Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Werkstattbericht: Da kann jeder gedenken, in was Schrecken und Forcht ich gesteckt

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Update zu Frames in Zitaten (in Frames),
Unser lieber Vatter,
Bocksgestöhn und freche Lieder,
Bitchy Lessing und
Wenn er vom Blocksberg kehrt:

Wo wir gerade so schön auf unserem Barocktrip sind (und dem Professor Zumbach bei seinem Rentnerhobby der Lykanthropie zuhören dürfen), wollte ich nur mal kurz am lebenden Beispiel damit herumgeprotzt haben, was die Textverarbeitung für diese heil’gen Hallen überhaupt für ein Aufwand ist:

Selbst wenn der Text schon von professoraler Seite vorgegeben und sogar mit den nötigen und richtigen Illustrationen illuminiert ist, kann man das nicht einfach so Strg+C abkopieren, sondern schmeißt sich erst mal den Text in ein Editor-Dokumentchen und zerrt die Illus — dankenswerter Weise überschaubare zweie an der Zahl — auf den Desktop.

Gephotoshoppt ist schnell; beim Raufdrehen des Kontrasts hat’s schon länger gedauert, bis dieses Raumschiff von Photoshop mit hundertelfzig sinnlosen „Filtern“ seinen breiten Arsch in die Höhe gefahren hat. Leider ergibt eine Stichprobe aus dem vorgefundenen Text, dass die Rechtschreibung, wozu auch immer, modernisiert wurde, was auch immer die Leute gegen Schreibweisen mit ey haben — und vor allem gegen das wendige Satzzeichen der Virgel. Das unsägliche Gutenberg-Projekt braucht man eigentlich nie zu fragen, das gewöhnlich recht zuverlässige zeno.org bringt’s populär postmodern, eins der Google-Books bringt immerhin eine zitierfähig wirkende Gesamtausgabe bei Max Niemeyer, wo die Doktoranden ihre für jedes Publikum verlorenen Orchideen auswildern, für meinen praktisch besucherfreien Weblog entschließe ich mich endlich nach dem Scan der Wolfenbütteler Digitalen Bibliothek zu korrigieren. Das ist cool, für diesen Stand des Neuhochdeutschen allemal leserlich genug und mit einiger Sicherheit nicht von einem präapokalyptischen Lektor verunreinigt, der sich am Mittag nicht mehr erinnert, was er sich in der Frühe in den Kaffee geschüttet hat. Kursive und fette Stellen mit dem eingebauten Fadenzähler im Auge aus dem Original aufspüren und mittels anno 1999 erlerntem Bauern-HTML händisch einfügen, denn wir erinnern uns: Wir erstellen Editörchen, keine Wördchen.

Die Bilder auf WordPress laden: Das hab ich viel zu lange so gehalten, dass Hotlinken über die Image-URL von sonstwoher reichen musste. Irgendjemand hat mir gesteckt, dass dergleichen einen Diebstahl an Bandbreite darstellt, was immer das ist, und selber hab ich gemerkt, dass die Websites ihre Bilder umsortieren und umbenennen, wie sie lustig sind, und zwar viel zu schnell, die Buchverlage auch schon gern mehrmals im Jahr. Nicht viel besser ist, eigenen Gratis-Online-Speicherplatz zu „nutzen“, weil die sich rausreden, dass sie gratis sind, und meine Bilder umsortieren und umbenennen, wie sie lustig sind. Also wirklich auf WordPress laden, wo auch der dazugehörige Text liegt, und die Bilder verrotten erst mit dem Rest, und dann wird es egal sein.

