Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Der erste Greis, den ich vernünftig fand

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Update zu Der Mensch ist gut: Sein Geist strebt nach der Wahrheit!:

Ein Jammer, dass Schecks Kanon vom gleichnamigen Denis, der in der Welt seit 1. Aprl 2017 läuft, nur auf hundert Folgen angelegt ist. Folge 85 können wir nicht ignorieren, weil die vom Faust handelt.

Das Erstaunliche ist, dass Faust erst an 85. Stelle kommt; das Erfreuliche an allen bisherigen Folgen ist, dass man Herrn Scheck ohne weiteres glaubt, dass er alle hundert Bücher wirklich gelesen hat. Ganz. Gerade den Faust zitiert er ausführlich nicht aus dem ersten, sondern dem sehr viel schwerer verdaulichen zweiten Teil, und er findet Begründugen für seine begeisterte Empfehlung, die er nicht aus dem nächstbesten Schulbuch hat. Und das in einer einzigen, eher schmalen Zeitungsspalte — „Lesedauer: 3 Minuten“.

Wenn wir alle hundert Folgen auf solche drei Minuten ansetzen, hätten wir fünf Stunden unseres Lebens auf Schecks Kanon verwendet und alle paar Minuten etwas Erhellendes gelernt. Das kann man ruhig so durchziehen.

Eigenmächtig und mit Ansage verfälsche ich das Vollzitat des Zeitungsartikels, indem ich Schecks Faust-Zitat — aus: Faust. Der Tragödie zweyter Theil in fünf Acten, Zweyter Act: Hochgewölbtes, enges, gothisches Zimmer, ehemals Faustens, unverändert, Verse 6758 bis 6810 — ohne Auslassungspunkte, dafür vervollständigt in Originalschreibweise wiedergebe, weil wir hier nicht von Anschlagszahlen beschränkt sind. Lesedauer: bis man fertig ist.

Gösta Ekman in F. W. Murnaus Faust-Verfilmung von 1926, Getty Images via Die Welt, 27. November 2018

——— Denis Scheck:

Was uns Goethes „Faust“ über Altersrassismus erzählt

Schecks Kanon 85, in: Die Welt, 27. November 2018:

Goethes Theaterstück ist – auch international – der deutsche Klassiker schlechthin. Mit vielen radikalen Botschaften: „Hat einer dreißig Jahr vorüber / So ist er schon so gut wie tot.“

Groß war die Verlockung, Goethe als Lyriker in meinen Kanon aufzunehmen: Wo finden sich auf engstem Raum so hoch verdichtete Gedankenkonzentrate kombiniert mit enormer Zärtlichkeit und Sprachgewalt? Auch der Autor des ersten modernen Beziehungsromans („Wahlverwandtschaften“), der fragt, wie man Leben und Liebe unter einen Hut bekommt, dürfte seinen Platz darin beanspruchen. Ja, selbst der Verfasser der „Italienischen Reise“.

Größer aber noch ist Goethes Bedeutung als Schöpfer des Dramas, das im Ausland zu Recht als das deutsche schlechthin gilt: „Faust“ ist das Stück, das man ein Leben lang neu und anders liest, in dem Goethe antike und mittelalterliche Mythen zu einem großen Neuen verschmilzt und von einem Bewusstsein erzählt, dessen Modernität darin liegt, dass es sich den bequemen Wahrheiten von althergebrachter Religion und Moral nicht mehr anvertrauen möchte, sondern seine Sache ganz auf sich stellt – und auf den Teufel.

Literaturgeschichte lässt sich immer auch erzählen als Aufstand der Jungen gegen die Alten, als Revolte der hungrigen Neuen gegen die fett im Warmen sitzenden Etablierten. Johann Wolfgang von Goethe hat das am eigenen Leib erfahren: als Autor des Weltbestsellers „Werther“, als Initiator der Dichterschulen von Sturm und Drang und deutscher Klassik – nicht zuletzt als Autor des „Faust“, dem er 27 Jahre nach dem ersten Teil von 1805 einen zweiten Teil folgen ließ.

In „Faust II“ macht er sich im Dialog des Mephisto mit dem vom Schüler aus „Faust I“ zum Bakkalaureus Avancierten lustig: Ein veritables Originalgenie der zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr an Boden gewinnenden harten Naturwissenschaft, ausgerüstet mit dem stählernen Selbstbewusstsein und dem Altersrassismus der Kulturrevolutionäre aller Zeiten, betritt da die Bühne. Und vor so viel Hybris muss selbst der Teufel weichen:

Baccalaureus.
Erfahrungswesen! Schaum und Dust!
Und mit dem Geist nicht ebenbürtig.
Gesteht! was man von je gewußt
Es ist durchaus nicht wissenswürdig.

Mephistopheles (nach einer Pause).
Mich däucht es längst. Ich war ein Thor,
Nun komm‘ ich mir recht schaal und albern vor.

Baccalaureus.
Das freut mich sehr! Da hör‘ ich doch Verstand;
Der erste Greis, den ich vernünftig fand!

Mephistopheles.
Ich suchte nach verborgen-goldnem Schatze,
Und schauerliche Kohlen trug ich fort.

Baccalaureus.
Gesteht nur, euer Schädel, eure Glatze
Ist nicht mehr werth als jene hohlen dort?

Mephistopheles (gemüthlich).
Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?

Baccalaureus.
Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.

Mephistopheles
(der mit seinem Rollstuhle immer näher in’s Proscenium rückt, zum Parterre).
Hier oben wird mir Licht und Luft benommen,
Ich finde wohl bei euch ein Unterkommen?

