Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Frankfurter Osterspaziergang

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Update zu Die besten Saufbrüder sind gestorben:

Lebenslust und Konsumfreude atmet der Faust nicht erst in Auerbachs Keller. Um Trunk und sonstige Annehmlichkeiten geht es schon kurz vor dem Osterspaziergang, der Faust mit seinem vorläufigen, auf längere Sicht unzureichenden Sidekick und Famulus Wagner unmittelbar Wagners Ablösung zuführen wird: Mephisto.

Für heute bleiben wir im lebenslustigen, konsumfreudigen Teil. Laut Albrecht Schöne in der bis auf weiteres besten Faust-Ausgabe ist

Bemerkenswert die für das Drama dieser Zeit ganz ungewöhnliche Reihung ihrer abgerissen unvollständigen Gesprächsfetzen […], die der Zuschauer/Leser wahrnimmt, als zögen diese Spaziergänger an ihm vorüber.

Das erwähnte „Jägerhaus“, in das die Studenten streben, ist das Forsthaus bei Sachsenhausen, heute geführt als Oberschweinstiege:

Das Restaurant Oberschweinstiege hat eine sehr lange Tradition. Der Name stammt von zwei Forstbezirken des Frankfurter Stadtwalds. Der zwischen Sachsenhausen und Neu-Isenburg gelegene Abschnitt wurde als „Oberwald“, der zwischen Schwanheim und dem heutigen Flughafen als „Unterwald“ bezeichnet. Vom 14. bis in 19. Jahrhundert wurden die Schweine der Frankfurter Bürger in diese Waldstücke getrieben, damit sie sich noch vor dem nahenden Winter an Eicheln satt fressen konnten. Erstmals erwähnt wurde die Oberschweinstiege im Jahr 1592, seit 1779 gab es ein Forsthaus. Nachdem der Förster eine Schankerlaubnis erhalten hatte, wurde die Oberschweinstiege schnell zum beliebten Frankfurter Ausflugsziel.

Die „Mühle“ ist die Gerbermühle, die es noch gibt:

Die Geschichte der Gerbermühle ist lang und ereignisreich. Im 14. Jahrhundert wurde auf dem malerischen Flecken Erde am linken Mainufer ein Lehngut erbaut. Damit wurde der Grundstein für eine lange und bewegte Geschichte gelegt, die die Gerbermühle zu einem historisch bedeutsamen Teil Frankfurts gemacht hat. Im 16 Jahrhundert wurde die Getreidemühle errichtet. Im 17. Jahrhundert wurde das Gebäude als Gerberei genutzt. Diese beiden ehemaligen Funktionen des einstigen Lehnguts gaben ihm den Namen Gerbermühle, der bis heute erhalten geblieben ist.

Seine historische Bedeutung erhielt das Gebäude jedoch erst durch den Frankfurter Bankier Johann Jakob von Willemer, der die Gerbermühle im Jahre 1785 als privaten Sommersitz gepachtet und umgebaut hat. Willemer, der mit Goethe befreundet war, lud diesen erstmals im Jahre 1814 zu einem Besuch ein, bei dem Goethe die Bekanntschaft mit Marianne, der Ziehtochter Willemers, machte.

Zwischen den beiden entwickelte sich eine innige Beziehung, die Goethe zu weiteren und ausgiebigeren Besuchen der Gerbermühle animierte. Im Jahre 1815 verweilte er fast einen ganzen Monat in der Gerbermühle, wo er auch seinen 66. Geburtstag feierte.

Sowohl Marianne, als auch die pittoreske Landschaft inspirierten ihn zu seinem Gedicht „Ginkgo biloba“, dass [sic…] er Marianne, die von ihrem Ziehvater Johann Jakob von Willemer inzwischen geehelicht wurde, mit Ginkgo-Blättern verziert, zukommen ließ.

Drei Lieder aus Goethes Werk „West-östlicher Diwan“ stammen aus Mariannes Feder, die der Dichter stillschweigend in seine Publikation aufnahm.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Gerbermühle von der Stadt Frankfurt saniert und als Ausflugslokal genutzt. Der 2. Weltkrieg verschonte leider auch die abgelegene Gastwirtschaft nicht. Bis auf die Grundmauern zerstört, wurde die Gerbermühle erst in den 70er Jahren erneut aufgebaut.

2001 erwarb Werner Kindermann die baufällige Gerbermühle. Damit war der Weg frei für eine gründliche Sanierung und zahlreiche Um- und Ausbaumaßnahmen, deren Ergebnisse sich mehr als sehen lassen können. Die Gerbermühle ist wieder da und um eine Attraktion reicher. Das kleine aber edle Hotel macht aus der ehemaligen Sommerresidenz wieder einen Ort zum Verweilen.