Im übrigen betreibe ich seit ungefähr 2002, oder wann immer diese alle Chronologie auf den Kopf stülpende Software erfunden wurde, die letzten Weblogs mit handgeschriebenem HTML der Welt. Bis 2006, als ich Moby-Dick™ aufgemacht hab, bestand noch Hoffnung, dass es irgendwann wieder so cool wird wie die Basteleien auf Etsy, danach war mein häufigsten geschriebenes Wort — target=“_blank“ — eine unverzichtbare Zäsur zum Nachdenken. Für rel=“noopener“ war ich von Anfang an zu faul, und kursiv heißt bei mir immer noch <i>, nicht <em>, und fett <b> und nicht <strong>, falls sich jemand erinnert.

Einen Soundtrack aussuchen: einen thematisch relevanten oder einen schönen? Am besten beides, aber steck da mal drin. Klassik und hochstehende official videos verschwinden auf YouTube sehr viel schneller als unseriöser Raffelkram, dabei bin ich jede Woche wieder dankbar, dass diese missratene Wörterpresse irgendwann den Embedding-Code für Videos ins Idiotensichere vereinfacht hat.

Den Soundtrack mit Quelle, Jahr, Album und Opuszahl nachweisen und verlinken, die Bilder beim Photographen anfragen und drei Wochen warten, bis er antwortet: „Yea why feel free lol“, was er glücklicherweise meistens bleiben lässt, aber man kann rezente Bilder ja nicht einfach nicht anfragen. Am besten sind Gekritzel von über siebzig Jahre lang Toten und leicht geschürzte Weiber aus Tumblr: Was sich dort zwei-, dreimal weiterverbloggt hat, ist so gründlich von jedem nachweisbaren Copyright abgeschnitten, dass nicht mal Tineye weiterhilft. Zum Beispiel bei den zwei Bildern, die ich beim Professor Zumbach aufgegabelt hab, bestand die auffindbare Information im Dateinamen. Schade und künstlerschädigend, aber für mich arbeitssparend; fürs Gegenteil könnte ich genauso wenig. — Müssen Links auf die Bilder? Ja, aber auf entweder alle oder auf keins, nicht durcheinander. Wenn ja: title-Tags gegenüber dem Vorkommen im Textfluss abändern. Und zwar so verteilt, dass die Bilder nicht dem Link widersprechen; skurrile Überraschungseffekte muss man nicht anstreben, die entstehen von selber im Übermaß. Die Bildersuche samt Nachweis-Odyssee nimmt übrigens, if someone was wondering, die meiste Zeit von jedem Artikel ein.

Vorveröffentlichen: Jeden Freitag um 00.01 Uhr, ob’s stürmt oder schneit, hat ein Artikel zu erscheinen. Meistens warten sechse bis achte in der Pipeline, ab fünf abwärts werde ich nervös. Das Layout anpassen: Die Zeilenbreite hab nicht ich bestimmt, darum ordentliche harte Umbrüche ohne Hurenkinder und Schusterjungen, ich „komme“ ja von der Lyrik her. Darum sitzen meine Hochformate auch grundsätzlich rechtsbündig: weil ich keine übriggebliebenen Einzelzeilen am Bürzel meiner Illustrationen herumschüchtern brauchen kann. Die Wölfin, das heißt: meine Frau, die von der Graphik, unter anderem der Typographie her „kommt“, weigert sich mitzulesen, weil sie ihrem Berufsethos entsprechend die Illustrationen linksbündig sehen will. Da sieht man wieder, wovon Kultur abhängt. Und in der geschedulten Vorschau fallen einem erst die Tippfehler auf, also pro Fehlerchen den kompletten Text (Obacht, ohne Überschrift) drüberkopieren und bis es endlich gnädig erscheinen darf, um die zehnmal aktualisieren.

Insgesamt sitze ich an jedem Artikel irgendwas um drei bis zwölf Stunden; die 24-stündigen sind die lustigsten. Beim gegenwärtigen waren es, wo ich vage mitstoppe, fünf Stunden eines Wochentages im Zustand der Kurzarbeit, und da musste ich praktisch nix und wieder nix machen (okay, außer eine andere als die professorale Version rausgoogeln und einrichten und an den Bildern den Kontrast aufblasen und den Soundtrack dings und alles… und zwischendurch Lebensmittel einkaufen, was ich rausgerechnet hab). Am schnellsten geht’s, wenn ich Nachtstück oder sowas drüberschreiben kann, andere angefangene Editor-Dateien hab ich seit mehreren Jahren auf dem Desktop liegen, und alte Screenshots sagen mir: Es werden mit der Zeit mehr. Alles für die Kunst.

Es folgt ein Bravourstück der Schauerliteratur von etwa 150 Jahre avant la lettre. Und zwar in einer begründbar richtigen Orthographie, jawoll:

——— Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen:

Simplex sieht Hexen zum Tanz hinwegfahren,
Kommt auch zu ihren verteufelten Scharen.

Erster Teil. Zweites Buch. Das XVII. Capitel,
aus: Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch / Das ist: Die Beschreibung deß Lebens eines seltzamen Vaganten / genant Melchior Sternfels von Fuchshaim / wo und welcher gestalt Er nemlich in diese Welt kommen / was er darinn gesehen / gelernet / erfahren und außgestanden / auch warumb er solche wieder freywillig quittirt. Überauß lustig / und männiglich nutzlich zu lesen, 1668:

Witches' Sabbat, Gaetano Previati, 1852Einsmal zu End deß May / als ich abermal durch mein gewöhnlich / ob zwar verbottenes Mittel / meine Nahrung holen wolte / und zu dem Ende zu einem Baurn-Hof gestrichen war / kam ich in die Küchen / merckte aber bald / daß noch Leut auff waren ( Nota, wo sich Hund befanden / da kam ich wol nicht hin) derowegen sperrete ich die eine Küchenthür / die in Hof gieng / Angelweit auff / damit wann es etwan Gefahr setzte / ich stracks außreissen könte blieb also Maußstill sitzen / biß ich erwarten möchte / daß sich die Leut nidergelegt hätten: Unterdessen nam ich eines Spalts gewahr / den das Küchenschälterlein hatte / welches in die Stuben gieng; ich schlich hinzu / zu sehen / ob die Leut nicht bald schlaffen gehen wolten? aber meine Hoffnung war nichts / dann sie hatten sich erst angezogen / und an deß Liechts / ein schweflichte blaue Flamm auff der Banck stehen / bey welcher sie Stecken / Besem / Gablen / Stül und Bänck schmierten / und nacheinander damit zum Fenster hinauß flogen. Jch verwundert mich schröcklich / und empfand ein grosses Grausen; weil ich aber grösserer Erschröcklichkeiten gewohnt war / zumal mein Lebtag von den Unholden weder gelesen noch gehört hatte / achtet ichs nicht sonderlich / vornemlich weil alles so still hergieng / sondern verfügte mich / nachdem alles darvon gefahren war / auch in die Stub / bedachte was ich mit nemmen / und wo ich solches suchen wolte / und setzte mich in solchen Gedancken auff einen Banck schrittlings nider; Jch war aber kaum auffgesessen / da fuhr ich sampt der Banck gleichsam augenblicklich zum Fenster hinauß / und ließ mein Rantzen und Feur-rohr / so ich von mir gelegt hatte / vor den Schmirberlohn und so künstliche Salbe dahinden. Das Auffsitzen / davon fahren und absteigen / geschahe gleichsam in einem Nu! dann ich kam / wie mich bedünckte / augenblicklich zu einer grossen Schaar Volcks / es sey dann / daß ich auß Schrecken nicht geacht hab / wie lang ich auff dieser weiten Räis zugebracht / diese tantzten einen wunderlichen Tantz / dergleichen ich mein Lebtag nie gesehen / dann sie hatten sich bey den Händen gefast / und viel Ring ineinander gemacht / mit zusamm gekehrten Rucken / wie man die drey Gratien abmahlet / also daß sie die Angesichter heraußwarts kehrten; der inner Ring bestund etwan in 7. oder 8. Personen / der ander hatte wol noch so viel / der dritte mehr als diese beyde / und so fortan / also daß sich in dem äussern Ring über 200. Personen befanden; und weil ein Ring oder Craiß umb den andern lincks / und die andere rechts herumb tantzte / konte ich nicht sehen / wie viel sie solcher Ring gemacht / noch was sie in der Mitten / darumb sie tantzten / stehen hatten. Es sahe eben greulich seltzam auß / weil die Köpff so possierlich durcheinander haspelten. Und gleich wie der Tantz seltzam war / also war auch ihre Music, auch sange / wie ich vermeynte / ein jeder am Tantz selber drein / welches ein wunderliche Harmoniam abgab / meine Banck die mich hin trug / ließ sich bey den Spielleuten nieder / die ausserhalb der Ringe umb den Tantz herumb stunden / deren etliche hatten an der Flöten / Zwerchpfeiffen und Schalmeyen / nichts anders als Natern / Vipern und Blindschleichen / darauff sie lustig daher pfiffen: Etliche hatten Katzen / denen sie in Hindern bliesen / und auff dem Schwantz fingerten / das lautet den Sack-pfeiffen gleich: Andere geigeten auff Roßköpffen / wie auff dem besten Discant, und aber andere schlugen die Harpffe auff einem Kühgeribbe / wie solche auff dem Wasen ligen / so war auch einer vorhanden / der hatte eine Hündin underm Arm / deren leyert er am Schwantz / und fingert ihr an den Dutten / darunter trompeteten die Teuffel durch die Nase / daß es im gantzen Wald erschallete / und wie dieser Tantz bald auß war / fieng die gantze höllische Gesellschafft an zu rasen / zu ruffen / zu rauschen / zu brausen / zu heulen / zu wüten und zu toben / als ob sie alle toll und thöricht gewest wären. Da kan jeder gedencken / in was Schrecken und Furcht ich gesteckt.

Witches' Sabbat, Martin van Male, 1911Jn diesem Lermen kam ein Kerl auff mich dar / der hatte ein ungeheure Krott unterm Arm / gern so groß als eine Heerpaucke / deren waren die Därm auß dem Hindern gezogen / und wieder zum Maul hinein geschoppt / welches so garstig außsahe / daß mich darob kotzerte; Sehin Simplici, sagte er / ich weiß / daß du ein guter Lautenist bist / laß uns doch ein fein Stückgen hören: Jch erschrack daß ich schier umbfiel / weil mich der Kerl mit Nahmen nennete / und in solchem Schrecken verstummte ich gar / und bildete mir ein / ich lege in einem so schweren Traum / bat derowegen innerlich im Hertzen / daß ich doch erwachen möchte / der mit der Krott aber / den ich steiff ansahe / zog seine Nasen auß und ein / wie ein Calecutscher Han / und stieß mich endlich auff die Brust / daß ich bald darvon erstickte; derowegen fienge ich an überlaut zu Gott zu ruffen / da verschwand das gantze Heer. Jn einem Huy wurde es stockfinster / und mir so förchterlich umbs Hertz / daß ich zu Boden fiele / und wol 100. Creutz vor mich machte.

Hexensabbat: Gaetano Previati, 1852; Martin van Male, 1911,
via Frank T. Zumbach: Meshes of Hell: Gaetano Previati/ Martin van Male, Witches‘ Sabbath / Grimmelshausen: Aus dem ‚Simplicissimus‘.

Soundtrack: Nicht weil es irgendwie auf eine zur Unzeit veröffentlichte walpurgisnächtliche Hexensabbaterie passen würde, sondern weil es während des Tippens auf Spotify aus meinem „Mix der Woche“ angenehm herausstach: Steve Earle, Del McCoury Band & Emmylou Harris: Pilgrim, aus: The Mountain, 1999:

Written by Wolf

21. August 2020 um 00:01

Veröffentlicht in Barock, Vier letzte Dinge: Hölle

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