Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Die gereiheten Gäste des Sängers (I’ll know my song well before I start singin‘)

with one comment

Update zu Grillen mit Homer,
Nur die Wurst hat zwei
und Homerische Dark Fantasy:

Wahrlich es füllt mit Wonne das Herz, dem Gesange zu horchen,
Wenn ein Sänger, wie dieser, die Töne der Himmlischen nachahmt.
Denn ich kenne gewiss kein angenehmeres Leben,
Als wenn ein ganzes Volk ein Fest der Freude begehet,
Und in den Häusern umher die gereiheten Gäste des Sängers
Melodieen horchen, und alle Tische bedeckt sind
Mit Gebacknem und Fleisch, und der Schenke den Wein aus dem Kelche
Fleißig schöpft, und ringsum die vollen Becher verteilet.

Odyssee IX, 3–8, Voß-Übersetzung, 1781.

And I’ll tell it and think it and speak it and breathe it,
And reflect it from the mountain so all souls can see it,
Then I’ll stand on the ocean until I start sinkin‘,
But I’ll know my song well before I start singin‘,
And it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard,
It’s a hard rain’s a-gonna fall.

A Hard Rain’s A-Gonna Fall, aus: The Freewheelin‘ Bob Dylan, 1962, letzte Strophe.

Die Poesie des Versagens sucht sich vielleicht doch ihre Fürsprecher selbst. Manchmal hat sie Glück. Ich halt dann mal den Mund, ja?

——— Willi Winkler:

Über alle hinaus

in: Süddeutsche Zeitung, 12. Dezember 2016:

Mehr Dichtung hat die Schwedische Akademie in Jahrzehnten nicht gesehen: Der Preisträger Bob Dylan fehlt, sein größter Fan Patti Smith singt ein Lied von ihm und patzt. Aber beide retten in Stockholm die Kunst vor dem Nobelpreis.

Bitte nicht noch einmal die läppische Diskussion, ob ein Pop-Musiker, der alle möglichen kommerziellen Preise bekommen hat und in Venedig zwischen den gefiederten Models der besonders nuttigen Dessous-Marke Victoria’s Secret herumgestanden ist, der außerdem und nicht zuletzt wegen solcher Werbeauftritte vielfacher Millionär ist, den Nobelpreis ausgerechnet für Literatur verdient habe. Nein, hat er nicht.

Bob Dylan hat es nicht verdient, in Gesellschaft weiterer Greise als Statist in einem monarchistischen Staatsschauspiel aufzutreten, ohne, wie es John Lennon einst tat, die Herrschaften auf den besseren Plätzen aufzufordern, statt zu klatschen, mit ihrem Geschmeide zu rasseln.

Pascal Le Segretain, Getty Images, Niemand weiß, warum Bob Dylan an jenem Samstag nicht selbst nach Stockholm reisen konnte. Aber die Musikerin Patti Smith war da. Sang. Versagte. Und sang weiter. Und so gab es doch noch einen großen Moment, Willi Winkler, Über alle hinaus, Süddeutsche Zeitung, 10., 12. Dezember 2016Da die Welt aber schlecht ist und der Erlösung von allem möglichen Übel dringend bedürftig, ereignete sich am späten Samstagnachmittag im Konserthuset in Stockholm eine Sternstunde, von der die Menschheit, soweit sie ein fühlend Herz besitzt, noch lange leben wird.

Es begab sich, dass der fahrende Sänger Bob Dylan keine Lust hatte, an diesem Wochenende in die hochgebaute Stadt Stockholm zu fahren, sondern sich lieber in der weiten Welt, oder vielmehr in den Weiten Amerikas versteckte, und zwar höchstwahrscheinlich irgendwo im „heartland“, im tiefsten amerikanischen Landesinnern, wo sich die Leute nichts Besseres wussten, als für diesen Donald Trump zu stimmen, zu dessen Abwehr in vorletzter Minute der Schwedischen Akademie im Oktober nur mehr die Verleihung ihrer angesehensten Auszeichnung an ebendiesen unhöflichen und (wurde es nicht von allen Spatzen, Tauben, Geiern und allen anderen Unglücksraben von sämtlichen gebildeten Dächern gepfiffen, gekreischt, geklagt, gejammert?) unwürdigen Preisträger eingefallen war.