Außerdem zeigen sie jedem, der Wert auf dergleichen legt, „alle Spiele unserer Eintracht Frankfurt live in der Turmbar.“

Der „Wasserhof“ stand unmittelbar neben der Gerbermühle und ist leider nur noch durch Wikipedia genauer belegt:

Die als Wassermühle gebaute Gerbermühle gehörte zum Wasserhof, ein befestigter Gutshof im sumpfigen, von vielen Wasseradern durchzogenen Gelände zwischen dem Fluss Main im Norden und dem Dorf Oberrad im Süden. Die Ausstattung des Hofes mit einer Mühle deutet darauf hin, dass die zum Gutshof gehörenden Felder genügend Erträge erbrachten, um den Betrieb einer eigenen Getreidemühle zu rechtfertigen. Der Wasserhof war Teil eines Lehnguts, das ursprünglich im Jahr 1311 als „curia […] allodium sita in villa Roden prope Frankenvort“ (Hof beziehungsweise Allod, – freies Eigentum – gelegen im Dorf Rad bei Frankfurt) von Philipp von Falkenstein und Philipp von Münzenberg begründet wurde. Diese belehnten im selben Jahr eine Frankfurter Familie von Ovenbach (Offenbach) mit dem Hof. Die Besitzer dehnten das Erbrecht am Lehen auf weibliche Nachkommen der Lehnsnehmer aus („Frauenlehen“); die Erträge des Wasserhofes sicherten den Lebensunterhalt der unverheirateten Töchter der Lehensträger.

„Burgdorf“ ist das Dorf Bergen, heute Frankfurts östlichster Stadtteil Bergen-Enkheim.

Schöne bezieht sich bei seinen lokalen Zuordnungen auf Ernst Beutler: Goethe. Faust und Urfaust, erläutert von Ernst Beutler (zuerst 1939), zweite erneuerte Auflage, Leipzig 1940 u. ö. (Sammlung Dieterich, Band 25).

Der ganze Teil Vor dem Tor samt Osterspaziergang fehlt noch im heute (schon gar nicht mehr) so genannten Urfaust und im Faust-Fragment; man darf also sagen, der alte Goethe hat in der Endfassung Faust. Eine Tragödie seiner — wie gesagt — lebensfrohen und konsumfreudigen Jugend ein Denkmal gesetzt. Unser Ausschnitt bricht dort ab, wo er selbstverständlich als auswendig bekannt vorausgesetzt werden darf. Danach kommt wieder Erdenschwere.

Peter von Cornelius, Faust und Wagner unter den Spaziergängern vor dem Tore, 1826

——— Goethe:

Faust I

Vers 808 bis 903:

Vor dem Thor.

Spaziergänger aller Art ziehen hinaus.

Einige Handwerksbursche.
Warum denn dort hinaus?

Andre.
Wir gehn hinaus auf’s Jägerhaus.

Die Ersten.
Wir aber wollen nach der Mühle wandern.

Ein Handwerksbursch.
Ich rath’ euch nach dem Wasserhof zu gehn.

Zweyter.
Der Weg dahin ist gar nicht schön.

Die Zweyten.
Was thust denn du?

Ein Dritter.
Ich gehe mit den andern.

Vierter.
Nach Burgdorf kommt herauf, gewiß dort findet ihr
Die schönsten Mädchen und das beste Bier,
Und Händel von der ersten Sorte.

Fünfter.
Du überlustiger Gesell,
Juckt dich zum drittenmal das Fell?
Ich mag nicht hin, mir graut es vor dem Orte.

Dienstmädchen.
Nein, nein! ich gehe nach der Stadt zurück.

Andre.
Wir finden ihn gewiß bey jenen Pappeln stehen.

Erste.
Das ist für mich kein großes Glück;
Er wird an deiner Seite gehen,
Mit dir nur tanzt er auf dem Plan.
Was gehn mich deine Freuden an!

Andre.
Heut ist er sicher nicht allein,
Der Krauskopf, sagt er, würde bey ihm seyn.

Schüler.
Blitz wie die wackern Dirnen schreiten!
Herr Bruder komm! wir müssen sie begleiten.
Ein starkes Bier, ein beizender Toback,
Und eine Magd im Putz das ist nun mein Geschmack.

Bürgermädchen.
Da sieh mir nur die schönen Knaben!
Es ist wahrhaftig eine Schmach,
Gesellschaft könnten sie die allerbeste haben,
Und laufen diesen Mägden nach!

