Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

5. Stattvent: Schnell – in dulci jubilo (denn es raucht sich schlecht entleibt)

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Wer an dieser Stelle ernstzunehmende Adventsinhalte wünscht, sei innerhalb des Weblogs freundlich auf die Sammlung über Weihnachtsengel (Dezember 2013), die Einschläferungsgedichte von Friedrich Rückert (Dezember 2014), das künstlerische Schaffen über Katzen (Dezember 2015) sowie das künstlerische Schaffen von Katzen (Dezember 2016) verwiesen.

Etwas Herzerwärmendes gehört bei allem Kulturpessimismus in diese eiseskalte Jahreszeit — jedenfalls ist gute Laune auch nicht kontraproduktiver als schlechte.

Heute noch erklingt auf Reinhard Meys Original-LP Ankomme Freitag den 13. von 1969 leider entschieden zu überarrangiert; zu seiner höchsten Form und vollen Aussage gelangt erst die gültige Version für Konzertgitarre und Barhocker auf seiner ersten Live-Doppel-LP Reinhard Mey live von 1971 — vielleicht die beste Live-Doppelte überhaupt, jedenfalls die beste aus meinem Besitz, die den Kauf weiterer, allesamt minderer Tonträger des Genres anregte. Die LP existiert heute auch in allen digitalen Formen und als YouTube-Playlist, nur schade, dass am 12. Dezember 1970 niemand mitgefilmt hat. Nach Heute noch fühlt man sich immer wie frisch geduscht und als ob die Welt vielleicht doch nicht ganz verrottet wäre.

——— Reinhard Mey:

Heute noch

aus: Ankomme Freitag den 13., 1969,
in: Reinhard Mey live, 1971, aufgenommen am 12. Dezember 1970 in Berlin:

Oft, wenn ich ans Fenster gehe,
Nachseh‘, ob noch alles steht,
Den Schuster drüben schustern sehe,
Hör‘ ich, wie die Welt sich dreht.
Dann füllt sich mein Kopf mit Wasser,
Wie aus einem Quell so frisch,
Drinnen schwimmt ein großer nasser
Trunk’ner lila Fisch.
Und der guckt aus meinen Augen,
Fängt an, weil er nichts vermißt,
Sich vor Freude vollzusaugen,
Weil die Welt noch nicht zertöppert ist.

Wie an südlichen Gestaden
Steh‘ ich über Moabit.
Kann im Strom der Menschen baden,
Der an mir vorüberzieht.
Noch habe ich Kopf und Kragen,
Beide sind noch unverletzt.
Kann noch meine Mütze tragen,
Ausgebeult und abgewetzt.
Drunter kann ich überlegen,
Und mir bleibt noch eine Frist
Zum Spazierengeh’n im Regen,
Der bislang nur Wasser ist.

Draußen riecht es gut nach Erde,
Nach Benzin, Asphalt und Staub.
Drinnen duftet es vom Herde,
Nach Rosmarin und Lorbeerlaub.
Noch ragt meine Nase frei und
Unbewehrt in der Natur.
Keine Gasmaske vor meinem Mund
Stört mich bei der Rasur.
Kann noch trinken: „Hoch die Tassen“,
Schnell geschluckt, denn darauf kommt’s an.
Ich kann mich nicht drauf verlassen,
Daß ich’s morgen auch noch kann.

Kann noch schwarzen Tabak rauchen,
Daß kein Krümel übrigbleibt,
Den könnt‘ ich doch nicht mehr brauchen,
Denn es raucht sich schlecht entleibt.
Laßt uns heut‘ Weihnachten feiern,
Schnell – in dulci jubilo –
Mit Neujahrspunsch und Ostereiern,
Mit Honig für den Bär im Zoo.
Mein Testament ist geschrieben,
Und mir bleibt noch etwas Zeit,
Vielleicht ein Tag nur, dich zu lieben,
Vielleicht ist morgen schon Ewigkeit.

Leucht‘ uns dann der Götterfunke, Funke aus Plutonium!

In diesem Sinne sehen wir uns 2018.

Mey vor GoIn, Reinhard Mey. Liedermacher, offiziell

Bild: Reinhard Mey: Mey vor GoIn, Fotos: der 60er Jahre, 2016.

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Written by Wolf

29. Dezember 2017 um 00:01

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