Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Verreißi zerreißi

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Update zu Seht, Ehrenbreitstein mit gesprengter Mauer
und Hipsteros:

Ringelnatz war mein erster Herzensdichter als Welpe. Alles, was man von dem hörte, war so eingängig und genial vielsagend, dass man darauf kommen musste: Wow, von dem will ich alles wissen. Die Gesamtausgabe war die erste, die ich mir vom Taschengeld absparte und zu Weihnachten und Geburtstagen zusammenwünschte; sieben Bände plus einer mit Briefen, jeder zwischen 55 und 75 D-Mark (28,12 und 38,35 Euro) war doch irgendwie Geld für einen 14-Jährigen. Heute gibt es nicht einmal mehr den Originalverlag Henssel, die Ausgabe ist seit dessen Konkurs bei Diogenes und schon seit Jahren auf dem Ramsch angekommen.

Fast das ganze Jahr 1932 tingelte Ringelnatz samt einer siebenköpfigen Schauspielertruppe mit seinem siebten, aber einzigen erhaltenen und noch posthum inszenierten Theaterstück Die Flasche. Eine Seemannsballade durch Deutschland. Das Tourneematerial, bestehend aus Tagebuch und Briefen an seine Frau, erschien ebenfalls schon 1932 als Mit der „Flasche“ auf Reisen im Sammelband Die Flasche und mit ihr auf Reisen.

Das Hotel Riesen-Fürstenhof an den Koblenzer Rheinanlagen wurde im Zweiten Weltkrieg zerbombt. Joachim Ringelnatz, den ein mittelgnädiges Schicksal schon 1934 ins Grab senkte, hat noch darin übernachtet. Und sich gelegentlich aufgeführt wie … nun ja: wie ein Hotelgast.

Hotel Riesen-Fürstenhof Koblenz, Postkarte ca. 1924, mit Dampferanlegestelle

——— Joachim Ringelnatz:

Koblenz und Abstecher

aus: Die Flasche und mit ihr auf Reisen, Rowohlt, Berlin 1932:

Riesenfürsten entdeckte ich nicht in meinem Hotel, aber einmal saß, nach Aussage des Besitzers, Reichskanzler Brüning dort in meiner Nähe.

Eine Dame, die sich auf ihrer Visitenkarte „wissenschaftliche Astrologin und Schauspielerin“ nannte, schickte mir einen Band ihrer ersten lyrischen Gedichte. Ich überflog diese ernste Poesie und muß gestehen, daß ich dann den Band in der Mitte einriß und ihn unter den Schminktisch warf. Sitty zog ihn wieder hervor. Er fand, daß die Gedichte sehr unterhaltend wären, zumal, wenn man das eingerissene Heft wie ein Vexierbuch handhabte und die eine halbe Seite des einen Gedichtes über die entsprechende Hälfte des nächsten deckte. So gelesen ergab sich in diesem „Blühen und Verwelken“ betitelten Buch z. B. folgendes Poem:

Mein Junge

Ich döste in leeren Straßen
Und du begegnetest mir.
Fasziniert über alle Maßen,
Lockte ich dich wie ein Tier.
Du bist ein Junge wie andre auch
Mit blonden Locken und trotziger Stirne;
Nur hast du schon ein klein wenig Bauch
Und – es ist möglich – eine weiche Birne.
Blüten bring ich dir von rotem Mohn.
Rot wie Mohn soll deine Neigung brennen.
Alles Gefühl wird Dein Atem mir nennen.
Du: – von plötzlicher Glut beglückt:
Ein japanischer Dolch auf deinen Leib gezückt,
Mach ich mit diri Harakiri.
O verführi, verführi, verführi!

Herausfinden lässt sich: Die Dame, Astrologin und Schauspielerin hieß Ingrid Svanström; ihr Lyrikband Blühen und Verwelken war bei Bachmair in München-Pasing 1931 erschienen und umfasste 30 Seiten, mithin sollte er sich mühelos zerreißen lassen. Wiedergegeben und geradezu exklusiv für die Nachwelt gerettet hat Ringelnatz den Anfang des Gedichts Mein Junge auf Seite 7 und — oben ab Vers 9 — den Schluss des Gedichtes Spiel auf Seite 9. Herausgeber Walter Pape meint dazu in der großen Ringelnatz-Gesamtausgabe, Band 5: Vermischte Schriften, 1983, in seinen Anmerkungen:

Es ist unklar, ob die Verse von Ingrid Svanström ernst gemeint oder parodistisch sind.

Mit Verlaub, das ist nicht unklar. Beim schallend lächerlichen letzten Vers mag ein Interpret noch unterstellen, dass mit der Dichterin da eine poetische oder sonstige Leidenschaft durchgegangen sei, aber so offensichtliche Fehlbildungen wie „mit diri Harakiri“ unterlaufen niemandem, der gut genug Deutsch kann, dass etwas ihn zum Verfertigen von Gedichten nötigt, die immerhin saubere Reime und Rhythmus aufweisen, aus Versehen. Wir reden hier nicht über den Schlesischen Schwan Friederike Kempner, deren Gesamtwerk schon bedeutend mehrdeutiger schillert. Und inhaltlich wollen wir nicht unterschätzen, was für eine gesellschaftliche und kulturelle Neuheit das war, dass eine Frau sich bekennend begehrlich und offensiv verführerisch an eine Mannsperson wendet.

Mich hätte interessiert, worauf sich „Blüten bring ich dir von rotem Mohn“ auf der Seite 9 reimt, wenn man sie nicht gerade als Vexierbild nutzt. Und einen anvertrauten Gedichtband durch Zerreißen verreißen, das gehört sich schon mal überhaupt nicht.

Hotel Riesen-Fürstenhof Koblenz, 1920, Hotels am Rheinufer, Bilderbuch Koblenz, Straßenansicht

Bilder: Kunstanstalt Kornsand & Co., Frankfurt am Main: Ansichtskarte/Postkarte ungelaufen, sehr guter Zustand, bei akpool 7,20 Euro:

Hotel Riesen-Fürstenhof, Koblenz a. Rhein. H. Kämpfer-Hansen. — Telephon 57, 58, 162. Telegramm-Adresse: Riesen-Koblenz. Große Garage. Neue Marmorhalle. Tägl. Konzert. Große Rheinterrassen.

Bilderbuch Koblenz: Hotel Riesen-Fürstenhof, 1920, Hotels am Rheinufer:

von rechts: Hotel Riesen-Fürstenhof, Hotel Traube, Hotel Koblenzer Hof mit dem charakteristischen Dreieckgiebel. Die Türme am Ende der Häuserreihe gehören zum ehemaligen Amtssitz der preußischen Bezirksregierung.

Soundtrack: Nicki Minaj: Anaconda, aus: The Pinkprint, 2014 in der grundrenovierten, revolutionär neu-alt interpretierten Version der warm empfohlenen Scott Bradlee’s Postmodern Jukebox,
aus: Selfies on Kodachrome, 2014; Gesang: die bezaubernde Robyn Adele Anderson:

I’m high as hell, I only took a half a pill,
I’m on some dumb shit, by the way, what he say?
He can tell I ain’t missing no meals,
Come through and fuck him in my automobile.

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Written by Wolf

28. Juli 2017 um 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

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