Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Hier wäre also schon wieder der Ansatz zu einer neuen Sammlung, der Anfang einer „unendlichen“ Reihe

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Update zu Wie der Schnee so weiß, aber kalt wie Eis ist das Liebchen, das du dir erwählt,
Impotence proved I’m superman
und Sie sollen und müssen gerettet sein!:

Goethe und Schiller, Liebigs Fleisch-Extract, ca. 1900, via Goethezeitportal

Am tiefsten im kollektiven Bewusstsein verwurzelt ist Goethe im Zusammenhang mit Schiller — und umgekehrt — und jeder für sich mit den verständlicheren seiner Gedichte. Es ist kein Einzelwerk bekannt, das beiden zu gleichen Teilen zugeschrieben werden müsste, aber natürlich hat dieses vierbeinige Monument einer Männerfreundschaft wiederholt Gemeinschaftsprojekte — sie hätten gesagt: „ins Werk gesetzt“ (und danach „ans Licht gegeben“).

Jota Konstantinidou, Fräulein Ikon, 12. Februar 2012Die erste solche Zusammenarbeit findet sich in praktischerweise von Schiller selbst herausgegebenen Musen-Almanach für das Jahr 1797, der „Xenien-Almanach“ heißt, weil darin die 676 Xenien von je 1 Distichon Länge stehen, deren genaue Urheberschaft sie im Nachhinein glaubhaft selbst nicht mehr auseinanderhalten konnten. Die zweite solche Zusammenarbeit steht ein Jahr später im so genannten Balladen-Almanach und interessiert uns hier.

Vor allem für gequälte Schüler und Sonstige, die sich nicht freiwillig mit der Lyrik der deutschen Klassik auseinandersetzen, ist es ein befreiendes Wissen, dass die Xenien und die berühmtesten Balladen, mit denen Abergenerationen aus einer fragwürdig verstandenen Pädagogik heraus gezwiebelt wurden, wenig mehr als die Bieridee — oder genauer: eine absichtlich zusammengetragene Sammlung von Bierideen — zweier Kumpels sind. Wer will, hört beiden Gattungen noch das lausbübische Vergnügen an, mit dem sie geschrieben wurden. Das kommt aber, liebe Kinder, nicht in die Schulaufgabe, weil ihr in der Schule weder mit der Weimarer noch mit der Frankfurter Goethe-Ausgabe arbeitet, sondern frühestens wieder in die germanistische Proseminararbeit und muss mit Zweifeln, grano salis und davon ungebrochenem Respekt ausgesprochen und vor allem anhand Quellen begründet werden.

Glyptothek, Birgit und Heiner Seidl, Family Business, 23. Juli 2006Eine der nützlichsten Quellen folgt unten. Danach bringe ich möglichst vollständig alle Gedichte von Goethe und Schiller, die mit einigem guten Willen als Balladen durchgehen, chronologisch geordnet; Kriterium war, dass eine Handlung erzählt wird. Das meiste Material von beiden entstand geballt für den besagten Balladen-Almanach 1798, ich bringe aber um des Überblicks willen auch beider Balladen, die unabhängig voneinander entstanden, auch als Goethe und Schiller sich noch nicht kannten (vor 1794) und als Schiller schon gestorben war (nach 1805). Die Quelle, einer wesentlichsten Briefe von Schiller, konstitutiert den bis heute üblichen Begriff des Balladenjahrs, spricht von Freude an der gemeinsamen dichterischen Arbeit und kündigt sogar nach dem Xenien- und dem Balladen- ein Liederjahr an, aus dem leider nichts geworden ist: Die Glocke zum Beispiel ist a) von Schiller, b) von 1799 und c) wie der Name sagt, keine Ballade.

Es schien unnötig, hier alle Volltexte zu wiederholen. Goethe- und Schiller-Balladen sind für mancher Leute Geschmack schon viel zu gut erreichbar, weshalb sie nur verlinkt sind; mit geeigneten Einzelgedichten haben wir uns hier schon beschäftigt und werden darin bei Gelegenheit fortfahren, weil uns niemand scheucht und wir rein dem Gaudium verhaftet sind. — Das Bildmaterial nähert sich mit der Münchner Glyptothek der klassizistischen Tonart vieler der erwähnten Balladen an.

Ulrich Gerndt, 26. März 2017

——— Schiller an Goethe:

Jena den 22. September 1797.

