Doctor Fausti Weheklag und Höllenfahrt

Das Habe-nun-Ach für Angewandte Poesie.

Keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen

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Update zu Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind
und dem eigentlichen Weekly Wanderer 0018 Es endet ohne Schlusspunkt.,
zugleich eigentlicher Non-Weekly Wanderer 0019:

Als erstes muss ich, obgleich ungern, von der Verfilmung abraten, obwohl sie vom sonst sehr achtbaren Detlev Buck stammt, aber leider bei allem spektakulären Aufwand in 3D zu flach geraten ist.

Überhaupt soll man ja immer vorsichtig umgehen mit seiner Lebenszeit, um sie nicht an zu viele Bücher des 21. Jahrhunderts zu verschwenden. Bei der Vermessung der Welt hat sich’s gelohnt: Die atmet einen angenehm zurückhaltenden Humor.

Das mit der fingierten Doppelbiographie — Kehlmann handelt über Gauß und Humboldt — in exotischem und historischem Ambiente hat 1982 T.C. Boyle in seinem Erstling Wassermusik schon ähnlich gemacht, sich aber sehr viel mehr Zeit und Raum gelassen, um zwei Figuren gegenläufig zueinander zu entwickeln. Kehlmanns Trick, die Figuren selbst die Handlung durch Dialoge tragen zu lassen, ohne auf den ganzen 300 Seiten eine einzige wörtliche Rede zu verwenden, vielmehr alles in indirekter Rede wiederzugeben, hält den Ton durchweg knochentrocken und verleiht dem Buch nicht nur die wahrscheinlich höchste Konjunktivdichte der Literaturgeschichte, sondern auch den verschmitzten Tonfall eines allwissenden Märchenonkels, der anscheinend bei allem dabei gewesen ist, aber allein durch das Berichten alle schuldhafte Beteiligung von sich weist. In dem recht lesenwerten Interview mit FAZ hat Kehlmann selbst seine ständige Indirektheit so erklärt:

Wenn man zum ersten Mal darüber nachdenkt, einen historischen Roman zu schreiben, ist man zunächst eingeschüchtert von all den Trivial-Fallen, die da lauern. […] Ich denke, dieser Trivialitätspunkt, wo es sehr leicht ins Zurechtgemachte, Unglaubhafte und irgendwie Problematische kippt, ist die direkte Rede: „Hah“, sagte Napoleon, „wir greifen im Morgengrauen an.“ Sofort hat man ein ungutes Gefühl. […] Und dann habe ich mich gefragt: Wie machen Historiker das? Wieso wirken historische Romane trivial, aber wieso wirkt nicht trivial, was etwa Eric Hobsbawm schreibt? Es liegt daran, daß die erzählerische Distanz eine andere ist. Ein Fachhistoriker geht nicht zu nah ran an die Figuren, an das, was er berichtet, und — und das ist der entscheidende Punkt — er würde nicht behaupten zu wissen, was wörtlich gesagt wurde. Er würde keine wörtliche Rede verwenden, es sei denn, er hat Dokumente und Briefe, aus denen er zitiert. Ansonsten würde er berichten, was inhaltlich ungefähr so gesagt worden sein müßte, sein könnte. Er würde also die indirekte Rede verwenden. Und da dachte ich, das Experiment müßte eben darin liegen, ein Buch zu schreiben, das beginnt wie ein Sachbuch. Deshalb gibt es auch in der ersten Zeile des Romans eine Jahreszahl — und dann nie wieder. Es beginnt zwar wie ein historisches Sachbuch, bis es dann plötzlich kippt, weil natürlich Dinge berichtet werden, die überhaupt nicht mehr sachbuchhaft, sondern romanhaft und frei erfunden sind. Es sollte so klingen, wie ein seriöser Historiker es schreiben würde, wenn er plötzlich verrückt geworden wäre.

Sparsame, auf Wesentliche reduzierte Prosa jedenfalls, die das Adjektiv meidet, kaum etwas ausschmückt und nichts zu Tode erklärt. Dass die ganze Handlung historisch hanebüchen ist, war nie anders vereinbart und vorher klar. Es ist alles sehr vergnüglich.

