Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

So singet laut den Pillalu (Och orro orro ollalu)

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Update zu And all I got’s a pocketful of flowers on my grave:

Seit Herder einen Begriff von der Volksmusik und kurz darauf Goethe einen Begriff von der Weltliteratur gefunden, erläutert und mit Inhalten gefüllt haben, ist die Freude über neu kennen gelernte Lieder fremder Völker groß. Vielleicht das Dankenswerteste, was Goethe je geleistet hat, aber das diskutieren wir ein andermal.

Eliza H. Trotter, Lady Caroline Lamb, ca. 1811--1814Immerhin trieb die Sammlerfreude den jungen Goethe in Herders Gefolge ins Elsass, den alten dazu, aktuelle Romane zu lesen, die ihm absehbar nicht gefallen konnten. Zum Beispiel: Glenarvon von Lady Caroline Lamb, Viscountess Melbourn, 1816 — der abrechnende Schlüsselroman einer Geliebten über Lord Byron, den Goethe wiederum sehr wohl mochte.

Aber Goethe war auch nicht geradezu von Byron besessen, wurde nicht aufgrund etwelcher Affären mit ihm von seiner Frau verlassen, und er starb auch nicht nach Ausstoß einiger Schauerromane mit 42 Jahren an Suff, multiplem Drogenmissbrauch und Folgebeschwerden der Erotomanie. Vielmehr sah Goethe über diese ganze Verwicklung menschlicher Tragödien und literarischer Ressentiments, von denen er laut den Tag- und Jahresheften von 1817 wusste, großzügig darüber hinweg, dass es in Glenarvon überhaupt Parteien für ihn zu ergreifen gab: Der Roman erschien, weil von weiblicher Hand verfasst, wie üblich anonym, und

sollte uns über manches Liebesabenteuer desselben [Lord Byrons] Aufschlüsse geben; allein das voluminöse Werk war an Interesse seiner Masse nicht gleich, es wiederholte sich in Situationen, besonders in unerträglichen; man mußte ihm einen gewissen Werth zugestehen, den man aber mit mehr Freude bekannt hätte, wenn er uns in zwei mäßigen Bänden wäre dargereicht worden.

Laut allen heutigen Quellen ist Glenarvon nicht in zwei, sondern sogar drei Bänden erschienen, die Goethe nicht zwingend zu Ende gelesen haben muss. Aber es ist gut, wie es ist, denn gleich anfangs des ersten Bandes findet sich ein Keening, das ist: das Klagelied über das verstorbene Kind des Gutsherrn über das lyrische Ich, das hier ein „lyrisches Wir“ ist, das Goethe umgehend in sein Tagebuch übersetzen musste.

Mathias Mayer scheint für seinen Beitrag zur Frankfurter Anthologie: Johann Wolfgang Goethe: „Klaggesang. Irisch“ in der FAZ vom 26. November 2017, wie es nahe liegt und auch von mir empfohlen wird, die richtige Goethe-Ausgabe benutzt zu haben — nämlich die, mit der man am meisten inhaltlischen Spaß hat: die Frankfurter. In derselben kommt Goethes Klaggesang. Irisch gleich zweimal vor: einmal innerhalb der Gedichte, einmal in einem Band, den man meistens nur in größeren Präsenzbibliiotheken erreicht: Hans-Georg Dewitz, Hrsg.: Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Band 12: Bezüge nach außen. Übersetzungen II. Bearbeitungen, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1999. Den will sich privat niemand leisten, die Gedichte in zwei Bänden, hrsg. Karl Eibl schon eher; die gibt’s gerne als Doppelpack für 15 Euro im Modernen Antiquariat und bietet mehr und erhellenderen Kommentar als alle anderen.

Worauf ich hinauswollte: Frankfurter Anthologie wie Frankfurter Augabe — jedenfalls Eibls Gedichtkommentar — merken sachte missbilligend Goethes Umgang mit der Übersetzung von Ortsnamen an — siehe unten die Gegenüberstellung, spezielles Augenmerk auf die sechste Strophe. Aus eigener Übersetzertätigkeit heraus finde ich Goethes Lösung durchaus zulässig: Um einen fremden bis fremdartigen Text möglichst weitreichend deutschen Lesern zu vermitteln, kann es höchst sinnvoll sein, Orte bei ihrer verallgemeinernden Bezeichnung statt bei ihrem Toponym zu nennen.

