Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

So habt ihr nie den Mond bedacht

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Update zu Drum dein Stimmlein lass erschallen:

Ich erinnere mich an eine Nacht auf dem Balkon der Wölfin, katzenfreundlich im Erdgeschoss ihrer letzten eigenen Wohnung in Nürnberg-Zerzabelshof. An dem Tag hatte ich die Complete Poems 1904–1962 von E. E. Cummings gekauft, und damals war sie noch gelegentlich interessiert an dem Bücherkram, den ich bis heute nicht müde werde anzuschleppen.

Über dem Beaufsichtigen der freundlichen Katzen beim Auf- und Abhüpfen nach beiden Seiten des Balkongeländers und dem Konsum leichter legaler Drogen war die Sommernacht unversehens so weit fortgeschritten, dass man den verwzickten typographischen Grashüpfersprüngen des verstorbenen Herrn Cummings kaum mehr folgen konnte, nur beim Schein einer Duftpetroleumlampe und des Mondes.

Rafal Olbinski, Dimension of Time, 2001„Das kann man alles gar nicht laut lesen“, maulte die Wölfin.

„Kann man schon …“ verteidigte ich meine 30 D-Mark Auslandsbestellung über eine bedeutende (und mittlerweile erloschene) Erlanger Universitätsbuchhandlung.

„Alles kann man. Ist aber witzlos.“

„Hast du grade Cummings und witzlos im selben Satz untergebracht?“

„Hast du so was gehört?“

„Nein, das kann man auch gar nicht laut sagen.“

„Kann man schon …“

„Ist aber witzlos.“

„Hat der Kerl keine Mondgedichte?“

„Mo … Mondgedichte?“

„Alle toten Dichter haben Mondgedichte. Füllest wieder Busch und Tal und alles.“

Ein Mondgedicht von E. E. Cummings, was denn nicht noch alles. Ich rückte mir die Petroleumlampe, das Bier und den Tabak näher und blätterte um mein Leben.

Ein Insider-Späßchen ist seither unter uns geblieben, beim Anblick zumal des vollen Mondes das bekannteste — es ist schon auch das raffinierteste — Cummings-Gedicht mit „r-p-o-p-h-e-s-s-a-g-r“ oder noch durchtriebener deutsch: „r-h-ü-p-f-e-s-s-a-g-r“ zu zitieren, so mondfrei sommertäglich der Gang der Handlung auch daherkommen mag. Für den hiesigen Gebrauch sei gesagt: Wer Mondgedichte von E. E. Cummings sucht, kann welche finden. Wer nicht zufällig am Vortag dessen sämtliche Gedichte angeschafft hat und jetzt seine nachmalige Ehefrau mit Mondgedichten beeindrucken muss, wende sich vorerst ans Goethezeitportal:

[Es] gibt ein Motivvokabular der „Mondscheingemälde“, das Ruinen, bemooste Trümmer, Wald, Gewässer und Felsenklüfte umfasst. Als „Gefährte der Nacht“ ist der Mond ein „Gedankenfreund“: er regt die Fantasie an, verzaubert die Welt und ruft Erinnerungen und Traumgestalten auf. Dem Einsamen ermöglicht er ein „wollustvolles“ Gedenken an liebe Verlorene oder Tote, den Beladenen tröstet er und wiegt ihn in „sanften Schlummer“. Der Mond ist aber auch ein „Kinderfreund“. Vor allem aber ist er „ein Kuppler ohne gleichen“, der „Liebeshehlerei geheimer Liebsgeschichtchen“ treibt, denn er hilft den Liebenden in der Nacht, indem er ihnen zum Stelldichein leuchtet, oder, falls Liebeskosen unbeobachtet sein will, sich hinter Wolken verbirgt. Hier vor allem setzen die Parodien an, die es gleichfalls seit dem späten 18. Jahrhundert gibt. Von den wiedergegebenen 17 Gedichten verspotten den Mondkult Aloys Blumauer („An den Mond“) und Lenau („Hypochonders Mondlied“).

Bis wir uns an Cummings trauen, schauen wir einstweilen nach, wer da wen verspottet. Das waren nämlich gerade die zwei besten Gedichte aus der Sammlung:

——— Johann Aloys Blumauer:

An den Mond

Herr Mond, von mir erwart‘ er nicht,
     Daß ich nach Dichterweise
Nun auch sein Alletagsgesicht
     Aus vollen Backen preise.
Ich habe lang ihn observirt,
Und wahrlich wenig ausgespürt,
     Was ihm gedieh‘ zur Ehre,
     Und lobenswürdig wäre.

Da pflegt er, wie ein kleines Kind,
     Mit seinem Licht zu prahlen;
Allein, man weiß ja wohl, es sind
     Nur seines Weibes Strahlen.
Wär‘ nicht sein Weib, es ging ihm dann
Gewiß wie manchem Ehemann,
     Den Niemand regardirte,
     Wenn nicht sein Weib brillirte.

