Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Doktor Faustus goes Science Fiction

leave a comment »

Update zu Moby Dünn:

Auf den Schultern von Riesen stehen nicht immer nur Zwerge, und Zwerge stellen sich nicht immer auf die Schultern von Riesen. Auf den Schultern von Naturwissenschaftlern stehen oft Geisteswissenschaftler, umgekehrt ist es zwar nicht seltener, es fällt nur nicht so auf.

Science and Mechanics, SCIENCE NEWS of the MONTH, Februar 1936 via Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, todayEs wird noch verwirrender. Thomas Mann zum Beispiel. Bekannt und zu Recht sehr gelobt für seine entwaffnend genaue Beobachtungsgabe, aber nicht gerade für komplexe Handlungsverläufe, wollte Thomas Mann nicht schwul sein, sondern vielmehr Goethe. Schwul hätte man ihm seinerzeit niemals verziehen, aber wenigstens geglaubt, dagegen kann sich niemand auf egal wessen Schultern stellen und behaupten, er sei Goethe. Das Thema, welches davon Thomas Manns größeres Lebensdrama war, ist zur Bearbeitung freigegeben.

Wir dürfen uns jedoch darauf einigen, dass Thomas Mann nicht auf der Brennsuppe dahergeschwommen ist, sondern natürlich aus Quellen schöpfen und sich auf die Schultern großer und kleiner Vorgänger stellen musste, um immerhin Thomas Mann zu werden. Am klarsten sind die Quellen bei offenen Umdeutungen und Fortführungen klassischer Stoffe wie in den Joseph-Romanen, Lotte in Weimar — und Doktor Faustus.

Die in aller Klarheit sprudelnde Quelle für den letzteren ist die komplette Faust-Mythologie, an deren Ende er steht, vorneweg das Volksbuch Historia von D. Johann Fausten von Johann Spies 1587, gar nicht so sehr Goethes zweiteilige Tragödie: Wahrscheinlich war sich Thomas Mann selbst Goethes genug — ein weiteres Thema, das zur Bearbeitung freigegeben bleibt.

Weil in einem selbstverfassten, populär gemeinten Volksbuch eines Akzidenzendruckers von 1587 nicht die Weisheit und Technologie des frühen 20. Jahrhunderts versammelt sein kann, musste Thomas Mann richtig recherchieren. Die musikwissenschaftlichen Teile ließ er sich von Adorno schreiben — ein Thema, das schon ausreichend zur Bearbeitung und Häme freigegeben war — und nur die naturwissenschaftlichen musste er aus der Zeitung beziehen. In Kapitel XXVII von Doktor Faustus unternimmt der „Faustus“ Adrian Leverkühn unter fachkundiger Führung des Gelehrten Capercailzie eine Tiefseefahrt in einer Tauchkugel und eine Weltraumfahrt — vielleicht. Er erzählt nämlich nur von seinen unwahrscheinlichen Abenteuerfahrten, aber eben so genau, dass er einfach vor Ort gewesen sein muss. Die Romantatsachen bleiben offen, unbekannt für den Erzähler Leverkühn, dessen Erzähler Serenus Zeitblom und wahrscheinlich auch wiederum dessen Erzähler Thomas Mann.

Thomas Manns Informationsquellen über Tiefsee und Weltall werden in der Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe genannt; die Zeitungsausschnitte existieren im Nachlass. Der amerikanische übers Weltall — siehe unten — existiert sogar frei zugänglich in Google News, und zwar ohne Bezug auf irgendwelche deutsche Nachkriegsliteratur, was seine Glaubwürdigkeit sogar noch erhöht. Es folgen Thomas Manns Quellen für seine Retro-Science-Fiction-Passagen im Wortlaut, garniert mit möglichst themennahen zeitgenössischen Bildern (und den paar wenigen relevanten Weltraumliedern, die es überhaupt gibt).

UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Modern Mechanix, January 1935

——— Anonymer Artikel:

Die Wunder der Meerestiefe

Ein neuer Tiefenrekord — 830 Meter unter der Seeoberfläche.

in: Prager Presse, 14. August 1934, Seite 4:

Hamilton (Bermuda-Inseln), 13. Aug. Die amerikanischen Forscher Dr. William Beebe und Otis Barton stellten in ihrer kugelförmigen „Bathysphere„, 8 Seemeilen östlich von St. Georg, einen neuen Tiefenrekord auf. Sie erreichten eine Tiefe von 765 Metern unter der Meeresoberfläche. Die Forscher verblieben drei Stunden unter Wasser und machten in großer Tiefe Kino-Aufnahmen durch Quarzfenster mittels Starkstrom-Scheinwerfern. Sie gaben telephonisch fortlaufend eine Beschreibung ihrer Erlebnisse und berichteten, daß das Tageslicht bis in eine Tiefe von 57 m dringe und daß in größerer Tiefe die Tier- und Pflanzenwelt unvorstellbare Formen an Zahl und Schönheit aufweise.

UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Modern Mechanix, January 1935Die „Bathysphere“ hat 2 m Durchmesser, ist 2 Tonnen schwer und ähnlich ausgerüstet wie ein Stratosphärenballon.

INS. Hamilton (Bermuda-Inseln), 13. August. Der amerikanische Tiefseeforscher Dr. William Beebe will seinen Verusuch bereits in den nächsten Tagen wiederholen und möglichst auf 1000 m gehen. Der Tauchapparat Bartons besteht aus einer völlig wasserdicht verschließbaren Kugel von einem Innendurchmesser von nur 1,20 Meter, so daß die beiden Insassen die 3 Stunden u. 5 Minuten, während der sie sich unter Wasser befanden, in denkbar unbequemer Stellung verbringen mußten.

Ueber die Fülle der sich ihren Augen enthüllenden Wunder der Tiefsee gab Dr. Beebe folgende begeisterte Schilderung:

„Die menschliche Sprache ist zu arm, um die Herrlichkeit und Pracht der Natur zu schildern, die uns die Tiefe bisher verborgen hat. Wir bestiegen um 9 Uhr morgens unsere Tauchergondel, die 400 Pfund schwere Panzertür wurde hinter uns versperrt und wir wurden langsam durch den Kran des Begleitschiffes ins Wasser gelassen. Anfangs umfing uns das kristallklare von der Sonne durchleuchtete Wasser, allmählich nahm das Wasser eine graue Farbe an, die dann in ein undefinierbares Blau überging. Bei 2500 Fuß, der größten von uns erreichten Tiefe, war das Wasser schließlich ganz schwarz. In dieser Tiefe war unser Tauchapparat dem enormen Druck von 500.000 Tonnen ausgesetzt. Die Temperatur in der Gondel betrug 6 Grad Celsius. Wir wußten nicht, ob unsere Kugel bei einem noch größeren Druck weiter dicht halten würde, außerdem ging unser Sauerstoffvorrat zu Ende, so daß wir uns nach halbstündigem Aufenthalt und einer Gesamttauchzeit von 3 Stunden 5 Minuten entschließen mußten, das Signal zum Hochziehen zu geben. Vor unseren begeisterten Augen zog das leben der Tiefsee in seinen hundertfältigen unbeschreiblichen Formen vorüber. Mit Hilfe unseres starken Scheinwerfers erleuchteten wir das uns umgebende Wasser, in das noch nie ein Sonnenstrahl gedrungen war. Fische von phantastischen, beinahe unvorstellbaren Formen huschten an dem Fenster der Gondel vorbei. Wir haben viele Arten gesehen, von denen die Wissenschaft sich noch nichts träumen ließ. Erstaunt war ich über die Größe der in dieser Tiefe noch lebenden Fische, von denen einige eine Länge von 2 m erreichten. Wenn wir das Licht unseres Scheinwerfers in der dunklen Wassertiefe verlöschten, enthüllte sich uns ein weiteres Wunder. Das Meer irrlichterte weithin von den Bewohnern der Tiefsee, von denen jeder ein einzigartig phosphoreszierendes Licht ausstrahlte, das vielleicht ebenso zur Beleuchtung als auch zum Anlocken von Beute dienen soll.