Ihr Brief nebst seinem Anhang hat uns wieder große Freude gemacht. Das Lied ist voll heiterer Laune und Natur. Mir däucht, daß diese Gattung dem Poeten schon dadurch sehr günstig sein müsse, daß sie ihn aller belästigenden Beiwerke, dergleichen die Einleitungen, Uebergänge, Beschreibungen etc. sind, überhebt und ihm erlaubt, immer nur das Geistreiche und Bedeutende an seinem Gegenstand mit leichter Hand oben wegzuschöpfen.

Stefan Hartl, Reading the visitor's information booklet, 10. Februar 2008Hier wäre also schon wieder der Ansatz zu einer neuen Sammlung, der Anfang einer „unendlichen“ Reihe: denn dieses Gedicht hat, wie jede gute Poesie, ein ganzes Geschlecht in sich, durch die Stimmung die es gibt und durch die Form die es aufstellt.

Ich wäre sehr begierig gewesen, den Eindruck, den Ihr Hermann auf meine Stuttgarter Freunde gemacht, zu beobachten. An einer gewissen Innigkeit des Empfangens hat es sicher nicht gefehlt, aber so wenige Menschen können das Nackende der menschlichen Natur ohne Störung genießen. Indessen zweifle ich gar nicht, daß Ihr Hermann schlechterdings über alle diese Subjectivitäten triumphiren wird, und dieses durch die schönste Eigenschaft bei einem poetischen Werk, nämlich durch sein Ganzes, durch die reine Klarheit seiner Form und durch den völlig erschöpften Kreis menschlicher Gefühle.

Mein letzter Brief hat Ihnen schon gemeldet, daß ich die Glocke liegen lassen mußte. Ich gestehe daß mir dieses, da es einmal so sein mußte, nicht so ganz unlieb ist. Denn indem ich diesen Gegenstand noch ein Jahr mit mir herumtrage und warm halte, muß das Gedicht, welches wirklich keine kleine Aufgabe ist, erst seine wahre Reife erhalten. Auch ist dieses einmal das Balladenjahr, und das nächste hat schon ziemlich den Anschein das Liederjahr zu werden, zu welcher Classe auch die Glocke gehört.

Indessen habe ich die letzten acht Tage doch für den Almanach nicht verloren. Der Zufall führte mir noch ein recht artiges Thema zu einer Ballade zu, die auch größtentheils fertig ist und den Almanach, wie ich glaube, nicht unwürdig beschließt. Sie besteht aus 24 achtzeiligen Strophen, und ist überschrieben: Der Gang nach dem Eisenhammer, woraus Sie sehen daß ich auch das Feuerelement mir vindicirt habe, nachdem ich Wasser und Luft bereist habe. Der nächste Posttag liefert es Ihnen, nebst dem ganzen Almanach, gedruckt.

Ich wünsche nun sehr, daß die Kraniche in der Gestalt, worin Sie sie jetzt lesen, Ihnen Genüge thun mögen. Gewonnen haben sie ganz unstreitig durch die Idee, die Sie mir zu der Exposition gegeben. Auch denke ich hatte die neue Strophe, die ich den Furien noch gewidmet, zur genauen Bezeichnung derselben anfänglich noch gefehlt.

Kants kleinen Tractat habe ich auch gelesen, und obgleich der Inhalt nichts eigentlich neues liefert, mich über seine trefflichen Einfälle gefreut. Es ist in diesem alten Herrn noch etwas so wahrhaft jugendliches, das man beinah ästhetisch nennen möchte, wenn einen nicht die greuliche Form, die man einen philosophischen Canzleistil nennen möchte, in Verlegenheit setzte. Mit Schlossern kann es sich zwar so verhalten, wie Sie meinen, indessen hat seine Stellung gegen die kritischen Philosophen so etwas bedenkliches, daß der Charakter kaum aus dem Spiele bleiben kann. Auch kann man, däucht mir, bei allen Streitigkeiten, wo der Supernaturalism von denkenden Köpfen gegen die Vernunft vertheidigt wird, in die Ehrlichkeit ein Mistrauen setzen: die Erfahrung ist gar zu alt und es läßt sich überdem auch gar wohl begreifen.

Wir genießen jetzt hier sehr schöne Herbsttage; bei Ihnen mag wohl noch ein Rest von Sommer zu spüren sein. In meinem Garten werden schon große Anstalten gemacht, ihn für die künftigen Jahre recht zu verbessern. Uebrigens hatten wir keine schlechte Obstärnte, wobei Karl uns nicht wenig Spaß machte.

