Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Austen Brontë Woolf

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Zur Rezeption des Häubchenfilms

Update zu Pride and Prejudice
und Schwarze Butter:

Gegen die galoppierende Verwechslungsgefahr merken wir uns: Jane Austen ist ungefähr die Muttergeneration der Brontë-Schwestern — vor allem der schreibenden Anne, Charlotte und Emily. Zwei apokryphe, die eigentlich ältesten Brontë-Schwestern Elizabeth und Mary, sind noch als Schulmädchen an Tuberkulose gestorben; vom einzigen Bruder Patrick Branwell existieren auf eine fast theoretische Weise die gesammelten Gedichte, aber die will niemand lesen, bezahlen oder gar übersetzen. Ansonsten soll Patrick recht begabt gemalt — zum Beispiel das bekannte Dreifach-Portrait 1834 seiner überlebenden und schreibenden Schwestern, aus dem er nachträglich seine eigene Person taktvoll ausradiert hat — und vor allem ein paar Yards die Hauptstraße runter in der Dorfkneipe als ländliches Original beim Porter durchaus gebildete Schoten erzählt haben.

In ihrem jugendlichen Zeitvertreib erfanden alle vier Geschwister in wechselnden kreativen Allianzen die Reiche Angria und Gondal, in Erfindungsreichtum und schierem Umfang J.R.R. Tolkiens Mittelerde oder rezenten vielbändigen Fantasy-Großtaten in nichts nachstehend. Wenn das mal komplett erschlossen, in eine stringente Ordnung gebracht und gar verfilmt werden könnte — das wäre eine literarische Sensation. Das Material wurde von vier pubertierenden Pfarrerskindern gesammelt, der Ausarbeitung stand nichts mehr Weg als das Ende der Kindlichkeit, die niederen Sachzwänge des Erwachsenenlebens und der bei der friedhofsnah und gottesfürchtig hausenden Familie allgegenwärtige Tod.

Das Alter von vierzig Jahren hat überhaupt nur Schwester Charlotte erreicht, die außerdem als einzige nicht als Jungfrau ins Grab sank: Ein Kumpel ihres Vaters hat sich ihrer mit 39 erbarmt, aber damit nicht eine schließlich doch noch geoutete Bestseller-Autorin geheiratet, sondern seine örtliche Pfarrerstochter mit einer Gouvernantenausbildung aus dem kontinentalen Belgien, die seit über einem Jahrzehnt als sitzengeblieben galt.

Alle anderen welkten pünktlich kurz vor ihren Dreißigsten wie die kindlich vorausgestorbenen Elizabeth und Mary ab, denn es herrschte ein hässlich feuchtes, der Lunge junger Mädchen (und Patricks) unzuträgliches Hochmoorklima im Pfarrhaus mit Fensterfront auf den Friedhof zu Haworth in West Yorkshire. Vater Brontë überlebte alle, trotz seiner sechs Kinder der letzte Spross seines Stammes.

Mit Jane Austen, ebenfalls ledigerweise nur 42 geworden, verbindet diese glücklose Familie ein angenehm überschaubares Gesamtwerk, das jeweils in einen einzigen, dann aber geradezu waffentauglichen Band passt, sowie dessen vollständige und sogar mehrfache Verfilmung, für die man sich nicht allzusehr genieren muss, wenn man sie ab und zu binge-watcht. Austen- und Brontë-Filme machen Spaß, sogar noch die richtig miesen, und man verschafft sich dabei das nützliche Gefühl, man habe wenigstens versucht, einen ihrer Handlungsverläufe nachzuvollziehen.