Denn „unhöflich“ schimpften sie ihn, weil er nicht sofort Purzelbäume vor Begeisterung über die Ehrung schlug, keine Pressekonferenz gab, sich nicht einmal ein dünnlippiges „Thank you“ abringen mochte, sondern in seinem Tagwerk fortfuhr, das an jenem 13. Oktober darin bestand, im legendären Musensitz Las Vegas einen Saal mit 3200 Leuten zu unterhalten. Ganz, ganz schlechte Kinderstube, nicht wahr?

Diese Dichtung, so der Laudator, verbinde die Alltagssprache mit der der Bibel

Nach Wochen erst war der Erwählte zu erreichen, grummelte dann etwas Pflichtschuldiges von „Ehre und so“ und ließ im Übrigen darauf verweisen, dass gerade eine Ausstellung mit seinen neuesten Bildern eröffnet werde, in London, geht hin, und seht selber! Wenn es sich einrichten ließe, verkündete Dylan, dann käme er nach Stockholm, ja, auch das.

Aber er kam nicht, damals nicht und bis jetzt auch nicht. Er hatte, wie er kund- und zu wissen gab, „anderweitige Verpflichtungen“, die allerdings, wie man in Stockholm mit wachsendem Grimm rasch recherchiert hatte, nicht in einem weiteren Konzert auf seiner Never Ending Tour bestanden. Was sollten das für Verpflichtungen sein, wichtiger als der weltberühmte Nobelpreis? Residenzpflicht als Nikolaus vor einem New Yorker Kaufhaus? Vielleicht verbietet ihm sein neuerdings wieder strenger befolgter Glaube, am Sabbat das Haus zu verlassen. Kann aber auch sein, dass er an diesem Samstag mit seinen Hunden in die Hundeschule musste – wer weiß.

Jedenfalls entschuldigte sich der bepreiste Autor und schickte als bekennender Feminist seinen mutmaßlich größten Fan, nämlich die Musikerin Patti Smith. Der schwedische Literaturwissenschaftler und Juror Horace Engdahl verlas mit strenger Miene eine Laudatio, die noch einmal rechtfertigen sollte, warum Bob Dylan der Preis zuerkannt worden war. Noch einmal verwies Engdahl darauf, dass das Wort „Lyrik“ von der Lyra herstamme, und beschwor dann viele Namen, vom Fabeldichter LaFontaine bis Hans Christian Andersen, von Chamfort bis zum „Fliegenden Holländer“, von Woody Guthrie bis Shakespeare.

Dylan habe sich aber nicht auf die provençalischen Troubadours und die Griechen bezogen, sondern sei mit beiden Beinen im 20. Jahrhundert gestanden und habe die Alltagssprache mit der der Bibel verbunden. „Und plötzlich“, so der Exeget, „wirkte ein großer Teil der gelehrten Dichtung unserer Welt blutleer, und die Fließbandtexte, die seine Kollegen weiter produzierten, wirkten so altmodisch wie Schießpulver nach der Erfindung des Dynamits.“ Als wäre es mit dieser hübschen Verbeugung vor dem Erfinder des Dynamits, der in seiner Reue über das von ihm angerichtete Unheil dann den nach ihm benannten Preis stiftete, nicht genug, kam Engdahl noch auf einen weiteren Vergleich, um Dylans Wirkung zu beschreiben, es war, „als würde das Orakel von Delphi die Abendnachrichten verlesen“. Nicht schlecht, doch.

