Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

The Art of Asking vs. was man bei manchen jungen Leuten ein insinuantes Wesen nennt

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I think when we really see each other, we want to help each other.

Amanda Palmer, a. a. O.

Mit seinem populären Kreuzworträtsel-Halbwissen verortet man den Anfang der Psychologie allzugern bei Sigmund Freud. Am Anton Reiser bleibt der Untertitel Ein psychologischer Roman über seine vier Bände hinweg nicht das einzige Frappante.

Karl Friedrich Klischnig für Karl Philipp Moritz via Münchner Digitalisierungszentrum, Digitale BobliothekWie aktuell des Knaben Reisers Seelennöte geblieben sind, zeigt das erste Fachbuch darüber, das erst im November 2014 eine Musikerin vorlegen musste: Amanda Palmer: The Art of Asking: How I Learned to Stop Worrying and Let People Help, Grand Central Publishing, New York City; deutsch: The Art of Asking: Wie ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und lernte, mir helfen zu lassen, Eichborn, Frankurt, September 2015.

Selbst darin bieten sich die Problemlösungen auf autobiographischen Umwegen, es soll aber trotz — oder wegen — all seiner Subjektivität in hohem Grade hilfreich sein. Anekdotischer Beweis: Seit Neil Gaiman mit Amanda Palmer verheiratet ist, haut er ein erfolgreiches Großprojekt nach dem anderen raus und wird oft im selben Satz mit dem Wort „Nobelpreis“ erwähnt. Da sollte es uns, die wir für ihre Bücher Geld löhnen sollen, allemal für unseren bescheidenen Alltag reichen.

Moritz‘ Problemschilderung ist gemeinfrei.

Der in Anton Reisers Pflegefamilie verwendete „Benjamin Schmolke“ schreibt sich gelegentlich auch Benjamin Schmolck und ist der pietistische Pfarrer mit zahlreichen geistlichen Liedern und Erbauungsschriften wie Der Lustige Sabbath/ Jn der Stille Zu Zion Mit Heiligen Liedern gefeyert/ Nebst einem Anhange Täglicher Morgen- und Abend- Kirch- Beicht- Buß- und Abendmahls-Andachten, Liebig, Reimann, Jauer, Schweidnitz 1712, oder Das Saiten-Spiel des Hertzens, Am Tage des Herrn, Oder Sonn- und Fest-tägliche Cantaten : Nebst einigen andern Liedern, Breßlau/Liegnitz 1720. Bei Moritz sind vermutlich Benjamin Schmolckens Gott-geheiligte Morgen- und Abend-Andachten in Bitte, Gebet, Fürbitte, und Dancksagung, nebst etlichen Liedern auf Begehren guter Freunde also ausgefertiget, durch Friederich Roth-Scholzen, Siles., Nürnberg und Altdorff, bey Johann Daniel Taubers, seel. Erben, 1720 u. ö. gemeint.

——— Karl Philipp Moritz:

Anton Reiser.

Ein psychologischer Roman.

Zweiter Theil. Friedrich Maurer, Berlin 1786,
cit. via Bibliotheca Augustana nach:

Karl Phillip Moritz, Anton Reiser, Ein psychologischer Roman (Karl Philipp Moritz, Die Schriften in 30 Bänden, hg. v. Petra Nettelbeck-Uwe Nettelbeck, Nördlingen 1987) nach der digitalen Ausgabe der Akademie der Wissenschaften in Göttingen (DWB-Thesaurus), die leider im Netz nicht mehr verfügbar ist.

Amanda Palmer via Connie Dee, Amanda Fucking Palmer, Pinterest, 2014Seine Eltern reißten nun auch weg, und er zog mit seinen wenigen Habseeligkeiten bei dem Hauboisten F… ein, dessen Frau insbesondre sich schon von seiner Kindheit an, seiner mit angenommen hatte. — Es herrschte bei diesen Leuten, die keine Kinder hatten, die größte Ordnung in der Einrichtung ihrer Lebensart, welche vielleicht nur irgendwo statt finden kann. Da war nichts, keine Bürste und keine Scheere, was nicht seit Jahren seinen bestimmten angewiesenen Platz gehabt hätte. Da war kein Morgen, der anbrach, wo nicht um acht Uhr Kaffee getrunken, und um neun Uhr der Morgenseegen gelesen worden wäre, welches allemal knieend geschahe, indes die Frau F… aus dem Benjamin Schmolke vorlaß, wobei denn Reiser auch mit knieen mußte. Des Abends nach neun Uhr wurde auf eben die Art indem jeder vor seinem Stuhle kniete, auch der Abendseegen aus dem Schmolke gelesen, und dann zu Bette gegangen. Dies war die unverbrüchliche Ordnung welche von diesen Leuten schon seit beinahe zwanzig Jahren, wo sie auch beständig auf derselben Stube gewohnt hatten, war beobachtet worden. Und sie waren gewiß dabei sehr glücklich, aber sie durften auch schlechterdings durch nichts darin gestört werden, wenn nicht zugleich ihre innre Zufriedenheit, die gröstentheils auf diese unverbrüchliche Ordnung gebaut war, mit darunter leiden sollte. Dieß hatten sie nicht recht erwogen, da sie sich entschlossen, ihre Stubengesellschaft mit jemanden zu vermehren, der sich unmöglich auf einmal in ihre seit zwanzig Jahren etablirte Ordnung, die ihnen schon zur andern Natur geworden war, gänzlich fügen konnte.