Baccalaureus.
Anmaßlich find‘ ich, daß zur schlechtsten Frist
Man etwas seyn will, wo man nichts mehr ist.
Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo
Bewegt das Blut sich wie im Jüngling so?
Das ist lebendig Blut in frischer Kraft,
Das neues Leben sich aus Leben schafft.
Da regt sich alles, da wird was gethan,
Das Schwache fällt, das Tüchtige tritt heran.
Indessen wir die halbe Welt gewonnen
Was habt ihr denn gethan? genickt, gesonnen,
Geträumt, erwogen, Plan und immer Plan.
Gewiß! das Alter ist ein kaltes Fieber
Im Frost von grillenhafter Noth;
Hat einer dreyßig Jahr‘ vorüber,
So ist er schon so gut wie todt.
Am besten wär’s, euch zeitig todtzuschlagen.

Mephistopheles.
Der Teufel hat hier weiter nichts zu sagen.

Baccalaureus.
Wenn ich nicht will, so darf kein Teufel seyn.

Mephistopheles (abseits).
Der Teufel stellt dir nächstens doch ein Bein.

Baccalaureus.
Dieß ist der Jugend edelster Beruf!
Die Welt sie war nicht eh‘ ich sie erschuf;
Die Sonne führt‘ ich aus dem Meer herauf;
Mit mir begann der Mond des Wechsels Lauf;
Da schmückte sich der Tag auf meinen Wegen,
Die Erde grünte, blühte mir entgegen.
Auf meinen Wink, in jener ersten Nacht,
Entfaltete sich aller Sterne Pracht.
Wer, außer mir, entband euch aller Schranken
Philisterhaft einklemmender Gedanken?
Ich aber frei, wie mir’s im Geiste spricht,
Verfolge froh mein innerliches Licht,
Und wandle rasch, im eigensten Entzücken,
Das Helle vor mir, Finsterniß im Rücken.
(Ab.)

Mephistopheles.
Original fahr‘ hin in deiner Pracht! –
Wie würde dich die Einsicht kränken:
Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken
Das nicht die Vorwelt schon gedacht? –

Die Amüsierlust der Mächtigen

Neben den Früchten seiner lebenslangen Beschäftigung mit der Antike – schon Goethes Vater hatte in Frankfurt einen türkischstämmigen Sprachlehrer für Griechisch und Latein für ihn angeheuert – flossen in „Faust II“ insbesondere viele jener Kenntnisse ein, die sich Goethe während seiner Zeit als Superminister in Weimar angeeignet hatte: Die Amüsierlust der Mächtigen und ihre permanente Geldnot kannte er ebenso aus eigener Anschauung wie ihre Unlust zum Aktenstudium und ihre mangelnde Einsicht in Etatnotwendigkeiten.

Am meisten staunen macht mich bis heute der wahrhaft unersättliche Wissensdurst, das nie befriedigte Interesse dieses Menschen. Nichts ist dem Autor Goethe zu klein, zu abgelegen oder zu trivial. Goethe ist eine Neugiermaschine auf zwei Beinen. Ein Aktenfresser, Datenfex, Erfahrungssucher, Faktensammler und Wissensstaubsauger. Architektur und Kunst, Musik, Literatur finden ebenso Eingang in diese Dichtung wie die Frage nach den Folgen der Einführung einer nicht goldgedeckten Papierwährung, Bergbau, Straßenbau, Landgewinnung, Geologie und Landwirtschaft, Wasserbau, Religion, Mineralogie.

„Faust“ lesen, das ist eine Einladung zu einem Parcours durch die Wissenskreise, ein Ausloten unserer Anlagen zum Künstler, Wissenschaftler, Unternehmer – und nicht zuletzt ein Angriff auf unsere Lachmuskeln.

Emil Jannings in F. W. Murnaus Faust-Verfilmung von 1926

Im Artikel verwendetes Bild: „So spooky kann deutsche Klassik:
Gösta Ekman in F. W. Murnaus Faust-Verfilmung von 1926„, Getty Images via Die Welt;
noch nicht verwendetes Bild: Emil Jannings, ebenda.

Der Soundtrack, vor dem Emil Jannings als Mephisto in der Murnau-Verfilmung sich kurz vor Minute 55 die Ohren zuhält, ist je nach Untertitelfassung Lobe den Herren oder ein Te deum laudamus. Interessanter ist letztere Lösung: Es ist mit Sicherheit weder eine Fassung nach 1926 (logisch) noch die von Haydn oder Mozart, weil die beiden im unpassenden C-Dur stehen; etwas wahrscheinlicher wären Händel in D-Dur und Mendelssohn in A-Dur. Von Murnau gemeint war vermutlich der gregorianische Lob-, Dank- und Bittgesang aus dem 4. Jahrhundert — das eindeutig zur Spätantike und noch lange nicht einmal zur Vorromanik zählt —, und dessen elaborierte Melodie mitnichten von einer ungeübten Kirchengemeinde gesungen werden soll, aber Murnaus Bildsprache der gotischen Kathedrale in einem Stummfilm am ehesten entspricht:

Bonus Track: Tocotronic, „die deutschen Klassiker schlechthin“
(cit. Scheck, Denis, a. a. O. – naja, fast), die auch nicht jünger werden:
So jung kommen wir nicht mehr zusammen,
aus: Wir kommen um uns zu beschweren, 1996:

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Written by Wolf

11. Januar 2019 um 00:01

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