Wenn ich allerdings selbst die Texte mit ihrem Sekundärmaterial vergleiche, fällt mir viel eher auf: Irisch ist mitnichten Schottisch, auch nicht in ihren alten Vorstufen, trivialer Schauerroman hin oder her. Sind Keltologen anwesend, die Freude daran haben, Old Goethe samt seinen Exegeten bei Unsauberkeiten zu ertappen, und etwas Kluges beisteuern können?

Thomas Philliops, Lady Caroline Lamb, ca. 1813Die Übersetzung als „Klaggesang“ war von Goethe wirklich als Lied im Sinne von musikalischer Aufführung gemeint und wurde auch unmittelbar so eingerichtet: von Carl Friedrich Zelter. Der mit Goethe befreundete Komponist erklärt brieflich am 8. Januar 1819 dazu:

Hier erfolgt denn auch der Pillalu in den ich mich leichter gefunden habe als ich Anfangs dachte, wie Du an der Musik merken wirst. Doch wünschte ich etwas von Dir darüber zu vernehmen, da es eine ganz leichte Melodie ist. Es ist eigentlich ein Todtenmarsch: Harfen, Posaunen und gedämpfte Pauken (großer Art) gehören dazu. Der Refrain wird vom Chore, jung und alt, in Unisono gesungen.

In der zweyten Strophe habe ich, einer Doppelsylbe wegen, eine Veränderung gemacht und in der letzten Zeile der letzten Strophe die Worte umgestellt, des Accentes wegen. Ist es Dir so nicht recht, so laß mich’s wissen und ich richte es ein wie es gehn will.

Man wird sich geeinigt haben; es ist ja schon zurvorkommend von einem Künstler, sich so ausdrücklich nach der Arbeit eines Kollegen in einem anderen Medium richten zu wollen. Noch am 16. Juni 1827 erinnerte sich Zelter an Goethe, wieder brieflich:

Das Altschottisch ist ein prächtiges Stück; dem Metro nach ganz behandlich; der Ton des Ganzen möchte nicht so leicht gefunden seyn. Es ist ganz eigen damit, sogar Deine eigene Handschrift ist mir dabey von Bedeutung. Ein Aehnliches ward mir mit dem Pillalu, der wenn ich nicht ganz irre ganz gelungen ist, indem ich so glücklich war auf diese Art den rechten Trauerton des Todtenmarsches zu finden, dessen Metrum mir im Kopfe umher schritt. Man hat von solcher Arbeit hinterher keinen Begriff und doch, wie wüßte man denn ob’s getroffen ist wenn es kein Bild dafür gäbe? Im Pillalu seh‘ ich den ganzen Zug an mir vorüberschreiten.

Heute ist diese 1819er Zelter-Vertonung leider nur noch theoretisch dokumentiert, praktisch nicht — was auf derzeitigem Stand der Technik heißt: weder in YouTube, Vimeo noch Dailymotion vorhanden. Das ist sehr schade, denn die bildliche Vorstellung einer Gruppe mutiger, für die kunstsinnige Zusammenkunft im Salon zurechtgemachter junger Frauen, die sich im Wohnzimmer neben dem Piano zusammenstellen und im Chor „jung und alt, in Unisono“ und auf Küchenterz mit aller gebotenen Ernsthaftigkeit „Och orro orro ollalu“ singen, die bildliche Vorstellung, sagte ich, hat Größe.

——— Lady Caroline Lamb:

Glenarvon

in three volumes. Published by Henry Colburn, London 1816, Chapter V., Schluss:

The tenants and peasantry were, according to ancient custom, admitted to sing the song of sorrow over the body of the child: but no hired mourners were required on this occasion; for the hearts of all deeply shared in the affliction of their master’s house, and wept, in bitter woe, the untimely loss of their infant Lord. — It was thus they sung, ever repeating the same monotonous and melancholy strain.

