Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne

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Update zu Willkomm und dervoo und
Keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen:

Meine schönste Entdeckung 2016 war, woran ich nicht lange herumrelativieren will, Goethe’s Song von Colum Sands. Das ist schon von 1996, aber deswegen nicht weniger beeindruckend, im Gegenteil. Darauf gekommen bin ich auf der Suche nach einem „Soundtrack“ für den Beitrag über Daniel Kehlmann und durfte feststellen, dass offenbar die notorisch hochkulturkritischen F. W. Bernstein und Eckhard Henscheid Fans des Originals von 1795 ist — das haben sie nämlich 1982 für Unser Goethe (Kaufbefehl!) samt seinen Vorbildern und Parodien vorgestellt und fast heimlich als ironiefreien Rausschmeißer verwendet. Das heißt einiges, es scheint wirklich was dran zu sein.

Alexander Fehlung und Miriam Stein, Goethe, 2010, Wiese

Colum Sands bringt auf All My Winding Journeys eine zweisprachige und seiner Melodie angepasste Version, behält aber allen Respekt. Auf seinem eigenen, zu YouTube-Zeiten selbst gebauten Video erklärt er dazu:

An English translation and setting to music of Goethe’s „Naehe des Geliebten“ that I attempted around 1996. Scarlett O‘ from Berlin sings the original German words. I’ve added photos taken on travels through Ireland and Germany.

Alexander Fehling und Miriam Stein, Goethe, 2010, Kuss in der Ruine

Die Gitarrengriffe für die ungeraden Strophen sind D / G / A–A7 / D // D / G / A–A7 / D, für die geraden Strophen A / G / D / e / D // D / G / A–A7 / D; nach der 4. Strophe bietet sich ein Solo über viermal den Teil D / G / A–A7 / D an, die Schwierigkeit liegt also im verspielten Zupf der rechten Hand. Natürlich empfehle ich es als gemischtes Duett zu singen. Wer keine so saubere Frauenstimme wie Scarlett O‘ hat, darf über die Männerstimme auf der Mundharmonika improvisieren. Es spielt sich ausgesprochen leicht, nur Mut.

Ist ein engelschöneres Lied ausdenkbar? Heuer nicht mehr. Und: Ja, natürlich ist es Kitsch. Das gehört so.

——— Colum Sands & Scarlett O‘:

Goethe’s Song

aus: All My Winding Journeys, 1996:

I watch the sun rise on another journey
Away from you, away from you
And when the moon paints midnight streams before me
I’ll think of you, I’ll think of you.

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
Vom Meere strahlt, vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
In Quellen malt, in Quellen malt.

And I see you on every road I travel
On the laughing street, and down the lonely mile,
Through the darkest nights of all my winding journeys
I see your smile; I see your smile.

Ich sehe dich, wenn auf den fernen Wege,
Der Staub sich hebt, der Staub sich hebt;
In tiefe Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
Der Wandrer bebt, der Wandrer bebt.

I hear your voice from the rustling leaves of morning
Til the winds of evening knock my window pane
And in the silence of the deepest forest
I hear your name, I hear your name.

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
Die Welle steigt, die Welle steigt.
Im stillen Haine geh ich oft zu lauschen,
Wenn alles schweigt, wenn alles schweigt.

You’re by my side, though distance stands between us
I know you’re near, I know you’re near
The sun goes down, but the stars will walk beside us
Til you are here, til you are here.

Ich bin bei dir, du seist auch noch so ferne,
Du bist mir nah, Du bist mir nah.
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.
O wärst du da, o wärst du da.

Miriam Stein, Goethe, 2010, Zuhören

Um Colum Sands‘ Element der Kulturenverständigung zu entsprechen, folgt der Direktvergleich zwischen Übersetzung und Original:

——— Goethe:

The Nearness of the Belovèd

1795, translation by David Paley:

I think of you when the gleam of sunlight
       Shines upon the sea;
I think of you when the shimmer of the moon
       Is painted on the fountains.

I see you when the dust is rising
       From the distant path;
When in the deep of night upon the narrow way
       The wanderer trembles.

I hear you when the muffled wave
       Is rising there.
In the quiet grove I often go to listen
       When all is silent.

I am with you. Be you yet so far away,
       You are near me.
The sun declines, soon the stars will shine on me.
       O! If only you were there!

——— Goethe:

Nähe des Geliebten

1795, in: Musen-Almanach, 1796:

Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer
       Vom Meere strahlt;
Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer
       In Quellen malt.

Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege
       Der Staub sich hebt;
In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege
       Der Wandrer bebt.

Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen
       Die Welle steigt.
Im stillen Haine geh‘ ich oft zu lauschen,
       Wenn alles schweigt.

Ich bin bei dir; du seist auch noch so ferne,
       Du bist mir nah!
Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne.
       O, wärst du da!

Miriam Stein, Goethe, 2010, Portrait mit Dekolleté

BIlder: Miriam Stein und Alexander Fehling in Philipp Stölzl: Goethe!, 2010.

Miriam Stein, Goethe, 2010, Regen

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Written by Wolf

1. Januar 2017 um 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

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