Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Romantische Bieronie (Dei Ironiezeigl konnst sejwa saffa)

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Update zu Isarathen ist die nördlichste Stadt Italiens und
Große Zusammenkünfte, die mehr einer Feierlichkeit als einem geselligen Vergnügen gleichen:

Zur Eröffnung des Oktoberfestes 2017 kann man sich nur mehr ironisch im nicht-aristotelischen Sinne äußern. Der letzte Teil ab „und ein mitleidig ledernes Lächeln“ erscheint nur im Manuskript und einigen Drucken in Heines Werkausgaben, von Heine autorisierter Text ist er nicht.

——— Heinrich Heine:

Reise von München nach Genua

Kapitel III, aus: Reisebilder. Dritter Teil, 1830:

Daß man aber die ganze Stadt ein neues Athen nennt, ist, unter uns gesagt, etwas ridikül, und es kostet mich viele Mühe, wenn ich sie in solcher Qualität vertreten soll. Dieses empfand ich aufs tiefste in dem Zweigespräch mit dem Berliner Philister, der, obgleich er schon eine Weile mit mir gesprochen hatte, unhöflich genug war, alles attische Salz im neuen Athen zu vermissen.

„Des“, rief er ziemlich laut, „gibt es nur in Berlin. Da nur ist Witz und Ironie. Hier gibt es gutes Weißbier, aber wahrhaftig keine Ironie.“

„Ironie haben wir nicht“, rief Nannerl, die schlanke Kellnerin, die in diesem Augenblick vorbeisprang, „aber jedes andre Bier können Sie doch haben.“

Marie-Geneviève Bouliar, Selbstportrait als Aspasia, 1794Daß Nannerl die Ironie für eine Sorte Bier gehalten, vielleicht für das beste Stettiner, war mir sehr leid, und damit sie sich in der Folge wenigstens keine solche Blöße mehr gebe, begann ich folgendermaßen zu dozieren: „Schönes Nannerl, die Ironie is ka Bier, sondern eine Erfindung der Berliner, der klügsten Leute von der Welt, die sich sehr ärgerten, daß sie zu spät auf die Welt gekommen sind, um das Pulver erfinden zu können, und die deshalb eine Erfindung zu machen suchten, die ebenso wichtig und eben denjenigen, die das Pulver nicht erfunden haben, sehr nützlich ist. Ehemals, liebes Kind, wenn jemand eine Dummheit beging, was war da zu tun? Das Geschehene konnte nicht ungeschehen gemacht werden, und die Leute sagten: ‚Der Kerl war ein Rindvieh.‘ Das war unangenehm. In Berlin, wo man am klügsten ist und die meisten Dummheiten begeht, fühlte man am tiefsten diese Unannehmlichkeit. Das Ministerium suchte dagegen ernsthafte Maßregeln zu ergreifen: bloß die größeren Dummheiten durften noch gedruckt werden, die kleineren erlaubte man nur in Gesprächen, solche Erlaubnis erstreckte sich nur auf Professoren und hohe Staatsbeamte, geringere Leute durften ihre Dummheiten bloß im verborgenen laut werden lassen; – aber alle diese Vorkehrungen halfen nichts, die unterdrückten Dummheiten traten bei außerordentlichen Anlässen desto gewaltiger hervor, sie wurden sogar heimlich von oben herab protegiert, sie stiegen öffentlich von unten hinauf, die Not war groß, bis endlich ein rückwirkendes Mittel erfunden ward, wodurch man jede Dummheit gleichsam ungeschehen machen und sogar in Weisheit umgestalten kann. Dieses Mittel ist ganz einfach und besteht darin, daß man erklärt, man habe jene Dummheit bloß aus Ironie begangen oder gesprochen. So, liebes Kind, avanciert alles in dieser Welt, die Dummheit wird Ironie, verfehlte Speichelleckerei wird Satire, natürliche Plumpheit wird kunstreiche Persiflage, wirklicher Wahnsinn wird Humor, Unwissenheit wird brillanter Witz, und du wirst am Ende noch die Aspasia des neuen Athens.“

