Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Doktor Faust thu dich bekehren

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Update zu Umfing ihn sein feins Liebchen: Leb wol, du Herzensbübchen! Leb wol! Viel Heil und Sieg!
und Ein holprichtes Lied mit tiefer und rauher Stimme:

Den Faust hat Goethe, so die übergreifende Botschaft des gesamten Weblogs, nicht erfunden — was weder Faust noch Goethe an ihrer jeweiligen Existenz gehindert hat. Wo Goethe überall war, ist lang, breit und tief und im jungen Jahrtausend sogar interaktiv erforscht; wo Faust überall war, muss man bis heute fallweise nachlesen.

Das Flugblatt mit der Ballade über seine versuchte Bekehrung, dann aber doch weiter statthabende Verdammnis stammt aus Köln, und wenn es nicht vom Forscherteam Arnim & Brentano von dort in Des Knaben Wunderhorn eingesammelt worden wäre, wüsste man heute vermutlich gar nichts mehr davon. Das Wissen darüber ist werkimmanent: dass Faust laut dem Gang der Balladenhandlung unter anderem in Ingolstadt geweilt und Theologie studiert hat, und an den meisten seiner Fundstellen: dass über seine Entstehung praktisch nichts bekannt ist.

Der Fauststoff wird seit dem 16. Jahrhundert — seit dem historischen Faust in Vermischung mit Paracelsus — tradiert und variiert, Arnim und Brentano lag laut Heinz Röllekes Kommentar zur großen Wunderhorn-Ausgabe die Ballade

in Form eines metrisch holprigen und mannigfach verderbten Flugblatt-Textes vor, dessen Entstehung nach 1741 anzusetzen ist.

Goethe urteilt natürlich zurückhaltend:

Tiefe und gründliche Motive, könnten vielleicht besser dargestellt seyn.

Die Melodie wurde von W. Wiora: Die Melodien der Faustballade im Jahrbuch für Volksliedforschung 6, 1938 auf Seite 29 bis 31 sowie von Erich Stockmann: „Des Knaben Wunderhorn“ in de Weisen seiner Zeit in den Veröffentlichungen des Instituts ür deutsche Volkskunde 16 an der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1958 zur gesanglichen Aufführung tauglich festgelegt.

Bearbeitung des Faust-Stoffs von einem Christlich-Meynenden, 1726, Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar

Zum historischen Doktor Faust in Ingolstadt weiß, kurios genug, Abraham a Sancta Clara weiter:

——— Alexander Schöppner:

Sagen vom Benz und vom Doktor Faust zu Ingolstadt

in: Thomas Arnt: Faustsagen:

Benz oder Penz wurde ein Geist genannt, von dem P. Abraham erzählt: „Wann zu Ingolstadt in Bayren, die Studenten aus unartigem Muthwillen einige Ungelegenheit verursachen, und etwan auf der Gassen die Stain also wetzen, daß ihnen das Feuer zum Augen ausgehet, werden sie auf der Universität in die Keichen gesetzt, beklagen sich aber dazumahlen nicht mehrers als wegen eines Nachtgespensts, so sie insgemein den Pentzen nennen, welches gantz ohne Kopf ist, also soll wahrhaftig manches Orth, Statt, Gemain nichts mehrers schrecken, als wann sie ein Obrigkeit ohne Kopf haben.“

Noch ein anderer Geist als dieser hat auch eine Zeit in einem Haus der Harder Straße gewohnt. Das ist kein anderer als der hochberühmte Schwarzkünstler Doktor Faust selber gewesen. Er soll nämlich, wie die Sage meldet, in seinem sechzehnten Jahr zu Ingolstadt Theologie studiert haben.

Tatsächlich kennt man im Ingolstadt des dritten Jahrtausends domini einen Margarethenturm am Unteren Graben, Ecke Harderstraße und Johannesstraße, in dem ein Doctor Jorg Faust bis zu seiner Abschiebung durch den Magistrat am 17. Juni 1528, „daß er seinen Pfennig woanders verzehr“, zwielichtigen Wahrsagereien, Zeichendeutereien und anderem Hexenwerk nachgegangen ist, sowie eine Margarethenstraße, die gar in eine Fauststraße am Südfriedhof entlang mündet.