Wir zweifeln, bei dem zweifelhaften Ansehen des Kriegs und Friedens, noch immer an der nahen Ausführung Ihrer italienischen Reise, und geben zuweilen der Hoffnung Raum, daß wir Sie früher als wir erwarten durften, wieder bei uns sehen könnten.

Leben Sie recht wohl und Meyern sagen Sie die freundschaftlichsten Grüße von uns. Herzlich wünschen wir Ihnen Glück zu Ihrer Wiedervereinigung. Meine Frau grüßt Sie aufs beste.

Sch.

Glyptothek, Ulrich Gerndt, 15. Juni 2016

Ab hier bitte ich auch um die Aufmerksamkeit meiner Leser — das sind Sie. Korrekturen in der zeitlichen Einordnung und Gruppierung, zusätzliche Einträge und verbesserte Links kann ich ständig vornehmen, dann hat die folgende Liste das Zeug zum Masterpost für Goethe- und Schiller-Balladen.

Glyptothek, The Nightstalker, 16. Januar 2010

  1. Goethe: Pygmalion, eine Romanze, 1767;
  2. Goethe. Heidenröslein, vor 1783;
  3. Goethe: Der König in Thule, um 1774;
  4. Goethe: Der untreue Knabe, um 1774;
  5. Goethe: Das Veilchen, 1775;
  6. Goethe: Vor Gericht, um 1775;
  7. Goethe: Klaggesang von der edlen Frauen des Asan Aga, aus dem Morlackischen, Nachdichtung aus dem Serbischen um 1775;
  8. Goethe: Der Fischer, um 1778;
  9. Goethe: Erlkönig, 1782;
  10. Schiller: Die Rache der Musen, eine Anekdote vom Helikon, 1782;
  11. Schiller: Wunderseltsame Historia des berühmten Feldzuges als welchen Hugo Sanherib, König von Assyrien, ins Land Juda unternehmen wollte aber unverrichteter Dinge wieder einstellen mußte. Aus einer alten Chronika gezogen und in schnakische Reimlein bracht von Simon Krebsauge, Baccalaur, 1782;
  12. Goethe: Mignon, um 1783;
  13. Goethe: Der Sänger, vermutlich 1783;
  14. Goethe: Die Spinnerin, 1795;
  15. Schiller: Das verschleierte Bild zu Sais, 1795;
  16. Goethe: Der Edelknabe und die Müllerin, 26. August 1797;
  17. Goethe: Der Junggesell und der Mühlbach, 4. September 1797;
  18. Goethe: Der Müllerin Reue, 7. September 1797;
  19. Goethe: Der Müllerin Verrath, Juni 1798;
  20. Glyptothek, Andrei S., Faces, 6. Juli 2008

    Musenalmanach für das Jahr 1798, herausgegeben von Schiller, Tübingen, in der J. G. Cottaischen Buchhandlung, 1797 („Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.“):

    1. Goethe: Der neue Pausias und sein Blumenmädchen (Seite 1);
    2. Schiller: Der Ring des Polykrates. Ballade (Seite 24);
    3. Goethe: Der Zauberlehrling. Romanze (Seite 32);
    4. Schiller: Der Handschuh. Erzählung (Seite 41);
    5. Goethe: Der Schatzgräber (Seite 46);
    6. Goethe: Die Braut von Corinth. Romanze (Seite 88);
    7. Schiller: Ritter Toggenburg. Ballade (Seite 105);
    8. Schiller: Elegie an Emma (Seite 115);
    9. Schiller: Der Taucher. Ballade (Seite 119);
    10. Schiller: Reiterlied aus dem Wallenstein (Seite 137);
    11. Goethe: Legende (Seite 144);
    12. Schiller: Die Urne und das Skelet (Seite 147);
    13. Schiller: Das Regiment (Seite 156);
    14. Goethe: An Mignon (Seite 179);
    15. Goethe: Der Gott und die Bajadere. Ind. Legende (Seite 188);
    16. Schiller: Die Worte des Glaubens (Seite 221);
    17. Goethe: Erinnerung (Seite 223);
    18. Schiller: Nadoweßische Todtenklage (Seite 237);
    19. Schiller: Der Obelisk u. s. w. (Seite 240);
    20. Goethe: Abschied (Seite 241);
    21. Schiller: Die Peterskirche (Seite 255);
    22. Schiller: Licht und Wärme (Seite 258);
    23. Schiller: Breite und Tiefe (Seite 263);
    24. Schiller: Die Kraniche des Ibycus. Ballade (Seite 267);
    25. Goethe: Der neue Amor (Seite 287);
    26. Schiller: Das Geheimniß (Seite 299);
    27. Schiller: Der Gang nach dem Eisenhammer. Ballade (Seite 306);