Das große Thema des reisenden Froschens gegenüber der heimischen Geistesarbeit hätte schon in meinen ersten Weblog-Versuch gepasst, aber siehe da: An gleicher Stelle stuft Kehlmann zumindest die Hälfte seiner Doppelbiographie — natürlich nicht ausdrücklich — als der hiesigen Form der „Angewandten Poesie“ zugehörig ein:

Ich habe in ihm [i. e. Humboldt] dann, bei aller Größe, sehr schnell eine komische Figur gesehen und war ganz überrascht, daß nie jemandem aufgefallen ist, wie sehr Humboldts Reisewerk von speziell deutschen, sehr komischen Situationen und Mißverständnissen strotzt. […] Diese ungewollte Komik ist aber keineswegs die Komik eines Kauzes. Es geht darum, daß solche Begebenheiten sehr viel darüber aussagen, was es heißt, deutsch zu sein. Wir haben es hier zu tun mit einem Weimarer Klassiker, der das ganz andere der Weimarer Klassik vertreten hat, der einzige Weimarer Klassiker, der wirklich ausgesandt wurde, die Weimarer Klassik hinauszutragen, und der mit diesem Weltbild Macondo bereist hat. Ich war zudem sehr beeindruckt von der südamerikanischen Literatur, und hatte gleichzeitig das Gefühl, daß mir als deutschem Autor vieles von dem, was diese Autoren an emotionalen und künstlerischen Möglichkeiten haben, nicht zu Gebote steht. Ich kann nicht wie Garcia Marquez eine schöne Frau beim Wäscheaufhängen davonfliegen lassen. […] Man merkt dann doch, daß man aus einer anderen Kultur kommt, daß einem zwar die Möglichkeit gegeben ist, mit diesen Dingen zu spielen, aber auf andere Art. Und da hatte ich plötzlich das Gefühl, Humboldt ist mein Schlüssel, denn er hat diese Welt betreten, aber er hat sie als Deutscher betreten. Das ist etwas, was ich erzählen kann, womit ich künstlerisch etwas anfangen kann, weil da beide Seiten etwas mit mir zu tun haben. Dann habe ich immer mehr über Humboldt gelesen und zufällig herausgefunden, daß Gauß 1828 bei einem Wissenschaftlerkongreß in Berlin bei Humboldt gewohnt hat. Und plötzlich sah ich diese Szene: die beiden alten Männer, der eine, der überall war, der andere, der nirgends war; der eine, der immer Deutschland mit sich getragen hat, der andere, der wirkliche geistige Freiheit verkörpert, ohne je irgendwohin gegangen zu sein. […] Eine satirische, spielerische Auseinandersetzung mit dem, was es heißt, deutsch zu sein — auch natürlich mit dem, was man, ganz unironisch, die große deutsche Kultur nennen kann. Für mich ist das eines der Hauptthemen des Romans, wie Andreas Maier so schön im Booklet des Hörbuchs geschrieben hat, „die große deutsche Geistesgeschichte, eine einzige Lebensuntauglichkeit“. In der breiten Rezeption ist dieses Thema dann merkwürdigerweise vernachlässigt worden.

Hartmut Wewetzer im Tagesspiegel hingegen hält denselben Humboldt begründet für überschätzt und rechnet ihn nicht als Weimarer Klassiker, sondern „Romantiker der Goethezeit“, aber der musste ihn nicht als Romanfigur einsetzen zum Nachweis, was Deutschsein bedeutet. Eine der wenigen Stellen in der Vermessung mit Goethe — wieder indirekt, zum Selberdenken, ohne ihn beim Namen zu rufen — hat mir ein spontanes Prusten abverlangt.

Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in der Urwaldhütte am Orinoco, Humboldt-Exponate der Staatsbibliothek Berlin

——— Daniel Kehlmann:

Der Fluß

aus: Die Vermessung der Welt, 2005;
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 6. Auflage November 2008, Seite 127 f.:

Mario bat Humboldt, auch einmal etwas zu erzählen.

Geschichten wisse er keine, sagte Humboldt und schob seinen Hut zurecht, den der Affe umgedreht hatte. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.

Alle sahen ihn an.

Fertig, sagte Humboldt.

Ja wie, fragte Bonpland.

Humboldt griff nach dem Sextanten.

Entschuldigung, sagte Julio. Das könne doch nicht alles gewesen sein.