Es konnte also nicht fehlen, daß es ihnen bald zu gereuen anfieng, daß sie sich selbst eine Last aufgebürdet hatten, die ihnen schwerer wurde, als sie glaubten. Weil sie nur eine Stube und eine Kammer hatten, so mußte Reiser in der Wohnstube schlafen, welches ihnen nun alle Morgen, so oft sie herein traten, einen unvermutheten Anblick von Unordnung machte, dessen sie nicht gewohnt waren, und der sie wirklich in ihrer Zufriedenheit störte. — Anton merkte dieß bald, und der Gedanke, lästig zu seyn, war ihm so ängstigend und peinlich, daß er sich oft kaum zu husten getrauete, wenn er an den Blicken seiner Wohlthäter sahe, daß er ihnen im Grunde zur Last war. — Denn er mußte doch seine wenigen Sachen nun irgendwo hinlegen, und wo er sie hinlegte, da störten sie gewissermaßen die Ordnung, weil jeder Fleck hier nun schon einmal bestimmt war. — Und doch war es ihm nun unmöglich, sich aus dieser peinlichen Lage wieder herauszuwickeln. — Dieß alles zusammengenommen versetzte ihn oft Stundenlang in eine unbeschreibliche Wehmuth, die er sich damals selber nicht zu erklären wußte, und sie anfänglich bloß der Ungewohnheit seines neuen Aufenthaltes zuschrieb.

Amanda Palmer via Connie Dee, Amanda Fucking Palmer, Pinterest, 2014Allein es war nichts als der demüthigende Gedanke des Lästigseyns, der ihn so danieder druckte. Hatte er gleich bei seinen Eltern, und bei dem Hutmacher L… auch nicht viel Freude gehabt, so hatte er doch ein gewisses Recht da zu seyn. Bei jenen, weil es seine Eltern waren, und bei diesem, weil er arbeitete. — Hier aber war der Stuhl worauf er saß eine Wohlthat. — Möchten dieß doch alle diejenigen erwägen, welche irgend jemanden Wohlthaten erzeigen wollen, und sich vorher recht prüfen, ob sie sich auch so dabei nehmen werden, daß ihre gutgemeinte Entschließung dem Bedürftigen nie zur Quaal gereiche.

Das Jahr, welches Reiser in dieser Lage zubrachte, war, obgleich jeder ihn glücklich prieß, in einzelnen Stunden und Augenblicken, eines der qualvollsten seines Lebens.

Reiser hätte sich vielleicht seinen Zustand angenehmer machen können, hätte er des nur gehabt, was man bei manchen jungen Leuten ein insinuantes Wesen nennt. Allein zu einem solchen insinuanten Wesen gehört ein gewisses Selbstzutrauen, das ihm von Kindheit auf war benommen worden; um sich gefällig zu machen, muß man vorher den Gedanken haben, daß man auch gefallen könne. — Reisers Selbstzutrauen mußte erst durch zuvorkommende Güte geweckt werden, ehe er es wagte, sich beliebt zu machen. — Und wo er nur einen Schein von Unzufriedenheit andrer mit ihm bemerkte, da war er sehr geneigt, an der Möglichkeit zu verzweifeln, jemals ein Gegenstand ihrer Liebe oder ihrer Achtung zu werden. Darum gehörte gewiß ein großer Grad von Anstrengung bei ihm dazu, sich selber Personen als einen Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit vorzustellen, von denen er noch nicht wußte, wie sie seine Zudringlichkeit aufnehmen würden.

Dass ich mich darüber so komparativ ausbreite, könnte dem aufmerksamen Leser sagen, dass ich selber ein Problem damit hab, und damit hätte der aufmerksame Leser recht: Auch mir ist Geben seliger denn Nehmen. Lieber mit Hurra Arm und Haxen brechen als einmal mit ausgewichenem Blick verhuscht „danke“ murmeln müssen; nur „bitte“ ist schlimmer. Meine künftige Pflegekraft, die noch innerhalb dieser Generation ihre Ausbildung abschließen müsste, beneide ich nicht. Wenn ich mal regelmäßiger auf Hilfe angewiesen bin als „Kann ich mal das Salz haben — bitte?“, Gnade allen Beteiligten Gott.

Amanda Palmer reading live on stage The Art of Asking, Facebook, 8. April 2015

Bilder: Karl Friedrich Klischnig für Karl Philipp Moritz
via Münchner Digitalisierungszentrum, Digitale Bibliothek;
Amanda Palmer von hinten: via Connie Dee: Amanda Fucking Palmer, 2014;
Amanda Palmer von vorn: via From the inside cover of The Art of Asking
und reading live on stage The Art of Asking, 8. April 2015.

Soundtrack: Amanda Palmer: Ich bau dir ein Schloss,
live beim Wiener Standard Player, 5. November 2016,
ohne die anerkannte Schnulze von Heintje 1967 als minderwertig zu denunzieren:

Written by Wolf

28. September 2018 um 00:01

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