Oh loudly sing the Pillalu,
     And many a tear of sorrow shed;
Och orro, orro, Olalu;
     Mourn, for the master’s child is dead,

At morn, along the eastern sky.
     We marked an owl, with heavy wing;
At eve, we heard the benshees cry;
     And now the song of death we sing;
Och orro, orro, Olalu.

Ah! wherefore, wherefore would ye die;
     Why would ye leave your parents dear:
Why leave your sorrowing kinsmen here,
     Nor listen to your people’s cry!

How will thy mother bear to part
     With one so tender, fair, and sweet!
Thou wast the jewel of her heart,
     The pulse, the life that made it beat.

How sad it is to leave her boy.
     That tender flow’ret all alone:
To see no more his face of joy,
     And soothe no more his infant moan!

But see along the mountain’s side.
     And by the pleasant banks of Larney,
Straight o’er the plains, and woodlands wide,
     By Castle Brae, and Lock Macharney;

See how the sorrowing neighbours throng,
     With haggard looks and faultering breath;
And as they slowly wind along,
     They sing the mournful song of death!

O loudly sing the Pillalu,
     And many a tear of sorrow shed;
Och orro, orro, Olalu!
     Mourn, for the master’s child is dead.

Thus singing, they approached the castle, and thus, amidst cries and lamentations, was Sidney Albert, Marquis of Delaval, borne for ever from its gates, and entombed with his ancestors in the vault of the ancient church, which, for many hundred years, had received beneath its pavement the successive generations of the family of Altamonte. Heart-felt tears, more honourable to the dead than all the grandeur which his rank demanded, were shed over his untimely grave; while a long mourning and entire seclusion from the world, proved that the sorrow thus felt was not momentary, but lasting as the cause which had occasioned it was great.

——— Goethe:

Klaggesang.

Irisch.

entstanden 22. Oktober 1817 im Tagebuch, zitiert nach der Erstveröffentlichung in: Kunst und Alterthum, Band IV, 1823, Seite 108 bis 110:

So singet laut den Pillalu
Zu mancher Thräne Sorg‘ und Noth:
Och orro orro ollalu,
O weh des Herren Kind ist todt!

Zu Morgen, als es tagen wollt‘,
Die Eule kam vorbey geschwingt,
Rohrdommel Abends tönt im Rohr.
Ihr nun die Todtensänge singt:
     Och orro orro ollalu.

Und sterben du? warum, warum,
Verlassen deiner Eltern Lieb‘?
Verwandten Stammes weiten Kreis?
Den Schrey des Volkes hörst du nicht:
     Och orro orro ollalu.

Und scheiden soll die Mutter, wie,
Von ihrem Liebchen schön und süß?
Warst du nicht ihres Herzens Herz,
Der Puls der ihm das Leben gab?
     Och orro orro ollalu.

Den Knaben läßt sie weg von sich,
Der bleibt und wes’t für sich allein,
Das Frohgesicht, sie sieht’s nicht mehr;
Sie saugt nicht mehr den Jugendhauch.

Och orro orro ollalu.

Da sehet hin an Berg und Steg,
Den Uferkreis am reinen See,
Von Waldesecke, Saatenland,
Bis nah heran zu Schloß und Wall
     Och orro orro ollalu.

Die Jammer-Nachbarn dringen her,
Mit hohlem Blick und Athem schwer;
Sie halten an und schlängeln fort
Und singen Tod im Todtenwort
     Och orro orro ollalu.

So singet laut den Pillalu
Und weinet, was ihr weinen wollt!
Och orro orro ollalu,
Des Herren einziger Sohn ist fort.

Special thanks an Hank für sein Tag und Nacht waches Auge.

Eliza H. Trotter, Lady Caroline Lamb, ca. 1811--1814

Bilder: Sir Thomas Lawrence: Portrait of Lady Caroline Lamb, ca. 1805;
Thomas Phillips: Lady Caroline Lamb, ca. 1813,
via Making History Tart & Titillating: Lady Caro Crops Her Hair;
Eliza H. Trotter: Lady Caroline Lamb, ca. 1811–1814, National Portrait Gallery, London.

Soundtrack: Ossian: Oidhche Mhath Leibh, aus: Ossian, 1977:

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Written by Wolf

23. Februar 2018 um 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Vier letzte Dinge: Tod

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