Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Wein-Lese

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Update zu Einige Reste Wein und
Ich trinke ein Glas Burgunder!:

Gut! wenn ich wählen soll, so will ich Rheinwein haben.
Das Vaterland verleiht die allerbesten Gaben.

Frosch, Auerbachs Keller, Vers 2264 f.

Da ist mir dieser Tage ein exquisites Tröpfchen aufgefallen. Und ich sag’s gleich: Es ist nicht erhältlich. Es ist der Rheinwein von Karl Simrock — den er nicht nur fleißig verzehrt, sondern in Eigenanbau und Kelterei hergestellt hat. Der Dichter und Gelehrte war nämlich nebenher Freizeitwinzer und übrigens auch Spargelbauer.

Heinrich Reifferscheid, Karl Simrocks Studierstube im Haus Parzival, Zeichnung 1905

Schade drum, das zu verkosten wäre ähnlich interessant wie das Stöffchen, das einst E.T.A. Hoffmann befeuert hat, aber nicht namentlich überliefert ist. Über Simrocks Menzenberger Eckenblut weiß man: Es war wohl eine Fuchs- oder Erdbeerrebe, also von eher geringer Qualität — und aus der Ortsgeschichtsschreibung: „Der Weinanbau in Menzenberg endete Ende der 1950er-Jahre“, und als aktuellste Meldung aus dem Bonner General-Anzeiger vom 29. März 2012: Rebfläche am Weingut Menzenberg soll rekultiviert werden:

Professor Helmut Arntz rettete es vor 30 Jahren vor dem Untergang und ließ es mit großem Einsatz restaurieren. Nur Wein wird eben nicht mehr am Menzenberg angebaut. Lediglich eine alte Simrock-Rebe wurde entdeckt und seither von der Weinbruderschaft Mittelrhein-Siebengebirge gehegt.

Ihre Ideen zur Rekultivierung des Weinhanges Menzenberg stellten jetzt Peter Weinmann von der Karl-Simrock-Forschung Bonn und Jan Dirk Schierloh von der Stiftung Rheinische Kulturlandschaft im „Weingut Menzenberg“ vor. „Ziel ist es, einen 4000 bis 5000 Quadratmeter großen Teilabschnitt zu rekultivieren“, sagte Schierloh.

Die Fläche ist im Eigentum von Hartmut und Helga Möltgen, den Inhabern des Weingutes Menzenberg, das sie restauriert haben und als Gaststätte betreiben. An einen professionellen Weinanbau haben die Initiatoren freilich nicht gedacht, sondern es geht um den kulturgeschichtlichen Aspekt. Bis zur Säkularisation 1803 hatten hier verschiedene Orden Weingüter. Danach verkaufte der Staat das ihm zugefallene Eigentum. So gelangte auch in die Familie des Bonner Musikverlegers und Beethoven-Freundes Nikolaus Simrock ein Weingut.

Weinkultur MenzenbergDie Inhaber eines Weingutes, die darauf eine Gaststätte betreiben, haben nicht daran gedacht, Wein anzubauen? Boshaft gesagt ist es dann auch kein Wunder, dass Familie Möltgen, ein ausgestiegenes Lehrerehepaar, bis Ende 2013 die letzten Wirtsleute waren — erneut nach Information des Bonner General-Anzeigers am 11. September 2013: Familie Möltgen verkaufen Anwesen am Menzenberg:

Der gastronomische Betrieb, den das Ehepaar betrieben hat, ruht bereits zum größten Teil. Ende des Jahres [2013] wird er endgültig eingestellt. In Zukunft wird das historische Anwesen ausschließlich als Mehr-Generationen-Wohnhaus genutzt.

Der aktuelle Stand über Simrocks Anwesen ist laut Adressverwaltung der Stadtinformation Bad Honnef:

Nach wechselvollen Jahrzehnten mehrerer Eigentümer, Bewohner und baulichem Niedergang, kaufte Prof. Univ. Dr. Helmut Arntz, Fachkollege Simrocks und Bad Honnefer im Jahr 1980 bei einer Zwangsversteigerung das Anwesen. Es erfolgte der Eintrag in die Denkmalliste und der langwierige Wiederaufbau des abbruchreifen „Haus Parzival“ . Die Treppe, Fenster, Türen und Außenläden, die teilweise im Garten herumlagen, sind original, im Keller ist noch das Loch für die Schläuche zum Füllen und Abziehen der Weinfässer zu sehen. Von Simrocks Einrichtung ist im „Haus Parzival“ jedoch nichts mehr vorhanden.

