Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

3. Katzvent: „du schaffst es“, sagte ich, „du bist ein Guter …“

with one comment

Update zu Her Father Didn’t Like Me Anyway (Das Liebesleben der Hyäne):

Im heurigen Katzvent befassen wir uns nach Inhalten über Katzen 2015 und Inhalten von Katzen 2016 mit Inhalten über tote Katzen.

Das ist erfreulicher, als man spontan glaubt — Kunststück. Wer die Morbidität nicht aushält, darf sich damit trösten, dass Katzen sieben Leben haben, in angelsächsischen Kulturen sogar neun.

——— Charles Bukowski:

Manx

ca. 1981,
aus: Abel Debritto, Hrsg.: Charles Bukowski: Katzen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018;
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Jan Schönherr:

Cover Abel Debritto, Hrsg., Charles Bukowski. Katzen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018das ist nur ein langer Ruf
aus kurzem Raum.
es erfordert keinerlei
besondere Brillanz
zu wissen, dass
wir wieder mal auf Abwege geraten.
wir lachen immer weniger,
werden vernünftiger.
Wünschen uns nichts als
die Abwesenheit anderer.
sogar die klassische Musik
wurde zu oft gehört,
die guten Bücher sind
gelesen.
wieder kommt uns der Verdacht
wie schon am Anfang
wir seien
sonderbar, abartig, passten
hier nirgendwo hin …
während wir das schreiben
ein hässliches Brummen, etwas
landet in unserem
Haar
verheddert sich.
wir fassen hin
zupfen es frei
und es sticht uns in den Finger.
was hat dieses dahergeflogene
Nichts
denn hier zu suchen, mitten
in der Nacht?
es ist fort …

dort ist eine Schiebe-
tür aus Glas
und draußen
sitzt ein weißer Manx
mit einem schiefen Auge.
die Zunge hängt ihm seitlich
aus dem Maul.
wir schieben die Tür auf
und er huscht herein
die Vorderbeine wollen
in die eine Richtung
die Hinterbeine
in die andere.
jämmerlich gekrümmt
kommt er auf uns zu
flitzt uns die Beine rauf
und auf die Brust
legt uns die Vorderbeine
wie Arme
an die Schultern
streckt die Schnauze
dicht an unsere Nase
und blickt uns an
so gut er kann;
ebenso verdattert
blicken wir zurück.

eines Abends,
alter Junge,
irgendwann,
irgendwie.
zusammen
stecken wir hier fest.

wir lächeln wieder
so wie früher.
plötzlich springt der Manx
mit einem Satz davon und
wuselt seitwärts über den
Teppich, auf der
Jagd nach irgendwas
das keiner von uns sieht.

~~~\~~~~~~~/~~~

Charles und Linda Bukowski mit Non-Manx-Kater

Ein internationaler Dieb hat am Montag meinen LIeblingskater überfahren (den Manx). Das Vorderrad ist komplett über ihn drüber. Jetzt ist er in der Klinik. Der Arzt meint, er kann vielleicht nie wieder gehen. Lässt sich noch nicht sagen. Auf dem Röntgenbild sieht man, das Rückgrat ist im Arsch. Eine tolle Katze. Richtig Charakter. Vielleicht kann man operieren, oder ihm Räder anbauen. Auf dem Röntgenbild sieht man auch, dass irgendwer irgendwann auf ihn geschossen hat. Er hatte es nicht leicht.