    Glyptothek, Andrei S.: Beauty in Stone, 6. Juli 2008

  21. Goethe: Das Blümlein Wunderschön. Lied des gefangnen Grafen, 16. Juni 1798;
  22. Schiller: Der Kampf mit dem Drachen, zweite Augusthälfte 1798;
  23. Schiller: Die Bürgschaft, Ende August 1798;
  24. Goethe: Die erste Walpurgisnacht, Mai 1799: als Ballade bezeichnet, als Vorlage für eine weltliche Kantate geplant, daher nur mit rudimentärer Handlung, vertont von Felix Mendelssohn Bartholdy, 1833;
  25. Goethe: Die erste Walpurgisnacht, 30. Juli 1799;
  26. Schiller: Hero und Leander, Juni 1801;
  27. Schiller: Kassandra, erste Jahreshälfte 1802;
  28. Goethe: Hochzeitlied, 1802;
  29. Goethe: Ritter Curts Brautfahrt, 1803;
  30. Goethe: Wandrer und Pächterin, 1803;
  31. Schiller:Der Graf von Habsburg, Frühjahr 1803;
  32. Schiller: Das Siegesfest, 1803;
  33. Goethe: Der Rattenfänger, Taschenbuch auf das Jahr 1804;
  34. Schiller: Der Alpenjäger, Mitte 1804;
  35. Goethe: Wirkung in die Ferne, 1808;
  36. Goethe: Johanna Sebus, 1809;
  37. Goethe: Das Tagebuch, 30. April 1810;
  38. Goethe: Der getreue Eckart, 17. April 1813;
  39. Goethe: Der Todtentanz, 21. April 1813;
  40. Goethe: Die wandelnde Glocke, 22. Mai 1813;
  41. Goethe: Ballade, 1813/1817;
  42. Goethe: Paria. Des Paria Gebet. Legende. Dank des Paria, 1821/1823.

Glyptothek, Ulrich Gerndt, Museumsshop, 26. März 2017

Bilder: Maggi-Sammeldoppelportrait: Berühmte Dichter. Deutschland: Liebig Company’s Fleisch-Extract, ca. 1900, via Dieter Borchmeyer: DuMont Schnellkurs Goethe. Goethes Allianz mit Schiller (1794-1805);
die Impressionen aus der Münchner Glyptothek sind von:

  1. Ulrich Gerndt, 26. März 2017;
  2. Stefan Hartl: …reading the visitor’s information booklet…, 10. Februar 2008;
  3. Ulrich Gerndt, 15. Juni 2016;
  4. The Nightstalker, 16. Januar 2010;
  5. Andrei S.: Faces…, 6. Juli 2008;
  6. Birgit & Heiner Seidl: Family Business, 23. Juli 2006;
  7. Andrei S.: Beauty in Stone, 6. Juli 2008;
  8. Jota Konstantinidou: Fräulein Ikon, 12. Februar 2012;
  9. Ulrich Gerndt: Museumsshop, 26. März 2017;
  10. Helga Gilge: Athena, 11. Januar 2014.

Glyptothek. Helga Gilge, Athena, 11. Januar 2014

Soundtrack: die komplette Tanz-Performance Contemporary Dance Meets Ancient Times mit Beate Kucza und Smaragda Siouti; Musik: Tülin Calik, Glyptothek München 2014 (in den Häusern des Museumsviertels finden Besucher übrigens normalerweise keinen barfüßigen Einlass und werden von der Security schon angefallen, wenn einem im Saal des Barberinischen Fauns eine hastigere Handbewegung als Bleistiftstricheln unterläuft):

Bonus Track, weil Musik nebenbei Spaß machen soll: Ruby Throat (i. e . KatieJane Garside, die kleine Schnelle von den weiland Daisy Chainsaw): Barebaiting, aus: Out of a Black Cloud Came a Bird, 2009:

He cut it out stitch by stitch
in my fallopian grip,
I hang the dead meat on his tree.
And as I screeched through the night,
he said, „My wife fell on that knife“,
he coughed and he coughed until he bleed.

So when you going to learn?
When will you tend to these burns?
When will you wake from this hell?
You can put it in a song,
but that won’t change what’s wrong,
no, it won’t give you the key to the cell.
You know that it’s true,
but of course it’s up to you —
Still he doesn’t love you.

Sehr balladesk, gell?

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Written by Wolf

26. Mai 2017 um 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Weisheit & Sophisterei

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