Der alte Weinberg existiert nicht mehr, dort stehen heute Fichten und alte Obstbäume. Aber auf dem Grundstück des „Haus Parzival“ fand man eine meterlange Amerikaner-Rebe aus der Epoche Karl Simrocks am Menzenberg, die sich zwischen den Ästen eines Apfelbaumes schlängelte. Prof. Arntz ließ eine Pergola bauen, die dem kostbaren Fund seither Schutz und Entfaltungsmöglichkeit bietet.

Ansprechpartner zu Haus Parzival ist Herr Klaus Weinmann von der Bonner Karl-Simrock-Forschung, keine Besichtigung möglich, nur der Ausgangspunkt für den Literarischen Simrock-Freiligrath-Weg, der kein Rundwanderweg ist.

Weinkultur MenzenbergMan braucht also derzeit nicht hin, um zu bleiben; weder gibt es den Wein der Sehnsucht noch eine kulturell bedeutsame Einkehr (kein Zweifel besteht hingegen an der allgemeinen Einkehrkultur dieses Landstrichs, gerade auch entlang des Literarischen Simrock-Freiligrath-Weges). Mir hätte das damals noch geöffnete Wirtshaus schon 2007 auffallen sollen, als ich für Moby-Dick™ dem sehr deutschfreundlichen Amerikaner Eric T. Hansen bei seinem Versuch gefolgt bin, das Land der Deutschen mit der Seele zu suchen. Damals hat mir offenbar genügt, seinen anrührenden Abschnitt aus Planet Germany. Eine Expedition in die Heimat des Hawaii-Toasts von 2006 zu verbreiten. Das mach ich glatt noch einmal, diesmal mit Blick auf den Wein. Wir werden ja alle nicht jünger.

Planet Germany geht über die typisch deutschen Selbstkasteiungen, wie typisch deutsch der typische Deutsche doch sei, weit hinaus; die Qualität rührt nicht daher, dass überraschenderweise doch Amis klug und Deutsche doof sind, sondern von der Distanz schaffenden, jeoch teilnehmenden Sicht von außen. Man stelle sich vor: Amerikanische Jungs wissen sich ihrer Vorliebe zu deutschen Mädchen nur zu erwehren, indem sie welche heiraten. Erwachsen geworden, schreiben sie Bücher mit einer Aufmerksamkeitsspanne von über 15 Sekunden. Und Hawaiianer wohnen freiwillig im verregneten Deutschland, machen ihren Magister in deutscher Mediävistik und passend dazu eine ausführliche Nibelungenreise (und der New Yorker Seemann Herman Melville liest — ich möchte es berücksichtigt haben — nachweislich die Gespräche mit Goethe von Eckermann) — eine Idee, mit der einem Deutschen zu kommen sich einer erst mal trauen muss.

Weinkultur MenzenbergDas Wohltuende daran ist: Es verhält doch nicht nur so, dass der blindgeschlagene Deutsche an sich dauernd irgendwelchen kulturlosen Besatzern nacheifert. Gerade Karl Simrock hat versucht, das deutsche Nationalepos des Nibelungeliedes durch selbst zusammengesuchtes Sagenmaterial in einem Amelungenlied zu vervollständigen. Meine Ausgabe davon hat etwa 860 Seiten, mehr als das Nibelungenlied. Es war von Anfang an kein Bestseller, meine 860 Seiten sind in Fraktur und ohne Jahreszahl, an eine ISBN war noch lange nicht zu denken, aber wohl von ungefähr anno 1900 — vor allem, falls es die jedenfalls von Gotthold Klee eingeleitete Ausgabe ist. Das Amelungenlied gibt’s also schon länger nicht mehr als den Wein, und für den Sagenkreis um Dietrich von Bern ist man — kein Scherz — am ehesten auf norwegische Literatur angewiesen — weil nämlich ein aufstrebender Komponist in der Tradition von Richard Wagner namens Adolf Hitler seine geplante Dietrich-Oper wegen anderweitiger Bestrebungen nicht zu Ende brachte und man seither nicht weiß, was man daran verpasst oder sich statt dessen eingehandelt hat.