Zweyter Schüler zum ersten.
Nicht so geschwind! dort hinten kommen zwey,
Sie sind gar niedlich angezogen,
’s ist meine Nachbarin dabey;
Ich bin dem Mädchen sehr gewogen.
Sie gehen ihren stillen Schritt
Und nehmen uns doch auch am Ende mit.

Erster.
Herr Bruder nein! Ich bin nicht gern genirt.
Geschwind! daß wir das Wildpret nicht verlieren.
Die Hand, die Samstags ihren Besen führt,
Wird Sontags dich am besten caressiren.

Bürger.
Nein, er gefällt mir nicht der neue Burgemeister!
Nun, da er’s ist, wird er nur täglich dreister.
Und für die Stadt was thut denn er?
Wird es nicht alle Tage schlimmer?
Gehorchen soll man mehr als immer,
Und zahlen mhr als je vorher.

Bettler singt.
Ihr guten Herrn, ihr schönen Frauen,
So wohlgeputzt und backenroth,
Belieb’ es euch mich anzuschauen,
Und seht und mildert meine Noth!
Laßt hier mich nicht vergebens leyern!
Nur der ist froh, der geben mag.
Ein Tag den alle Menschen feyern,
Er sey für mich ein Aerndetag.

Spaziergang am Ostersonntag. Holzstich nach dem Gemälde von J. Wichmann. Aus der Gartenlaube 1885. In Goethes Faust mit einer Einleitung von Max von Boehn. Berlin im Askanischen Verlag Carl Albert Kindle, 1924Andrer Bürger.
Nichts bessers weiß ich mir an Sonn- und Feyertagen,
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrey,
Wenn hinten, weit, in der Türkey,
Die Völker auf einander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man Abends froh nach Haus,
Und segnet Fried’ und Friedenszeiten.

Dritter Bürger.
Herr Nachbar, ja! so laß ich’s auch geschehn,
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durch einander gehn;
Doch nur zu Hause bleib’s beym Alten.

Alte zu den Bürgermädchen.
Ey! wie geputzt! das schöne junge Blut!
Wer soll sich nicht in euch vergaffen? –
Nur nicht so stolz! es ist schon gut!
Und was ihr wünscht das wüßt’ ich wohl zu schaffen.

Bürgermädchen.
Agathe fort! ich nehme mich in Acht
Mit solchen Hexen öffentlich zu gehen;
Sie ließ mich zwar, in Sanct Andreas Nacht,
Den künftgen Liebsten leiblich sehen.

Die Andre.
Mir zeigte sie ihn im Krystall,
Soldatenhaft, mit mehreren Verwegnen;
Ich seh’ mich um, ich such’ ihn überall,
Allein mir will er nicht begegnen.

Soldaten.
     Burgen mit hohen
     Mauern und Zinnen,
     Mädchen mit stolzen
     Höhnenden Sinnen
     Möcht’ ich gewinnen!
     Kühn ist das Mühen,
     Herrlich der Lohn!

     Und die Trompete
     Lassen wir werben,
     Wie zu der Freude,
     So zum Verderben.
     Das ist ein Stürmen!
     Das ist ein Leben!
     Mädchen und Burgen
     Müssen sich geben.
     Kühn ist das Mühen,
     Herrlich der Lohn!

     Und die Soldaten
     Ziehen davon.

Faust und Wagner.

Faust.
Vom Eise befreyt sind Strom und Bäche, […]

Breaking News: Helene „Mir doch wurscht, von wem das ist“ Hegemann:
Wie hypermodern Goethes Osterspaziergang ist,
in: Die Welt, 15. Apil 2017, Lesedauer: 4 Minuten.

Franz Simm, Vor dem Thor, ca. 1900

BIlder:

  1. Peter von Cornelius: Faust und Wagner unter den Spaziergängern vor dem Tore, 1826;
  2. Spaziergang am Ostersonntag. Holzstich nach dem Gemälde von J. Wichmann. Aus der Gartenlaube 1885. In: Goethes Faust mit einer Einleitung von Max von Boehn. Berlin im Askanischen Verlag Carl Albert Kindle, 1924;
  3. Franz Simm: Vor dem Thor, ca. 1900,

alle via Jutta Assel/Georg Jäger: Illustrationen zu Szenen aus Goethes Faust: Vor dem Tor / Osterspaziergang, April 2011.

Soundtracks: Irving Berlin as sung by Judy Garland and Fred Astaire:
I Love A Piano, Snookey Ookums, and The Ragtime Violin,
from: Easter Parade (deutsch: Osterspaziergang), 1948:

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Written by Wolf

17. April 2017 um 01:21

Veröffentlicht in Klassik, Nahrung & Völlerei

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