Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

In blonder Scheinheiligkeit

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Update zu Untergehn mit Faust und Maus und Ach! schrei’n (Typisch deutsch!),
Was hilft euch Schönheit, junges Blut?
und Der Frühling liebt das Flötenspiel, doch auch auf der Posaune:

Faustische Momente finden sich überall.

——— Heinrich Spoerl:

Die Feuerzangenbowle

Ein Lausbüberei in der Kleinstadt. Der erste im Droste Verlag erschienene Roman,
als Vorabdruck in Der Mittag, Düsseldorf 1933
in der Bertelsmann-Ausgabe 1962 auf Seite 135:

Harry Clarke, Faust by Goethe. From the German by John Anster, George G. Harrap & Co., London 1925Am nächsten Tag erschien ein eisgraues Männlein, stellte sich als Baurat vor und suchte die Ursache der Duftei zu ergründen. Er ergründete sie. Dann meldete er sich bei der Direktorin, um zu berichten. Die Direktorin gab Deutsch und war intensiv, aber nicht angenehm beschäftigt. In blonder Scheinheiligkeit hatte Eva die Frage aufgeworfen, warum Faust nicht um Gretchens Hand angehalten habe. Die Direktorin konnte nicht antworten. Diese Frage war in den Kommentaren unbehandelt geblieben, und nun tat sie, was jeder erfahrene Lehrer in solchen Fällen tut: Sie fragte die Klasse. Der Erfolg war entsprechend.

„Faust wollte nicht. Weil Gretchen ein Kind hatte.“

„Setzen. — Bitte?“

Faust konnte nicht. Weil Gretchen schon verheiratet war.“

„– ? –„

„Natürlich. Denn sie hatte doch ein Kind.“

Es klopfte im rechten Augenblick. Herr Baurat ließ bitten.

So scheinheilig finde ich Evas Frage übrigens gar nicht, wenn man sie ernst nimmt. Ein alter Geschichtslehrer von mir, der mich nicht leiden konnte, hatte sich auf die unvermeidliche Frage: „Wie lange hat denn der Dreißigjährige Krieg gedauert?“ einen ausufernden, gar nicht mal so langweiligen Vortrag zurechtgelegt, der den Rest der Stunde retten konnte. Zusammengefasst lautete seine Antwort: netto ungefähr zwei, drei Jahre.

Herrn Doktor Rossmeissls Umgang mit dummen Fragen folgend, blättere ich demnächst mal im etwa tausendseitigen Fanpaket-Kommentar von Albrecht Schöne nach, auf den die Direktorin anno 1933 noch über 60 Jahre warten musste, warum Faust Gretchen nicht einfach gefragt hat. Und ob sie angenommen hätte, und für wen das ein Gewinn gewesen wäre.

Sollen wir schon mal raten?

Hochzeitsbild: Faust by Goethe. From the German by John Anster, illustrated by Harry Clarke, George G. Harrap & Co., London 1925, via UW-Milwaukee Special Collections, 19. Mai 2016. Das ganze Buch zum Blättern in archive.org.

Soundtrack: ADAM: Go to Go („All I really want to know is if you’re ever gonna show, ‚cause now we’re moving too slow. If you want to go, then go.“), auf einem Sybian (hoffentlich nicht dem selben), 2014:

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Written by Wolf

1. August 2016 um 00:01

Veröffentlicht in Ehestand & Buhlschaft, Klassik

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