Karl Simrock wohnte seit 1832 auf dem Weingut und erwarb es 1834 — 32-jährig — für 2367 Taler. Etwa um diese Zeit nahm er die Arbeit am Amelungenlied auf, das ihn allerdings mehrere Jahrzehnte lang beschäftigte. Gedruckt erschein es 1843 bis 1849. Das Etikett zu seinem eigenen Wein ist auf launige Weise antikisierend vom Winzer selbst gedichtet, allerdings wird nirgends klar, ab wann genau; die erhaltenen Vorlagen deuten schon auf frühestens 1840, als Simrock sehr vertieft in die Dietrichepik gedacht und gelebt haben muss. Es bedient sich in Namensgebung und Anpreisung der Dietrichssage.

——— Karl Simrock:

Menzenberger Eckenblut

Weinetikett, ca. 1840. Unterteilung in mehrere Bildfelder durch knorrige Weinstücke. In der Mitte Ansicht von Simrocks Weingut, darüber weinumrankt die Lagebezeichnung, darunter die nur zur Hälfte vorgedruckte Jahrgangsbezeichnung 18[..], via Karl-Simrock-Forschung:

Held Dietrich schlug Herrn Ecken
Zu Tod, den kühnen Mann.
Nun lassen wir uns schmecken
Das Blut, das ihm entrann.

Die Erde hat’s getrunken
Die Rebe saugt‘ es ein
Zuletzt in’s Faß gesunken
Ward es ein edler Wein.

Und trinken wir des Weines
So giebt des Helden Blut
Dem kühnen Sohn des Rheines
Erst rechten Heldenmuth.

Wir fürchten keinen Gegner;
Auf dieser Erde Stern
Lebt auch kein Ueberlegner,
Kein Dietrich mehr von Bern.

Ein jedenfalls größerer Bestseller als alles von Karl Simrock ist Planet Germany von Eric T. Hansen 2006. Ein Stück von geradenwegs zärtlicher Anteilnahme auf der Suche nach dem Inbegriff deutschen Wesens, die sich dem zumal deutschen Leser rückwirkend wiedermitteilt, schafft Hansen in .

——— Eric T. Hansen:

Die Deutschen machen aus ein paar toten Dichtern dermaßen Kult,
dass man fast meint, sie würden sie auch lesen

aus: Planet Germany, unter Mitarbeit von Astrid Ule, Fischer Taschenbuch Verlag 2006:

Weinkultur MenzenbergAm Ende einer steilen, von Bäumen gesäumten Straße hoch über dem Rhein steht ein zweistöckiges Haus, das im spätklassizistischen Stil auf dem Gewölbe einer uralten Kellerei der Minoritenmönche gebaut wurde. Die Villa heißt Haus Parzival. Hier hat der Germanist, Übersetzer, Dichter und Vollblutromantiker Karl Simrock seine Sommer verbracht.

Simrock hatte bei Schlegel und Arndt studiert, empfing ab und zu Besuch von den Grimms und Ludwig Uhland und verfasste schwärmerische Gedichte über die Schönheit des Rheins. Bekannt wurde er als Übersetzer zahlreicher Werke des Mittelalters und des germanischen Altertums, von der Edda über die Gedichte Walthers von der Vogelweide bis hin zu Wolframs Parzival. Sein größtes Verdienst war, das Nibelungenlied mit einer schwungvollen und lesbaren Übersetzung populär zu machen, ja es gar zu einer Art deutschem Ersatz-Gründungsmythos zu erheben. Er gehörte zum harten Kern der deutschen Identitätsbastler.

Sein Haus Parzival liegt ein paar Meter ab von der Straße hinter einem schwarzblauen, verschnörkelten Eisenzaun. Das Haus ist gelb, dieses typisch deutsche Buttergelb. Das sanft ansteigende Gelände ist voller Pflanzen – gepflegte Blumenbeete, Wildgräser, selbst das Unkraut ist malerisch. Dazwischen ein Teich, ein Vogelbad, ein hölzerner Tisch mit Stühlen. Ein Ahorn, eine Esche, eine Trauerweide machen den Garten schattig.

Ich stand eine Weile da und betrachtete den Garten. Er strömte Ruhe aus, und ich bildete mir ein, dass man von hier aus den Rhein riechen konnte. Alles war leicht. Hier war jeden Tag Sommer.