~~~\~~~~~~~/~~~

Charles Bukowski mit Non-Manx-KaterDer Manx geht wieder, wenn auch etwas schief. 7 Tage war er in der Klinik. Ein Wunder, meint der Arzt, dass der Manx wieder geht. Außerdem ist er kein Manx, den Schwanz hat ihm einer abgeschnitten. Siam ist dadrin. Verdammt eigenartiges Tier, höllisch clever. Der Typ, der ihn überfahren hat, kam gestern Abend vorbei, der Manx hat ihn gesehen und flitzte sofort die Treppe rauf und oben hinter die Klotür. Er wusste, wer da am Steuer gesessen hatte.

~~~\~~~~~~~/~~~

Das ist mal ein schöner Kater. Zunge hängt raus, er schielt. Der Schwanz ist gekappt. Schön ist er, hat was im Kopf. Wir brachten ihn zum Tierarzt, zum Röntgen — ein Auto hatte ihn erwischt. Der Arzt meinte: „Diesen Kater hat man zweimal überfahren, angeschossen, ihm den Schwanz abgeschnitten.“ Ich sagte: „Dieser Kater bin ich.“ Fast totgehungert stand er vor meiner Tür. Wusste genau, wohin er muss. Wie sind beide Straßenpenner.

~~~\~~~~~~~/~~~

Der Manx stand eines Tages halbtot vor der Tür. Wir nahmen ihn auf, fütterten ihn fett, dann kam ein besoffener Freund vorbei und überfuhr ihn mit dem Auto. Ich hab’s gesehen. Der Kater sah mir dabei direkt in die Augen. Wir brachten ihn zum Tierarzt. Röntgen. In Wahrheit ist er gar kein Manx. Jemand hat ihm den Schwanz abgeschnitten, meint der Arzt. Geschossen hat man auch auf ihn, das Schrot steckt noch im Fleisch, und er kam nicht zum ersten Mal unter die Räder — verheilte Stelle am Rückgrat auf dem Röntgenbild. Ein schiefes Auge hat er auch. Wahrscheinlich wird er nie mehr laufen können, hieß es. Jetzt rennt er umher, schielend, raushängende Zunge. Ein zäher Spinner.

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Der schwanzlose, schielende Kater stand eines Tages vor der Tür, und wir ließen ihn rein. Alte rosa Augen. Was für ein Kerl. Tiere ind inspirierend. Sie können nicht lügen. Sind Naturgewalten. Vom Fernsehen werde ich nach fünf Minuten krank, ein Tier kann ich stundenlang betrachten und sehe nichts als Pracht und Anmut, das Leben, wie es sein sollte.

~~~\~~~~~~~/~~~

geschichte eines zähen Motherfuckers

eines Abends stand er vor der Tür, nass, dürr,
geprügelt und
verängstigt.
ein weißer, schiefäugiger Kater ohne Schwanz
ich ließ ihn rein, gab ihm zu fressen und er blieb,
fasste Vertrauen, bis ein Freund in die Einfahrt
bog und ihn überfuhr.
was übrig blieb, trug ich zum Tierarzt, und der
meinte: „sieht nicht gut aus … Vielleicht mit
diesen Pillen … das Rückgrat ist gebrochen,
nicht zum ersten Mal, aber damals irgendwie
geheilt, wenn er überlebt, kann er nie wieder
laufen, hier, die Röntgenbilder, jemand hat auf ihn
geschossen, das Schrot steckt noch im Fleisch …
und er hatte einen Schwanz, den hat ihm einer
abgeschnitten …“

ich brachte ihn nach Hause, es war ein heißer
Sommer, einer der heißesten seit Jahrzehnten,
ich setzte ihn im Badezimmer ab, gab ihm
Wasser und die Pillen, er wollte nicht fressen
und ließ auch das Wasser stehen, ich tauchte
den Finger ein und benetzte ihm das Maul
und sprach mit ihm, ich ging nicht aus dem
Haus, blieb viel im Badezimmer und redete ihm
zu, streichelte ihn, und er sah mich bloß mit
diesen blassen blauen schiefen Augen an, und
nach einigen Tagen rührte er sich zum ersten Mal
zog sich mit den Vorderbeinen vorwärts
(die Hinterbeine wollten einfach nicht)
er schaffte es zum Katzenklo
kletterte über den Rand hinein,
das war, als schallten die
Fanfaren möglichen Triumphs
vom Badezimmer
durch die Stadt, ich fühlte mit ihm — auch ich
war übel dran gewesen, nicht ganz so übel, aber
schlimm genug …

eines Morgens stand er auf, blieb stehen, fiel
wieder hin und
sah mich an.

„du schaffst es“, sagte ich, „du bist ein Guter …“

er versuchte es immer wieder, stand auf, fiel hin,
bis er endlich ein paar Schritte ging, torkelnd,
wie betrunken, die Hinterbeine wollten einfach
nicht, er fiel, ruhte kurz aus und rappelte sich
wieder hoch …

ihr kennt den Rest: Jetzt geht’s ihm besser
denn je, schielend, fast keine Zähne, die Anmut
ist zurück, und dieses Etwas in den Augen war
nie weg …

Charles Bukowski mit Non-Manx-Katermanchmal interviewt man mich, fragt mich
nach Leben und Literatur, und ich besaufe mich
und halte meinen schielenden angeschossenen
überfahrenen entschwanzten Kater hoch und sage
„schaut, schaut euch das an.“

aber sie verstehen nicht, sagen Dinge wie „sie
sind also beeinflusst von Céline …“

„nein.“ ich halte die Katze hoch. „von dem,
was passiert, von
so was wie dem hier, dem hier, dem hier! …“

ich schwenke den Kater hin und her, halte ihn ins
verrauchte, betrunkene Licht; er nimmt’s locker, er
kennt sich aus …

ungefähr da ist’s mit den meisten Interviews vorbei.
allerdings bin ich manchmal ganz schön stolz,
wenn ich sie später gedruckt sehe, und da bin ich
und da ist der Kater, wir beide, zusammen auf dem
Foto …

was das für Bullshit ist, das weiß er auch, aber
es bringt Futter in den Napf,
stimmt’s?