Mancher Fisch strahlt ein so helles Licht aus, daß unsere Augen beinahe geblendet wurden, wenn das Tier in die Nähe unseres Fensters kam. Einige größere Fische stießen mit unserer Gondel zusammen und wir sahen, wie sie in Stücke zerplatzten. Am schönsten war ein Fisch, den wir in 800 Meter Tiefe sahen. Er erschien uns fleischfarben und war ebenfalls mit einem starken Licht ausgestattet. Es ist schade, daß wir die Tiere nicht mit an die Oberfläche bringen konnten, um sie hier einer wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich zu machen. Der Erfinder unseres Tauchapparates will eine besondere Vorrichtung herstellen, mit deren Hilfe wir die Bewohner der Tiefsee einfangen und sie mit gleichbleibenden Druck mit an die Oberfläche nehmen können. Nach einem weiteren Tauchversuch, bei dem wir, wie gesagt, 3000 Fuß tief gehen wollen, werde ich meine Tiefenforschung vielleicht auch in europäischen Gewässern fortsetzen. Ich nehme jedoch an, daß das Leben der Tiefsee über all gleich ist und daß wir dort keine anderen Abarten von Lebewesen entdecken werden, als bei der Bermuda-Inseln.“

UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Modern Mechanix, January 1935

Der Astronom ist gewohnt, mit ungeheuren Zahlen und hohen Geschwindigkeiten zu rechnen.

Kapitel XVII, a. a. O.

——— Robert D. Potter, Science Editor:

We Live INSIDE a Globe, Too

Our Earth’s Just a Speck in a Flat Galaxy Which, Science Now Finds, Is Enveloped by a Spherical Star Mantle

in: The American Weekly. Greatest Circulation in the World. „The Nation’s Reading Habit“ Magazine Section—Milwaukee Sentinel, Copyright. 1944, by American Weekly, Inc. All Rights Reserved,
aus: The Milwaukee Sentinel. Dedicated to Truth, Justice and Public Service. One of the Oldest Business Institutions in Milwaukee—Founded June 27, 1837, 3 Cent in Milwaukee County, Elsewhere 5 Cent, Volume CVII, no. 28,
an den meisten Orten ausgewiesen für 18. März 1944, laut Original-Scan „Week of March 19, 1944“, Seite 4:

Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, todayPrimitive man believed that he lived on a flat earth under a round sky, ruled by the sun by day, and the stars at night.

Early astronomers dissipated half this illusion when they demonstrated that the world is round and revolves around the sun.

Later students of the stars have spent much research and thought on the shape of the sky — or, rather, as we now understand things, the shape of the physical universe of which our world is an infinitesimal part.

Their first conclusion was that the universe — or at least the galaxy in which the earth is situated — is, in general terms, flat. Our galaxy has been pictured as a great pinwheel of stars, shaped like a watch — round and wide two ways like a plate, but relatively thin in the third dimension.

But, curiously, quite recent discovieries at Harvard College Observatory point toward the possibility that primitive man was right in conjecturing that the firmament is round.

While our galaxy may be watch-shaped, it now appears that it is surrounded by a haze of other stars so distributed as to make the entire structure spherical.

As pictured by Dr. Harlow Shapley, Director of Harvard College Observatory, our galaxy, in its external structure, is shaped like a huge orange. Most of it is empty space, of course, but there is a concentration of stars in the central plane of this ball, the flat plane theat would appear if you cut the orange through the middle.