Ich stellte mir vor, wie Simrock im Garten spazieren geht. Zwischendurch greift er zum Gartenwerkzeug und kümmert sich um seine neuen Spargelbeete. Er hat ein Buch dabei, einen dieser alten Lederbände, die von außen kaum identifizierbar sind, weil der Umschlag keine bunte Abbildung enthält. Es ist sicher der Iwein. Nach einer Weile setzt er sich hin und liest. Wenn der Tag zur Neige geht, nimmt er ein Glas Wein dazu.

Weinkultur MenzenbergEs war das perfekte deutsche Leben. Das Leben, das die meisten Deutschen heimlich leben wollen – damals wie heute. Ein großes Haus – weder eine Mietwohnung noch eine protzige Villa, eher ein … Anwesen. Genug Geld, um finanziell unabhängig zu sein, aber nicht so viel, dass man als reich beschimpft wird. Im Haus hat man eine Küche mit offenem Kamin. Keine Mikrowelle, kein Plastik. Alles strahlt Ursprünglichkeit aus: Stahl, Stein, Holz. Im Salon ein altes Klavier, ein echter Perser, ein echtes Hausmädchen. Ein Arbeitszimmer – pardon, eine Privatbibliothek natürlich, mit bequemen Stühlen und einem breiten Schreibtisch, denn „arbeiten“ heißt, man befasst sich mit dem Griechischen und mit Latein. Der ideale Deutsche arbeitet mit den Dingen des Geistes. Nicht des Hirns, sondern des Geistes. Er hat Muße. Dass er kein Snob ist, zeigt, dass er nebenbei ein Handwerk ausübt. Er respektiert die Arbeit mit den Händen und verbringt deshalb viel Zeit im Garten, er kocht selbst in der Küche, wenn Gäste kommen, oder, wie Simrock es tat, er legt einen kleinen, edlen Weingarten an und nennt seinen Wein nach einer Figur aus den alten Schriften, mit denen er sich gerade beschäftigt: Eckenblut, nach dem Riesen in der Dietrichssage. Wenn Freunde vorbeikommen, geht man am Rhein spazieren und diskutiert die Arbeit am griechischen Text und die Entwicklungen in Frankreich oder den anderen wichtigen Regionen der Welt.

So will jeder Deutsche sein, dachte ich mir, als ich da stand. Was vor mir liegt, ist nichts weniger als die deutsche Seele selbst. Meine Chance war gekommen. Ich musste mich nur ein Stündchen an diesen Tisch in den Garten setzen, dann würde sie sich schon blicken lassen. Wenn ich die jetzigen Bewohner nett fragte, würden sie es sicher erlauben.

Ich klingelte. Aber es machte keiner auf. Niemand war zu Hause.

Das Weinetikett gibt’s sogar noch zu kaufen: ca. 19 cm x 26 cm (geringfügige Abweichungen im Papierformat möglich) für 90 Euro zzgl. Versandkosten. Wie gesagt, ohne den Wein.

Menzenberger Eckenblut

Bilder: Haus Parzival, Menzenberg 9, das Weingut von Karl Simrock in Weinkultur Menzenberg, Januar 2013:

  1. Heinrich Reifferscheid: Karl Simrocks Studierstube im Haus Parzival, Zeichnung 1905;
  2. Heinrich Reifferscheid: Haus Parzival, Gemälde 1895;
  3. Dankward Heinrich: Der alte Weg zu Haus Parzival führte südlich des Baches (heute privat);
  4. Dankward Heinrich: Karl Simrocks Haus, 2013;
  5. Klaus Rick: Haus Parzival, Eingang — über der Haustür die Initialien des Ehepaars Simrock;
  6. Dankward Heinrich: Weinbergsweg oberhalb Haus Parzival (links unterhalb des Zauns);

Weinetikett Menzenberger Eckenblut: Carl Schlickum via Karl-Simrock-Forschung Bonn.

Soundtrack: einer der wenigen genießbaren Momente bei Richard Wagner: Orchesterzwischenspiel vor dem I. Aufzug: Siegfrieds Rheinfahrt, aus: Götterdämmerung, 1876, unter Zubin Mehta in Valencia, 2008:

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Written by Wolf

23. September 2016 um 00:01

Veröffentlicht in Nahrung & Völlerei, Romantik

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