~~~\~~~~~~~/~~~

Charles Bukowski mit Non-Manx-Kater

eins für den alten Knaben

er war bloß ein
Kater
schielend
schmutzig weiß
mit blassen blauen Augen

ich erspare euch seine
Geschichte
nur so viel:
er hatte jede Menge Pech
und war ein guter
Kerl
und er ist gestorben
wie Menschen sterben
Elefanten sterben
Ratten sterben
Blumen sterben
wie Wasser verdunstet
und der Wind sich legt

letzten Montag hat
die Lunge schlappgemacht.

jetzt liegt er im Rosen-
garten
und in mir wurde
ein anrührender
Marsch für ihn gespielt
was sicher nicht viele
aber bestimmt manche
von euch
interessiert.

das
war’s.

Charles Bukowski mit Non-Manx-Kater

Bilder: Cover Abel Debritto, Hrsg.: Charles Bukowski: Katzen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018;
Charles und Linda Bukowski: ca. Juni 1981, via Elena Kuzmina: Charles Bukowski — On Cats, 20. April 2016
und Guillermo Galvan’s Reviews: On Cats, 18. Januar 2017.

Anrührender Marsch: 2. Satz: Marcia funebre — das bedeutet: Begräbnismarsch — (Adagio assai) aus: Beethoven: 3. Sinfonie „Eroica“, Es-Dur, opus 55, 1803,
Wiener Philharmoniker unter Leonard Bernstein im Musikverein Wien, 1978:

nichts gegen
Beethoven:

für einen Mensch
war der
nicht übel

trotzdem möchte ich
ihn
nicht auf dem Teppich haben
ein Bein über
dem Kopf und
die Zunge an
den Eiern.

Charles Bukowski: eine Katze ist eine Katze ist eine Katze ist eine Katze, a. a. O., Seite 99.

~~~\~~~~~~~/~~~

Bonus-Gedicht: Charles Bukowski: Cats and You and Me:

~~~\~~~~~~~/~~~

And all I got’s a pocketful of flowers on my grave: Tom Waits: Back In The Good Old World (Gypsy),
aus: Night on Earth, 1991 f.:

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Written by Wolf

14. Dezember 2018 um 00:01

Veröffentlicht in Novecento

Eine Antwort

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  1. Katzen von Bukowski, kannte ich noch gar nicht. Toller Beitrag!

    terencehorn

    9. Mai 2019 at 14:08


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