Vicente Romero RedondoUnd glaub‘ er ja nicht, daß dies Licht
     Ihn so besonders kleide;
Er hat darin ein bleich‘ Gesicht,
     Als wär’s gemalt mit Kreide,
Und gleichet dann bald einem Stier,
Bald einem Becken vom Barbier,
     Und wird er voll und heller,
     Gar einem Suppenteller.

Mit seinem Weib führt er von je
     Ein skandalöses Leben;
Kann man den Männern in der Eh‘
     Ein schlechter Beispiel geben?
Kaum kömmt Madam nach Haus, so rennt
Er fort, und geht am Firmament
     Die ganze Nacht spazieren,
     Um sie nicht zu geniren.

Kein Hahnrei noch auf Erden war
     So ein publiker Lappe.
Oft steckt er seinen Hauptschmuck zwar
     In eine Nebelkappe;
Allein vergißt er die zu Haus,
So geht er auch mit Hörnern aus,
     Daß manchen, die ihn sehen,
     Die Augen drob vergehen.

Und macht Madam ihm dann und wann
     Zu Haus zu viele Schwänke,
So geht er, wie so mancher Mann,
     In der Frau Thetis Schenke,
Ersäuft im Meere seinen Groll,
Und kömmt nicht selten toll und voll
     Zurück vom vollen Glase
     Mit einer Kupfernase.

Bei all‘ dem Hauskreuz sucht er doch
     Stets Herzen zu erweichen,
Und ist nebst allem diesem noch
     Ein Kuppler ohne gleichen;
Er hält dem liebenden Gezücht
Bei dunkler Nacht so lang das Licht,
     Bis oft die guten Lappen
     Aus Inbrunst sich verschnappen.