Bis 1528 sechzehnjährig Theologie studieren, das bringt uns auf ein Geburtsdatum von 1512, wogegen die meisten Quellen „um 1480“ angeben. Im Volksbuch heißt er auch viel entschiedener Johann denn Georg oder davon abgeleitet Jorg, und wie Goethe auf „Heinrich“ kam, kriegen wir später. Wie amtlich verlässlich müssen Augustinerpater und Volksballaden sich eigentlich äußern?

An gleichen Ort stellt Schöppner eine noch archaischer anmutende als die aus Köln überlieferte Wunderhorn-Version vor, auf welche dieselbe Melodie passt. Mir selbst sagt zu — und daher dieser ganze Aufwand — dass der Teufel seine Wette verliert, weil er bildlich gesprochen keine Pferde malen kann. — Die „metrisch holprige und mannigfach verderbte“ Volksballade im Direktvergleich:

Doktor Faust.

Fliegendes Blat aus Cöln.

aus: Des Knaben Wunderhorn, Band 1:

Hört ihr Christen mit Verlangen,
Nun was Neues ohne Graus,
Wie die eitle Welt thut prangen,
Mit Johann dem Doktor Faust
Von Anhalt war er geboren,
Er studirt mit allem Fleiß,
In der Hoffarth auferzogen,
Richtet sich nach aller Weiß.
Vierzig tausend Geister,
Thut er sich citiren,
Mit Gewalt aus der Höllen.
Unter diesen war nicht einer,
Der ihm könnt recht tauglich seyn,
Als der Mephistophiles geschwind,
Wie der Wind,
Gab er seinen Willen drein.
Geld viel tausend muß er schaffen,
Viel Pasteten und Confekt,
Gold und Silber was er wollt,
Und zu Straßburg schoß er dann,
Sehr vortreflich nach der Scheiben,
Daß er haben konnt sein Freud,
Er thät nach dem Teufel schieben,
Daß er vielmal laut aufschreit.
Wann er auf der Post thät reiten,
Hat er Geister recht geschoren,
Hinten, vorn, auf beiden Seiten,
Den Weg zu pflastern auserkohren;
Kegelschieben auf der Donau,
War zu Regensburg sein Freud,
Fische fangen nach Verlangen,
Ware sein Ergötzlichkeit.
Wie er auf den heiligen Karfreitag
Zu Jerusalem kam auf die Straß,
Wo Christus an dem Kreuzesstamm
Hänget ohne Unterlaß,
Dieses zeigt ihm an der Geist,
Daß er wär für uns gestorben,
Und das Heil uns hat erworben,
Und man ihm kein Dank erweißt.
Mephistophles geschwind, wie der Wind,
Mußte gleich so eilend fort,
Und ihm bringen drey Ehle Leinwand,
Von einem gewissen Ort.
Kaum da solches ausgeredt,
Waren sie schon wirklich da,
Welche so eilends brachte
Der geschwinde Mephistophila.
Die große Stadt Portugall,
Gleich soll abgemahlet sein;
Dieses geschahe auch geschwind,
Wie der Wind:
Dann er mahlt überall,
So gleichförmig,
Wie die schönste Stadt Portugall.
„Hör du sollst mir jetzt abmahlen,
Christus an dem heiligen Kreuz,
Was an ihm nur ist zu mahlen,
Darf nicht fehlen, ich sag es frei,
Daß du nicht fehlst an dem Titul,
Und dem heiligen Namen sein.“
Diesen konnt er nicht abmahlen,
Darum bitt er Faustum
Ganz inständig: „Schlag mir ab
Nicht mein Bitt, ich will dir wiederum
Geben dein zuvor gegebene Handschrift.
Dann ist es mir unmöglich,
Daß ich schreib: Herr Jesu Christ.“
Der Teufel fing an zu fragen:
„Herr, was gibst du für einen Lohn?
Häts das lieber bleiben lassen,
Bey Gott findst du kein Pardon.“
Doktor Faust thu dich bekehren,
Weil du Zeit hast noch ein Stund,
Gott will dir ja jetzt mittheilen
Die ewge wahre Huld,
Doktor Faust thu dich bekehren,
Halt du nur ja dieses aus.
„Nach Gott thu ich nichts fragen,
Und nach seinem himmlischen Haus!“
In derselben Viertelstunde
Kam ein Engel von Gott gesandt,
Der thät so fröhlich singen,
Mit einem englischen Lobgesang.
So lang der Engel da gewesen,
Wollt sich bekehren der Doktor Faust.
Er thäte sich alsbald umkehren,
Sehet an den Höllen Grauß;
Der Teufel hatte ihn verblendet,
Mahlt ihm ab ein Venus-Bild,
Die bösen Geister verschwunden,
Und führten ihn mit in die Höll.