Viel mehr Schreiberinnen solcher Filmvorlagen sind nicht bekannt. Man kann allenfalls Elizabeth Gaskell, persönliche Freundin und erste Biographin von Charlotte Brontë, und ein paar obskure Georgianerinnen dazuzählen, vorneweg George Eliot, die bürgerliche Mary Anne Evans mit dem vermännlichten Pseudonym: Mit dem Schreibhandwerk etwas fürs Herrenhaus dazuverdienen war erst als Viktorianerin nichts Ehrenrühriges mehr. An diesem Material kann man nun entweder bemängeln oder liebenswert finden, dass immer wieder nur das verfilmt werden kann, was einmal vorhanden ist. Ich finde es sogar bereichernd, in die Tiefe statt in die Breite zu konsumieren — oder finden Sie mal raus, auf welche Verfilmung von Wuthering Heights hin Kate Bush 1978 zu ihrem überkandidelten Ausdruckstanz gejodelt hat.*

Die Wölfin nennt dieses rundum erfreuliche Genre, das filmisch Historical period drama heißt, etwas herablassend, aber sehr treffend „Häubchenfilme“ und kapriziert sich lieber auf Schwedenkrimis, die gar nicht trostlos genug verlaufen und ausgehen können. Recht hat sie damit, dass Jane Austen auf einer Seitenzahl, in der man getrost eine ausgewachsene Romanhandlung unterbringen könnte, gerade einmal das Setting schafft, und wenn’s endlich losgehen könnte, sind alle schon verheiratet. Tot oder glücklich wären sie erst bei Charles Dickens, aber dazu brauchte es historisch noch die Zwischengeneration der Brontinnen — wie ja die Brontës insgesamt so eine Art Charles Dickens für Mädchen sind, was spätestens dann auffällt, wenn John Irving in Gottes Werk und Teufels Beitrag den Waisenkinderlein im Wechsel David Copperfield und Jane Eyre vorlesen lässt.

In mancher Hinsicht sind solche Häubchenfilme eine Art weiblich gelesenes Pendant zum betont männlichen Genre des Western-Films: Auf den ersten Blick an einem einzigen Szenenbild erkennbar, sind sie so stereotyp und so vielfältig, wie dramaturgischer Sachverstand darein gesetzt wurde, und sie leben wesentlich vom Aufwand an Ausstattung und einer angenommenen Nähe zu historischer Zeit und Ort. Mit dem Unterschied: Nicht jugendfreie Western sind weiterhin Western, meistens der Italo-Ausrichtung, Häubchenfilme sind gewöhnlich recht harmlos für jugendliche Seelen; ihre Porno-Varianten sind weder historical noch period, sondern eben Pornos. Sagen wir, Häubchenfilme sind Western für Mädchen. Für kleine und große. Aller Geschlechter.

Wer genug Häubchenfilme auf Handlungsdichte und Figurenführung durchgeschaut hat, merkt dann schon, welchen Satz nach vorn die Auffassung von Suspense in dieser entscheidenden Generation vollführt hat: Die Austen stickt noch Bildchen auf Sofakissen, die Brontës spulen schon Filme ab. Es kann auch, wenn man an dergleichen glaubt, an der Geographie liegen: Die Austen erzählt über die englische Südküste, wo am Golfstrom die ersten Palmen gedeihen, die Brontës kauzen über die knorrige Gegend an der Grenze zu Schottland herum. Und Dickens, wieder eine Generation später und von der Weltstadt London aus wirksam, konnte dramaturgisch und PR-technisch sowieso alles.

Weiterhin verbindet Jane Austen und die drei literarisch hervorgetretenen Schwestern Brontë, dass sie im derzeitigen deutschen Buchhandel in mehreren qualitativ unterschiedlichen Gesamtausgaben stattfinden. Das reicht von den besten, natürlich wie immer beim Insel-Verlag, der für solche Gestalten ja halboffiziell zuständig ist, bis hin zu Volltextabdrucken in lustigen Eindeutschungsversuchen auf einer Art saugfähigem Küchenpapier — natürlich wie immer bei ganz und gar unnötigen Verlagen, die nur deswegen Verlage sind, weil ein studierter Controller gehört hat, dass man in manchen Weltgegenden für ein Nichts saugfähiges Küchenpapier volldrucken und in Deutschland preisgebunden verkaufen kann. Beider — oder genauer: vierer — Gesamtausgaben sind in schmucken Sammelkästen erhältlich, weil man mit den einbändigen Ausgaben beim Lesen im Bett Gefahr läuft, sich beim Wegdösen das Nasenbein zu brechen.

