Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!

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Update zu Peregrini Bavarici,
Ein ewig Weißwurschten,
Dieses unnötige, ja sinnlose Hin und Her
und Einigen wir uns auf Unentschieden:

Die professionelle „Altherrengermanistik“ indes dürfte vor Schreck in die dritte Lautverschiebung fallen, wenn sie gewahrt, was da mit ihrem „mikrophilologisch“ gehegten Minnesänger angestellt wird.

Rühmkorf erzählt das unordentliche Leben des Herrn Walther, das „der deutschnationale Ideologie-Unterricht des 19. Jahrhunderts zu einer rosenseligen Cavalierstour umlügen mußte“, als Tournee der Eitelkeiten, auf der „der Lohn die Musik“ machte.

Jürgen Kolbe: Graziös in Gefahr, in: Der Spiegel, 5. Januar 1976
über Peter Rühmkorf, * 25. Oktober 1929, † 8. Juni 2008.

Jost Amann für Philipp Apian, Kloster Tegernsee, erste bekannte Abbildung um 1560, Landtafeln. Sixtus Lampl, Die Klosterkirche Tegernsee, Oberbayerisches Archiv, Band 100, München, 1975, Band 2, Abbildung 1

Ist eigentlich Wallstein die Lindt-Schokolade unter den Verlagen oder Lindt der Wallstein Verlag unter den Chocolatiers? Egal, wenn mich schon mal eine Buchneuerscheinung interessiert – sagen wir zum Beispiel: Stephan Opitz, Christoph Hilse (Hrsg.): Peter Rühmkorf, Peter Wapneski: Des Reiches genialste Schandschnauze: Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide, Wallstein Verlag, Göttingen, Februar 2017 –, wird sie unfehlbar von Hans Mentz in seiner TitanicHumorkritik besprochen. Auf den Mann ist Verlass.

Abb. 3 Kupferstich aus P. Karl Stengel, Monasteriologia I, 1619

——— Hans Mentz:

Reanimierter Walther

aus: Humorkritik, in: Titanic, September 2017, Seite 48 f.:

Wenn ein gewitzter und temperamentvoller Dichter wie Peter Rühmkorf und ein kunstsinniger Mediävist wie Peter Wapnewski einen Briefwechsel über Walther von der Vogelweide führen, dann können auch Dritte davon profitieren – wir Leser, denen diese Korrespondenz jetzt in einer von Stephan Opitz und Christoph Hilse edierten Buchfassung vorliegt, vermehrt um thematisch verwandte Aufsätze, Rühmkorfs neuhochdeutsche Übertragungen der Gedichte Walthers und ein ausführliches Nachwort („Des Reiches genialste Schandschnauze. Texte und Briefe zu Walther von der Vogelweide“, Wallstein Verlag). Aus humorkritischer Perspektive sind jene Briefe am ergiebigsten, die Rühmkorf angetrunken verfaßt zu haben scheint; da verliert er mitunter die Contenance und rüffelt Wapnewski für dessen Einwände gegen die mitunter sehr freien Übertragungen (aus einem Brief vom 27. Juli 1975): „Aber PPPPP! WWWWW!: Du kannst doch nicht eine wahrhaftige Erfindung: ‚Man schenkte Sprudel / und begossen wie ein Pudel‘ für ‚ich nahm dâ wazzer / alsô nazzer‘ (ein Problem, an dem die gesamte Philologie nun schon über hundert Jahre lang ergebnislos herumrätselt) als Fehler ankreiden! Einen Jahrhundertfund, der wirklich nur mittels Poesie lösbar scheint, bekrak-mäkeln!“

Ein sehr amüsantes Buch; es gibt nichts daran zu bekrak-mäkeln.

Stahlstich für Eduard Duller, Die Donau, Kapitel 5. Von Regensburg bis Deggendorf, 1840

Das interessiert uns natürlich näher. Rühmkorfs großer Aufsatz und den von der Vogelweide, seine Übersetzung von 36 seiner Gedichte und die Korrespondenz mit Wapnewski müssen 1975 entstanden sein, weil die Grundlage für den 2017er Sammelband von Opitz und Hilse, Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich, ein liebenswertes schmales Rowohlt von Anfang 1976 war — Das neue Buch 65 — und außerdem von Hans Mentz oben eingeordnet wird. In beiden Sammlungen finden wir Rühmkorfs Ausgangstext und endgültiges Ergebnis. Es ist Walthers „Tegernseespruch“, Lachmann 104,23–32 aus dem Kloster Tegernsee, ca. 1212.

Man seit mir ie von Tegersê,
wie wol daz hûs mit êren stê,
dar kêrte ich mêr dan eine mîle von der strâze.
ich bin ein wunderlîcher man,
daz ich mich selben niht enkan
entstân und mich sô vil an frömede liute lâze.
     ich schilte sîn niht, wan got genâde uns beiden:
     ich nam dâ wazzer!
     alsô nazzer
     muost ich von des münches tische scheiden.

Herrjeh, schweigt mir vom Tegernsee!
Wie weit das Tor dort offensteh —
Ich machte mir den Umweg — über eine Meile.
Man ist schon ein verrücktes Haus;
da denkt man sich, man kennt sich aus
und teilt nur andrer Leute Vorurteile.
Ich will nicht lästern; Gott vergelt es beiden:
Man schenkte Sprudel
und begossen wie ein Pudel
mußt ich vom Tische dieses Mönches scheiden.

Was ist los am Tegernsee, Herbst, ca. 2016

In Tegernsee, da war ich schon mal. Muss man nicht hin. Der See kann nichts dafür, aber ich empfinde den Ort als hässliches Drachenauge eines sich selbst verleugnenden, eben dadurch umso gnadenloseren Kapitalismus inmitten einer gottgesegneten Landschaft. Allerdings hab ich da nicht das Kloster Tegernsee besucht, gegen dessen Brauerei nichts vorliegt — und die um 1212, als der von der Vogelweide zu Besuch kam, längst bestand. Das Kloster selbst ist frühmittelalterliches Urgestein seit anno 746.

Nun ist man zur Rekonstruktion von Walthers Biographie, der sich als bettelarmer, landstreichender Minnesänger darstellt, rein auf Andeutungen aus seinem eigenen Werk angewiesen. Aus den Angaben im Tegernseespruch wurde schon versucht, Walthers Herkunft aus Südtirol herzuleiten, was nach aktuellem wissenschaftlichen Stand nicht stimmt. Wohl besaß Kloster Tegernsee, traditionell eine bayerntypisch reiche Benediktinerabtei von europaweitem Einfluss, Weingärten bei Bozen, aber seit 1050 auch die heute noch bestehende, ja zunehmend hippe Brauerei. Für wahrscheinlich halte ich daher, dass Walther sich nur halb im Spaß nicht darüber beschwert, keinen — vorzugsweise Südtiroler — Wein erwischt zu haben, sondern: kein Bier. Das liegt schon deshalb näher, weil man von dem ultramontanen Weinanbau erst einmal theoretisch unterrichtet sein musste, eine Gegend, in der eine Brauerei wirkt, dagegen bis tief ins 20. Jahrhundert hinein höchst unmittelbar und charakteristisch nach gärender Maische stank; ich selbst habe das noch sinnlich erlebt.

Besonders schandbar ist es von einem Orden wie den der Benediktiner, in deren Statuten die Gastfreundschaft eine hohe Priorität einnimmt, den fahrenden Sänger gerade einmal die Hände waschen zu lassen und nüchtern von der Schwelle zu weisen. Das hat sich stark geändert: Heute kann man sich in Tegernsee gar nicht mehr retten vor der ganzen Gastlichkeit. Mit der abermaligen Einschränkung: Ich bin dort nicht unangemeldet als sangesfreudiger Penner aufgetreten.

Was ist los am Tegernsee, Trachten, ca. 2016

Nach Peter Rühmkorf hat der gleichnamige Briefpartner, Kollege und führende Mediävist und Herausgeber Wapnewski seinerseits einen Übersetzungsvorschlag für den Tegernseespruch vorgelegt — in Walther von der Vogelweide: Gedichte: Mittelhochdeutscher Text und Übertragung, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 1982:

Man erzählt mir dauernd von Tegernsee,
wie sehr das Haus auf Gastfreundschaft bedacht sei.
Dorthin wandte ich mich mit einem Umweg von mehr als einer Meile.
Ich bin doch ein seltsamer Mensch,
daß ich mich selbst nicht zu verstehn vermag
und mich so viel mit anderen Leuten einlasse.
Ich schelte die Tegernseer nicht, aber Gott sei uns beiden gnädig:
Man gab mir dort Wasser,
und solchermaßen
mußte ich von des Mönches Tisch scheiden.

Über Rühmkorfs Reaktion darauf finde ich bislang nichts. „Man gab mir dort Wasser, / und solchermaßen“, keinerlei Ansatz zum Übernehmen der Endreime. Naja. Meine laienhafte Bekrak-Mäkelei: Nach der kollegialen Vorlage sieben Jahre zuvor ist das auch nicht zündender als die Lösung „Man schenkte Sprudel / und begossen wie ein Pudel“.

Bilder: chronologisch:

  1. Jost Amann für Philipp Apian: Kloster Tegernsee, erste bekannte Abbildung — geschlagene 814 Jahre nach Klostergründung — um 1560, Holzschnitt in den Landtafeln des Philipp Apian. Sixtus Lampl: Die Klosterkirche Tegernsee, Oberbayerisches Archiv, Band 100, München, 1975, Band 2, Abbildung 1;
  2. P. Karl Stengel: Kupferstich aus Monasteriologia I, Abb. 3, 1619;
  3. Stahlstich für Eduard Duller: Die Donau, Kapitel 5: Von Regensburg bis Deggendorf, 1840;
  4. und zwei aus Was ist los am Tegernsee?, Gesellschafts- und Kulturwebseite, ca. 2016.

Soundtrack: Ilse Neubauer und die Fischbachauer Sängerinnen für Walther von der Vogelweide: Tandaradei unter Wolf Euba: Die Fernsehtruhe, Bayerischer Rundfunk 1968:

Bonus Track: die erste LP von Ougenweide: Ougenweide, 1973:

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Written by Wolf

20. Oktober 2017 um 00:01

Veröffentlicht in Hochmittelalter, Land & See

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