Ich hätte noch mehr gesagt, aber das schöne Nannerl, das ich unterdessen am Schürzenzipfel festhielt, riß sich gewaltsam los, als man von allen Seiten „A Bier! A Bier!“ gar zu stürmisch forderte. Der Berliner aber sah aus wie die Ironie selbst, als er bemerkte, mit welchem Enthusiasmus die hohen schäumenden Gläser in Empfang genommen wurden; und indem er auf eine Gruppe Biertrinker hindeutete, die sich den Hopfennektar von Herzen schmecken ließen und über dessen Vortrefflichkeit disputierten, sprach er lächelnd: „Das wollen Athenienser sind?“ und ein mitleidig ledernes Lächeln zog sich um die hölzernen Lippen des Mannes, als er auf eine Gruppe Biertrinker hinzeigte, die sich das holde Getränk von Herzen schmecken ließen, und über die Vorzüglichkeit des diesjährigen Bockes disputierten. „Das wollen Athenienser sind? — — —“

Zeit und Ort der Handlung sind die Bockbierzeit 1830, das ist etwa ein Vierteljahr vor dem 20. Oktoberfest, und wie man erst im darauffolgen Kapitel IV und über das Literaturportal Bayern erfährt, weitab vom Oktoberfestgelände der Ludwigsvorstädter Theresienwiese, in Bogenhausen:

das längst verschwundene Schlößchen des Grafen von Törring-Jettenbach am Hochufer der Isar gegenüber dem St. Georgs-Kirchlein von Johann Michael Fischer; die Neuberghauserstraße erinnert seit 1897 daran. In diesem Edelsitz wohnte kurzfristig der bayerische Finanzminister Johann Wilhelm von Hompesch bis zu seinem Tod 1809. Mit dem „Montgelasgarten“ des nahe gelegenen Edelsitzes Stepperg des Freiherrn von Montgelas hat Neuberghausen allerdings nichts zu tun. In dem einstigen Schlösschen wurde stattdessen Anfang 1828 eine Ausflugsgaststätte eröffnet, die bald gut florierte. Hier saß Heinrich Heine als einer der ersten Gäste und hatte noch den freien Blick auf die Alpenkette, und eben hier wurde ihm ein besonders schönes Denkmal gesetzt, das alle Widrigkeiten der Zeit überdauert hat.

Und eben nicht der unsäglich nichtssagende Gusseisenkäfig von 1962 im Dichtergarten, mit dem die Stadt München wehrlose, weil verstorbene Schreibarbeiter verunglimpfen zu müssen glaubt und der — typisch für München — ein abgelegener Teil des Finanzgartens ist. Übrigens, Kapitel IV, a. a. O.:

Das Bier ist an besagtem Orte wirklich sehr gut, selbst im Prytaneum, vulgo Bockkeller, ist es nicht besser, es schmeckt ganz vortrefflich, besonders auf jener Treppenterrasse, wo man die Tiroler Alpen vor Augen hat. Ich saß dort oft vorigen Winter und betrachtete die schneebedeckten Berge, die, glänzend in der Sonnenbeleuchtung, aus eitel Silber gegossen zu sein schienen.

Und unsereins soll auf einem „Volksfest“ 2017 für rund 0,8 Liter Bier knapp elf Euro zahlen und bloß nicht glauben, die Bedienung gäbe sich übertrieben lange mit dem Kramen nach Wechselgeld ab, wenn sie erst einen Zwanziger in der Hand hat. Das ist nicht-aristotelische Ironie.

Neuberghausen, Lithorgraphie 1830 via Literaturportal Bayern

Buidln: Marie-Geneviève Bouliar: Selbstportrait als Aspasia, 1794,
Öl auf Leinwand, 123 cm auf 127 cm, Musée des beaux-arts d’Arras;
„Neuberghausen“, Lithographie mit Tondruck, ca. 1830. „Im Hintergrund das ehem. Törring- und nachher Hompesch-Schlößchen, spätere Gasthaus Neuberghausen. Dasselbe bildete Mitte des vorigen Jahrhunderts Winter wie Sommer einen Vereinigungspunkt der vornehmen Welt zu den Kaffee-Nachmittagsstunden; große Tanzunterhaltungen zeichneten sich durch einen sehr heiteren Ton aus.“ Abb. 233 in: Alt-Münchner Bilderbuch. Ansichten aus dem alten München aus der Monacensia-Sammlung Zettler. München 1918. Legende ebd., S. 26,
via Dr. Dirk Heißerer: Ironie haben wir nicht. München, Bogenhausen: Neuberghauserstraße,
Literaturportal Bayern.

Soundtrack: LaBrassBanda featuring Stephan Remmler: Keine Sterne in Athen,
aus: Kiah Royal, unplugged im Kuhstall, Höllthal bei Seeon 2014:

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Written by Wolf

15. September 2017 um 00:01

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