Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Leider mit Vergeßlichkeit angefüllt ist dein Gehirne

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Weheklagen mag niemand, schon gar nicht, wenn der Klagende „Lamentationen“ dazu sagt. Außer sie sind so brillant wie die von Heine oder gar wirklich von Heine.

Die Gedichtnummern 19 bis 28 aus dem dritten Teil der Nachgelassenen Gedichte 1845–1856 namens Lamentationen richten sich nachweislich an Heines Frau Augustine Crescence, vulgo Mathilde. Das Paar hielt sich gegenseitig für nicht besonders helle: Sie verstand weder, was ihr Heinrich andauernd zu schreiben hatte, wofür ihm gar noch jemand Geld zahlen sollte, noch konnte oder wollte sie kochen und haushalten, dafür verbreitete sie: „Henri, c’est un très bon garcon, très bon enfant, mais quant à l’esprit, il n’en a pas beaucoup!“

Heines resignierte Anti-Liebesgedichte gehören zum Schönsten, was sich ihm entrungen hat. Vom höchsten bleibenden Gebrauchswert finde ich die Nummern 20, 21 und 24. Man sollte wählerisch sein, wem man sie zitiert.

Die Reihenfolge, die von einer Sammlung zur anderen umsortiert wird, weil sie vom todkranken Heine nicht mehr als Zyklus festgelegt wurde, richtet sich nach der Hanser-Gesamtausgabe von Klaus Briegleb. „Celimene“ bezieht sich auf die kokette Célimène aus Molière: Le Misanthrope. Das 1486 bis 1993 chronologisch geordnete Bildmaterial illustriert das mittelalterliche Märe Aristoteles und Phyllis. Ein zeitloses Thema.

——— Heinrich Heine:

Lamentationen

aus: Nachgelesene Gedichte 1845–1856, Auszüge Nr. 19 bis 28:

19

Aristoteles und PhyllisHab eine Jungfrau nie verführet
Mit Liebeswort, mit Schmeichelei;
Ich hab auch nie ein Weib berühret,
Wußt ich, daß sie vermählet sei.

Wahrhaftig, wenn es anders wäre,
Mein Name, er verdiente nicht
Zu strahlen in dem Buch der Ehre;
Man dürft mir spucken ins Gesicht.

20

Celimene

Glaube nicht, daß ich aus Dummheit
Dulde deine Teufeleien;
Glaub auch nicht, ich sei ein Herrgott,
Der gewohnt ist zu verzeihen.

Deine Nücken, deine Tücken
Hab ich freilich still ertragen.
Andre Leut an meinem Platze
Hätten längst dich tot geschlagen.

Schweres Kreuz! Gleichviel, ich schlepp es!
Wirst mich stets geduldig finden —
Wisse, Weib, daß ich dich liebe,
Um zu büßen meine Sünden.

Ja, du bist mein Fegefeuer,
Doch aus deinen schlimmen Armen
Wird geläutert mich erlösen
Gottes Gnade und Erbarmen.

21

Aristoteles und PhyllisEs geht am End, es ist kein Zweifel,
Der Liebe Glut, sie geht zum Teufel.
Sind wir einmal von ihr befreit,
Beginnt für uns die beßre Zeit,
Das Glück der kühlen Häuslichkeit.

Der Mensch genießet dann die Welt,
Die immer lacht fürs liebe Geld.
Er speist vergnügt sein Leibgericht,
Und in den Nächten wälzt er nicht
Schlaflos sein Haupt, er ruhet warm
In seiner treuen Gattin Arm.

22

Die Liebesgluten, die so lodernd flammten,
Wo gehn sie hin, wenn unser Herz verglommen?
Sie gehn dahin, woher sie einst gekommen,
Zur Hölle, wo sie braten, die Verdammten.

23

Aristoteles und PhyllisGeleert hab ich nach Herzenswunsch
Der Liebe Kelch, ganz ausgeleert;
Das ist ein Trank, der uns verzehrt
Wie flammenheißer Kognakpunsch.

Da lob ich mir die laue Wärme
Der Freundschaft; jedes Seelenweh
Stillt sie, erquickend die Gedärme
Wie eine fromme Tasse Tee.

24

Lebewohl

Hatte wie ein Pelikan
Dich mit eignem Blut getränket,
Und du hast mir jetzt zum Dank
Gall und Wermut eingeschenket.

Böse war es nicht gemeint,
Und so heiter blieb die Stirne;
Leider mit Vergeßlichkeit
Angefüllt ist dein Gehirne.