On each side of this great stellar belt, however, is the misty haze of stars — the mantle of heavens — which has now been discovered.

Stellar distances are so great astronomers do not talk about any little unit of length such as a mile; rather they speak in terms of „light-years,“ which is not a unit of time but is a unit of distance. A light-year is the distance lightr would travel in a year at its fantastic speed of 186,000 miles a second. If you have a pencil and enough paper you can figure out that a light-year is nearly equivalent to 6 trillion miles.

Astronomers used to say that the flat, pinwheel-shaped galaxy, shaped like a watch, was 100,000 light-years across and only 30,000 light-years thick.

Our sun, only one of millions of stars in the galaxy, was located about 30,000 light-years off the center.

The new astronomical discoveries have not changed the location of the sun, and, of course, our earth, in this great belt of stars.

The new discoveries show, however, that the mantle of stellar haze extends outward from the central plane for a distance of 10,000 light-years.

Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, todayThe drawing of the new ball-shaped galaxy on this page shows the sun and planets magnified nearly 6,500 times. This means if the globular galaxy were drawn to the same scale it would have to be nearly seven miles in diameter. Finding the solar system in it would be like trying to find a silver dollar on Manhattan Island in New York City.

Astronomy got its yardstick of heavenly distances by the variable stars. If astronomers looked at some distant nebula and found a puslating variable star in it, they could work out its true bightness. And, when they knew this, they could see how much its original light was dimmed on its way to man’s telescopes on earth.

When they learned that, they knew in turn how far away the stars was.

That’s how Harvard’s Dr. Shapley and his colleagues worked out the new dimensions and shape of our star galaxy.

Trying to find out where he lived in relation to other worlds and stars has been one of man’s most disillusioning discoveries.

Being a very conceited individual, man first pictured his home, the earth, as the center of the entire universe. Planets, the sun, and the stars, all revolved around him — or so he thought.

Then, with Copernicus, came the discovery that the earth was not the center of all things. Rather the earth was only one of several planets which were satellites of our sun. This was a great comedown for man’s vanity, for he finally realized that his home was just a tiny speck of matter in space.

But even this picture was pretty flattering. If the earth wasn’t the center of the universe, then at least it was attached to the sun, which was

But this was not the end of the unhappy process of pricking the bubble of man’s vanity. It was discovered that our sun was just one star amongst countless billions of stars.

This larger grouping of stars was called a galaxy.

But even that was not the end. Our galaxy was important, all right., but it was only one family of stars amongst countless others in space.

In a scientific sense man gradually grew up as he increased his knowledge. At first he was a little child who thinks he is the center of all things. The he discovered he was just a satellite of his parents. Next he discovered his parents were only individual persons among millions.

Finally he discovered that these people lived on a tiny speck of matter called the earth, which was very insignificant in space.

All of these discoveries, of which Harvard adds the newest facts, explain why astronomers seldom have a swelled head. They above all people know how small man’s home is in the scheme of greater things.

Modern Mechanix. Yesterday's tomorrow, today

Was mich alles daran erinnert, wie begierig und akkurat einst Carl Barks den National Geographic für seine Entenhausener Berichte verfolgte — dass man anhand der dortigen Veröffentlichungen schon mal raten konnte, welche neuen Erkenntnisse und Erfindungen im nächsten Donald Duck vorkommen müssten. Ein Thema, das ich mitnichten zur Bearbeitung freigebe, das will ich nämlich selber.

Bilder: Modern Mechanix: UNDER-SEA TRACTOR-SPHERE ROAMS OCEAN FLOOR, Januar 1935;
Science and Mechanics: SCIENCE NEWS of the MONTH, Februar 1936;
Popular Science: Static from the Stars, Januar 1948,
alle via Modern Mechanix. Yesterday’s tomorrow, today.

Soundtracks chronologisch:

Advertisements

Written by Wolf

19. August 2016 um 00:01

Veröffentlicht in Land & See, Novecento

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: