Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wohl dem, der weiß, was recht und wahr, und dies auch übet immerdar

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Update zu Wunderblatt 9: Dies ist das Kaktusland und
Ein Haufen belebter Maschinen, welche von der Natur hervor getrieben worden wären, für sie zu arbeiten:

Buchcover Eliot, George, Silas Marner. Der Weber von Raveloe, ars vivendi 2018Keine Ahnung, wie man zu zweit einen Roman übersetzt. Elke Link und Sabine Roth haben 1997 für den Cadolzburger ars vivendi Verlag den Silas Marner von George Eliot versucht und tatsächlich zu einem Druckunterlagenschluss etwas zur Veröffentlichung Geeignetes geliefert – das gut genug geraten ist, um es 2018 wiederzuveröffentlichen.

Eine richtig schöne Neuausgabe ist es geworden. Schon rein als Buchobjekt, selbst wenn man es gar nicht erst aufschlägt, geschweige um es zu lesen. Dunkelgrünes grobes Leinen, an dem man die Fäden zählen kann, mit einem stilisierten Webstuhl tief dreingeprägt – beides als gestalterische Referenz an den Beruf des Leinenwebers der Hauptfigur, vielleicht auch an die englische Prachtausgabe von 1907; mal den Buchausstatter fragen –, eher voluminöses Papier, aber streichelfest und nicht die saugfähigen Wischlappen chinesischer Lizenzfreibeuter-„Verlage“ – Lesebändchen. Und damit Alexander Pechmann, der einem zum Thema Moby-Dick an jedem Eck unterläuft, ein Nachwort stiftet, muss wohl auch einiges kommen.

Das Duo der Übersetzerinnen von 1997 hat, wie sich das gehört, 2018 erneut die Köpfe zusammengesteckt und tatsächlich noch was gefunden. Das macht keinen großen Unterschied, aber einen feinen. Es folgt deshalb die betreffende Stelle im Roman und danach das Eigentliche: die Nachbemerkung der Übersetzerinnen. Damit die dergleichen für ein Buch auf drei Druckseiten stiften dürfen, muss nämlich erst recht einiges kommen.

——— George Eliot:

Silas Marner: The Weaver of Raveloe

1861, Part One, Chapter VI:

Mr. Macey, tailor and parish-clerk, the latter of which functions rheumatism had of late obliged him to share with a small-featured young man who sat opposite him, held his white head on one side, and twirled his thumbs with an air of complacency, slightly seasoned with criticism. He smiled pityingly, in answer to the landlord’s appeal, and said–

„Aye, aye; I know, I know; but I let other folks talk. I’ve laid by now, and gev up to the young uns. Ask them as have been to school at Tarley: they’ve learnt pernouncing; that’s come up since my day.“

„If you’re pointing at me, Mr. Macey,“ said the deputy clerk, with an air of anxious propriety, „I’m nowise a man to speak out of my place. As the psalm says–

„I know what’s right, nor only so,
But also practise what I know.““

„Well, then, I wish you’d keep hold o‘ the tune, when it’s set for you; if you’re for practising, I wish you’d practise that,“ said a large jocose-looking man, an excellent wheelwright in his week-day capacity, but on Sundays leader of the choir. He winked, as he spoke, at two of the company, who were known officially as the „bassoon“ and the „key-bugle“, in the confidence that he was expressing the sense of the musical profession in Raveloe.

Mr. Tookey, the deputy-clerk, who shared the unpopularity common to deputies, turned very red, but replied, with careful moderation– „Mr. Winthrop, if you’ll bring me any proof as I’m in the wrong, I’m not the man to say I won’t alter. But there’s people set up their own ears for a standard, and expect the whole choir to follow ‚em. There may be two opinions, I hope.“

„Aye, aye,“ said Mr. Macey, who felt very well satisfied with this attack on youthful presumption; „you’re right there, Tookey: there’s allays two ‚pinions; there’s the ‚pinion a man has of himsen, and there’s the ‚pinion other folks have on him. There’d be two ‚pinions about a cracked bell, if the bell could hear itself.“

——— George Eliot:

Silas Marner. Der Weber von Raveloe

1861, Übs. Elke Link und Sabine Roth,
Teil 1, Kapitel 6, ars vivendi 2018, Seite 61 f.:

Mr Macey, seines Zeichens Schneider und Küster – letzteres Amt musste er aufgrund seines Rheumatismus seit kurzem mit einem schmalgesichtigen jungen Mann teilen, der ihm gegenüber saß –, lete seeinen weißen Kopf auf die Seite und drehte die Daumen, mit einer Selbstzufriedenheit, die freilich nicht einer Pikiertheit entbehrte. Er quittierte den Appell des Wirtes mit einem mitleidigen Lächeln und sagte dann:

Wohl, wohl; ich weiß, ich weiß; aber das Reden überlass ich lieber den andern. Ich halt mich jetzt eher zurück; die Jungen könn das viel besser. Die wo in Tarley auf der Schuel waren, die haben’s gelernt, Reden zu schwingen; zu meinen Zeiten hat’s das noch nicht so gegeben.“

„Wenn Ihr mich damit meint, Mr Macey“, sagte der Hilfsküster, ängstlich auf Korrektheit bedacht, „ich bin keineswegs ein Mann, der spricht, wenn es nicht rechtens ist. Wie wir es in dem Psalm singen:

‚Wohl dem, der weiß, was recht und wahr,
Und dies auch übet immerdar.'“

„Nun, dann wünschte ich, Ihr würdet den Ton halten, so wie ich ihn Euch angeb; wenn Ihr schon so fürs Üben seid, dann wünschte ich, Ihr würdet das üben“, sagte ein großer, schalkhaft dreinblickender Mann, unter der Woche ein vortrefflicher Wagner, sonntags jedoch Leiter des Kirchenchores. Im Sprechen zwinkerte er zweien der Anwesenden zu, die von Amts wegen als „das Fagott“ und „das Klappenhorn“ bekannt waren, im Vertrauen darauf, den Konsensus des Musikerstandes von Raveloe zum Ausdruck zu bringen.

Mr Tookey, der Hilfsküster, der so unbeliebt war, wie das bei Stellvertretern stets der Fall ist, wurde puterrot, erwiderte jedoch mit bewusster Mäßigung: „Mr Winthrop, wenn Ihr mir irgendeinen Beweis erbringt, dass ich im Unrecht bin, so will ich gewiss der Letzte sein, der sich weigert, sich anzupassen. Aber es gibt eben Leute, die ihr eignes Ohr zum Maßstab nehmen und dann erwarten, dass sich der ganze Chor nach ihnen richtet. Man wird ja wohl noch verschiedener Meinung sein dürfen.“

„Wohl, wohl“, sagte Mr Macey, den dieser Angriff auf die Überheblichkeit der Jugend mit großer Befriedigung erfüllte, „da habt Ihr völlig recht, Tookey: Verschiedne Meinungen hat’s immer; nämlich die Meinung, die ein Mann von sich selber hat, und die Meinung, die wo die andern von ihm haben. Sogar über ’ne Glocke mit ’nem Sprung drin tät’s noch verschiedne Meinungen geben, wenn die Glocke sich selber hören könnt.“

Besonders eindrucksvoll an der Verbesserung von 2018 ist das ausführlich ins Metrum geschriebene „übet“, das nicht mehr als „üb“ mit oder ohne Apostroph oder gar ersatzlos verschluckt wird und damit seinen Doppelsinn als Üben von musikalischen Fertigkeiten annehmen kann. Das geht so:

——— Elke Link und Sabine Roth:

Nachbemerkung der Übersetzerinnen

in: George Eliot: Silas Marner. Der Weber von Raveloe, ars vivendi, Cadolzburg 2018, Seite 227 bis 229:

Hugh Thomson, George Eliot, Silas Marner, Part I, Chapter 6, The company at the Rainbow, 1907Als wir im letzten Jahrtausend mit der Übersetzung von Silas Marner begannen, gab es das Internet noch nicht so, wie wir es heute kennen. Wir gingen in die Bayerische Staatsbibliothek. Und dann ganz schnell wieder hinaus – denn die Übersetzungen, die wir vorfanden, drohten die Suche nach unserem eigenen Ton und die Übertragung des Silas-Marner-Sounds sofort zu überlagern.

Stattdessen besuchten wir Antiquariate und die Münchner Auer Dult, um alte Wörterbücher aufzukaufen. Wir lasen in den Wörterbüchern, lasen Texte aus der Zeit. Wir tauchten in die Soziologie des ländlichen Englands ein, nicht zuletzt, um die Frage der Anreden – Er, Du, Ihr, Sie – differenziert zu entscheiden. Und um den einzelnen Personen und Gruppen zugeordneten Soziolekt und Dialekt zu spiegeln (denn in Silas Marner sprechen alle, auch die Angehörigen der Oberschicht, dialektal gefärbt), mussten wir eine Kunstsprache schaffen, die eher lautmalerisch und über den Rhythmus funktioniert als über regionale Marker. Die teils eigenwillige Zeichensetzung des Originals haben wir dabei bewusst übernommen.

Biografisches über die Autorin war uns nicht wichtig – die Frau, die als Mann schrieb, die Frau , die sieben Namen hatte, die Frau, die lang in wilder Ehe lebte und danach einen zwanzig Jahre jüngeren Mann heiratete, der sich auf der Hochzeitsreise in den Canal Grande stürzte – das alles spielte keine Rolle. Für uns zählte letztlich nur der Text, den wir zu übertragen hatten. Wir übersetzten den Text abwechselnd und lasen gegen, überarbeiteten die eigene Version, dan die der anderen, dann die Überarbeitung der Überarbeitung, waren in konstantem Austausch, bis wir den Eindruck hatten, der Text brummt wie ein Bienenvolk im Bienenhaus.

Für die Neuauflage sahen wir den Text noch einmal durch und stießen auf erstaunlich wenig, was wir nach all den Jahren ändern wollten. Eine „echte“ Verbesserung hat unsere Nachlese allerdings gebracht, und sie illustriert Chancen und Grenzen der heutigen Technik so perfekt, dass wir sie kurz kommentieren möchten. Uns war unser „Psalm“ (s. S. 61) in der Wirtshausszene plötzlich zu unpsalmenhaft erschienen – kein Wunder, denn das Original klingt ebenfalls mehr biedermännisch als biblisch: „I know what’s right, nor only so, / But also practise what I know.“ Dank Google hatten wir nun ruckzuck herausgebracht, dass es in England tatsächlich „Psalmenlieder“ gab – gereimte (und deutlich gestreckte) Nachdichtungen aus dem späten 17. Jahrhundert, die damals regelmäßig in Gebrauch waren –, und dass der von Mr Tookey zitierte Vers aus dem 106. Psalm diese Nachdichtung leicht abwandelt. Und sogar eine deutsche Entsprechung, von Ambrosius Lobwasser aus dem Jahr 1573, fand sich im Netz, die aber just an dieser Stelle so klobig ausfällt, dass kein noch so betulicher Hilfsküster sie im Munde führen würde (und in der noch dazu das Wort „üben“ fehlt, das im weiteren Verlauf wichtig wird).

Womit uns nichts übrig blieb, als selbst noch einmal neu zu dichten und den Vers so abzufassen, dass er einerseits sprechbar ist, andererseits aber auch, zumindest theoretisch, in einem Vespergottesdienst vom Chor gesungen werden könnte. Und so wurde aus unserem ursprünglichen

„Ich weiß, was sich geziemt, doch drüber ’naus
Üb ich, was ich als recht erkannt, auch aus“

nicht, wie bei Lobwasser,

„Wohl dem, der die gebott Gotts hält,
Und sein thun darnach recht anstellt“

und auch nicht, wie 1861 bei unserem Vorgänger Julius Frese,

„Ich weiß, was recht ist, und noch mehr:
Ich tu’s und üb es auch nachher“,

sondern:

„Wohl dem, der weiß, was recht und wahr,
Und dies auch übet immerdar“,

sodass der historische Zusammenhang jetzt rekonstruierbar wird, ohne dass darunter die situative Glaubwürdigkeit leidet. Ein kleines nachträgliches Tröpfchen Honig aus dem Bienenhaus von einst …

Editorische Notiz

Die Originalausgabe erschien 1861 unter dem Titel Silas Marner: The Weaver of Raveloe. George Eliot hat diese Fassung später für zwei spätere Neuausgaben durchgesehen und leicht bearbeitet. […]

Elke Link und Sabine Roth

Hugh Thomson: Silas trifft Eppie, Allegorie vor Teil I, Kapitel 1, 1907, Seite 1

Bilder: Buchcover bei ars vivendi, 2018;
Hugh Thomson: Silas Marner, Teil 1, Kapitel 6: The company at the ‚Rainbow.‘,
MacMillan and Co., London 1907, Seite 74;
Hugh Thomson: Silas trifft Eppie, Allegorie vor Teil I, Kapitel 1, ebenda, 1907, Seite 1.

Soundtrack: Der erwähnte Psalm 106, vertont von Heinrich Schütz:
Confitemini Domino, quoniam ipse bonus,
aus: Cantiones sacrae quatuor vocum, SWV 53-93: XXXIX, SWV 91, 1625,
Cappella Augustana & Matteo Messori, 2013:

Bonus Track: Robert Burns: Tae the Weavers Gin Ye Gang, 1788,
as rendered by The McCalmans, aus: Peace & Plenty, 1986,
mit Bildbeispielen leinenweberischer Projekte von Andy Leisk,
Chief Cook, Bottle Washer, Handweaver, und Curmudgeon, 2011:

Written by Wolf

4. Oktober 2019 um 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Romantik

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