Doctor Faust

Volksballade:

Hört ihr Christen mit Verlangen
etwas Neues ohne Graus:
Wie die eitle Welt tut prangen
mit Johann, dem Doctor Faust.

Zu Anhalt war er geboren,
er studiert mit allem Fleiß;
In der Hoffart auferzogen,
richtet sich nach alter Weis.

Vierzigtausend Geister er zitierte
mit Gewalt wohl aus der Höll,
Doch es war nicht einer drunter,
der ihm recht konnt tauglich sein.

Nur Mephisto, dem Geschwinden,
gab er seine Seele drein.
Denn sonst keiner in der Höllen,
welcher diesem gleich konnt sein.

Dafür muß er Geld ihm schaffen,
Gold und Silber, was er nur wollt,
Er hat auch zu allen Sachen
viele Geister hergeholt.

Zu Straßburg schoß er nach der Scheiben,
daß er haben konnt sein Freud;
tät oft nach dem Teufel schießen,
daß er vielmals laut aufschreit.

Kegelschieben auf der Donau
war zu Regensburg sein Freud;
Fisch zu fangen nach Verlangen
war seine Ergetzlichkeit.

Wie er an dem heiligen Karfreitag
nach Jerusalem kam auf die Straß,
allwo Christus am heiligen Kreuzstamm
hinge ohne Unterlaß.

Mephistophelus geschwinde
mußte gleich ganz eilen fort,
und ihm bringen drei Ellen Leinwand
von einem gewissen Ort.

„Satan, du sollst mir jetzt abmalen
Christus an dem heiligen Kreuz,
und dazu die fünf Wunden alle
gib nur Acht, daß dirs nicht leid;

daß du nicht fehlst an dem Titel,
an dem heiligen Namen sein!
Wirst du dieses recht abmalen,
sollst du mir nicht mehr dienstbar sein.“

„Dieses kann ich nicht abmalen,
bitt dich drum, o Doctor Faust!
Ich tat dir schon so großen Gefallen.
fordre nunmehr dies nicht auch.

Denn es ist ja ganz unmöglich,
daß ich schreib Herr Jesu Christ.
Weil ja in der Welt
Nichts heiliger zu finden ist.“

In derselben Viertelstunde
kam ein Engel von Gott gesandt,
der tät ja so fröhlich singen
mit einem englischen Lobgesang.

So lang der Engel dagewesen,
wollt sich bekehren Doctor Faust.
Als er fort, tät er sich abkehren;
sehet an den Höllengraus!

Der Teufel hatte ihn verblendet,
malt ein Venusbild an die Stell:
Die bösen Geister kamen eilends,
führten ihn mit in die Höll.

Quacksalber um 1600, Getty Images, für Hans-Ulrich Stoldt, Der Mogeldoktor, Der Spiegel 29. September 2009

Was an ihm nur ist zu mahlen: Bearbeitung des Faust-Stoffes „von einem Christlich-Meynenden“: Zentralbibliothek der Deutschen Klassik der Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten Weimar, 1726;
Quacksalber um 1600: „Faust rühmte sich, die Schwarzen Künste zu beherrschen, aus Handlinien, Wolken, Nebel und Vogelzügen sowie Feuer, Wasser und Rauch weissagen zu können“, Getty Images, für Hans-Ulrich Stoldt: Der Mogeldoktor: „Doktor Faust, das Vorbild berühmter Dramen, Opern und Romane, hat um 1500 gelebt. Aber wer war der legendäre Astrologe und Experimentator wirklich?“, Der Spiegel, 29. September 2009.

Soundtrack: Nils Koppruch: Den Teufel tun, aus: Den Teufel tun, 2007:

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Written by Wolf

26. Januar 2018 um 00:01

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