Es sei natürlich keine Geschichte über Blut, Krieg und Verwandlungen, sagte Humboldt gereizt. Es komme keine Zauberei darin vor, niemand werde zu einer Pflanze, keiner könne fliegen oder esse einen anderen auf. Mit einer schnellen Bewegung packte er den Affen, der gerade versucht hatte, ihm die Schuhe zu öffnen, und steckte ihn in den Käfig. Der Kleine schrie, schnappte nach ihm, streckte die Zunge heraus, machte große Ohren und zeigte ihm sein Hinterteil. Und wenn er sich nicht irrte, sagte Humboldt, habe jeder auf diesem Boot Arbeit genug!

Bei San Carlos überquerten sie den magnetischen Äquator. Humboldt betrachtete die Instrumente mit andächtiger Miene. Von diesem Ort hatte er als Kind geträumt.

Postkarte Goethe als Greis auf dem Kickelhahn bei Ilmenau

Was mich noch als Kuriosität interessiert hat: Wie würde wohl Ein Gleiches „frei ins Spanische übersetzt“ klingen, wenn es nicht gerade ein fiktiver, im menschlichen Umgang unbeholfener Humboldt unter sozialem Druck ins Reine spricht?

Im spanischen Kulturerleben scheinen Goethegdichte nicht besonders präsent, nicht einmal das schönste von allen. Fündig wird man — was wohl meine erahnte Kuriosität darstellt — im Internetauftritt der Stadt Ilmenau: Die bringt das Ding gleich in 52 Sprachen (huch, so viele gibt’s …?) von Afrikaans bis Vietnamesisch, und zwar

mit freundlicher Unterstützung der Klassik Stiftung Weimar, der Goethe-Gesellschaft und des Goethe-Instituts zusammengetragen. […]

Am 21. August 1999 folgten die ausländischen Gäste einer Einladung nach Ilmenau und zum Kickelhahn, wo sie in den Nachmittagsstunden an historischer Stätte vor dem Goethehäuschen „Wandrers Nachtlied“, eine der schönsten lyrischen Schöpfungen des Dichters, in 21 Landessprachen vortrugen. 10 Neu- und Erstübersetzungen davon waren erst im Ergebnis der Konferenz entstanden.

Es entstand die Idee, eine Auswahl der zahlreichen Übersetzungen der Öffentlichkeit im Goethehäuschen selbst vorzustellen. Am Samstag, dem 29.4.2000 wurden außer dem Gedicht in Deutsch 15 der Fremdsprachentexte, niedergeschrieben auf 3 Glastafeln, im Obergeschoss des Goethehäuschens für Besucher zugänglich gemacht. […]

Sapere aude — ein weiterer Grund, mal den Kickelhahn zu bereisen. Die spanische Übersetzung lag im Goethejahr 1999 schon vor, die ist in der Ilmenauer Aktion ausgewiesen von Rafael Cansinos Assens, erschienen vermutlich 1944 in dessen Übersetzung von Goethes Obras Literarias oder 1950 in den Obras completas:

En todas las cumbres
la paz reina;
por ninguna parte
apenas si un soplo
de vida se otea;
en el bosque en calma
nu un ave gorjea.
Aguarda que, pronto,
cesarán tus penas.

Bilder: Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland in der Urwaldhütte am Orinoco, via Staatsbibliothek Berlin, Künstler und Jahr nicht nachgewiesen:

Bonpland schreibt in einem Brief kurz vor Antritt der Reise:

Während einer einmonatigen Reise, die wir ins Innere der Provinz Neu-Andalusien gemacht haben, waren wir ständig mit Indianern zusammen und ihre Gesellschaft erschien uns so gut, dass wir uns aufmachen die zu besuchen, die noch nicht zivilisiert sind; …

Postkarte Goethe als Greis auf dem Kickelhahn bei Ilmenau. Mit Text in deutscher Schrift. Verso: Heliocolorkarte von Ottmar Zieher, München. Datiert und Poststempel 1913, via Goethezeitportal, Januar 2015.

Soundtrack: Colum Sands & Scarlett O‘: Goethe’s Song, aus: All My Winding Journeys, 1996:

An English translation and setting to music of Goethe’s „Naehe des Geliebten“ that I attempted around 1996. Scarlett O‘ from Berlin sings the original German words. I’ve added photos taken on travels through Ireland and Germany.

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Written by Wolf

27. Mai 2016 um 00:01

Veröffentlicht in Klassik, Land & See

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