So eine Schmucksammlung wünsche ich mir endlich aus einer bis drei weiteren Generationen später: von Virginia Woolf, über deren Orlando in der jüngsten Übersetzung von Melanie Walz man ja Wunderdinge hört. Der ist von 1928 im Eigenverlag einer starken Frau erschienen, da wurden die englischen Könige schon fotografiert statt gemalt, die Engländerinnen wurden zu politischen Wahlen zugelassen und die Häubchen fallen nicht mehr als Stigma unterdrückten Heiratsfutters auf; das ist dann vielleicht sogar für die Wölfin zeitgemäß genug. Und verfilmt ist der — wenn schon, dann richtig — mit Tilda Swinton.

Filmtipps: Der eine Häubchenfilm, der wirklich richtig was taugt, ist Sinn und Sinnlichkeit, das ist: Sense and Sensibility nach Jane Austen — und zwar der von 1995, mit Emma Thompson als Hauptrolle und dem völlig berechtigten Oscar fürs adaptierte Drehbuch 1996, Kate Winslet in der anderen Hauptrolle, einem gewohnt doofen, aber gut gelaunten Hugh Grant, dem sowieso immer lohnenden Alan Rickman und ein paar einnehmend grantigen Kurzauftritten von Hugh Laurie in seiner Jungform, als er noch Musiker war und lange nicht ahnte, was als „Dr. House“ mal aus ihm werden könnte.

Nummer 2 bleibt bis auf weiteres die Austen-Verfilmung, die einem seit 2005 immer als erstes einfällt, wenn von Austen-Verfilmungen die Rede ist: Stolz und Vorurteil, das ist: Pride & Prejudice, in dem sich jeder Mensch mit einem Herzen in der Brust endgültig in Keira Knightley verlieben musste, während er noch überlegt hat, was genau die kleinen und großen Mädchen aller Geschlechter seit Jahrhunderten an diesem Miesnickel von Mr. Darcy finden — und wieder mit Drehbuchbeteiligung seitens Emma Thompson (Schlüsselszene mit Keira Knightley barfuß).

Fachliteratur:

Bild: Helena Kelly: Jane Austen, Secret Radical, via Jane Austen Centre, Bath, 5. Juni 2018.

*Auflösung des Filmrätsels: Kate Bush ließ sich von den letzten ungefähr zehn Minuten der Verfilmung von Wuthering Heights von 1970 mit Timothy Dalton zu ihrem gleichnamigen Best- und Longseller hinreißen. Kate Bush im Interview mit Doug Pringle für Profiles in Rock, Dezember 1980, dingfest gemacht in deren eigenen Anmerkungen:

Well that was based around the story Wuthering Heights, which was written by Emily Bronte. And ah, and really what sparked that off was a TV thing I saw as a young child. [Apparently the timothy dalton telefilm of about 1972] I just walked into the room and caught the end of this program. And I am sure one of the reasons it stuck so heavily in my mind was because of the spirit of Cathy, and as a child I was called Cathy. It later changed to Kate. It was just a matter of exaggerating all my bad areas, because she’s a really vile person, she’s just so headstrong and passionate and … crazy, you know? And it was fun to do, and it took — a night and a half?

Diese spezielle Verfilmung handelt „nur“ die ersten 16 Kapitel der Buchvorlage ab, Frau Bushs Inspiration leitet sich also vom Showdown in den Klippen her, der mitnichten das Ende der Romanhandlung darstellt. Was Häubchenfilme angeht, ein eher schroffes Exemplar:

Soundtrack:, weil das oben ewähnte exaltierte Gehampel von Kate Bush — das unbenommen seine eigene Größe hat — erst kürzlich dran war: die dokumentarisch schätzbare — um nicht zu sagen: unschätzbare — „only known surviving recording of Virginia Woolf’s voice“:
Judith Kelly/Anita Gatehouse: Rare Virginia Woolf Singing Video, 6. April 2102:

Und weil’s ganz ohne eben doch nicht geht, nach der dran gewesenen Red Dress Version noch die White Dress Version von Kate Bush: Wuthering Heights, aus: The Kick Inside, 1978 — die sogar als erste Version gilt und auch nicht weniger überdreht daherkommt:

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Written by Wolf

26. Oktober 2018 um 00:01

Veröffentlicht in Romantik, Weisheit & Sophisterei

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