Und dieser Liebeshehlerei
     Geheimer Liebsgeschichtchen
Verdankt er manche Reimerei
     Und manches Lobgedichtchen;
Allein bei mir trägt’s ihm nichts ein;
Denn auch ohn‘ allen Hörnerschein
     Verstehen uns’re Schönen
     Sich gut genug auf’s Krönen.

~~~\~~~~~~~/~~~

——— Nikolaus Lenau:

Hypochonders Mondlied

Singt ihr in eurem Freudenliede:
Der heitre Mond am Himmel lacht,
Und ihm entstrahlt ein süßer Friede –
So habt ihr nie den Mond bedacht.

Seht ihr ihn dort herüberschweben,
Bleich, ohne Wasser, ohne Luft,
Er zieht mit ausgestorbnem Leben,
Ein Totengräber samt der Gruft.

Dort dringt der Mond mit seinem Schimmer
Still dem Nachtwandler ins Gemach
Und winkt und lockt aus Bett und Zimmer,
Der Schläfer folgt ihm auf das Dach

Und huscht, geschloßner Augenlider,
Hin, her, des Daches steilsten Bug,
Als hielte geistiges Gefieder
Enthoben ihn dem Erdenzug.

Edward Burne-Jones, Cupid Flying away from Psyche, 1872–81Der Mond zieht traurig durch die Sphären,
Denn all die Seinen ruhn im Grab;
Drum wischt er sich die hellen Zähren
Bei Nacht an unsern Blumen ab.

Darum durchschleicht er Fenster, Türen,
Auf Diebessohlen leis und lind,
Der Erde heimlich zu entführen
Im Schlafe dies und jenes Kind.

Den Schläfern um den Leib zu schlingen
Sucht er sein feines Silbernetz
Und sie zu sich hinaufzuschwingen;
Doch seine Fäden reißen stets.

Und ewig wird es ihm mißglücken,
Zu stehlen sich ein Spielgesind,
In seine Wüste zu entrücken
Ein lebenswarmes Erdenkind.

Der Mond wohl auch die Schlummerlosen
Der Erde zu entlocken sucht;
Er will mit schwärmerischem Kosen
Bereden sie zu früher Flucht.

Oft wenn ich ging durch Wald und Wiesen,
Log mir der Mondenschein so lang,
Ich sei auf Erden nur verwiesen,
Bis ich hinweg mich sehnte bang.

Weil er uns nicht vermag zu stehlen,
Nicht wachend, nicht in Schlafesruh,
Schickt er mit Blicken, stieren, scheelen,
Der Erde Todeswünsche zu.

Als Knabe schon konnt ich nicht schauen
Zum stillen, blassen Mond empor,
Daß nicht ein wunderliches Grauen
Mir heimlich das Gebein durchfror.

Nirgends, auf Wald und Feld und Straßen,
Frohlockt so hell des Mondes Licht,
Wie auf dem Kirchhof, wo verlassen
Ein armes Herz vor Leide bricht.

Ja, Gräber sind für ihn die Stelle,
Und an Ruinen Dorngesträuch;
Doch vor des Mondes schlimmer Helle
Bewahrt das Brautbett, rat ich euch.

Laßt ihr den Mond ins Brautbett scheinen,
Ist euer künftig Kind bedroht,
Denn viele Stunden wird es weinen,
Und wünschen wird es sich den Tod.

Wenn Schiffer nachts das Meer befahren,
Umhüllen sie das Haupt genau,
Denn spielt der Mond mit ihren Haaren,
So färbt er sie frühzeitig grau.

Und bei Banditen geht die Kunde:
Ein Dolch, gewetzt im Mondenschein,
Sticht eine ewig stumme Wunde,
Trifft mittendurch ins Herz hinein.

Und jene grausen alten Weiber,
Die man nicht gern genauer nennt,
Weil ihnen sonst die dürren Leiber
Das tolle Volk zu Asche brennt;

(– Wenn auch von Ärzten, Philosophen,
Ein volkverwirrendes Komplott
Sie Hexen nennt und Teufelszofen,
Der aufgeklärten Zeit zum Spott –)

Tsuyoshi Nagano, Power of the Witch: The Earth, the Moon, and the Magical Path to Enlightenment, 1990Die ziehn auf mondbestrahlten Heiden
Und pflücken murmelnd Gras und Kraut,
Woraus zu manchen Zauberleiden
Manch böses Tränklein wird gebraut.

Bergjäger, der kein Raubschütz, meidet
Den Mond; ein Wild, im Mondenstrahl
Geschossen oder ausgeweidet,
Verwest so frühe noch einmal.

Und eine Tann im Wald geschlagen,
Wenn hell der Mond am Himmel blinkt,
Als Mastbaum in das Meer getragen,
Zerbricht der Sturm – das Schiff versinkt.

Tief in den höchsten Steyrerfelsen
Kenn ich ein Dörflein, wo man meint:
Der Mond wird schuld an dicken Hälsen,
Wenn er in einen Brunnen scheint.

Dort meint man auch, wenn Mondsgefunkel
Die Spinnerin am Rad umspinnt
Und widerglänzt von ihrer Kunkel,
Daß sie ein Leichenhemd gewinnt. – –

Weil mich der Mond, ins Zimmer glotzend,
Nicht schlafen ließ in dieser Nacht,
Hab ich Poet, hinwieder trotzend,
Dies Lied zum Schimpf auf ihn gemacht.

Noch wüßt ich viel von ihm zu melden,
Doch seh ich dort im Untergang
Hinunterducken meinen Helden,
Bevor ich noch das Schlimmste sang.

Es ist dann auf die eine oder andere Art noch eine lange Nacht geworden.

Bilder:

  1. Rafal Olbinski: Dimension of Time, 2001;
  2. Vicente Romero Redondo;
  3. Sir Edward Burne-Jones: Palace Green Murals of Cupid and Psyche – Cupid Flying away from Psyche, 1872–81. Oil on canvas, Birmingham Museum and Art Gallery, UK. From the series of twelve panels, based on The Story of Cupid and Psyche from William Morris’s epic poem The Earthly Paradise, commissioned by the 9th Earl of Carlisle for his newly-built home in No 1 Palace Green, Kensington;
  4. Tsuyoshi Nagano für Laurie Cabot: Power of the Witch: The Earth, the Moon, and the Magical Path to Enlightenment, 1990:

    Some would say that in these moments of ecstasy we actually stand outside ourselves, and the God and Goddess within us become brighter, more powerful, and we touch the All.

Soundtrack für den Cummings-Teil: Pierre Boulez: Cummings ist der Dichter
für 16 Solostimmen oder gemischten Chor und Instrumente, 1970, Neufassung 1986,
Ensemble intercontemporain unter George Benjamin, 29. Januar 2013:

Soundtrack für den Mondteil: Juliane Werding: Stimmen im Wind, aus: Sehnsucht ist unheilbar, 1986. Der Text geht wie so ziemlich alle bekannteren Schlager aus jener Zeit auf Michael Kunze, die Musik — einschließlich des nicht weniger denn genial zu heißenden Halbtonintervalls auf die Silben von „Suzanne“ — ausnahmsweise nicht auf Ralph Siegel, sondern Harald Steinhauer. Das Video ist nicht etwa aus Copyright-Gründen gespiegelt, sondern mit den zwei verdienten Studiogitarristen Ludwig Stiefel und Georg Bär, beide Linkshänder. Also, ich finde dergleichen wichtig:

Soundtrack für alle der Vollständigkeit halber, weil’s schon wurscht ist:
Mike Oldfield featuring Maggie Reilly: Moonlight Shadow, aus: Crises, 1983:

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Written by Wolf

12. Oktober 2018 um 00:01

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