Beim abschließenden Bankett im Rathaus von Stockholm las nicht das Orakel von Delphi, sondern die amerikanische Botschafterin vor den fünfzehnhundert Frack- und Kleidergästen sowie der versammelten königlichen Familie eine Botschaft des abwesenden Preisträgers vor, die sich niemand hätte dürftiger ausdenken können. Große Ehre, danke, hätte er sich nie träumen lassen, und überhaupt habe er schon in der Schule seine Nobel-Vorderen Rudyard Kipling und George Bernard Shaw, Pearl S. Buck, Thomas Mann und Ernest Hemingway gelesen. Die den Preis nicht bekommen haben und denen er doch viel mehr verdankt – Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Bert Brecht, James Joyce, Franz Kafka –, erwähnte er nicht, aber für die hatte das Nobelkomitee schon seinerzeit keinen Preis übrig.

Da patzte Patti Smith. Blieb hängen am „Zweig, von dem das Blut tropfte“. Und setzte neu an

Davor wurde von putzig gekleideten Aufträgern (die Nobel Media war so freundlich, die Speisekarte ins Internet zu stellen) gegrillter Hummer an eingelegten Winteräpfeln gereicht, die Wunderkerzen blitzen bei der Nachspeise besser als bei jedem Betriebsfest, der Wein war auch nicht schlecht – Piccini Poccio Teo Chianti Classico vom Jahrgang 2010; und die Gäste schmausten mit einem dem Ereignis angemessenen Behagen.

So hätte alles seinen gemütlichen Gang gehen können, wäre da nicht Patti Smith gewesen. Beim Bankett saß sie in ihrem schwarz-weißen Outfit nicht königlich, aber mindestens priesterlich zwischen Parfumwolken, Ordensbrüsten und schier unbezahlbaren Taftquadratmetern in Grün, Blau und Rot, als wäre zuvor nichts geschehen. Aber sie hatte gesungen.

Sie hatte „A Hard Rain’s a-Gonna Fall“ von Bob Dylan gesungen. Dylan hatte das Lied 1962 geschrieben, nach dem Ende der Kubakrise, in der die Welt am Rande der atomaren Vernichtung stand. Es ist Anklage, Kirchenlied, Choral und vor allem ein großer Gesang, wie es nur Dylan kann. Aber dann patzte seine Schülerin. Sie stockte in der zweiten Strophe, sie blieb hängen an dem „Zweig, von dem das Blut tropfte“. Patti Smith entschuldigte sich – „ich bin so nervös“ – und setzte neu an. Immer besser, immer fester wurde ihre Stimme, als sie Dylans apokalyptische Weltuntergangsversion weit, weit über alle Preise und Feiern und Hummer hinaustrug. Es war fast unerträglich gewalttätig, es war mehr Dichtung, als in Stockholm in Jahrzehnten zu hören war.

„Ja, das ist wahrlich schön, einen solchen Sänger zu hören, wie dieser ist, den Göttern an Stimme vergleichbar“, erklärt der vielgeprüfte, der listenreiche Odysseus seinem Retter Alkinoos, als er sich zu erkennen gibt, als er verrät, dass das Lied des Sängers von ihm handelt, vom listenreichen Odysseus.

Wahrlich ist es schön, Bob Dylan zu hören, doch schöner ist’s, dabei zu sein, wenn eine Göttin das Hohelied anstimmt und auf so erhabene Weise versagt. Bob Dylan und Patti Smith haben mit ihrem Fehlen die Kunst vor dem Nobelpreis gerettet. Und die Welt, sagt der Dichter, hebt an zu singen.

Bild: Pascal Le Segretain/Getty Images:

Niemand weiß, warum Bob Dylan an jenem Samstag nicht selbst nach Stockholm reisen konnte. Aber die Musikerin Patti Smith war da. Sang. Versagte. Und sang weiter. Und so gab es doch noch einen großen Moment.

10. Dezember 2016 für Willi Winkler: Über alle hinaus, Süddeutsche Zeitung, 12. Dezember 2016.

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Written by Wolf

13. Dezember 2016 um 03:11

Veröffentlicht in Griechische Antike, Schall & Getöse

Eine Antwort

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