Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Und Beethoven so: WTF??!!! (Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen)

with 2 comments

Update zu Leise retardierende, ungläubig fragende Zurücknahme der Meldung
und Nun könnte ich nach Hause gehen: Hoffmanns Bamberger Wirklichkeit
und verschollene Klaviersonaten
:

——— Goethe:

Lesebuch

aus: Uschk Nameh — Buch der Liebe, West-östlicher Divan, 1819 ff.:

Seite aus Beethovens Handexemplar von Goethes West-östlichem Divan mit eigenhändigen AnstreichungenWunderlichstes Buch der Bücher
Ist das Buch der Liebe;
Aufmerksam hab‘ ich’s gelesen:
Wenig Blätter Freuden,
Ganze Hefte Leiden,
Einen Abschnitt macht die Trennung.
Wiedersehn! ein klein Capitel
Fragmentarisch. Bände Kummers
Mit Erklärungen verlängert,
Endlos, ohne Maß.
O! Nisami! – doch am Ende
Hast den rechten Weg gefunden;
Unauflösliches wer löst es?
Liebende sich wieder findend.

Gustav Seibt, der bei der Süddeutschen Zeitung für den angestaubten Goethekram zuständig ist und dessen Schaffen als Historiker, Literaturkritiker, Essayist und Journalist quasi ein einziges Habe-nun-Ach darstellt, hatte unlängst, am 10. März, Geburtstag, wie man in Facebook, dem sozialen Medium für angestaubte Sozialmediävisten, bemerken konnte, sofern man dort mit ihm „befreundet“ ist.

Als Geschenk erhielt er — wünschen wir ihm, nicht als einziges — eine „Seite aus Beethovens Handexemplar von Goethes West-östlichem Divan mit eigenhändigen Anstreichungen“ und bemerkte dazu am folgenden 11. d. M.:

Interessant, dass Beethoven als Wiener nicht die kostbare Antiqua-Ausgabe verwendet, auf die Goethe so viel Mühe verwandte, sondern den billigen Frakturnachdruck des Hauses Armbruster. Urheberrecht! Die Antiqua-Erstausgabe war noch um 1910 lieferbar – nicht ausverkauft. Wie damals Hofmannsthal bekannt machte, was zum raschen Ausverkauf führte. So viel zu Popularität des späten Goethe.

Das extemporiert der Mann einfach so, als Dankeschön für ein digitales Geburtstagsgeschenk. Wer das kann, ist meiner Bewunderung auf ewig sicher (und darf sich soviel Schokolade davon kaufen, wie er kriegen kann). — Schauen wir für unseren Laiengebrauch einmal die Fakten nach.

Die „kostbare Antiqua-Ausgabe„, auf der Goethes herausgeberische Hand offenbar höchstselbst ruhte, stammt von 1819, dem Jahr, das überall als Ersterscheinung seines Divans angegegen wird, in seinem Stammverlag J. G. Cotta in Stuttgart; der „Frakturnachdruck des Hauses Armbruster“ schon 1820 in Beethovens Wien.

Beethoven wird sich also, seinem „Handexemplar“ nach zu schließen, ab 1820 mehr oder weniger eingehend mit dem Divan beschäftigt haben. Die heute wohl wertsteigernde „eigenhändige Anstreichung“ besteht aus nonverbalen Satzzeichen und liest sich wie ein einziges modernes „WTF„. Genau hingelesen, kann man wohl jeden gut verstehen, der sich von solchem Gewölk nur die Billigausgabe leisten will, und dem sich nicht ohne weiteres erschließen mag, wieso ausgerechnet sich wiederfindende Liebende unauflösliche Dinge lösen können sollten.

Was Beethovens Biographie anbelangt, ist 1820 zuallererst das Jahr, in dem er die Missa solemnis über seinen drei letzten Klaviersonaten opera 109, 110 und 111 verschleppte. Im weiteren Verlauf hat er sich offenbar lieber nicht auf Goethes, sondern Schillers Seite geschlagen, den er 1824 in seiner neunten und letzten Symphonie geradezu als posthumen Mitarbeiter heranzog.

Die Schauspielmusik zu Egmont war schon opus 84 von 1809, das einzige persönliche Treffen 1812, Meeresstille und glückliche Fahrt, opus 112 von 1815 und diverse Goethe-Lieder, die seinerzeit zum guten Ton der meisten Komponisten gehörten, größtenteils noch vorher: Maigesang opus 52,4; Marmotte opus 52,7; Erlkönig WoO 131; Sehnsucht (Mignons Lied, vier Vertonungen) WoO 134 als opus 83,2; Kennst du das Land opus 75,1; Neue Liebe, neues Leben (zwei Fassungen) opus 75,2; Aus Goethes Faust (Flohlied) opus 75,3; Wonne der Wehmut (zwei Fassungen) opus 83,1; Mit einem gemalten Band opus 83,3; Freudvoll und leidvoll opus 84,4; Bundeslied opus 122 und als einziges erst von 1825.

Eustache Le Sueur, Allégorie de la poésie, ca. 1640--1642Als Hugo von Hofmannsthals „Bekanntmachungen“ kommen mindestens zwei Aufsätze in Frage:

  • Über den ‚West-östlichen Diwan‘, in: Neue Freie Presse, Nr. 17721, Wien, Donnerstag, 25. Dezember 1913, Seite 126–127, und
  • Goethes ‚West-östlicher Divan‘, in: Das Inselschiff. Eine Zeitschrift für die Freunde des Insel-Verlages. Zweiter Jahrgang. Sechstes Heft, Insel-Verlag Leipzig, August 1921, Seite 275 bis 280.

Das war alles gegoogelt. Was einem einer wie Gustav Seibt darüber hinaus in Fakten- und Transferwissen entwickeln könnte, ist überhaupt nicht zu ermessen. Wie Goethe in seinem Uschk Nameh beschreibt, was ja in all dem Gewölk schon wieder schön klingt:

Bände Kummers
Mit Erklärungen verlängert,
Endlos, ohne Maß.

Bilder: Elias Torra via Facebook, 10. März 2018;
Eustache Le Sueur: Allégorie de la poésie, ca. 1640–1642, via Books and Art:

The painting was found to have hung at the celebrated Hôtel Lambert in the 18th century, and was likely commissioned directly from Le Sueur by the Lambert family to decorate their residence.

Soundtrack: Dietrich Fischer-Dieskau & Jörg Demus: Beethoven: Aus Goethes Faust, opus 75, 1810:

Bonus Track (WTF??!!!): 2Cellos: Whole Lotta Love vs. Beethoven 5th Symphony, 2016:

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Written by Wolf

6. April 2018 um 00:01

Veröffentlicht in Handel & Wandel, Klassik

2 Antworten

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  1. :-)
    Ich lese sehr gerne deine Ein- und Auslassungen über gemeinsame „Bekannte“. Dazu die Musik und Bilder…

    Kaya

    6. April 2018 at 06:59

    • Oh, danke! So soll es sein :) — Wahrscheinlich sollte ich noch Herrn Seibt darauf aufmerksam machen, dass ich hier seine Geburtstagsgeschenke mit Barbusichten garniere. Muss man halt mögen, sowas.

      Wolf

      6. April 2018 at 13:31


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