnen in ihrem dunklen Haar machten sie eher noch jünger. Die Nase war nur deutlich, nicht spitz. Frauen ohne Nasen, Frauen mit kleinen Stubsnasen, die man als niedlich bezeichnet, sind meist Sirupseelen. Die Kröte würde ohne Zweifel so eine werden.

Nicht Die Gabe des Rates steht auf dem Zettel, dachte Kessel, während er mit Judith redete – er konnte manchmal in freundichen Stunden zweispurig denken – sondern nur Gabe des Rates, ohne Die. Es ist also überhaupt die Frage, worauf sich das bezieht: stellt das Bild das Symbol dar für die Eigenschaft gute Ratschläge zu geben, oder hieß das, daß das Bild eine Gabe, ein Geschenk des Rates der Stadt München war?

In Wirklichkeit ist Die Gabe des Rates — jawohl, mit „Die“ — in der Heilig-Geist-Kirche das letzte von den sieben Bildern einer Serie über die sieben Gaben oder Charismata des Heiligen Geistes von Peter Jakob Horemans von 1753.

Veranschlagt, dass Rosendorfer nicht den in Heilig Geist für drei Euro ausliegenden Kirchenführer von Dr. Walter Brugger: Kleiner Kunstführer Heilig Geist, Verlag Schnell & Steiner, München, kannte, 1979 schon gar nicht die aktuelle Auflage von 2019, kann man beim Anblick der Bilderserie mit den Gaben durchaus ins Grübeln geraten. Vor allem die Reihung so rationaler Segnungen wie Wissenschaft, Verstand, Weisheit, Stärke, Frömmigkeit, Gottesfurcht und eben Rat, die jedenfalls kein Gegenstand meiner religiösen Schulerziehung römisch-katholischer Ausrichtung waren, möchte man spontan eher der Freimaurerei zuordnen. Dazu war noch bis 2020 Rainer Maria Schießler Pfarrer von Heilig Geist, ein geradezu volkstümliches, lautes Münchner Original, das deutschlandweit durch die Bestseller Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten und Jessas, Maria und Josef. Gott zwingt nicht, er begeistert hervorgetreten ist. Der Charismatiker hat aber die Charismata eines kurfürstlichen Hofmalers unter Karl Albrecht an den Wänden seines Chorgangs im nördlichen Seitenschiff, nicht etwa eine Stiftung vom Stadtrat. Draufkommen muss man halt-

In dem nicht sehr streng durchkomponierten, vielmehr übermütig assoziativen Messingherz hat Judith Schwalbes Ähnlichkeit mit einem eher unbekannten, obschon bis heute gleich neben dem zentral gelegenen Viktualienmarkt gratis ausgestellten Bild, schwerer zu vermeiden als aufzusuchen, keine weitertragende Konsequenz, sondern dient der Charakterisierung der Nebenfigur. Insgesamt geht es um kauzige Episoden im Leben des Lohnschreibers Albin Kessel, eine parodistische Erscheinungsform des deutschen Verfassungsschutzes in Zeiten des Kalten Krieges, eine nicht gerade enzyklopädisch ausufernde, aber liebe- und verständnisvoll ausgemalte Menge kurioser Charakter und eine zurückgenommen gallige Lebensauffassung zwischen Bürgerlichkeit und studentischer Bohèmität. Judith Schwalbes „Gabe“ besteht in ihrem Fachwissen über die Buttlarsche Rotte, die Kessel beruflich beschäftigt — und uns möglicherweise noch in unserer Freizeit beschäftigen wird. Wer sich die Mühe macht, die Handlung für sich chronologisch zu ordnen, bemerkt, wie tatsächlich alles davon ausgeht, dass vor Jahrzehnten mal eine Frau — nicht Frau Schwalbe — barfuß gelaufen ist. Wem das nicht reicht, der kann ja weiter Bernhard Schlink und Ferdinand von Schirach lesen.

Peter Jakob Horemans, Der Geist des Rates, 1753

BIlder: Peter Jakob Horemans: Der Geist des Rates, 1753, via Theodor Frey (dort erloschen)
und Hermetiker, 11. Mai 2009.

Soundtrack: Felix Mendelssohn Bartholdy: Sechs Präludien und Fugen, opus 35, MWV SD 14
1831–1836, erschienen 1837; „die vierte, die schwermütige in As-Dur“ (op. cit.):

Written by Wolf

25. September 2020 um 00:01

Veröffentlicht in Barock, Glaube & Eifer, ~~~Olymp~~~

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