Nun leb wohl — du merkst es kaum,
Daß ich weinend von dir scheide.
Gott erhalte, Törin, dir
Flattersinn und Lebensfreude!

25

Aristoteles und PhyllisIch war, o Lamm, als Hirt bestellt,
Zu hüten dich auf dieser Welt;
Hab dich mit meinem Brot geätzt,
Mit Wasser aus dem Born geletzt.
Wenn kalt der Wintersturm gelärmt,
Hab ich dich an der Brust erwärmt.
Hier hielt ich fest dich angeschlossen,
Wenn Regengüsse sich ergossen
Und Wolf und Waldbach um die Wette
Geheult im dunkeln Felsenbette.
Du bangtest nicht, hast nicht gezittert.
Selbst wenn den höchsten Tann zersplittert
Der Wetterstrahl – in meinem Schoß
Du schliefest still und sorgenlos.

Mein Arm wird schwach, es schleicht herbei
Der blasse Tod! Die Schäferei,
Das Hirtenspiel, es hat ein Ende.
O Gott, ich leg in deine Hände
Zurück den Stab. — Behüte du
Mein armes Lamm, wenn ich zur Ruh
Bestattet bin — und dulde nicht,
Daß irgendwo ein Dorn sie sticht —
O schütz ihr Vlies vor Dornenhecken
Und auch vor Sümpfen, die beflecken;
Laß überall zu ihren Füßen
Das allerbeste Futter sprießen;
Und laß sie schlafen, sorgenlos,
Wie einst sie schlief in meinem Schoß.

26

Aristoteles und PhyllisIch seh im Stundenglase schon
Den kargen Sand zerrinnen.
Mein Weib, du engelsüße Person!
Mich reißt der Tod von hinnen.

Er reißt mich aus deinem Arm, mein Weib,
Da hilft kein Widerstehen,
Er reißt die Seele aus dem Leib —
Sie will vor Angst vergehen.

Er jagt sie aus dem alten Haus,
Wo sie so gerne bliebe.
Sie zittert und flattert — Wo soll ich hinaus?
Ihr ist wie dem Floh im Siebe.

Das kann ich nicht ändern, wie sehr ich mich sträub,
Wie sehr ich mich winde und wende;
Der Mann und das Weib, die Seel und der Leib,
Sie müssen sich trennen am Ende.

27

Aristoteles und PhyllisDen Strauß, den mir Mathilde band
Und lächelnd brachte, mit bittender Hand
Weis ich ihn ab — Nicht ohne Grauen
Kann ich die blühenden Blumen schauen.

Sie sagen mir, daß ich nicht mehr
Dem schönen Leben angehör,
Daß ich verfallen dem Totenreiche,
Ich arme unbegrabene Leiche.

Wenn ich die Blumen rieche, befällt
Mich heftiges Weinen — Von dieser Welt
Voll Schönheit und Sonne, voll Lust und Lieben,
Sind mir die Tränen nur geblieben.

Wie glücklich war ich, wenn ich sah
Den Tanz der Ratten der Opera —
Jetzt hör ich schon das fatale Geschlürfe
Der Kirchhofratten und Grab-Maulwürfe.

O Blumendüfte, ihr ruft empor
Ein ganzes Ballett, ein ganzes Chor
Von parfümierten Erinnerungen —
Das kommt auf einmal herangesprungen,

Mit Kastagnetten und Zimbelklang,
In flittrigen Röckchen, die nicht zu lang;
Doch all ihr Tändeln und Kichern und Lachen,
Es kann mich nur noch verdrießlicher machen!

Fort mit den Blumen! Ich kann nicht ertragen
Die Düfte, die von alten Tagen
Mir boshaft erzählt viel holde Schwänke —
Ich weine, wenn ich ihrer gedenke. —

28

Aristoteles und PhyllisEs kommt der Tod — jetzt will ich sagen,
Was zu verschweigen ewiglich
Mein Stolz gebot: für dich, für dich,
Es hat mein Herz für dich geschlagen!

Der Sarg ist fertig, sie versenken
Mich in die Gruft. Da hab ich Ruh.
Doch du, doch du, Maria, du
Wirst weinen oft und mein gedenken.

Du ringst sogar die schönen Hände –
O tröste dich — Das ist das Los,
Das Menschenlos: — was gut und groß
Und schön, das nimmt ein schlechtes Ende.

Soundtrack: Wolfgang Ambros: Denk ned noch (des geht vurbei) aus: Live … auf ana langen finstern Stross’n, 1979, nach Bob Dylan: Don’t Think Twice, It’s All Right, 1963.

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Written by Wolf

27. Januar 2017 um 00:01

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